GietzenerZamilienblötter

Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger

Jahrgang l-29 Freitag, den 27. Dezember Nummer wl

Die letzte Kerze.

Bon Richard von S ch a u k a l.

Die Kerzen bis auf eine sind still herabgebrannt. In ihrem flackernden Scheine wachsen an weißer Wand di« Schatten der Tannenzweige. Der Baum versinkt ins Grün. Ich träum' ins letzte Glühn und wandle verschneite Steige.

Kommt zu Tisch!" rief Peter. Sie sahen alle drei abwechselnd auf den Daum und auf Hilde, die den Dee einschenkte. Es waren die guten Dymphenburger Tassen und Großmamas Kornblumen­service.Mutti," sagte Mara, griff nach Hildes Hand, drehte sie um und drückte einen weichen kleinen Tierkuh in die feste Handfläche.

In zehn Jahren, Mutti." sagte Frank und sah auf den Lametta- stern,bin ich so alt wie Dati war, als ihr heiratetet da feiert ihr alle bei mir!"

Ja, in deinem Wartezimmer!" meinte Mara.0 Frank, hoffent­lich habe ich dann Urlaub. Dicht wahr, Mutti, dann bin ich schon Stationsschwester, dann muh eiire junge Schwester am Heiligabend mich vertreten!"

Dein, du kommst mit deinem Mann!" sagt« Peter.Du wirst doa, heiraten, Mara!"

Wenn nur nicht Frank zuerst heiratet." sagte sie ernsthaft.Er hat heut drei Weihnachtskarten bekommen, von Gerda und von Erika und von LorchenI Gerda sagt:Dein Bruder sieht zu gut aus!"

Jh lieber!" sagte Frank, aber er war geschmeichelt.

Frank sieht aus wie Vati!" sagte Peter.

Weiht du dich noch zu besinnen?" fragte Hilde. Sie sah rasch auf, mädchenhaft errötet.Du warst noch so klein damals." Dann er­blaßte sie.Es war auch Weihnachten."

Wir hatten ein ganz kleines Däumchen und einen Sirupkuchen." sagte Frank grüblerisch. Peter und ich sahen auf dem Sofa in der Ecke neben Großmama; und Onkel Superintendent stand dort am Büchertisch und sagte etwas zu dir und Dati

And du weintest, Mutti," sagte Peter.Wir dachten, Onkel Superintendent hätte dir und Schwesterchen etwas getan und wollten zu dir. Aber Großmama hielt uns fest. And Dati drehte sich um und sagte: Werdet ihr wohl still sein, ihr Dackcr!"

Sie sprachen es beide aus einem Mund. Dann fragte Mara:War ich ein hübsches Taufkindchen?"

Peter war leise aufgestanden. Er ging in die kleine Mädchen­kammer, die sein Deich war, kramte und kam wieder.Ich hatte es ganz vergessen!" Er legte etwas bunt Derschmiertes neben ihren Teller.Es ist von seinem Stundengeld für die Dachhilfestunden beim Bubi Meyer!" verkündete Mara.

Hilde knüpfte das Goldbändchen auf, das tannenbedruckte Papier schlug auseinander. Ein Päckchen Leibnizkeks lag da und ein ganz kleiner runder Dollschinken mit einer kleinen Schabracke aus Stanniol. Das muht du verwahren fürs Bureau!" meinte Peter,dann ist der erste Tag nicht so schlimm."

Hilde seufzte. Ach, er war immer schlimm. And nie schlimmer als so nach Dem Fest. Dein, sie war keine Derufsfrau! Ganz zärtlich streichelte sie den Dollschinken. Sie sah in den Daum, blickte fort, ihre Augen suchten das Krippchen, das Bild drüben

Ja, Kinder, am dritten Feiertag war's, und unsere Wohnung war so kalt, ich zitterte recht in dem dünnen Brautkleid und wir bekamen beide nicht den Hebel an der Heizung auf. Vati gab mir seinen Mantel, da kroch ich hinein, aber Kranz und Schleier hatte ich noch auf und dann suchten wir nach was Eßbarem. An alles hatte Großmama gedacht, an Dudeln und Deis und Dörrobst, aber für den Augenblick war nichts da auf dem Bord draußen als ein Pack Leibnizkeks und ein kleiner Rollschinken, und da saßen wir nun auf dem Sofa, bei dem langen Diner und den Deden waren wir bloß hungrig geworden und er gab mir immer einen Keks und ein Stückchen Schinken, das er mit seinem Taschenmesser abschnitt... und dann schenkte er mir beides an jedem heiligen Abend, es lag immer neben meinem Teller."

Sie kannten die Geschichte alle drei, cs gehörte zum Weihnachts­abend, aber immer hatte Mutti dabei gelacht. Dun sah sie da und weinte. Sie hatten sie in den letzten Jahren nie mehr weinen gesehn, nicht einmal bei Großmamas Tod. Sie standen auf und traten neben sie, ganz erschüttert und still. Peter ging leise jum Daum, hielt eine Zweigspitze ins Licht und ließ den süßen, harzigen Qualm schwelen. Mer Hilde weinte weiter, leise und unaufhaltsam, wie geschüttelt.

Da klingelte es. _ ,

Gewiß noch ein Musikant!" Hilde hauchte auf das Taschentuch und trocknete ihre Augen.Sucht was zusammen, da. ins Papp­tellerchen!"

In aller Eile wurde es ein kleiner bunter Teller. Peter riß noch einen kleinen Zweig vom Baum, ein Lamettafaden flog wie Glücks­spinnweben um seine Hand. Er öffnete die Tür, hob das Licht auf.

Draußen stand ein großer Herr im langen Pelz. Der Astrachan­kragen war hochgeschlagen bis zu der schwarzen Mütze. Er roch nach Kälte und Schnee. Sie standen ganz still, alle drei, und warteten. Er blieb still. Das Licht knisterte und schien warm in Franks Gesicht, auf sein weiches Kinn. Peter sah groß und starr auf. Maras Herz klopfte, sie bekam Angst und wollte davonlaufen.

Oer Besuch.

Eine welhnachtsgeschichte.

Don Agnes Wiegel.

Mutti, sollen wir auspusten?"

Frank stand schon neben dem Daum, den altmodischen Püsterich in den Händen. Der flachslockige Wachsengel oben an der Spitze über den, Lamettastern drehte sich, dah sein rotseidenes Döckchen wehte, und breitete feine rosigen Äermchen wie flehend über den Wachs­kerzenglanz.

Dein, nein!" schrie Mara aus dein Schlafzinnner und kam herein­gelaufen, das neue himmelblaue Tanzstundenkleidchen grad über den Kopf gestreift mit hocherhobenen Armen.Wir lassen ihn doch noch zum Essen brennen, nicht wahr? Pfui Peter, knips das Licht aus, ich sahs doch!" Dun kam sie mit dem Kopf aus der Hülle, stand festlich Da, mit verstruwelten Locken, gab Peter einen freundlichen Dippen- stoh und rief:Mutti, ich helfe dir gleich Tisch decken, wir helfen alle, nein, nein, wir essen unter dem Daum!" Sie sprang um den Tisch, nach dem mit Großmamas Geburtstagsdecke belegten Sofa, wo ihr und Peters Gabenplah war, fischte eine Zuckernuh aus dem bunten Teller und stülpte flink die neue, bunte Schneemütze auf den braunen Kopf. Frank drückte sie mit dem Püsterich fest und wickelte selbst seinen neuen Schneeschal um den Hals.Affen!" sagte Peter, der eben geschickt das Tischtuch über den Eßtisch breitete. Dann wandte er sich, sagte zärtlich, ganz leise, ein bißchen schnurrend: Mutti!" und nahm Hilde das schwere Teebrett mit dem Geschirr ab. Alle drei Kinder wandten sich ihr zu, wie sie da stand mit heißen Backen, die krausen, nun schon grau überstäubten Haare wirr vor Freude um ihr heißes frisches Gesicht, mit dem Gegliher der Weih­nachtslichter in den hellbraunen Augen, in der neuen knallblauen, lustig mit rot und weiß bedruckten Wirtschaftsschürze, die Frank ihr eben geschenkt hatte. , , ,

Peter deckte geschickt, und Frank und Mara halfen ein bißchen. O Sülze!" sagte der Große.Ja und die Remoulade habe ich gerührt I" meinte Mara und hielt ihm ein Teelöffelchen zum Schmecken hin, was er gern trotz seiner Länge annahm. Hilde und Peter gingen hin und her, sie hatten auf dem kleinen Äotentisch am Klavier einen zierlichen Teeausbau hergerichtet, wie es nur an den höchsten Festen geschah, ein Tannensträuhchen stand da mit einer Christrose, und das neue elektrische Kesselchen summte.

Hilde stand davor, hob es einmal auf, ließ seinen Glanz spielen. Don links strahlte der Sternhimmel des Weihnachtsbäumchens auf den runden Dickelbauch, von rechts her der sanfte Glanz des einzigen Wachslichtes, das da still vor der alten Krippe mit denr ^esulein brannte, das wie immer unter den Bildern der Verstorbenen hing, die Eltern, die Großeltern, und unter ihnen, klein und verblaßt, Friheiis letztes Bild, damals, als er noch einmal auf Arlaub da war, mit Mara im Arm, ein weißes Bändelchen vor der feldgrauen Aniform gehalten von einer übergroßeii schwarzen Tatze- darüber sein Gesicht, nur noch ein Typ geworden, streng, hager, sonderbar jung über der Aniform und fremd.

Hildes Augen wanderten zurück zu deni Kesselchen, sie stellte es auf den blanken Antersah.Er singt schon!" sagte sie leise und füllte Tee in das chinesische Kännchen. Ihre großen, festen Hande gitterten dabei.Wißt Ihr, was Ihr vergessen habt?" fragte sie leise. Die Kinder sahen auf, schüttelten den Kopf. Hilde sprach, noch leiser: Vor Vatis Bild keine Blumen!" Cs würgte sie. Das Schuld­bewußtsein stieg in ihr auf: auch du hast liicht daran gedacht zum erstenmal nicht! ,

Peter legte den Arm um sie.Mara, stell meine Tulpe davor! sagte er. Aber Frank und Mara hatten schon ihre ergriffen. Mara legte ein buntes Konfekt darauf und machte ein Opfergeslcht. So stellten sie es unter das Bild, hinter das Jesulein, dessen Krippchen gerade noch die roten Spitzchen sehen lieh.