Ausgabe 
27.9.1929
 
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meinen Ballast, dann meine Wasfersäßchen, den Kondensator, die Karft- schukzelle und schließlich alles was die Gondel enthielt, heraus. Aber das half alles nichts. Ich fiel immer weiter mit fürchterlicher Schnelligkeit und war kaum mehr eine halbe Meile von der Oberfläche entfernt. Als letzte Rettung, nachdem ich schon meinen Rock, die Stiefel und den Hui los­geworden war, schnitt ich die Gondel selbst, die von nicht unerheblichem Gewichte war, vorn Ballon ab und, mit beiden Händen am Weiden­geflecht hängend, hatte ich kaum Zeit zu bemerken, daß die ganze Gegend, so weit mein Auge reichte, dicht mit kleinen Wohnstätten bestreut war, bevor ich kopfüber mitten in eine phantastisch aussehende Stadt fiel, in eine Menge häßlicher Geschöpfe, die keine Silbe sprachen oder sich irgend­wie bemühten, mir zu helfen, sondern alle wie ein Haufen Idioten blöde grinsend und mich und meinen Ballon schief von der Seite ansehend, mit eingestemmten Armen dastanden. Ich wandte mich verächtlich von ihnen ab und, aufwärts schauend nach der soeben verlassenen Erde, die ich vielleicht nie wieder betreten sollte, erblickte ich sie wie einen unge­heuren, trüben Kupferschild von etwa 2 Grad Durchmesser unbeweglich fest am Himmel über mir, mit einem halbkreisförmigen Rande von glänzendem Golde an einer Kante leicht gesäumt. Ich konnte keine Spuren von Wasser oder Land entdecken, und das Ganze war mit ver­änderlichen Flecken bewölkt und mit tropischen und äquatorialen Zonen umgürtet.

So, mit Verlaub Ew. Exz., hatte ich nach viel Herzensangst, uner­hörten Gefahren und beispiellosem Entrinnen endlich am 19. Tage nach meiner Abfahrt von Rotterdam das Ziel meiner Reise heil erreicht, einer Reise, die zweifellos die außerordentlichste und folgenschwerste war, die je ein Bewohner der Erde beschlossen, unternommen und ausgesührt hat. Aber noch habe ich meine Abenteuer nicht erzählt. Ew. Exz. können sich wohl denken, daß ich nach einem Aufenthalt von fünf Jahren auf einem Gestirn, das nicht nur an und für sich, sondern noch besonders durch seinen engen Zusammenhang als Satellit mit der van Menschen bewohnten Erde sehr interessant ist, der staatlichen Fakultät für Astro­nomie private Mitteilungen zu machen habe, die noch sehr viel wichtiger sind als die doch auch schon wunderbare Erzählung von der so glücklich abgeschlossenen Reise. Dies ist auch der Fall. Ich habe viel, sehr viel zu erzählen, und würde mir eine Freude daraus machen, zu berichten. Ich habe viel zu sagen über das Klima des Mondes; über seinen wunder­vollen Wechsel von Hitze und Kälte; den ungemilderten Sonnenschein während 14 Tage und die polare Kälte der nächsten 14 Tage; von einer dauernden Uebertragung von Feuchtigkeit durch Destillationin vacuo" von dem der Sone zunächst liegenden Punkte zu dem ihr entferntesten; von einer veränderlichen Zone fließenden Wassers; von den Bewohnern selbst, ihren Sitten, Gebräuchen und politischen Einrichtungen; von ihrem sonderbaren Körperbau; wie häßlich sie sind; daß sie keine Ohren haben, da diese Auswüchse in einer so merkwürdig veränderten Atmosphäre zwecklos wären; daß sie den Gebrauch und die Eigentümlichkeiten der Sprache durchaus nicht kennen; auf welche Weise sie diese durch eine sonderbare Methode des Wechselverkehrs ersetzen; von dem unbegreif­lichen Zusammenhang jedes Mondbewohners mit irgendeinem Wesen auf der Erde einem Zusammenhang, der vollständig demjenigen der Bahn des Planeten mit der des Satelliten entspricht und auch davon abhängt, und wodurch Leben und Schicksal der Bewohner des einen mit Leben und Schicksal der Bewohner des anderen verknüpft find; und nicht zuletzt, wenn Ew. Exz. es gestatten, von dunkeln und greulichen .Ge­heimnissen, die in den äußersten Gegenden des Mondes liegen, Gegen­den, die infolge der höchst wunderbaren Drehung des Mondes um feine eigene Achse zugleich mit seiner Drehung um die Erde niemals der Beobachtung durch das Teleskop der Menschenn ausgesetzt waren und es mit Gottes Hilfe auch nie fein werden. Alles dieses und noch mehr, viel mehr möchte ich gern erzählen, aber, kurz gesagt, ich muß eine Be­lohnung dafür haben. Ich sehne mich danach, in meine Familie und in mein Heim zurückzukehren; und als Lohn für alle weiteren Mitteilungen meinerfeits unter Berücksichtigung des Lichtes, das ich auf viele Zweige der physikalischen und metaphysischen Wissenschaft werfen kann, erflehe ich durch den Einfluß Ihrer ehrenwerten Körperschaft Begnadi­gungen für das Verbrechen, dessen ich mich schuldig gemacht habe durch den Tod meiner Schuldner bei meiner Abfahrt von Rotterdam. Dies ist also der Zweck des vorliegenden Schreibens. Sein Ueberbringer, ein Mondbewohner, den ich bewogen und entsprechend unterrichtet habe, mein Bote auf der Erde zu sein, wird Ew. Exz. Entscheidung abwarten und dann mit der Begnadigung zu mir zurückkehren, wenn sie irgend zu erlangen ist.

Ich empfehle mich usw. als Ew. Exz. ergebenster Diener

Hans Pfaall.

Nachdem sie dieses höchst merkwürdige Dokument fertig gelesen hatten, soll Professor Rubadub in äußerstem Erstaunen seine Pfeife fallen ge­lassen und Mynheer Superbus Von Underduk seine Brille abgenommen, abgewischt, in die Tasche gesteckt und sich und seine Würde fo weit ver­gessen haben, daß er sich dreimal auf dem Absatz umdrehte als Höhepunkt' feines Erstaunens und feiner Verwunderung. Darüber bestand kein Zweifel: Die Begnadigung mußte gewährt werden; das schwor wenig­stens Professor Rubadub mit einem kräftigen Fluche, und das dachte schließlich auch der berühmte Von Underduk, als er den Arm seines Geistesbruders ergriff und, ohne ein Wort zu sprechen, möglichst bequem den Heimweg antrat, um über die zu ergreifenden Maßregeln nachzu­denken. Als sie aber bie Tür der bürgermeisterlichen Wohnung erreich­ten, wagte es der Profeffor, darauf hinzuweifen, daß, da der Bote es für richtig gehalten ljabe, wieder zu verschwinden offenbar durch das wilde Aussehen der Bürger von Rotterdam zu Tode erschreckt die Begnadi­gung wenig Zweck hätte, da niemand als ein Mondbewohner die Reise auf fo große Entfernung unternehmen würde. Der Bürgermeister stimmte der Richtigkeit dieser Bemerkung zu, und die Sache war damit erledigt. Aber nicht die Gerüchte und Vermutungen. Nachdem der Brief veröffent­licht worden war, entstanden verschiedene Meinungen und allerlei Klatsch.

Einige Neunmalweisen machten sich sogar lächerlich, indem sie die ganze Sache nur für einen Ulk erklärten. Aber bei solchen Leuten scheint mir alles, was sie nicht verstehen, ein Ulk genannt zu werden. Ich kann nicht begreifen, wie sie eine solche Beschuldigung begründen wollen. Sie be­haupten folgendes:

Erstens: Daß gewisse Spaßvögel in Rotterdam eine besondere Ab­neigung gegen gewisse Bürgermeister und Astronomen haben.

Zweitens: Daß ein komischer kleiner Zwerg und armseliger Zech­kumpan, dem wegen schlechten Betragens beide Ohren dicht am Kopfe ab­geschnitten wurden, seit einigen Tagen aus der Nachbarstadt Brügge ver­schwunden fei.

Drittens: Daß die Zeitungen, die über den kleinen Ballon geklebt waren, holländische Zeitungen waren, also nicht auf dem Monde gedruckt werden konnten. Es wäre schmutzige, sehr schmutzige Zeitungen, und der Drucker Kluck will auf die Bibel schwören, daß sie in Rotterdam ge­druckt wurden.

Viertens: Daß Hans Pfaall selbst, dieser Trunkenbold, und auch die Müßiggänger, die er feineSchuldner" nennt, alle zusammen vor höch­stens zwei oder drei Tagen in einer Schnapskneipe der Vorstadt gesehen wurden, wohin sie eben von einer Fahrt über See mit Geld in den Taschen zurückgekehrt waren.

Endlich: Daß es allgemein bekannnk. ist oder sein sollte, daß die Astco- nornenschulen in der Stadt Rotterdam sowohl als alle anderen Schulen in allen Weltteilen um nicht zu sagen alle Schulen und alle Astro­nomen überhaupt gelinde gesagt, nicht im Geringsten besser, größer und weiser sind als ... man von ihnen verlangen kann.

Nachschrift: Genau genommen besteht wenig Aehnlichkeit zwischen obigem Versuche und der berühmtenMondgeschichte" von Locke; aber da beide den Charakter von Scherzerzählungen haben (obgleich die eine im spaßhaften Tone geschrieben ist, die andere aber im tiefsten Ernste), und da beide Scherze über denselben Gegenstand plaudern, den Mond außerdem beide versuchen, durch wissenschaftliche Einzelheiten Wahr­scheinlichkeit vorzutäuscheir so hält der Verfasser von Hans Pfaall es zu feiner Selbstverteidigung für notwendig, zu sagen, daß fein eigenes jeu desprit etwa drei Wochen früher int Southern -Literary Messenger erschien, als der Anfang von Herrn Lockes Schrift in der New York Sun. Einige Neuyorker Blätter die eine Aehnlichkeit fanden, die vielleicht gar nicht besteht, haben Hans Pfaall abgedruckt und mit Moon Hoax ver­glichen, um dem Verfasser des einen auch für den Verfasser des anderen zu erklären. Da eine viel größere Anzahl Personen als es zugeben wollen durch Moon Hoax getäuscht wurden, wird es vielleicht ganz unterhal­tend sein, nun zu zeigen, weshalb eigentlich niemand sich hätte irre­führen lassen sollen wenn wir hier diejenigen Teile der Geschichte anführen, die ihren wahren Charakter genügend beweisen. Denn so reich auch die entfaltete Phantasie fein mag, fehlt ihr doch viel von der Kraft, die ihr eine etwas gewissenhaftere Aufmerksamkeit auf Tatsachen und allgemeine Analogie geben könnte. Daß das Publikum auch nur einen Augenblick irregeführt wurde, ist ein Beweis für die allgemeine grobe Unwissenheit in astronomischen Singen.

Die Entfernung des Mondes von der Erde ist rund gerechnet 240 000 Meilen. Wenn wir feststellen wollen, wie nahe eine Linse uns den Sa­telliten scheinbar bringen kann (oder irgendeinen anderen Gegenstands, müssen wir diese Entfernung dividieren durch die vergrößernde oder richtig gesagt die raumdurchdringende Kraft des Glases. Locke gibt seinem Glase die Stärke von 42 OOOinaliger Vergrößerung. Teilen wir dadurch 240 000 (die wirkliche Entfernung des Mondes), fo bleiben 55/? Meilen dis scheinbare Entfernung. So weit könnte man keine Lebewesen er­kennen, noch viel weniger die Einzelheiten, die in der Erzählung be­schrieben werden. Locke spricht davon, daß Sir John Herschel Blumen (Papaver rhea usw.) sieht, und sogar die Farbe und Form der Augen kleiner Vögel erkennt. Kurz zuvor hat er aber selbst bemerkt, daß die Linse keine Dinge von weniger als 18 Grad Durchmesser erkennen lassen kann, aber selbst dies spricht dem Glase eine viel zu große Kraft zu, wie ich schon sagte. Beiläufig will ich bemerken, daß dieses wunderbare Glas von Hartlay & Grant, in Dumbarton, geschliffen sein soll, obgleich Firma Hartlay & Grant schon viele Jahre vor-der Veröffentlichung dec Scherzerzählung ihre Tätigkeit eingestellt hatte.

Auf Seite 13 der Broschüre, wo der Verfasser von einemHaar­schleier" über den Augen einer Art Auerochsen spricht, sagt er: Es war dem scharfen Geiste des Dr. Herschel sofort klar, daß dies eine Einrich­tung der Vorsehung war, um die Augen des Tiers vor den höchsten Graden von Licht und Dunkel zu schützen, denen alle Bewohner unserer Seite des Mondes periodisch ausgesetzt sind. Aber dies kann nicht als eine besonders scharfsinnige Beobachtung des Doktors aufgefaßt wer­den. Die Bewohner unserer Seite des Mondes haben entschieden über­haupt teilte Dunkelheit, deshalb kann von den ermähnten höchsten Graden keine Rede fein. Während die Sonne nicht scheint, erhallen sie von der Erde ein Licht, das 13 unbewölkten Vollmonden entspricht.

Die ganze Topographie ist, obgleich er vorgibt, mit Blunts Mond­karte übereinguftimmen, ganz abweichend von dieser oder irgendeiner anderen Mondkarte und sogar mit sich selbst im Widerspruch. Auch die Himmelsrichtungen sind ganz durcheinander gebracht, da der Verfasser offenbar nicht weiß, daß diese aus einer Mondtarte nicht mit den Punk­ten auf der Erde übereinstimmen, sondern Osten links ist usw.

Vielleicht durch fo unklare Namen wie Mare Nubium, More Tran- quilitatis, Mare Faecunditatis usw., die manche frühere Astronomen den dunklen Punkten gegeben haben, verführt, hat der Verfasser von Ozeanen und anderen großen Gewässern auf dem Monde er­zählt, während nichts in der Sternenkunde sicherer bestimmt ist, als daß es nichts derartiges dort gibt. Wenn man die Grenzen zwischen Licht und Dunkel (bei zunehmendem Mond) beobachtet, ist die Grenzlinie, wo irgendwelche der dunkeln Punkte sie kreuzen, unregelmäßig und gezackt; wären diese dunkeln Punkte flüssig, so wäre jene glatt.

(Schluß folgt,)

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts^Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.