Ausgabe 
27.9.1929
 
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Wissen wohl, daß England scharfe Gesetze gegen Tierquälerei hat und Sie dürfen drüben nicht mit Peitsche und Gabel austreten. Schade!"

Da lachte der Zwanzigjährige.Wenn sonst nichts dagegen spricht, ist die Sache gemacht. Ich lasse eben die Peitsche fort."Pardon," erwiderte der Agent,das dauert mir zu lang, bis Sie umstudieren."

Was heißt lange? Ich gehe morgen ohne Waffen zu meinen Tigern; ich brauche nur meine Augen und die Stimme, alles andere ist Theater -und auch das Knüppelbeißen eine eingelernte Spielerei, die dem Tiger Freude macht."

So geschah es, und vierzehn Tage später hatte Londons erstes Variete eine neue Sensation.

*

Der Dompteur heißt Alfred Kaden und ist der jüngste Tierbändiger bei Carl Hagenbeck. Zur Zeit arbeitet er mit fünf prächtigen Löwen; aber das Neue an seiner Vorführung ist, daß Kaden den Manegenboden nicht betritt, sondern im weißseidenen Polodreß auf einem Araberhengst sitzt und das graziöse Tier ohne Sporenhilfe dauernd um seine Löwen tänzeln läßt.

Diese souveräne Sicherheit bestimmte mich, einige Zeit hinter die Kulissen zu gehen und zu ergründen, wie Kaden seine Raubtiere dres­siert. So wohnte ich einige Wochen im chagenbeckschen Tierpark in Stel­lingen, stand viele Stunden vor dem großen Rundkäfig der Raubtier- Kinderstube, in dem Löwen, Bären, Pumas, Leoparden, Hunde und eine Hyäne zusammen spielen, lauter entzückende, kleine Tierkinder.

Das ist der Anfang. Aus diesem vergnügten Knäuel suchen sich die Dompteure ihrMaterial" aus; denn schon am ganz jungen Tier erkennt der Fachmann Charaktereigenschaften und Begabung. Mit vier oder fünf Monaten (für Tiere schon ein recht stattliches Alter) werden die zur Dressur Ungeeigneten in den Tierpark gebracht, die anderen kommen zum Elementarunterricht.

Alfred Kaden hat sich zwei männliche Löwen ausgesucht. Die viel­leicht 60 Zentimeter hohen Tiere hausen jetzt in einem Käfigwagen, räkeln sich auf weichem Stroh und spitzen die Ohren, sobald ihr Herr ans Gitter kommt. Jedesmal, wenn er einen davon am Kopfe krault, sagt er ein bestimmtes Wort (zu jedem Tier ein anderes) und schnell begreifen sie, welches von ihnen damit gemeint ist. Sie haben ihre Rufnamen bekommen.

Eines Morgens öffnet sich die Wagentür. Voll Neugierde drängen beide Löwen Schulter an Schulter herbei und plumpsen fast ungewollt hinunter auf den Zementboden. Komisch, da ist ja viel Platz und chon beginnt ein vergnügtes Fangespiel. Aber allzuweit kann man nicht pringen, an allen Seiten sind Stäbe, die Tiere befinden sich wiederum n einer kleinen Manege und erkennen die Grenze ihrer Bewegungs­möglichkeiten.

Sie legen sich auf den Boden. Aber das ist langweilig; viel lieber beschnuppern sie die Gegenstände, die da und dort im Raum verteilt sind: ein Hocker, eine Leiter, ein Kasten und wahrhaftig, dort von der Kiste her duftet es verführerisch nach rohem Fleisch.Wollen wir doch mal hinausklettern" denkt sich der eine Löwe, tut es auch und im gleichen Augenblick sagt eine wohlbekannte menschliche Stimme:Brav, Menelik!" und durch die Luft fällt ein Stück Fleisch dicht vor des Löwen Nase. Zwar springt das nervöse Tier sofort zu Boden, aber der Duft lockt und vorsichtig pirscht sich der Löwe wieder heran, leckt das Fleifch mit breiter Zunge auf.

Dieser Versuch wiederholt sich zehn- bis zwanzigmal am Tag, fast eine Woche lang und während der ganzen Zeit steht der Dompteur be­wegungslos in einer Ecke bis endlich das Tier jenes einfache Kunst­stück gelernt hat: auf seinen Platz zu gehen. Am sechsten Tage ist kein Fleischwurf mehr nötig, beide Löwen schnellen, sobald ihr Käsig geöffnet wird, heraus, hinunter und auf ihre Plätze.

Alfred Kaden hat bei dieser allerersten Dressur bereits Unterschei­dungen gemacht: der eine Zögling ist nervös und klug, er begreift schnell aber erschreckt sich leicht. Das andere Tier entwickelt ein geradezu beispiel­loses Phlegma; mit ihm wird der Mann die größeren Schwierigkeiten haben.

Nun folgen mühselige Wochen der Kleinarbeit. Immer wieder pfeift ein Fleischstück durch die Luft; der schwerfällige Löwe geht noch immer nicht aus freien Stücken von feinem Sitz herunter. Man kann ihm die Verlockung dicht vor die Pfoten legen; er rührt sich nicht, und nur wenn Kaden ihm den Brocken zwischen die Zähne schiebt, frißt er.

Sein Kamerad ist schon viel weiter fortgeschritten. Er steht auf einem schmalen Postament, von dem aus eine dünne Stange anderthalb Meter weit zu einem zweiten Postamente führt und der Weg dorthin ist mit Fleischstückchen besät. Da kann man als Löwe doch nicht anders, als eins nach dem anderen aufzugreifen. Aber leider rutscht man mit seinen dicken Pranken immer wieder aus und fällt zur Erde. Dann ist jedesmal die Fleischverlockung verschwunden und nur auf dem hinteren Postament liegt ein schmaler Bissen. Also von neuem beginnen!

Endlich steht der Löwe weit ausgereckt, wie es der Dompteur will, auf beiden Kästen und nun beginnt die nächste Schwierigkeit; das Tier in dieser Stellung stillzuhalten. Denn, da keine Fleischstücke mehr vorhanden sind, möchte der Löwe nach Hause gehen. Aber da schwebt plötzlich dicht vor seiner Nase ein kleiner Holzstab und daran duftet es nach Fleisch. Also hebt der Löwe seinen Kopf nach oben, reckt sich immer höher, bis rr den Leckerbissen schnappen kann und hat auf diese Weise ver­sessen, daß er eigentlich fortgehen wollte.

*

Es gehört eine ungewöhnliche Geduld zu diesem Handwerk. Denn nie darf der Dompteur die Ruhe verlieren. Auch nicht, wenn sein Zögling eigensinnig wird, faucht oder irgendwo anders hinschaut. Das ist nur ein Zeichen von Ermüdung, und es empfiehlt sich eine Pause in einer Stunde von neuem zu beginnen.

Mehr als ein halbes Jahr dauert eine solche Dressur; inzwischen ist das Tier saft erwachsen, seine Mähne beginnt zu sprießen und aus Fauchen wird Gebrüll. Dem Bändiger imponiert das aber nicht; er

kennt ja jede kleinste Regung feines vierbeinigen Kameraden und weiß, wie er ihm begegnen muß.

Eines allerdings ist unerläßlich. Wenn erst einmal das Tier feine Arbeit begriffen hat, wird unbedingter Gehorsam von ihm verlangt. Sonst gibt es bei aller Güte einen erzieherischen Klaps, falls nicht der unzufriedene Ton in der Stimme des Dompteurs den Respekt wieder herstellt.

Auch in der zahmen Dressur sind Raubtiere, die im Dompteur nicht ihren unbedingten Herren sehen, eine wirkliche Todesgefahr.

Hälfte des Lebens.

Von Friedrich Hölderlin.

Mit gelben Birnen hänget Und voll mit wilden Rosen Das Land in den See, . Ihr holden Schwäne,

Und trunken von Küssen

Tunkt ihr das Haupt

Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm' ich, wenn

Es Winter ist, die Blumen, und wo

Den Sonnenschein

Und Schatten der Erde?

Die Mauern stehn

Sprachlos und kalt, im Winde

Klirren die Fahnen.

Das beispiellose Abenteuer des Hans pfaall.

Von Edgar Allan Poe.

(Fortsetzung.)

Meine Gedanken über diese Sache erhielten auch ihre Fuß sein müsse. Meine Gedanken über diese Sache erhielten auch ihre Bestätigung durch eine Stelle in denPhilosophical Transactions", in der behauptet wird, daß bei der Verfinsterung der Monde des Jupiter der dritte verschwinde, nachdem er 1 oder 2 Grad der Zeit undeutlich war, und der vierte nahe des Randes unerkennbar werde*).

Auf die Widerstandskraft oder vielmehr auf die Tragkraft einer Atmosphäre von solcher Dichtigkeit hatte ich mich natürlich für die Sicher­et meines fpöteren Abstieges verlaßen. Wenn ich mich darin geirrt hätte, dürfte ich fchließlich für mein Abenteuer kein anderes Finale erwarten, als gegen die rauhe Oberfläche des Mondes in Atome zerschmettert zu werden. Und jetzt hatte ich in der Tat allen Grund, beängstigt zu fein. Meine Entfernung vom Mond war verhältnismäßig unbedeutend, wäh­rend die Mühe, die der Kondensator verursachte, durchaus nicht abnahm, und ich keine Anzeichen für eine abnehmende Dünnheit der Luft entdecken

Heute morgen, etwa um 9 Uhr, als die Oberfläche des Mondes er= schreckend nahe kam und meine Befürchtungen aufs höchste angefpannk waren, gab zu meiner großen Freude endlich die Pumpe des Konden­sators deutliche Zeichen einer Veränderung in der Atmosphäre; um 10 Uhr hatte ich Veranlassung, ihre Dichtigkeit für erheblich verstärkt zu halten. Um 11 Uhr war sehr wenig Anstrengung am Apparat nötig; und um 12 Uhr wagte ich mit einigem Zögern die Drehscheibe auszuschrauben und, als ich dadurch keine Störung empfand, riß ich die Kautschukzelle auf und takelte sie von der Gondel ab. Wie zu erwarten war, traten bei mir Atemnot und Kopfschmerzen als sofortige Folge eines so überstürzten und gefährlichen Experimentes ein. Aber da diese und andere Schwierig­keiten, die meine Atmung begleiteten, nicht so stark waren, um mein Leben in Gefahr zu bringen, beschloß ich, sie so gut wie möglich zu er­tragen, in der Erwägung, daß sie sofort vergehen werden, wenn ich mich der dichteren Schicht am Monde näherte. Dieses Näherkommen war aber noch immer äußerst ungestüm, und bald wurde mir die schreckliche Ge­wißheit, daß, obgleich ich mich vermutlich nicht in der Erwartung einer Atmosphäre, deren Dichtigkeit der Masse des Satelliten entspricht, ge­täuscht hatte, ich doch insofern im Irrtum war, als diese Dichtigkeit durchaus nicht nicht einmal an der Oberfläche die genügende Trag­fähigkeit für das große Gewicht hatte, das in der Gondel meines Ballons enthalten war. Aber dies hätte der Fall fein müßen, und zwar im gleichen Maße wie an der Erdoberfläche, wenn die tatsächliche Schwer­kraft der Körper auf jedem Planeten im Verhältnis zur atmosphärischen Dichtigkeit stände. Daß es nicht so war, bewies mein jäher Absturz zur Genüge, warum nicht, kann nur durch einen Hinweis auf die geologischen Störungen erklärt werden, auf die ich vorhin anfpielte. Jedenfalls war ich jetzt dicht bei dem Monde und sank mit der schrecklichsten Geschwindig­keit herunter. Ich verlor also keinen Augenblick, sondern warf zunächst

*) Helvetius fugt, daß er mehrmals bei ganz klarem Himmel festgc- ftellt habe, daß, während sogar Sterne sechster und siebter Größe deutlich sichtbar waren, der Mond und seine Flecken, obgleich bei gleicher Höhe und demselben Abstand von der Erde mit demselben vorzüglichen Tele­skop betrachtet, nicht zu allen Zeiten gleich deutlich erschienen. Aus den Umständen der Beobachtung geht hervor, daß der Grund dieses Phä­nomens weder in unserer Lust, noch im Fernrohr, im Mond oder im Auge des Betrachters zu suchen ist, sondern in irgend etwas (vielleicht einer Atmosphäre?), das um den Mond existiert. Cassini hat beob­achtet, daß Saturn, Jupiter und die Fixsterne, wenn sie dem Mond bei dre Finsternis nahe kamen, ihre kreisrunde Gestalt in eine ovale verwan­delten; und bet anderen Finsternissen fand er überhaupt keine Verände­rung der Gestalt. Daraus mag gefolgert werden, daß manchmal, nicht immer, ein dichter Stoff den Mond umgibt, worin das Licht der Sterne zurückgeworfen wird.