SiehenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang Zreitag, den 27. September NummerTS
Oer Mensch.
Von Matthias C l a u d i u s. Empfangen und genähret, vom Weibe wunderbar^ kommt er und sieht und höret und nimmt des Trugs nicht wahr; gelüstet und begehret und bringt sein Tränlein dar: verachtet und verehret, hat Freude und Gefahr: glaubt, zweifelt, wähnt und lehret, hält nichts und alles wahr; erbauet und zerstöret und quält sich immerdar; schläft, wachet, wächst und zehret, trägt braun und graues Haar. Und alles dieses währet, wenn's hoch kommt, achtzig Jahr. Dann legt er sich zu seinen Vätern nieder, und er kömint nimmer wieder.
Burremann.
Märchen von Hans Friedrich Blunck.
Das ist ja bekannt, daß da kein eifersüchtigeres Volk ist, als diese kleine» Wichte, die Rullertjes, die Atukkerpukker und was es sonst noch an neuem Leben unter Wagen und Maschinen um uns gibt. Den Grund dieser Eifersucht weiß ich nicht, vielleicht rührt sie daher, daß die Frauen in diesem Volk spärlicher gesät sind als bei uns Menschen.
Mal war da einer, der hieß Burremann, der war so schlimm gegen seine Frau, das; sie keinen Schritt zu ihrer Verwandtschaft tun konnte, ohne daß er nicht mit einem Messer in der Hand hinterher lief. Wenn nur ihre alten Muhmen einmal zu Besuch kamen, horchte er an der Tür, was sie sich zu erzählen hätten, er meinte ja immer, einem bösen Geheimnis nachspüren zu können. Am schlimmsten ober wurde es, als der große Wagen, unter dessen Achsen Burremann und seine Frau mit ihren Kindern zu Haus waren, einmal sehr schnell zu einem Flugplatz der Menschen hinausfuhr, wo Vögel mit riesigen Flügeln bereitstanden und singend und surrend über ein weites großes Feld hüpften und aufstiegen.
Da war nämlich ein blitzhübscher Bursch von den Menschen, der hatte den Wagen nach draußen gefahren und stieg nun in solchen Vogelwagen hinein. Und Burremanns Frau, die dergleichen noch nicht gesehen, hat ihr Herz sestgehalten, als sich dieser geflügelte Wagen in die Luft aufzuheben begann. Ihr Mann aber ist gewahr geworden, daß sie sich Sorge machte und hat vor Eifersucht auf den jungen Flieger nicht ein noch aus gewußt. Einen ganzen Tag hat er seine arme Frau hinter den alten Benzintank gesperrt, ja, der kleine Burremann ist in seiner Eifersucht so maßlos gewesen, er hat sich vorgenommen, es dem Flieger zu vergelten und ihm einen Schabernack zu spielen.
Als deshalb anderen Tags das Flugzeug zurückkam und der Mann unversehrt wieder ausstieg, hat der Wicht sich zur Rächt in den großen Wunderoogel hineingeschlichen und eine Zündung verdrehen oder ein Leitungsrohr verbiegen wollen. Es ist ihm nicht gleich gelungen, vielleicht hinderte ihn doch die Scheu vor diesem neuen wunderlichen Wagen, vielleicht ist es auch ehrliche Bewunderung gewesen, denn diese Art Wichte leben ja vom Staunen über die Erfindungen der Menschen und fühlen sich ihnen zumeist als ihresgleichen heimlich zugesellt.
Jedenfalls hat sich Burremanns Untersuchung des fremden Wagens solange hingezögert, bis es auf einmal frühmorgens war, da hat der Kleine über die graue Tenne ja nicht mehr gut heimkehren könnnen. Ja, schlimmer als das, auf einmal ist fein Feind felbeigen mit einem jungen Weib gekommen, die beiden find ausgelassen wie die Kinder gewesen, haben sich in den großen Wagen hineingesetzt, der ist angerollt und hat sich auf einmal, — noch nie hat das einer der Knirpse wie Burremann erlebt, — schräg in die Luft erhoben, über den Schuppen hinweg, in dem Burremanns alter Wagen stand, weit über den Wald, ja, hoch über die braune Stadt, in der der Wichtelmann wohnte.
Erst ist es wie ein blinder Schrecken über den Kleinen gekommen, er hat ja gemeint, sterben zu müssen und den Augenblick dreimal verwünscht/ in dem er sich aus seinem sicheren Wagen in dieses fliegende Ungeheuer gewagt hatte. Endlich aber, wie alles gut lief und Burremann immer noch am Leben war, der Wind an den Wänden entlang
pfiff und die sausenden Schrauben so fein spielten, wie es der rasende Wagen auf ebener Landstraße kaum besser macht, da ist ja etwas wie Neugier über den Knirps gekommen, er ist aus seinem Versteck unter dem Motor herausgekrochen, hat mit Austernaugen alles laufen sehen, die Gelenke und Spanndrähte betastet und endlich begriffen, daß dieser fliegende Wagen noch längst nicht das Dümmste war, was die Menschen erfanden. Aber er sah auch gleich, daß da noch kein unsichtbarer Knecht unten» Steuer wohnte, und daß manches locker saß, manche Kurbel schlecht geölt lief, wo sonst seinesgleichen im Kleinen sorgsam acht gibt.
Ja, so rasch er inne ward, was die Menschen wollten, so rasch hat er auch gesehen, daß ihnen all ihr Verstand nichts half, solange sein Gast zwischen den Rödern spukt. Ach, immer noch glauben sie ja, alles aus ihrem eigenen Hirn zu hämmern und zu zaubern, fast schadenfroh sah der Burrer die lose Oese eines Drahts um die Hakenspitze surren und lauschte mit zehnmal feinerem Ohr als der Mensch es vermag dem brandigen Schnarren der Schraubenwellen unterm Holz.
Als Burremann das hörte, fiel ihm wieder ein, warum er eigentlich mitgeflogen war, wuchs fein Zorn gegen den Steuermann wieder über fein Erstaunen. Diese kleinen Wichte haben ja nichts als ihr Werk und ihr Weib, viel größer als bei anderen ist ihr Haß gegen die reichen Menschen, wenn sie einmal aus ihrem alltäglichen Frieden aufgestört werden. Dem Kleinen schien es schon fast recht, daß die Welle schnurrte, er wartete ungeduldig, daß es schliimner würde, er wollte nicht, daß dieser Mensch ohne Leid aus der Höhe zur Erde zurückkam.
Dabei hatte der junge Steuermann in Wirklichkeit ja kein bischen Schuld an ihm. Im Gegenteil, es war des Fliegers Brauislug, er hatte fein Weid bei sich, dem er zum erstenmal von seiner Kunst zeigen und deren Mut er prüfen wollte. Hätte der Wicht nicht solch verrannten Blick nur für seine kleine häßliche Frau gehabt, er hätte ja merken müssen, wie cs um die beiden stand.
Run war es inzwischen soweit, auch der junge Flieger spürte, daß nicht alles lief, wie es fein sollte. Er stellte den Motor ab und ließ ihn wieder anspringen um zu horchen, wie die Zündung arbeitete. Er sah besorgt aus dem Gleitflug rückwärts zu seiner jungen Frau, stieg wieder, drosselte ab und merkte, daß irgend etwas in seinem schönen Wagen nicht mit rechten Dingen zuging.Die junge Frau aber, die eine kleine Kaspar- puppe im Arm hielt, wurde seiner Unruhe gewahr, sie bekam Furcht, so tapfer sie sich zu halten vorgenommen hatte, — sie war ja noch sehr jung und stellte sich das Leben mit ihrem Liebsten so herrlich vor. Und weil sie es sonst niemandem klagen konnte, schiittelte sie die Puppe: „Paß doch auf, dummes Kerlchen, paß doch auf, daß uns am Hochzeitsmorgen nichts Schlimmes zuftößt!"
Run hatte der kleine Burremann ja schon die Nase witternd hoch- gestreckt, ihm brachte der Geruch des Heißlaufens Freude. Er sah auch, als er rittlings auf dem Motor hockte, die junge Frau, die ihre Puppe schüttelte und er hörte, was sie zu der sprach — zu einem dummen Zeuggesicht.
Nun sagte ich schon, Weib und Werk ist für Burremanns Völkchen alles. Ader vielleicht, daß der Wicht nun doch Zweifel bekam, ob er mit seiner Eifersucht recht hatte, ober ob das Werk ihm selbst noch über Weibstreue ging — Burremann erboste sich sehr über die Worte der Frau, die solch dummer Puppe Verstand vom Flügelwagen zumutete. Einen rechten feurigen Zorn bekam er über den Nebenbuhler, den Dummkopf, den Nichtswisser, dem das junge Weib aufgab, dem Flugwagen zu helfen. Immer ärger geriet er in Grimm und auf einmal riß Burremann dec Frau die Puppe aus den Händen, — der war, als hätte ein Windstoß sie ihr aus den Fingern geschlagen. Aber noch ehe sie sie wieder aufheben konnte, ist der Balg vor der Zugluft ober aus anberen Gründen wie besessen auf dem Boden gebolzt und gebart ft hin und her geflogen, entsetzlich ist es der armen Puppe ergangen, kopfüber ist sie schließlich in einer Ecke gelandet, die Beine hoch gestreckt.
Burremann aber hat ja auch nun zeigen müssen, auf wen es an kam, ob auf ihn oder auf solch dummes Kaspargesicht. Blitzschnell ist er beigegangen und hat die Spanndrähte angezogen, blitzschnell hat er mit spindeldürren Fingern Del über die heißen Wellen geträufelt, blitzschnell ist er von oben bis unten und kopfüber durch den Motor gefahren um zu sehen, ob auch alles mit rechten Dingen zuging. Er hat sich dabei so sehr erhitzt über diesen herrlichen Flugwagen und hat mit seinem kleinen Maschinenverstand so rasch die neue Kunst der Menschen erfaßt, nach einigen Stunden konnte er sich kaum noch vorstellen, daß man anders als in solchem Vogel seine Zeit verbringen konnte. Selbst als nach gutem Flugende die Räder wieder auf das grüne Gras sprangen und Männer herbejeilten, um das Flugzeug in den Schuppen zu schieben, hat Burremann sich um nichts gekümmert, als um das neue Werk. Immer noch ist er unter den Flügeln hin und her gekrochen, hat Steuer und Schraube betastet und mit winzigen Klopfen abgehorcht, und ist kaum gewahr geworden, daß Nachbarn und Freunde freudepiepend unterm Flugzeug standen und feine vor Schreck halbtote Frau herbeifchleppten,


