Ausgabe 
27.5.1929
 
Einzelbild herunterladen

Gern, Herr Lehrer, wann ich kann."

Im Vertrauen gesagt, das Essen aus demAdler" schmeckt mir nicht mehr. Es geht doch nichts über die Kost im Haus."

Das ist wahr, Herr Lehrer."

Eben drum will ich wieder meine eigene Küche."

Da müssen Sie sich halt jemand nehmen, Herr Lehrer."

Ein heller Schein flog über sein Gesicht.

Ich hab' schon jemand, Lene. Sagen Sie ja!"

Ich tät's schrecklich gern," versetzte sie mit klopfendem Herzen;aber ich kann doch von meinem Kind nicht fort."

Da gibt's einen Ausweg; Sie bringen das Karlchen mit."

Aus ihren Augen brach ein warmer Glanz.

Sie find grundgut, Herr Lehrer! Was täten aber die Leut' schwätzen, wann ich mit meinem Karlchen zu Ihnen käm'? Nein, Herr Lehrer, das schickt sich nicht. Sie finden gewiß eins, das für Sie kocht."

Er näherte sich ihr.

Mit dem Kochen allein ist's nicht getan. Ich brauch' eine brave Frau und mein Theo eine gute Mutter. Gerad' heraus, Lene, Sie find die Rechte!"

Himmlischer Vater, was war das? Brave Frau, gute Mutter! Nein, da gab's kein Mißverstehen. Der großartige, der vornehme Mann bückte sich zu ihr. Liebes Göttchen! 's war ja nicht möglich! Wieviel mochten im Städtchen sein, die auf ihn spannten, jung und schön und reich? Und hielt um sie an!

Sie war wahrhaftig nicht eingebildet; aber darauf konnte sie sich was zugute tun. Nein, so denken war schlecht. Demut predigte dies Glück.

Was sie erlebt und erlitten, blitzte durch ihr Gehirn. Dann drängte sich alles in ihr in die Vorstellung zusammen, sie müsse vor ihm auf die Knie sinken und sprechen: Wer bin ich, daß du ein Auge auf mich hast? Gegen dich gehalten nichts, rein nichts. Das merkst du in deiner Gut- heit nicht. Muß mich selbst doch am besten kennen. Sollst dir nichts durch mich verschütten. Tätst du's eines Tages bereuen, daß du mich genommen hast; Jesus! ich würd's nicht überleben.

Ein Schüttern ging durch ihren Körper, daß sie, die Hände überm Rücken, an der Wand eine Stütze suchte.

Bin ganz durmelig worden, Herr Lehrer", stammelte sie.Bis an mein' Tod gedenk ich's Ihnen, daß Sie mich hier einsetzen wollen. Aber wann Sie's genau überlegen, werden Sie von selbst drauf kommen, 's tut's nicht."

Warum nicht?", fragte er befremdet.

Sie sind vornehm, und ich bin gering."

Ein Lächeln spielte um seinen Mund.

Weiht, Lene, was man unter Protzen Vornehmheit heißt, ist mir mein Lebtag zuwider gewesen. Ich stamm' von einfachen Bauersleuten. Und bin stolz darauf. Ich mein', 's ist kein Mensch so gering, daß er nicht auch vornehm sein kann. Freilich inwendig muß er die Vornehmheit haben. Wer sie da nicht hat, dem kann sie kein Kaiser und König geben. Du hast sie, Lene, das hab' ich erprobt; kannst ruhig neben den Besten stehen. Jetzt offen und ehrlich; willst du, Lene?"

Von einer wundersamen Empfindung verklärt, faltete sie die Hände wie zum Gebet und sagte mit Inbrunst:

Wann's dann sein soll, Herr Lehrer ich will!"

Wie die beiden Äug' in Auge standen, eins vom andern ganz durch­drungen, war's nicht mehr die Wintersonne, sondern das leibhaftige Glück, das um ihr Haupt einen Strahlenkranz wob.

Herr Lehrer, was wird der Theo sprechen?", hob Lene selig zuerst

wieder an.

Das wollen wir gleich erfahren", rief Vollhardt heiter und holte den Buben herbei. Der hatte eben eine Jndianergeschichte gelesen, und seine Backen brannten wie Feuer.

Theol"

Vater?"

Du hast mir da einen Wunschzettel geschrieben."

»vJq 93 eiter

"Su hast's gut vor. Gleich zehnerlei. Offen gestanden, ein bißchen viel. Da bleibt nichts übrig, wir müssen streichen. Nummer eins oder

zehn? Du hast die Wahl."

Dann lieber Nummer eins."

Ist das dein Ernst?"

Jawohl, mein Ernst."

Man soll zwar nicht aus der Schule schwatzen. Weil sich's aber gerade so trifft, will ich dir's verraten: Nummer zehn wird unterm Weihnachtsbaum stehen."

Theo stieß einen Freudenschrei aus.

Die Lene bleibt?"

Sie bleibt," sagte Vollhardt mit feierlichem Ernst;aber nicht als dein Spielzeug, sondern als deine Mutter, der du ein solgsamer Sohn sein sollst."

Das Bürschchen hatte die Situation sogleich erfaßt und wandte sich gegen Lene.

Ich versprech' dir, ein folgsamer Sohn zu sein."

Und dann hinauf zu seinem Vater blinzelnd, fragte er schalkhaft:

,Darf ich ihr jetzt ein Mäulchen geben?"

Die Antwort kam:

Du darfst."

Da flog er der Lene an den Hals und gab ihr einen schallenden Kuß.--

Sobald die Nachricht vom Verspruch des Lehrers im Städtchen be­kannt geworden war, begab sich der Pfarrer zum Schulinspektor, den Fall mit ihm zu besprechen. Im Gegensatz zu dem geistlichen Herrn, der seine Erregtheit nicht verbergen konnte, bewahrte der Pädagoge eine wohltuende Ruhe.

Haben Sie schon gehört, Herr Professor?"

Was?"

Der Vollhardt*

Ich hab's gehört."

Nun, was sagen Sie dazu?"

Ich finde nichts Außerordentliches dabei."

Sie finden nichts"

Nein."

Ja, wissen Sie denn? Die Person hat ein Kind."

Herr Pfarrer, ich bin genau unterrichtet. DerPerson" stellt man das beste Zeugnis aus. Hat sie einmal gefehlt, so hat sie's dreifach ge­büßt. Sie sührt jetzt einen makellosen Lebenswandel. Wollen Sie etwa den Stab über ein armes Mädchen brechen, das ein schlechter Kerl be­trogen hat?"

Herr Professor, hier ist von Vollhardt die Rede", entgegnete der Pfarrer mit einem Anflug von Verlegenheit.Der Mensch, längst miß­liebig durch seine vorlauten Ansichten, hat da eine Taktlosigkeit be­gangen, die das Ansehen des Lehrerstandes aufs schwerste schädigt und seine Entlassung aus dem Amt erheischt."

Oho, oho! DieserMensch" ist ein äußerst fähiger Kopf, eine wahre Zierde seines Standes. Gegen ihn vorzugehen, seh' ich absolut keinen Grund. Solang' ich ein Wörtchen mitzureden hab', wird ihm auch kein Haar gekrümmt."

In dem Pfarrer stürmte es.

Da gähnt wieder einmal die Kluft zwischen uns."

Wer ist daran schuld, Herr Pfarrer?"

Wollen Sie etwa behaupten, daß ich"

Sie kennen meinen Standpunkt: dem Geistlichen die Kirche, dem Lehrer die Schule."

Der Pfarrer griff zu Hut und Stock.

Ihren Standpunkt in Ehren, Herr Professor, den Vollhardt nehm' ich aufs Korn."

Der Schulinspektor geleitete seinen Gast bis an die Tür unb sagte, jedes Wort scharf betonend:

Wie steht doch geschrieben, Herr Pfarrer? .Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet!'"

Ehrwürden biß sich in die Lippe und ging.

Wenige Tage darauf trat die Kreisschulkommission zusammen. Gleich zu Beginn der Sitzung kam der Fall Vollhardt zur Erörterung. Der Pfarrer und der Schulinspektor lieferten eine förmliche Redeschlacht. Die Kommissionsmitglieder, die, mit Ausnahme des Bürgermeisters, Voll­hardt nicht gewogen waren, gaben ihr Votum dahin ab, das Gesetz biete keine Handhabe, dem Lehrer aus seinem Amt zu entfernen, indessen, um dem Gerede der Leute keine Nahrung zu geben, sei seine Versetzung wünschenswert. In diesem Sinne sei an die oberste Schulbehörde zu berichten.

Der Schulinspektor reiste darauf in die Residenz, die Sache Vollhardts persönlich zu führen. Er brachte den Bescheid zurück, Vollhardt sei an die Stadtschule zu Volkhartshain versetzt. Die Stelle, die er dort erhielt, galt unter den Lehrern als eine der besten.

9.

Die Glocken hatten das neue Jahr eingeläutet. Unter dem Beistand seiner Braut hatte der Lehrer seine Habe gepackt und befördert. Vier Wochen nach seinem Amtsantritt so war die Abrede sollte ihm Lene nach Volkhartshain folgen. Dort sollte sie der Dekan, ein Universi- tätssreund Vollhardts, zusammengeben.

Nun war die Stunde seiner Abreise gekommen. In der Stille des Abends fuhr er mit seinem Buben zum Bahnhof hinaus.

Kaum, daß er die wackelige Chaise des Lohnkutschers verlassen hatte, sah er sich von den Männern und Frauen umdrängt, die imAdler" seine Zuhörer gewesen waren. Ungeachtet des Werktags waren alle festlich gekleidet. Der Spengler Klaus aber trat vor und sprach:

Herr Lehrer, wir wollten uns nicht nehmen lassen, Ihnen allesamt Adjes zu sagen, 's ist uns furchtbar leid, daß Sie geh'n. Scheiden, wie tust du so weh so weh"

Er stockte, räusperte sich lange und laut und fuhr endlich fort:

's gedenkt mir ewig: vordem Sie gekommen sind, Herr Lehrer, ist einer hier gewesen. Der hat die Leut' zusammengetrommelt und hat Vorträg' halten wollen, akkurat wie Sie. Und hat soviel Verstand dazu gehabt wie 'ne Mück'. Dessentwegen sind ihm die Leut' davongelausen und haben sich noch einen Ast gelacht. Jedem ist's halt nicht gegeben. Sie haben's los, Herr Lehrer. Es heißt, wer was gelernt hat, der hat vier Augen. Vorderhand tun wir's noch mit zwei. Aber alles, was wahr ist: wir haben was profentiert bei Ihnen. Und dadefür sind wir Ihnen ewig dankbar. Sie können horchen, wo Sie wollen, da ist nur eine Stimm: so ein' wie Sie kriegen wir so bald nicht wieder!"

Froh, den Strom seiner Rede ohne Unfall soweit geleitet zu haben, schloß der Spengler:

Jetzt bleiben Sie hübsch gesund, Herr Lehrer. Und der Theo auch. Und machen Sie gute Hochzeit!"

Ihr lieben Leute," antwortete Vollhardt bewegt,eure treue Ge­sinnung nehm' ich als teures Andenken von hier mit fort. Ich bring euch noch eine gute Nachricht. Der Bürgermeister hat mir versprochen, daß die Freibibliothek in meinem Sinn fortgeführt wird. Das ist mir eine große Beruhigung. Ihr lieben Leute, den Weg habe ich euch ge° wiesen; jetzt liegt es an euch, daß ihr ihn nicht mehr verliert. Und daß euch die Freude an dem erhalten bleibt, woran wir uns ergötzt und er­hoben haben, das ist mein innigster Abschiedswunsch. Lebt wohl!"

Die schwieligen Hände streckten sich ihm entgegen, und er druckte eine jede.

Nun bestieg er mit seinem Buben den Zug. .

Die Männer und Frauen traten in geordnete Reihe. Kein Hoch, kem Hurra erscholl; aber in all den ernsten Gesichtern stand, was der Speng­ler in die Worte gekleidet hatte:So ein' wie Sie kriegen wir soval nicht wieder!" _

Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch» und Steindruckerei, V. Lange, Gießen.