Ausgabe 
27.5.1929
 
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Das Gestirn aber geht den Weg seines Tages kaum sichtbar vor Glanz. Es läßt der Landschaft unter ihm das ganze Spiel des Tages allein. Aber immer wirft es tiefe Reflexe der Berge, der Wolken ganz ferner unsichtbarer bis in den Grund des Wassers: Becken und Ströme von blauem Emailfluß in hellerem Fluidum, goldbraune, grünliche bronzene Schatten farbiger Erregung über die Fläche. Der erste Strahl gehörte den Bergen, die Glut des Tages dem Wein, der Abend aber gehörte ihm, gehört der Sonne allein. Dann ist das ganze Reich des Sees einbezogen in das Triumphale ihres Untergangs. Denn dort, im Westen, ist eine offene Lücke für sie gelassen; dort verstellen ihr keine Berge den letzten Blick, dort versinkt der goldene Globus frei im offenen Feuertor des Horizonts. Eine flüssige breite Brücke von Gold läuft über den See, aus ihr heraus, in ihr endend. Lange Geländer von violetten und roten Bändern schwingen neben ihr her: wer über sie hinschritte, liefe ins Herz der Sonne hinein. Lange ruft sie dem Sehnenden. Ihr Scheideblick macht tnmken. Unser Herz sinkt ihr nach.

Dann zieht sie langsam die goldene Brücke hinter sich ein. Die Berge werden fahl. Die Gipfel verfallen in Tod. Die Maske der großen Starre steigt von ihnen nieder und legt sich über Land und See.

Gegen Untergang ahnen wir Genf, die Stadt mit der sonderbar tiefen Teilung: die Strenge Calvins, die Leichtlebigkeit Frankreichs untermischt nebeneinander.

Wunderbare Landschaft der Mitte: Südlicher See dort zwischen Süden und Norden; ohne die Tragik des Südens, ohne die Trauer des Nordens.

Kinder des Volks.

Von Alfred Bock.

(Schluß.)

Der Jammergestalt gegenüber gewann sie ihre Fassung zurück.

Tu, was du willst. Hab' nichts mit dir zu schassen."

Er verharrte in seiner demütigen Haltung.

Lene, ich bin gekommen, daß ich vor dir bekenn', wie schwer ich mich an dir versündigt hab'. Und ist mir von Grund meines Herzens leid. Es kann nicht anders gewesen sein, als daß der Teusel in mir war und mich in Schuld und Schande gestürzt hat. Du mußt nicht glauben, ich hält' kein Gewissen. Das hab' ich wohl. Und hat mich gefoltert Tag und Nacht. Und hab' mir's diesen Abend gelobt, daß ich nicht eher vom Platz hier weich', bis du mir verziehen hast."

War das die Sprache des erwachten Gewissens? War's Scheinheilig­keit und Gleisnerei? Da konnte wohl kein Zweifel walten. Gott hatte ihn gezeichnet. Unwillkürlich kam ihr^ins Gedächtnis, was die Belloffen einmal gesprochen hatte: Wann der Schollas in das Höllenreich nieder­fahre, werde extra ein Teufel angestellt. Der zwacke ihn mit einer glü­henden Zange, daß ihm Hören und Sehen vergehe. Ja, wer an die ewigen Strafen glaubte! Hier aber war's augenfällig, daß der-Frevler, schon auf Erden im Höllenbrand stund.

Wie sie den Schollas nun so erbärmlich vor sich sah, war's ihr, als sei sie über all das hinausaewachsen, was sie von ihm erduldet hatte, als stehe sie auf lichtklarer Höhe, indes er tiefer und tiefer sank. Und sie schickte ein still Gebet empor:

.Lieber Gott, ich danke dir, daß du mich vor dem Menschen da be­wahrt hast/

Und eine Frohmut erfüllte ihre Seele, der keinen Haß, keine Roche mehr kannte.

s mag gut sein," sagte sie erhobenen Hauptes.Jetzt geh'!"

Die mild gesprochenen Worte zu seinen Gunsten deutend, stürzte der Schreiber plötzlich vorwärts und umklammerte des Mädchens Hände.

Eene, daß du's nur weißt, zwischen mir und der Stadlern ist's aus. Ich bin fort von dem Gassenmensch. Lene! Wenn du mir helfen wollt'st, daß ich ein neu Leben anfang. Tät's dir immer und ewig danken. Sein Kind da ist doch auch mein Kind. Tu's dem Kind zulieb und lass' mich hier!"

Sie stieß ihn mit aller Kraft zurück. Eine dunkle Röte überflammte ihr Gesicht.

Ein Gottesglück, daß dich mein Karlchen nicht kennt. Wann s groß ift, und die Leute weisen auf dich und sprechen: .Das ist dein Kater* Gott verzeih mir die Sünd' ich leugens ab. Jetzt biet' ich dir's zum letztenmal: geh'!"

Da wußte er, daß hier keine Statt für ihn war, und er wankte hinaus.

Auf der Straße faßte ihn der scharfe Nord, daß er nur mühsam vorwärts kam. Wo der Stadtgraben die Hintergasse durchschnitt, hielt er an. Hier war das Wasser breit und tief. Er beugte sich über das Brückengeländer.

Mach' zu. Bist keinen Schuß Pulver wert. Ein Satz. Und bist weg!"

Ein Frösteln tief ihm über den Rücken. Puh! wie kalt!

Jetzt nicht. Später, später!" x

Er ging weiter. Die Gasse hinunter bis zum Rechneiplatz. Aus dem »Pfau" drangen die Klänge eines Orchestrions herüber. Der Regen fiel in Strömen. Was für ein Hundewetter! Unter den Häusern hatte man mchr Schutz. Er schwenkte rechts ab, so daß er denPsau" passieren mußte. Am Türpfosten hing eine Schie ertafef. Darauf stand mit Kreide geschrieben:Heut abend Has im Tops." Das las er beim Schein der Hauslaterne und spürte einen stechenden Schmerz im Magen. Bei Gott, er hatte sich den ganzen Tag keinen Bissen gegönnt. Wenn es doch Matthäi am letzten war, wollte er sich noch einmal gütlich tun.

So ging er hinein und traf fidele Gesellschaft. Er ließ sich das Stammgericht bringen und mit gutem Appetit. Dazu ein paar Glas

Lagerbier, und das erstarrte Blut kam in Muß. Der lange Zutt warf ein Zehnpfennigstück in das Orchestrion. Eine prickelnde Walzermelodw erklang. Mehrere Gäste fangen mit, einer stieß einen Juchzer aus. Ja, das Leben war doch schön.

Der Selbstmordkandidat bekam wieder Courage, trank diesem und jenem zu und saß, als hätte er Pech an den Hosen. Endlich gegen Mit­ternacht brach er auf, leicht angezecht, doch nicht betrunken. Ziellos schlenderte er in den Gassen umher, und eh' er sich dessen recht versah, stand er vor der Stadlern Haus. In der Wohnstube zu ebener Erde brannte' Licht. Die Haustür war verschlossen. Er zog die Schelle. Als­bald kam feine Frau heraus und öffnete.

Du bist's Konrad!" empfing sie ihn freundlich.Hab' mir schon Gedanken gemacht, wo du bleibst. Komm' herein!"

Er folgte ihr in die Stube.

Sie nahm ihm den Hut ab und sagte:

Willst noch ein Schnäpschen?"

Er nickte. Sie holte ihren alten Kümmel. Er trank zwei Gläschen hintereinander.

Jetzt legte sie facht die Hand auf feinen Arm.

Konrad, ich denk', wir vertragen uns wieder."

Seine Lippen waren wie versiegelt.

Sie dachte, Schweigen ist auch eine Antwort und wisperte besorglich: Gelt, du bist müd'? Komm' zu Bett!"

Langsam seine Weste aufköpfend, schritt er dem Schlafzimmer zu.

8.

Es war am dritten Advent, als Vollhardt die Botschaft erhielt, der Landtag habe den Volksschullehrern die sehnlichst erwartete Gehaltsauf­besserung zugestanden. Wahrlich, eine Freudenpost!

Als Mitarbeiter desSchulwart" hatte Vollhardt eine Tätigkeit ent­faltet, die in den Kreisen seiner Amtsbrüder und darüber hinaus die größte Anerkennung fand. Sein letzter Artikel, der das Motto trug: Ein jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert" war ein flammender Appell an den Gerechtigkeitssinn der Landboten und tat vor Torschluß seine Wirkung.

Im Geiste legte er noch einmal den Weg zurück, den er in den letzten Wochen beschritten. Alsbald von der Bewegung fortgerissen, hatte er in den vordersten Reihen derer gestanden, die für die Rechte der Lehrerschaft stritten. Nun erlebte er die Genugtuung, den Sieges­preis mit errungen zu haben.

Heut durften die Volksschullehrer im ganzen Ländchen einander die Worte des Apostels zurufen:Freuet euch mit den Fröhlichen!" Kämpf­ten doch gar manche unter ihnen bei kargem Lohn mit der bitteren Not; war der Mehrzahl doch verwehrt, sich eine bessere Lebenshaltung zu gönnen! Nun waren sie von der lähmenden Sorge befreit; nun konnten sie mit voller Frische an die Arbeit gehen.

In gehobener Stimmung überlegte Vollhardt, wie er künftig seinen kleinen Haushalt behaglicher gestalte. Er würde allerlei notwendige An­schaffungen machen. Jetzt in der Weihnachtswoche war die rechte Zeit.

In der Tiefe seiner Augen leuchtete es auf. Der Theo hatte für den Christabend einen Wunschzettel geschrieben. Da hieß es am Schluß:10) Die Lene Launsbach soll bei uns bleiben."

Der Altklug! Hatte er etwas gemerkt? Dem mochte fein, wie ihm wollte; jedenfalls hatte er den Herzenswunsch seines Vaters ausgedrückt.

Was Vollhardt all die Zeit mit sich herumgetragen, galt ihm nun als beschlossene Sache: er würde Lene zu seiner Hausfrau machen. Hatte ihm ein freundliches Geschick in der Person der schlichten Ar­beiterin einen seltenen Menschen zugeführt, so folgte er jetzt seinem Glauben, der ihm im Bund mit dem lieben Mädchen ein spätes, aber echtes Glück verhieß.

In der Stadt würden die Mäuler wie die Flachsbrechen gehen. Sie würden kein gutes Haar an Lene lassen; sie würden auch ihn ver­lästern. Immerhin! Er war bisher seinen eigenen Weg gegangen und dachte nicht daran, die Richtung zu ändern. Er hatte den Wert des Mädchens erkannt. Daß sie ein Armeleutkind war, gereichte ihr wahrlich nicht zur Schande. Und was ihr an äußerer Kultur gebrach, wog ihre innere Bildung reichlich auf.

Als fei ihm fein Stübchen heut zu eng, öffnete er das Fenster. Am klaren Winterhimmel stand die mittägliche Sonne. Drunten auf dem Marktplatz waren die Weihnachtsbuden ausgeschlagen; Kauflustige gingen ab und zu. Sein scharfes Auge entdeckte Lene, die in Hast feinem Haus zuschritt. Ihm schwante, was sie gegen ihre Gewohnheit mitten in der Tageszeit zu ihm führte. Gestern hatte er der Belloffen einen Kranken­besuch abstatten wollen und fand eine Sterbende, die ihn nicht mehr erkannte. Wahrscheinlich hatte sie ausgelitten, und ihre treue Pflegerin brachte die Todesnachricht.

Er ging Lene bis zum Vorplatz entgegen und geleitete sie in sein Arbeitsstübchen. Seine Ahnung hatte ihn nicht betrogen; die Bellosfen war einem zweiten Anfall erlegen.

Sie sprachen von der Verstorbenen, die ihnen beiden teuer gewesen war. Ihre kleinen Eigenheiten und zuweilen ihre Derbheit hatte man um ihrer Selbstlosigkeit, um ihres Biedersinns willen gern ertragen. Sie hatte in ihrem langen Leben schier kein Minütchen an sich gedacht, war immer nur darauf ausgegangen, anderen Guttaten zu erweisen. Jetzt, da sie entschlafen war, ließ sie keinen Feind zurück.

Leid und Freud wohnen eng beisammen", sagte Vollhardt, dem Gespräch eine andere Wendung gebend.Mir ist heut wie dem Vogel im Hanfsamen. Seit einer Stunde weiß ich für gewiß, daß sie uns Lehrern drunten im Landtag eine Zulage bewilligt haben. Das macht viel aus. Nicht als ob man Aufwand treiben konnte. Gott bewahre! Aber für ein behaglich' Leben reicht's."

Er ging ein paarmal auf und ab und blieb dann, mit der Linken sich leicht auf den Schreibtisch stützend, Lene gegenüber stehen.

Ich denke nun auch daran, mich ein bißchen bequemer einzurichten. Cs fehlt hier und da; na, Sie wissen Bescheid Wenns so weit ist, daß ich meine S nkäufe mache, sollen Sie mir helfen, Lene."