Glases nebenan auf dem Sessel gedachte ich. Aber da schlief ich schon bei« »ahe. Und dann schlief ich ein.

O Weg, o Welt, o Weh, das die Brust sprengt! Es ist einige Zeit her eine so befremdlich lange Zeit, dah es mich schwindelt, wenn ich die inzwischen durchklomenen Jahressprossen der schwanken Leiter niederblicke. Ich bin damals nicht gestorben ich bin es bis heute nicht. Und sitze nun da, plumper Mann, dem die Haut gilbt, und taste und kann ihn doch Nicht halten, den feinen Sand, der mir durch die Finger rinnt.

Genfer See.

Von Rudolf G. B i n d i n g.

Wenn einer auszöge um nicht den Gral oder den Garten des Para­dieses, nicht die Quelle der Wahrheit oder einen anderen Ort proble­matischen Glücks zu suchen, sondern die Landschaft des reinsten, unbe­schwertesten, unschuldigsten Entzückens auf Erden, müßte er an den See gehen, von dem eine vor mir sitzende Frau eben sagte:

Jetzt," sagte sie (es war an einem bösen abweichenden Apriltag unserer Breiten und der Regen schlug an die Scheiben),jetzt blühn dort allenthalben um die große Stadt an den Ufern des Sees entlang die Bänder der Streifen der gelben Osterglocken; und dann im Mai, bis hoch hinauf an den Hängen, blühen die Wiesen vom Weiß der Narzissen: Felder blühenden Schnees."

Es war keine Sehnsucht in ihrer Stimme, als ob es sie schmerze nicht dort zu sein, keine Anklage gegen den Regen; sie sagte es ganz ohne Vergleich, nur im Entzücken einer Erinnerung. War nicht alles über eine Landschaft gesagt, wenn man der kindlichen, herrscherischen Lust der Natur gedachte, dieser süßen Sinnlosigkeit, seltene Blumen in Bändern und Feldern wie Fahnen in das Freie der Landschaft zu legen? Sie läßt sie wieder verschwinden zu ihrer Zeit, auf anderes be­dacht, und hat noch die Kraft zu üppigen, würzigen Wiesen, zu Wein und herrlichen Früchten. Schien nicht diese unschuldige Lust der Natur das eigentliche Geheimnis?

Ja! es ist so: was man beim ersten Anblick nicht begreift, was uns als Ueberfülle benimmt, ohne es zu sein denn es ist die Ordnung, die uns benimmt, was uns in der Erinnerung noch wohl tut, ist das Wunder der Unschuld. Das Geheimnis dieses Landstrichs ist, daß er keine Geheimnisse hat. Alles ist ausgebreitet: unbefangen, kindlich, königlich zugleich, als wäre der Natur selbst daran gelegen, endlich einmal nichts zu verbergen, nichts für sich zu behalten, sich an sich selbst zu entzücken. Hier führt nichts ins Unterirdische, ins Mystische. Das königliche Blau dieses Sees begräbt nichts in seiner durchsichtigen Tiefe; diese Berge umschweigen nichts; die Ewigkeit des Schnees, die blendenden Gewänder dieser ragenden Spitzen, dieser Häupter be­deuten keinen Tod; diese erhabenen Felszüge sind nicht auf Titanen nie­dergerollt; kein Grab dieser kleinen Friedhöfe an den harmlosen Kirchlein der unzähligen Flecken und Städtchen hat etwas vom Schauer des Grabes. Kann Tod dort etwas fein, wo die Natur so unschuldig ist, keine Geheimnisse zu haben?

Wem sich mitteilende Majestät unheimlich ist, und wer es einer Landschaft nicht zutraut oder nicht erlaubt, königlich und liebens­würdig zugleich zu sein, und wer es nicht begreift, daß gerade die Un­befangenheit königlich ist, der versteht diese Landschaft nicht. Rom, die Pyramiden Aegyptens, die Wunderländer Indiens, die Akropolis von Athen, Neapel, sie tragen seit Menschengedenken die Gewalt einer schier unbezwinglichen, bohrenden Sehnsucht in sich; ihr Geheimnis ist fast tödlich; ihre Sehnsucht macht krank; ihr Anblick erschüttert und ver­wandelt, bekehrt und verkehrt. Aber dieser See beglückt ohne zu be­schweren, beschenkt ohne Aufdringlichkeit, und bezwingt ohne die leiseste Gewalt.

Wer mit der Bahn von Norden kommend, nach Ueberwindung der letzten Höhen des nördlichen Ufers plötzlich die ganze Herrlichkeit in der Tiefe vor sich ausgebreitet sieht, der möchte wohl ausbrechen in einen Schrei, wenn nicht die Schönheit zugleich eine Art Heiligkeit des Ent­zückens erzeugte, so daß man sein Inneres bändigen muh und an sich hält. Die Sinne aber, das Auge, der Atem selbst und im Tiefsten das Herz umklammern das Bild, das Leben darin, die Farben, die Sonne, den Halbmond des Sees, den Himmel und können nicht nachkommen. Sie begreifen ja das Geheimnis noch nicht: daß da kein Geheimnis fein soll, daß das alles wirklich sinnlich zugänglich ist, sich entgegen neigt, sich so willig mitteilt, so arglos sich preisgibt.

Drüben die unwegsamen Züge der Felsberge Savoyens mit spär­lichem Schnee, die die Landschaft und den See zugleich nach Süden sicher und kräftig beschließen, sind von ihren eigenen Schatten an die Wand von warmem, duftigem Veilchenblau vereint; ihre Kämme von Licht schwungvoll und voller Bestimmtheit in eine einzige Linie ausgezogen, die zart sich zum Untergang senkt. Der See spielt in Flecken und Skalen von Blau. Er ist groß. Die Ufer umengen ihn nicht. Er behauptet sich uneingeschränkt wie ein ebenbürtiges Organ eines Ganzen, eines ein­zigen Reiches. Während der kurze gelenkige Zug mit den gefälligen kleinen elektrisch betriebenen Wagen sicher und vorsichtig das weitge- schwungene Schlangengewinde der Bahn, an den Hügeln hin, durch ein Terrassengelünde von Reben zum See hinabklettert immer zu schnell für das aufnehmende Auge ergießt sich ein Großes, Besonderes, Zauberhaftes wie eine lächelnde Erretung, ein wohliger Trank in unser Herz: daß nämlich diese Landschaft so willig und gleichberechtigt alle menschlichen Dinge menschliche Arbeit, menschlichen Fleiß und mensch­liches Behagen in sich einbezieht und mit ihnen verfährt, als seien es Taten und Geschöpfe ihres eigenen Wirkens und Wesens. Tausend und tausend Chalets über die Hügel hin, fest gefügte niedrige Schlösser zwischen dem Rebenland, Reihen von Dörfern und Marktflecken an den Ufern, die kleinen belanglosen hellen Städtchen an Busen, an Buchten des Sees, die hochgestellten, sich brüstenden, ungefügen Hotels auf Terrassen und Höhen, alles gehört ihr zu, alles umschließt sie. Denn es ist nicht so, daß die Natur das Werk der Menschen als sinn­loses und ohnmächtiges Gegenspiel zur Ruhe und zum Deiseitestehen verurteilt oder es mit ihrer Uebermacht in Unscheinbarkeit und Ver­

gessen berfentt, sondern es ist ihr gegeben und genehm, sich' damit z» schmücken und sich zu beleben. Es geht bis ins Letzte. Aus den kleinen Orten Hügel auf, Berg hinan, in steilen Anstiegen oder in geneigten Windungen, geschwungen und Kuppen und angeklammert an felsige Zungen und Stirnen kriechen die kurzen harmlosen hellen Raupen der Funiculaires auf ihrem schmalen Schienenstrang, der im Grase verschwindet, emsig allenthalben empor. Sie begeben sich mit den be­hutsam auf ihren Krallenfüßchen absteigenden Räupchen die, eh man sichs versieht, am Ort ihrer Bestimmung und ihres Ausgangs verschwin­den, während an anderer Stelle sich schon neue loslösen, um lautlos, leicht und ohne Anstrengung wie hier alles ist ihren Weg nach oben zu nehmen.

Auf den Hügeln wächst Wein. Er verleugnet sich nicht. Er setzt sich bald zu uns. Er ist gekeltert, wie eine schöne vornehme Frau, die sich zu uns gesellt um nichts als um uns zu entzücken. Sie erregt uns nicht und will es nicht tun; sie wirkt nicht auf unsere Sinne, sondern nur auf unser Behagen; sie beschwert uns nicht und sucht keinen Vorteil über uns, noch Streit oder Händel; sie will uns nicht besitzen. Einzig uns eine vor­nehme, feine Gesellschaft zu leisten ist sie da, und bildet sich durchaus nichts ein. Und doch soll man erst einmal eine suchen wie sie: jo licht und anmutig, so fröhlich und frisch, so wohlig und warm. Sie ist geachiet unter ihrem Himmel, geliebt und gefeiert, ist köstlich und unvergleichlich, aber andere Himmel gehen sie nichts an. Sie ist von der Art, daß man oft zu ihr hindenkt aus der Ferne, wie jene Frau zu den Osterglocken und zu den Narzissen; aber man möchte sie niemals rufen, die beiden - den Wein und die Blumen des Sees. Denn auch er, er gehört diesem Himmel.

Nahm er uns hin? Träumen wir schon? Sind wir von ihm schon ge­fangen? Nein. Es ist Markttag in einer der kleinen Städte am See. Die Luft ist sehr frisch von der Nacht. Die Welt, Dinge und Menschen blinken im Morgen. Die Sonne ist heiß und keck, aber jeder kleinste Schatten wie eisgekühlt. Auf dem zu geräumigen Quadrat des Platzes breitet sich unbefangen der Uebersluh. Der Markt liegt natürlich am See, nur eine behäbige Lindenallee, die zugleich Strandpromenade ist, trennt ihn vom Wasser, das langsam auf dem Kiesrand ahnet. Die Fische haben es nicht weit. Sie blitzen, in dichte Lagen gereiht, frisch und sättig im Licht vor den Ständen. Die Hühner, die Tauben hangen sauber ge­rupft, die Brüste zeigend, die Köpfe über den Rand der langen Bretter. Sicher hat jeder im Städtchen ein Huhn heute im Topf und zartere Mägen die Taube. Das Fleisch von Ochsen und Kälbern weiterhin wartet dennoch der Käufer. Die Gemüse sind anreizend zu Arrangements ge­ordnet saftige Gebirge. Die Tomatenpyramiden streuen ein bestimmtes durchsichtiges Rot in die Gänge zwischen den Zelten. Denn jeder Stand hat ein kleines und eignes wehendes Leinendach, ein Hängendes Plan- tuch, ein schirmendes Segel, weiß und schon rotbraun von Sonnenrost hinter und über sich, unter dem, dem Blick des Herantretenden verborgen, die Verkäufer stehen.

Auch dieser Markt hat scheinbar seine heitere Ordnung. Ich meine nicht den Gendarm, wenn schon er mit Würde schäkernd zwischen tat Ständen umgeht. Aber zumindest am Schluß des Markttagsganges tut jede der bepackten Frauen eine Art Pflichtgang. Denn hinter den Ber- kaufsftänden in einer Art Parade, stehen zweirädrige Karren aufgefahren, die Pferde angefchirrt nach außen gerichtet, mit Bündeln von Reisig hoch und reichlich beladen, eine harmlose Wagenburg: das Brennholz für dos Herdfeuer. Und jeder geht hin, und irgendwie angehängt, unter dem Am geschoben, auf den Kopf genommen, wandern zum Schluß die fest zu- sammengezogenen Reisigbündel mit den Blumen und Früchten, mit den Tauben und Fischen, mit dem Gemüse und dem Käse die Straße« entlang.

Wir enthalten uns des Pflichtgangs. Ein Käfestand lockt. Als wir näher treten, folgt ein gutmütiges, großes scharfes Messer, so groß M das Schwert Davids, unter dem Zelthang hervor und zu jedem derM, den wir ins Auge fassen. Die Hand, die es führt, ist unsichtbar wie m Mensch, der sie bewegt. Das Messer erwartet unfern Wink. Schließlich, um mich nicht zu blamieren, deute ich auf einen gelblichen Käse. Sofort fährt es hin. Aber man muß sich sehr eilen und die Hand unter die sol­lende Scheibe halten, damit die Probe richtig hineinfalle. Denn sch»" wieder wandert wortlos das Messer, um uns zu neuen Proben aufzu­fordern. .... ,.X

Doch der Markt und der See, sie find nur die Nähe. Die königliche Weite des Reiches verschwindet in Armut. Man mutz hinauf! Droben tn Caux beherrscht man die Welt dieser Einheit. Dort ist das Spiel eines Morgens, das Spiel eines Abends unvergleichliches Entzücken!

Die Dent du Midi steht ganz bleich und allein, nach Osten gewandl im ersten Dämmer der Frühe. Sie ist sehr weiß und sehr zart. M See ist ganz dunkel. Die Berge Savoyens find dunkler als Blau, m ruhendes Gewölk, doch mit der klarsten Stimmung gegen den Himmel Darüber, dahinter die lauteren Schneefelder des Mont Blanc, die lang« lagernden Gipfel, noch im Lichte des blaffen Monds.

Der Himmel wächst. Die sieben Spitzen des Berges im Osten er­schauern plötzlich hilflos und farblos unter dein hellsten Grün. Jetzt W der erste Strahl kommen.

Nichts. Nur dieses steigende Grün, ausgespannt in eine Marge«- ewigkeit. Die Lust ist eiskalt, aber trocken wie Marmor. Wir stehen ihr wie Wesen ohne Schwere, von himmlischem Atem erfüllt.

Die Denk steht noch weißer. Da schmilzt aufflammend ein goloen Tropfen von der höchsten Zacke hernieder, schwer und voll, und I"» langsam, wie aus dem Innern des Berges kommend, die Konturen Spitze hinab. Die Sonne hat sie erfaßt. Der Berg erstrahlt wie oeg - in die Rechte des Tags, des Lichts der Farben, des Lebens eingej ö Der Himmel wechselt ins zärtlichste Blau.

So geht der zauberhafteste Berg dieser Landschaft durch den Dag. Mittag verhüllt ihn in allzu blendenden Glanz, wie Sterne nn w i ' verbergen. Ob einer sich ihm vergliche? Sind nicht die Berge des Landes, die strahlende Jungfrau selbst, gegen ihn nur Blöcke 0« > ungefüge Riesen, deren derbe und rauhe Gestalten, unfaßbare Ung