Siebener KnnilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgangs Montag, den27.Mai Nummer
Alte Stadt.
Von Hans Thyriot.
Die kupfergrünen Türme sind vom Dunst verhängt, der bläulich aus den Uferwiesen weht, als Schleier vor den Brückenbogen steht und Tor und Dach und Giebel sanft umfängt.
Von allen Gärten steigt ein schwerer Duft des müden Tags herauf aus weißem Flieder, aus der Kastanien hängendem Gefieder in die vom Schwalbenflug bewegte Luft.
Zwischen den Büschen und umlaubten Bänken sieht man ein Helles Kleid vorüberschweben und Hinterm Berg den Mond die Sichel heben und silbern in den dunklen Fluß versenken.
Kindergeschichte.
Von Robert Neumann.
Es ist einige Zeit her — eine so befremdlich lange Zeit, daß es mich schwindelt, wenn ich die inzwischen durchklommenen Jahressprossen der schwanken Leiter niederblicke. Ich war damals recht genau acht Jahre alt, und das weiß ich daher, daß ich zu meinem achten Geburtstag den Löwenkopf bekam, in dessen aufgesperrtes Maul man mit Bällen warf — er hatte eine Feder in sich und er schnappte danach. Diese Feder brach bald, das Tier ward auseinandergenommen und wanderte dann den Weg alles andern Spielzeuggerümpels, aber dieser Löwe (er roch nach Kleister und Lack — noch heut« weiß ich seinen Geruch —) dieser Löwe war schuld an allem.
Ich schlief damals im Speisezimmer auf einem Divan. Daneben war eine Kammer: und hinter dieser Kammer erst lag der Schlafraum der Eltern. Eines Nachts erwachte ich und sah an der Wand gegenüber den Löwenkopf, auf dem ein Laternenschimmer, von der Gasse her, sich durchs Fenster verirrend, ein knöchernes Widerspiegeln und eine gräßlich vereinfachte Lebendigkeit wachrief. Ich schrie auf, schrie dreimal, mein lieber Vater kam, weiß, im Hemd, langen Unterhosen und Socken, fragte, was los sei, schalt dann und warf die Türe hinter sich zu.
Um diese Türe, um diese beiden Türen von meinem Speisezimmer zu jener Kammer, und von der Kammer zum Schlafvaum der Eltern ging dann der Kampf — ein Kampf, der von mir mit allen Fasern des Herzens, mit einer zitternden Aufgewühltheit geführt wurde. Ich bat, man solle die Türen nachtüber offen lassen, wenigstens zur Hälfte, wenigstens einen schmalen, gang schmalen Spalt — nein, man wollte meiner Torheit nicht nachgeben und man ließ mich allein. Und dieses Entsetzen vor den Gesichten meiner verstörten Nacht muß lange gedauert haben, denn ich kann heute nachrechnen, daß es beträchtlich später, erst ein paar Monate nach meinem neunten Geburtstag war, als meines Vaters Vater starb. Ich kannte ihn nicht, er wohnte irgendwo in der Slowakei, im Gebirge, aber ich erinnere mich der Nacht nach seinem Heimgang und der zwei dann folgenden Nächte, als besonders glückhafter, als fast festlich erregter: mein lieber Vater hatte am Sims der Speife- zimmerkommode ein Oelflämmchen angesteckt, ein winziges Totenlicht: das brannte zweiundsiebzig Stunden tagaus und nachtein und gab meinem Schlaf eine schüchterne, schlicht« und trauliche Helle. Aber auch das ging vorüber, und mit meinen Aengsten ward es so arg, jedes Knacken der Möbel, jedes widergespiegelte Licht von der Straße her versetzte mich sa sehr in einen Taumel schreienden Entsetzens, daß ich schließlich wirklich in eine fiebrige Krankheit fiel und ein paar selige Nächte lang herrlich geborgen zwischen Vater und Mutter in deren breitem Bette hinbringen durste. Man ging dann sehr sanft und liebevoll mit mir um, und am Tag meines ersten Schulgangs nach der Genesung bekam ich dann das beschenk, das mich fast das Leben kostete.
Mein lieber Vater brachte es heim. (Er hat es von seinem Frühstucksgeld gekauft — ich weiß heute, daß es meinen Eltern damals recht knapp zufammenging.) Es war eine Schachtel mit Mineralien: drei, vier Ge- steinssorten, drei, vier Arten besonderen Glimmers, ein Bergkristall, zwei rotje Halbedelsteine — eine Pracht im ganzen, eine Buntheit und Pracht, die mich fast von neuem in Fieber warf. Es war Schulzeit, die Schachtel Mit den Steinen steckte ich zu mir und machte mich auf den Weg. Gewiegt von meinem stillen Glück wie schwerelos und immer wieder nach der Schachtel in meiner Tasche tastend, brachte ich die zwei Schulstunden hin und machte mich dann auf den Heimweg. Nun war aber in unserer Klasse mner, der hieß von Herz, ein blonder, magerer, gesitteter Junge, ein tlunge wie andere — von uns allen aber wurde er seines Adels wegen
verehrt und angestaunt wie ein Meertier. Ich vornehmlich verband mit seinem Namen und dem kleinen Worte davor die Vorstellung eines Kavalleriegefechts und eines Empfangs bei Hofe, dabei von Herz auf die kriegerischen Geschicke des Staates entscheidenden Einfluß nahm. Diesem von Herz in Freundschaft mich anzuschliehen, war seit je meine Sehnsucht, und war es das durch den Schatz in meiner Tasche vermittelte Hochgefühl, das mich gerade auf jenem Heimwege mutig machte, war es noch ein Rest Fieberkühnheit aus meinen Krankheitstagen — an der Ecke der Kranenstraße und der Pilgergasse trat ich auf den Blonden zu, trat ihm in den Weg, rief ihn an, rief: „VonHerzl" und hielt ihm die Hand hin. Er blickte auf und reichte mir, verwundert ein wenig, doch wohlerzogen, di« seine und fragte höflich: „Wünschest du etwas?" Ich hätte mancherlei sagen wollen, aber all das wäre nicht das rechte gewesen, denn mit einemmal war mir die Kehle eng. So war es mir im Augenblick um nichts so sehr zu tun, als darum, meinem Anruf einen Vorwand zu schaffen. Die Steinei Die Steine aus meiner Tasche wollte ich ihm zeigen. Stumm zog ich die Schachtel hervor, stumm öffnete ich sie, stumm ließ ich Stück um Stück in der kalten Nachmittagssonne auf» leuchten und reichte es dann dem andern zu besserer Betrachtung. Der Blonde — oh, mein Reichtum machte ihm Eindruck, das sah ich. Stück um Stück ließ ich leuchten und legte es ihm In di« Hand. Er nahm sie alle und hielt sie behutsam, daß sie nicht sielen. Dann hob er sein offenes, verwundertes und erfreutes Gesicht zu mir und fragte: „Wirklich? Das alles schenkst du mir?"
Die Kehle war mir eng — ich sagte nicht nein. Ich wurde sehr rot. Vielleicht habe ich sogar ja gesagt. Von Herz schob die Steine in seine Tasche. „Auf den Glimmer mußt du acht geben, da ist echtes Gold drinnen", sagt« ich mühsam — die Kehle war mir eng. Von Herz nickte froh und rief mir einen frohen Dank zu und lief. Ich mag dort noch eine Weile gestanden haben; viele Menschen gingen an mir vorüber in der kalten Nachmittagssonne.
Da sie schon niederer stand, wehte ein strenger Wind. Ich knöpfte den Mantel auf, breitete den Rock und ließ mir die hart« Luft an das Hemd wehen. „Sterben — krank sein — sterben", ging es mir durch den Kopf. Als ich heimkam, war der Tag gesunken. Beim Abendbrot sprach ich kein Wort. Die Mutter sagt«: „Er ist noch krank." Aber das mit dem Wind hatte nichts genützt — ich fühlte kein Fieber. Ich ging zu Bett. Daß jene beiden Türen geschloffen würden, verlangte ich selbst und wurde dafür belobt. „Er nimmt Vernunft an", sagte mein lieber Vater. Ich hätte ihn umarmen mögen vor vielem Weh — aber das hätte mich verraten. So stellte ich mich schlafend, bis alles still war. Dann erhob ich mich behutsam und drehte das Licht an. Ein Glas Wasser hatte ich neben mir. Zwei Schachteln mit Zündhölzern hatte ich schon vorher unbemerkt auf die Kommode gestellt. Die nahm ich. Ich brach die Köpfe ab und legte sie alle ins Glas. Agnes hatte einmal der Mutter berichtet, ein Dienstmädchen aus dem Nachbarhaus habe sich so vergiftet. Ich fand keinen Löffel, den Trank zu rühren: so besorgte ich das mit einem Federstiel. Nun wollte ich trinken, aber da besann ich mich, daß in jenem Berichte auch von einem Abschiedsbriefe die Rede gewesen war. Ich riß mit einem Gefühle grimmiger Freud« zwei Seiten aus dem neuen Schreibheft, nahm Tint« und Feder, setzte mich an den Speisezimmertisch und schrieb: „Von Herz soll die Steine behalten. Es ist nicht deshalb. Sondern weil di« ganze Welt keinen Sinn hat. Man stirbt und die Tage gehen doch immer weiter." Dann zeichnet« ich drei Kreuze darunter und drei Kreuze darüber und je ein Kreuz rechts und links. Ich zeichnet« sie mit Sorgfalt und sauber, zweistrichig und mit einem kleinen Schatten dahinter, daß es aussah, als wären sie eingepflanzt in einen schneeigen Kirchhof. Ich legte mich hin, ich legte das Blatt auf meine Brust und griff nach dem Glas. Da ich kostete und da das Gebräu sehr bitter schmeckte, erhob ich mich wieder und suchte nach einem Stück Zucker. Das fand ich nicht. Doch in der oberen Lade der Anrichte lag ein Säckchen mit Rosinen und eines mit Mandeln. Daran zu rühren war strenge verboten. Aber darauf kam es zu der Zeit nicht mehr an. Ich kostete. Mochte die Mutter sich ein wenig ärgern — ich kostete noch einmal, mit einer grimmigen Freude: mochte sie sich ärgern, das trat ja doch zurück hinter ihrem Schmerz. „Wir hüten die Türen offen lassen sollen, wie er es immer wollte", wird mein lieber Vater sagen und meinen. Mir tarnen die Tränen in die Augen — ich nahm eine Mandel und zwei Rosinen. Ja, dann werden sie meinen, aber bann ist es zu spät, dann liege ich bleich, kalt und einsam, und Agnes mag es im Hause und in allen Häusern der Gasse erzählen, mas in meinem Abschiedsbriefe zu lesen mar. Ich stellte den Todestrank auf den Sessel neben dem Divan, ich nahm das Säckchen mit den Rosinen und das mit den Mandeln und kroch aufs neue unter die Decke. Von beiden kostete ich ein wenig und dachte: von Herz wird die Steine auf meinen Grabhügel legen, alle im Kreis und den Bergkristall in die Mitte. Vielleicht wird er auch bei Hofe davon erzählen. Mandeln schmecken besser, wenn man sie mit Rosinen zusammen ist, dachte ich schon verschwommen. Auch des unberührten


