franfen mag die Königin nicht viel traumlose Nächte gehabt haben. Im Ankleideraum hängen noch die Gobelins, die sie jeden Morgen begrüßten, und ihr Spiegel. In Lord Darnleys Zimmer lagert es wie blutige Schatten ... Audienzzimmer und alle Räume, tapeziert mit kostbaren Gobelins, enthalten viele persönliche Andenken Marias ... Aber alle diese schweigenden Schlafzimmer, die langen Galerien, Garderoben und Säle wirken unheimlich, wie Orte, an denen viel geschah. In dem berüchtigten „Supperroom“ ließ sich Maria abends von Rizzio vorlesen, nur die Intimsten hatten hier Zutritt. Hier fanden ihre stürmischen Unterredungen mit dem schottischen Luther, dem Reformator John Knox, statt, der ihr ihren bösen Lebenswandel vorwarf. Hierher drangen abends die Lords Darnley, Douglas, Bot h well und N u t h v e n ein und ermordeten den armen Rizzio, der nicht entfliehen konnte, auf diesem Teppich liehen sie ihn verbluten, zu Füßen der wehrlosen Königin ...
Im Schloßgarten huscht ein Sonnenstrahl zärtlich über die sonderbare Sonnenuhr mit den Daten von 1565, deren stillem, ewigen Spiel Maria so gern zusah. Abseits im Schloßgarten an der Mauer steht ein sonderbares kleines Steinhaus. Hier badete die Königin ihren schonen Körper „in Wein".
Kastanien umblühen weihrosa das schreckliche Schloß, über dem uns überall das Bild der enthaupteten Königin Maria Stuart verfolgt. Ueberall sieht uns ein Porträt ihrer kastanienroten Schönheit an, ein Relief, mit ihrem stolzen, feinen Profil ... in allen ihren Schlössern weht uns etwas an, das an ihr Ende erinnert, Jahrhunderte haben das Blut nicht wegwischen können, das während ihrer unglücklichen, unbeherrschten Regierung geflossen ist und — — nachher ... In der Nähe auf dem alten Kirchhof liegen „800 schottische Rebellen", die Märtyrer begraben, die für ihren Glauben kämpften, und jene schottischen Edelleute, die für ihren König starben, als das Land im Bürgerkrieg stand, unbeugsame, treue Royalisten.
Eines der tragischsten Schlösser ist „Loch-Leven“ am Meer. Dorthin flüchtete Maria vor ihren eigenen Untertanen, wurde gefangen gesetzt, und hier zwang man ihr die Feder in die Hand, um ihre Abdankung zu unterschreiben, und von hier aus bestieg sie jenen unsicheren Nachen, der sie nach England entführte, wo sie hoffte, in den Armen Elizabeths — Frieden zu finden und fand — Gefangennahme, Gericht und den Block ...
In schottischen Balladen werden diese einsamen Schlösser besungen, die im rauhen Hochland oder an der Küste stehen, wie übriggeblieben aus einer blutigen Zeit, grandiose Schlösser für Seeräuber am Meeresstrand, Burgen für Raubritter, Festungen für Staatsgefangene und politische Verbrecher, Grabstätten religiöser Märtyrer und „Rebellen", Kapellen, in denen man eine Königin vermählte, und ein paar Jahre später ihren enthaupteten Körper begrub ... Eine blutige Geschichte hat Schottland. Gemordet, hingerichtet, gehängt, tönt es immer wieder aus den Erzählungen der Führer ... Hinter fast jedem Namen steht ein Kreuz: Gehängt, enthauptet, beheaded, executed ... Es gibt dort ganze Galerien Enthaupteter ... die Welt um Maria Stuart ... Man hat die Königin später reinzuwaschen versucht von dem Verdacht, an dem Mord ihres zweiten Gatten Darnley beteiligt gewesen zu sein ... Nie hat sich das Rätsel gelöst, wer Darnleys Haus unterminiert hat, und wer ihn vorher erwürgt hat. Archibald Douglas oder ein anderer, der mit im „Geheimbund der Lords" war?. Aber sie alle, die mit im Bund waren, haben unselig geendet, erschlagen auf offener Straße, geköpft, hingerichtet oder im Ausland elend umgekommen. Graf Bothwell gelang es zwar, dem Tode zu entgehen, als Maria abdankte und flüchtete ins Ausland. $-
Schloß „Abbortsfordhouse“, in dem Wolter Scott als Grandseigneur lebte und starb, liegt in tiefer, grüner Wieseneinsamkeit, unzerstört und heute noch im Besitze seiner Familie, eine Burg mit Mauern und Zinnen, breiten Terrassen und großartig angelegtem, riesigem Park. Er baute sich dieses Schloß von seinen Verlegerabrechnungen „bit for bit“, das einzige schottische Schloß, das ich sah, ohne Kerker und unterirdische Verließe, in dem keine Verbrechen geschahen. Das Haus eines Dichters, wohnlich und elegant eingerichtet, an einem stillen Fluß, abgekehrt von der Welt ...
Heber das elektrische Fernsehen.
Von Prof. Dr. Arthur Korn, Berlin.
Die elektrische Fernphotographie, d. h. die telegraphische Uebertra- gung von Photographien, mit und ohne Draht, ist eine Etappe auf dem Wege zum elektrischen Fernsehen. Für die Anwendungen der elektrischen Fernphotographie, von welchen die Anwendungen für die Polizei und die illustrierte Presse besonders wichtig sind, macht es nichts aus, wenn die Uebertragungszeit für ein Bild selbst nach Minuten zählt; in Wahrheit können wir bereits für sehr detailreiche Bilder auf Uebertragungszeiten von einer Minute und darunter gehen. Aber für ein elektrisches Fernsehen ist eine weit größere Uebertragungsgeschwin- digkeit eine conditio sine qua non; ein Bild, welches man fernsehen will, etwa in der Weise, wie man im Kino auf einer Leinwand lebende Bilder an sich vorüberziehen läßt, muß in */is bis 1/io Sekunde vollständig abgetastet, übertragen und wieder zusammengesetzt sein. Theoretisch scheint nach der Lösung des Problems der elektrischen Fernphotographie, welche ja schon erfolgreiche Schritte in die Praxis getan hat, auch für das Fernsehen keine prinzipielle Schwierigkeit vorhanden zu sein. Man braucht ja nur, wenn man mit der Telegraphie auf einer Wellenlänge nicht zu genügend großen Geschwindigkeiten kommt, eine Vielheit von Wellenlängen zu benützen, indem man jeder Wellenlänge einen bestimmten Teil des Bildes zuordnet; wenn man nun aber praktische Re- sultat« erzielen will, zeigt sich bald, daß die Verwendung einer Vielheit von Wellenlängen ökonomisch und organisatorisch zu solchen Schwierigkeiten führt, welche zur Zeit noch einen Fernsehbetrieb für brauchbare Bilder mit genügenden Einzelheiten illusorisch machen. Nichtsdesto- weniger begegnet auch das Fernsehen von ganz groben Bildern, z. B. von Köpfen, welche kaum Porträtähnlichkeit zeigen, einem so großen Interesse, daß gelegentlich Fernsehversuche in das gewöhnliche Rundfunkprogramm eingefchoben werden. Es ist ja immerhin ein passiome- rendes Resultat, daß man einen Rundfunkredner, wenn, die geeigneten
Apparaturen zur Verfügung stehen, dem Rundfunkamateur, wenn auch nur in ganz groben Umrissen, sichtbar machen kann; der Funkbastler wird an solchen Versuchen seine Freude haben, und es ist daher durchaus zu begrüßen, wenn den Funkamateuren Gelegenheit zu solchen Versuchen gegeben wird.
Nur eine Gefahr ist vorhanden, nämlich die, daß eine den gewinnsüchtigen Interessen einzelner dienende Reklame die Erwartungen zu hoch gespannt, und daß die dann nicht ausbleibende Enttäuschung der Entwicklung der Bildtelegraphie durch Abstumpfung des Interesses für diesen einen nicht so leicht gutzumachenden Schaden zufügt. Es ist daher nützlich, wenn die Funkamateure möglichst genau über das, was gegenwärtig von den Fernsehversuchen zu erwarten ist, aufgeklärt werden. Es geschieht das am besten, wenn man davon ausgeht, wie man jedes Bild aus einer großen Zahl von Bausteinen (Bildelementen) zusammengesetzt denken kann. Bei der größten Zahl der Reproduktionstechniken in den illustrierten Zeitschriften und Zeitungen erkennt man, wenn man ein Bild mit einem Vergrößerungsglas betrachtet (bei groben Bildern ist manchmal ein solches nicht einmal erforderlich) in jedem kleinen Flächenteilchen eines Bildes eine große Zahl von dunklen Fleckchen auf hellerem Hintergründe, die größer oder kleiner sind, je nach der Helligkeitstönung des Bildes an der betrachteten Stelle. Manchmal sind es 16, manchmal 25, oft noch mehr solche Fleckchen, die in einem Quadratmillimeter gezählt werden können; man sagt, das Bild ist um so feiner gerastert, je mehr Fleckchen von richtiger Dimensionierung in der Flächeneinheit vorhanden sind. Bilder von 13 mal 18 cm zeigen schon recht gute Einzelheiten, wenn 16 solcher Bausteine auf dem Quadratmillimeter vorhanden sind, bei feinerer Rasterung können natürlich noch bessere Einzelheiten zum Ausdruck kommen. Bei 16 Bausteinen pro Quadratmillimeter besitzt ein Bild von 13 mal 18 cm bereits 234 000 Bausteine oder Bildelemente, es ist auch dann noch nicht im allgemeinen so detailreich, wie die Bilder, wie wir sie in den Kinotheatern — jedes Bild als ruhend angenommen — zu sehen gewöhnt sind. Ein solches Bild können wir heute drahtlos in einer Minute telegraphieren, feien wir optimistisch, bei Verwendung aller Finessen der Bildtelegraphie in einer halben Minute, selbst in einer viertel Minute, wenn wir uns einer einzigen Wellenlänge bedienen. Es ist bei dem heutigen Stande der Telegraphie nicht daran zu denken, diese Zeit auf */« bis Sekund« abzukürzen, auch wenn man sich einer kurzen Wellenlänge bedient (lange Wellen kommen für rasche Uebertragungsgeschwindigkeiten von vornherein nicht in Frage). Wie kann man sich nun helfen, dennoch Fernsehversuche zu ermöglichen, wenn man nicht eine Vielheit von Wellen verwenden will? Das geht eben nur, indem man die Anzahl der Bildelemente pro Bild erheblich verkleinert, z. B. auf 2000 und noch weniger verringert. Man muß sich also auf den hundertsten Teil der Einzelheiten jener Bilder beschränken, di« im allgemeinen für die praktisch« Verwendung grade ausreichen. Es ist wahr, daß man einen Kopf mit einiger Porträtähnlichkeit schon erkennen kann, wenn er aus 5000 bis 6000 Bildelementen zusammengesetzt wird, bei 2000 Bildelementen ist aber nur an eine sehr entfernte Aehnlichkeit zu denken, welche sich das Auge gelegentlich herauskonstruiert, wenn die betreffend« Persönlichkeit bekannt ist.
Auf der Basis von etwa 2000 Bildelementen pro zehntel Sekunde sind nun tatsächlich die bisherigen Fernsehversuche ausgesührt worden; laboratoriumsmäßig, also auf ganz kurz« Entfernungen konnte man wohl etwas weiter hinaufgehen, aber sobald es sich um wirkliche Fernübertragungen handelte, war man bei dem heutigen Stande der telegraphischen Technik an der Grenze angelangt, und es ist auch vorläufig gar nicht zu erkennen, wie man weiterkommen wird, ohne zu einer Vielheit von Wellenlängen und damit zu einem überaus kostspieligen und komplizierten Betriebe überzugehen. Ohne damit den Wert der Versuche anzutasten, welche bis an das Maximum des Erreichbaren heran- gegangen sind und Herangehen, ist es gut, wenn diese Feststellungen möglichst oft und möglichst laut gemacht werden, damit den Schäden der llebertreibungen des bisher Erreichten vorgebeugt wird. Es ist ein durchaus falscher Vergleich, wenn gesagt wird, bei den ersten Rundfunkversuchen hat man auch zunächst nur sehr primitive Resultate gehabt, wie wunderbar und wie rasch haben sich diese Resultate zu etwas praktisch Brauchbarem entwickelt, genau so wird es auch mit den Fernsehoersuchen sein. Als sich der Rundfunk entwickelte, etwa vor 5 bis 6 Jahren, wußte man, daß man Wellen mit Wellenlänge bis zu 1000 Meter, akustische Schwingungen bis zu 10 000 überlagern und die akustischen Schwingungen, auch bei dem Empfang auf große Entfernungen, sauber wieder trennen konnte; die Entwicklung des Rundfunks war eine Behebung nicht prinzipieller Schwierigkeiten. Etwas richtiger würde der Vergleich fein, wenn man sich etwa an den Anfang der Entwicklung der drahtlosen Telegraphie Ende der neunziger Jahre stellen würde und zur damaligen Zeit einem Propheten des Rundfunks gegenüber« getreten wäre. Man würde ihm gejagt haben: vielleicht ist das einmal bei einer späteren Entwicklung möglich, aber neue, prinzipielle Erfindungen müssen hinzutreten, um das Ziel zu erreichen. Diese Erfindungen sind für den Rundfunk gemacht worden in einer Zeitspanne von zwanzig Jahren. Können wir ohne weiteres voraussetzen, daß die für ein praktisch brauchbares Fernsehen noch ausstehenden Erfindungen sich genügend rasch einstellen werden?
Diese neuen, prinzipiellen Erfindungen, welche für ein praktisch brauchbares Fernsehen noch ausstehen, müssen sich auf einen präzisen Empfang von Hunderttausenden von Zeichen pro Sekunde mit Hilfe von einfachen und nicht zu kostspieligen Apparaturen beziehen, und ich hege die Ansicht, dies wird nur so möglich sein, daß man Wege findet, mit Hilfe einer Vielheit von kurzen Wellen ohne allzu kostspielige Methoden gleichzeitig zu arbeiten. Wenn dieses Problem zufriedenstellend gelöst wird, dann erst wird man mit großem Erfolg einen praktischen Fernfehbetrieb eröffnen können. Die bildtelegraphischen Apparaturen selbst machen keinerlei prinzipielle Schwierigkeiten, die Schwierigkeit liegt lediglich auf dem Gebiete der gewöhnlichen, drahtlosen Telegraphie.


