Schlösser in Schottland.

Von Liesbet Dill.

Wer sie an sonnigen Tagen in der frischen, grünen Landschaft, hoch und an schrosser Küste, umrauscht vom blaugrünen Meer, umgeben von sriedlichen Schasweidm und blühenden Parks, sieht, wird bezaubert sein von der ernsten, rauhen Eigenart ihrer grauen, festen Wälle, den mittelalter­lichen Zinnen und dicken Türmen. Vor Jahrhunderten erbaut, mit zer­fallenen Mauern, steinernen Wappen über dem Eingang, leeren Feuer­körben auf den öden Terrassen, eingehauen in die Felsen, wie für Die Ewigkeit gebaut und nur durch Gewalt teilweise zerstört ... grandiose Ruinen heut oder verlassene Burgen ... Aber wer ihre Geschichte erfahrt, das Leben derer, die hier lebten und in unterirdischen Verliehen umkamen, wird sich eines Fröstelns nicht erwehren. Melancholisch im Herbst bei Regen und Sturm, unter ziehenden, schwarzen Wolken, in tiefer Einsamkeit, wenn nichts mehr blüht und die abgegrasten Wiesen leer sind ...

Der Führer steigt uns voran mit einer Kerze, m die dusteren Kerker, jene eisigen Verließe, in denen man die politischen Gefangenen sichersetzte, und sie dann dem eindringenden Meerwasser überließ oder sie mit den raffiniertesten Instrumenten, die noch verrostet und festgeschmiedet an den kalten Wänden hängen, quälte, um ihnen Geständnisse zu erpressen. Wer einmal hierherkam, sah nie mehr das Tageslicht. Aus diesen dicken Mauern hörte niemand ihre Schreie ... e .. _ . ,

Einsam am Meer liegt das stolze und merkwürdige Schloß Black, ness, eine Stunde von Edinburgh entfernt, in Fels gehauen, gebaut wie ein Schiff, ein echtes Seeräuberschloh an der rauhen, steinigen Küste Schottlands ... Um die Schiffe zu täuschen, brannte man nachts Feuer ab auf seinen Terrassen und erleuchtete die Fenster und wenn die Schisse sich näherten, wurden sie geentert und ausgeraubt. Man kann sich den Schädel Anstößen beim Durchschreiten der niedrigen steinernen Türen. Der schwarze Douglas" wohnte hier und später der berüchtigte rote Gras Archibald, der schon in schottischen Balladen eine sehr Zwiespältige Rolle spielt ... In diesen Kerkern starben dieschottischen Rebellen . Sie wurden hier hingerichtet, ihr Blut färbte den grauen steinernen Hof in diesen kalten Felsenbetten schliefen sie zum letztenmal ... Trubes Meerwasser steht in den dumpsen Verließen. Aus vergitterten Fenstern blickt man weit über das rauschende Meer, das düster unter einem grauen Regenh mm l schäumt. Sieben Minister, die sich gegen Maria Stuarts Herrschaft auf­lehnten, wurden hier hingerichtell Wie Trsttansburgen aus a en Sagen stehen diese Küstenschlöller da. Grau, ernst, gotisch und schmucklos. n demCastle Linlithgow, mitten in dem Städtchen Lin­lithgow bei Edinburgh, wurde die Königin Maria Stuart geboren. Ein strenges, gotisches, ernstes Schloß, eine prachtvolle, tragische Ruine heut Gras wächst im Schloßhof, Regen rauscht aus die alte Fontane, zerfallene Bogenfenster, ein schwer dahinziehender Fluß und ein grünes, i stilles Tal Wolken ziehen dunkel über die winddurchfegte Banketthalle, I in der die schottischen Könige einst Parlament abhielten Die .Ladiessitze an den Wänden und die Galerien für die Hofdamen gähnen leer und kalt, wie der riesige steinerne Renaissancestil. Tauben slattern ängstlich umher, Schwäne schwimmen aus dem stillen Fluß, der Mnd stoßt die Türen aus I und zu- im Keller seuszt unaufhörlich eine alte Tur in rost^en Angeln. I Hier verlebte Maria ihre glücklichsten Kindertage bis sw nach. Frankreich an den Dauphin Francois vermahlt wurde, ein kurzer Auftakt »u ihrem so wenig glücklichen Leben ... Er starb nach zwei Jahren am Ohren­krebs Das Zimmer, in dem Maria Stuart geboren wurde, ist fast schwarz, 'ohne Licht. Alte Kastanien drängen ihre Zweige bis m die Fensterhöhlen in diesen Fensternischen wartete Maria auf den Vater, der mit dem Schiss den Fluß herabkam. Unwirtlich wirken diese Kemenaten I der Königin, ohne Möbel. Marias engeGebetkammer 'st noch erhalten mit dem winzigen Fensterchen, König 3atobsBathroom und Mar as Bedroom, düster und ungemütlich, graue Sieinwande starren nackt und kahl. Steinerne Kronen über den Fenstern, Kronen, die m 'hrem Leben I eine so verhängnisvolle Rolle gespielt haben, mit den Lilien Frankreich und der Rose Schottlands ... Raben flattern umher, Wendeltreppen m engen Türmen, eine dumpfe, leere Kapelle, eine dustere Küche mit dem M ft« 5

Melrose, hat Maria Stuart mit ihrem dritten Mann, Gras B othwell, 1567 residiert, das Schloß wurde attackiert von den schottischen Baronen, die Königin entfloh in Männerkleidung und traf sich mit Bothwell im Schloss Dunbar an der Küste. Aber Cromwell zwang s'° durch Artilleriefeuer, das Schloß zu Übergeben ... .

I Hoch über die verrußten Dächer und die breite Prmzenstreet Ed I burahs reckt sich trotzig, kanonengespickt, in harte Felswände gehauen, das R e s i d e n z s ch l o ß Maria Stuarts. Hierher fluchtete sich die nervo Königin, um ihren Sohn zur Welt zu bringen ... Und hier wurde de arme kleine Jam es VI. geboren, der so traurig auf allen Bildern ans sieht wie ein frühverwaistes Kind ... Der Wechsel ihrer ^'°dhaber Männer, der Kamps mit dem Reformator .K n o x- demsch° n Luther", alles war nicht dazu angetan, ihr eine friedliche Regierung zu bereiten.QueenMarys bedroom mit festen Stemwanden, so eng, d » gerade ein Bett hineinging und kaum die Wiege ihres Sohnes Hinter aufgezogenen Zugbrücken, hinter gesenkten Stacheltoren, beschützt von ihrer Garde, konnte sie wenigstens ruhig schlafen. In der ntten Norma Chapel betete sie des Abends. Blutrot leuchtet der Mohn der Soldaten kränze, die in der Totenkapelle gefallener schottischer Krieger an den Siem

I Ein Ort tragischer Erinnerungen ist das StadtschloßHoly wopd, in dem die junge Königin heimlich Hochzeit mit Lord Darnley feier Die Residenz ihres Vaters und später ihres verwaisten Sohnes James v, der nach dem Tode der Königin Elizabeth rechtmäßiger engl sty und schottischer Kronerbe wurde. Ein Ort gräßlicher Erlebnisse und blutige Taten. Die Gemäldegalerie führt in die Wohnräume Marias. In >yre

1 Schlafzimmer unter dem blutroten Sammetbett mit den grünen Sei

anonklelde Lauras hervorschauten. Wenn er aber sprach, so schwärmte er dem Mädchen vom großen Beethoven in Wien vor, so daß ihre Augen immer feierlicher wurden. .

Tanzen möchten wirl" rief die schlanke Mizzi-

Schon hatte Schubert sich die Gitarre reichen lassen, und nun zau­berten diese runden, scheinbar gar nicht recht dazu taugenden Hande I aus dem Instrumente Walzer, Ecossaisen und Ländler hervor; Garben von Musik sprühte der kleine Musikant in dm abendschattigen Festsaal. I

Fallmoser drehte die Frau Direktorin, die Naive tanzte mit dem Intriganten, der Bovivant mit der Hübschesten vorn vielen Volk, Vogl mit der Blonden im grünen Kleide. .

Laura stand seitlich bei Schubert:Und Sie, mögen Sie nit tCm3,3d)? ich muh doch Musik machen, daß die Leutln tanzen können; ich mach' immer Musik, wenn die anderen tanzen und singen und

^Da setzte sich Laura schweigend, so, daß sie seine Kunst nicht störte, I neben ihn, und er fühlte, wie sie unmerklich ihre Schulter an ihn lehnte. . . I

,Aber nun, verehrtester Herr Kammersänger, dürfen wir nun auch I Sie" bitten?" fragte in der Tanzpause Fallmoser mit einer Verbeugung, I die im ersten Wiener Salon hätte sich sehen lassen können.

Gerne, sehr gerne, Verehrtester, und nun sollen Sie schauen, wen I Sie' da in Ihrer Mitte haben!" !

Franz Schubert setzte sich mit der Klampfe auf eine moosige Fels­bank, Vogl stand neben ihm, und rund im Kreise lagerte das bunte Vagantenvölkchen, vorn Laura und die blonde Mizzi. In die lachende Heiterkeit tauchte gleich dem Abend, der sich senkte, die weihevolle Stimmung schönster Schub ertlieder. Vogl, von dem Außergewöhnlichen ergriffen, übertraf sich selbst, PyrkersHeimweh" und die Allmacht , in der die Wucht des Hochgebirqs zu dunkeln scheint, derErlkönig , und endlich Walter ScottsAve Maria" erschütterten; die Frauen strichen sich erschauernd die Augen, und auch die Männer fühlten die Gewalt der Stunde. ...., _ , ,, ,

Kein lauter Beifall, nur Händedrücken und andächtige Worte tiefer I Ergriffenheit. I

Da bemerkte Vogl, allen Dank von sich auf feinen Begleiter lenkend, in stark wienerisch gefärbter Sprechart, um selbst seiner Rührung Herr I zu werden:Ja seg'n Sie, das ist nun der Schubert Franzi, Beethovens Kronprinz und Reichsverweser, der kann das so, der macht das so I nebenher, wie wir ein Glast Heurigen trinken!"

Und griff nach dem Glas, und bald war heller Becherklang rund um den kleinen Musikanten, der am liebsten immer nur mit dem einen I Glase angestoßen hätte, dem Becher der dunklen Laura.

Aber nun, Schubert, müssen wir nach dem Watzmann schauen; es finstert schon, ich wette, er liegt schon halb in Nacht und Nebel." I

Und während das Theatervölkchen, wie befreit von einem Druck, I mit Lärm und Juchhei sich dem Faß wieder zuwandte, und der Bucklige, ehrlich aber schlecht, die Klampfe schlug, schritten Vogl und Mizzi, ge­folgt von Schubert und Laura, der Höhe zu; kaum konnte man noch I den Weg sehen.

Laura erzählte, eng an ihren Begleiter geschmiegt, von ihren wirren Lebensschicksalen.

Jst's wahr?" wiederholte Franz, der ihr den Arm vorsichtig um die Schulter gelegt hatte, mehrmals gedankenlos, denn er horchte nur auf den klingenden Wohllaut der Mädchenstimme, in der die Begeiste­rung für die große Kunst leuchtete.

Nun waren sie am Aussichtspunkt angekommen. Vor ihnen das herrliche Tal lag schon im Dunst, die Berge vorne wuchsen verdüstert immer mehr in die Höhe, aber der Watzmann und die Hohe Göll, das Hagengebirge und die Tennenberge glühten noch im rosigen Schimmer der schon versunkenen Sonne.

Vogl behauptete, er wisse weiter oben noch einen besseren Platz, und das Paar stieg allein weiter.

So sah Schubert, eng an Laura gelehnt, deren hingebende Zärtlich­keit er bebend empfand, und sah das Glühen der Alpen langsam in Nacht versinken; wie ein Wirbel überkam ihn plötzlich der Wunsch, dies schöne Wesen, dessen ernste Augen auf ihn warteten, an sich zu reißen, zu besitzen, glücklich zu sein. Aber da überbrauste ihn auch schon wieder der leidige Begleiter seiner letzten Jahre, der Kopfschwindel, dies schreck­liche Gefühl, in endlose Abgründe zu stürzen, diese beklemmende, we­senlose Angst, die ihn so oft ergriff, wenn er das nahe Glück halten wollte. Es war ihm, als ob er in einen eiskalten Brunnen versinke.

Linkisch, mit Hast, erhob er sich, ganz verstört von seiner Hilflosigkeit, küßte dem erschreckten, ratlosen Mädchen leidenschaftlich die Hände, küßte auch einmal zart die kühle, blasse Schulter, lief den Weg, den Vogl gegangen war, wie verstört ein paar Schritte in die Höhe, und, weil ihm in seiner Verwirrung nichts Besseres einfiel, rief er:Herr Vogl, Herr Vogl, das Kalefch'l wartet doch, da ham'mer drauf oergeffen!"

Vogl erschien in bester Laune, ein wenig verwundert, Mizzi schmollte; kaum konnte der Kammersänger seiner Begleiterin schönsten Dank und Abschiedsworte für den Herrn Direktor auftragen, so flüchtete Schu­bert davon. . ,

Am Portal von Hellbrunn war der Wagen verschwunden, so daß die beiden zu Fuß nach Salzburg zurück mußten.

Unter den gewaltigen Ulmen schritten sie; Schubert summte und brummte eine stürmische Symphonie in die kühle Nachtluft, von rechts und links holte er mit jähen Handbewegungen die Stimmen heran.

Vogl lauschte stillzufrieden. Als der Musikant einen Augenblick schwieg, äußerte der Kammersänger wie beschwichtigend:AK, wissen's, Schubert, mit den Madeln ist es nicht viel; solch ein Alpengebirg, ein machtvolles Talbild, ein tiefer Sternenhimmel und vor allem Ihre gött­liche Kunst sind doch viel mehr; es ist nichts mit den Madeln!"

Ja schon, wann mer sie hat!" sagte Franz Schubert halblaut, als spräche er mit sich selbst, und lieh seine geweiteten Blicke ins Gewühl ber Sterne sinken.