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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang X929 Montag, den 26. August Rümmer 66
Bruchlinie.
Von Theodor Kramer.
Droben auf den krummen Leiten grüne Stauden, Klee und Wein; drunten sind die flachen Weiten gelb und blau von Korn und Lein. Schlingkraut fällt in staubiger Welle steil herab den Bruch und Rand; gleichen Weg in blasser Helle zieht des Stromes seichtes Band.
Im Gehostkreis schafft der Bauer droben wie von altersher, schärft die Sense, müht der Hauer sich im Weinberg krumm und schwere drunten hausen große Schuppen, kargt der eingefaßte Bach, folgt die Binderschar in Gruppen stumm den Mähmaschinen nach.
Große Ziegelöfen fressen an der Leiten steilem Rand, blaue Keller ruhn vergessen eingebaut im Lehm der Wand. Auf den blauen Bretterbänken Längs der Straße rücken sacht Land und Leute, die die Senke trennt, zusammen kurz vor Nacht.
Schubertiade in Heübrunn.
Von Carl Ferdinands.
Ein Einspänner kam gemütlich von Salzburg her angezottell und hielt vor dem weit osfenstehenden Portal der Gärten des ehemaligen bischöflichen Schlosses Hellbrunn. Ihm entstiegen die beiden Fahrgäste, bedeuteten dem gutwillig nickenden Kutscher, daß er eine halbe, höchstens dreioiertel totuntren zu warten brauche, um die ausbedungene Fahrt nach Hallein und weiter nach Berchtesgaden mit ihnen sortfstzen zu können, und begaben sich, ohne auf die barocken Brunnenkünste groß zu achten, tiefer in den Park.
Der Aeltere würdevoll, mit abgewogenen Schritten, denen die Bühne nicht fremd zu sein schien; der andere gedrungen, neben seinem Genossen klein, den Hut in der Hand, die feinumlockte Stirn mit Schweißperlchen bedeckt, etwas kurzatmig, betrachtete durch seine Brille den verwilderten Garten mit seinen Unklaren, quillenden Wassern, spielenden Fischen, bewegten Baumgruppen, spiegelnden Marmorbildern und hoch geschossenen Grasbüscheln fröhlich, fast übermütig, wie sich das von selbst verstand, wenn man, wie der kleine Musikus Franz Schubert und der Kammersänger Johann Michael Vogl im Stiftskeller von St. Peter zu Salzburg sorgfältig und umständlich nach der besten Sorte Terlaner gesucht hatte.
„Nu bitt ich schon, Herr von Vogl, ist das zu glauben? Heut früh das getrübte Nebelwetter und heut nachmittag dieser allerschönste Herbst, köstlich wie reifende Trauben!"
, „Und vor allen Dingen wir, Schubert, wieder aus den Abgründen unserer Regenstimmung gestern in der heitersten Sonne gebadet! Schwingenstark gleich jungen Adlern!"
Schubert streichelte die Astern, die in ungebändigten Garben über die Wege hingen, mit zärtlichen Händen und ließ zustimmend, in losem Gespräch, die letzten Monate vorübergleiten, diese Monate der Gesundung in Steyr, Linz und Gemünden, die Pracht der Landschaft und die Herzlichkeit der Menschen, das Haus des guten Traweger und des Herrn Hofrats Schiller, des Monarchen im Salzkammergut.
„Und schaunF," fuhr er fort, während sie entzückt in die Allee von uralten Fichten einbogen, „schauns, das ist kein Land, das ist ein Garten, ein meilenweiter Garten, voll von unzähligen Schlössern und Gütern, die aus Bäumen herausschauen, und dazwischen dies Wasser, quellrein Überall, und Wiesen und Aecker, wie ebenso viele Teppiche von den schönsten Farben, und das alles von der unabsehbaren Reihe der Berge umschlossen, als wären sie die Wächter dieses himmlischen Tals;, und all das darf man genießen, schlürfen wie den Besten beim Kreuzwirt!"
Während Vogl zu dem Empsindungsstroin seines Begleiters nur
bestätigend nickte, betrachteten die beiden die weißleuchtende, turmhohe Burg Goldenstein, die in dem Durchblick zwischen den Fichten wie ein« Opemkulisse vor dem dunklen Berghang aufragte.
So langten sie an einem Kreuzweg an, der die Baumreche schnitt.
„Wenn ich mich recht erinnere," bemerkte Vogl, „führt hier rechts der Weg zu der Watzmann-Aussicht und dem kuriösen Melstheater hinauf, wo Mozart noch für seinen zornwütigen Bischof die Divertissimente dirigiert hat!"
„Aber sehen Sie bloß das, solch «in Baum!" ereiferte sich der klein« Musikus und zog den Sänger zur nächsten Fichte.
Lachend wie Kinder versuchten sie mit den ausgespannten Armen, sich die Hände reichend und sich mit Inbrunst an di« rauhe Rinde des Stammes anpresssnd, den Riesen zu umfasten, aber es gelang nicht einmal zur Hälfte.
„Sieh einer den Kerl!" redete Schubert in den Baum hinein, „da reicht's nit mit dem Herrn von Vogt und dem Bertl, da mühten wir noch den Schober und den Kupelwieser und den Schwind dabei haben, der mit seinen langen Aerm' würd'? grade zu Weg kriegen, den Ring zu schließen! Und so eine Macht und Pracht steht aufrecht Jahrhunderte und weiß nichts von Sorge und Not und alltäglicher Plage, brauchts nur schön und groß zu sein, in Sonne und Sturm!"
Während die beiden Herren ihren Eifer ganz beim Abmesten hallen, waren unvermerkt zwei junge Frauen vorübergegangen in der Richtung auf das Felstheater zu, beide mit Körben am Arm, die offenbar für ein Picknick bestimmt waren. Die Größere, Blonde, bog sich nun mit der Zierlicheren um und sagte mit tragender Stimme, laut genug, daß die maßnehmenden Herren es hören konnten: „Ist es nun in aller Welt nötig, Laura, daß sich zwei ansehnliche Mosjehs krampfhaft bemühen, eine alte Fichte zu umarmen, und ist doch so viel Besseres im Land, wenns sein muß!"
Da ließen Schubert und Vogl zu gleicher Zeit den Baum los und schauten.
„Hm, ein, göttliches Bildchen!" ließ sich der Sänger zuerst vernehmen. Und wirklich, wie die sonnige Blondheit der Hochgewachsenen, Ne ein grüntaftenes, gebauschtes Gewand trug, mit dem perlgrauen bescheidenen, enganliegenden Kleidchen der Dunklen zusammenklang, das war hübsch zu sehen.
Aber schon waren die Mädchen beschleunigten Schrilles hinter den Bäumen verschwunden. Ohne viel Worte eilte Vogl ihnen nach, so daß Schubert alle Mühe hatte, nicht zurückzubleiben.
Die köstliche Herbstsonne erleichterte das Bekanntwerden; als der Weg anstieg, hatten sich die Männer schon unter viel Gelächter mit den Körben beladen, während ihre Begleiterinnen kichernd ihnen eine recht« Ueberraschung versprachen.
Plötzlich tat sich der Blick auf das Felstheater auf; ein.Raum rote ein mächtiger Krönungssaal, von Buchen und Ahorn beschattet, vom blauen Herbstnachmittagshimmel Überspannt, umgrenzt vom zackigeiy dunkelgrünen Stein, den Geisblatt und Efeu mannigfach umsponnen, zeigte auf der etwas erhöhten Bühne «ine krause Gesellschaft tafelnder, lustiger, lauter Menschen. Da lag ein umkränztes Faß, da standen auf buntem Tuch Brot und allerhand Guglhopf und Kuchen, da hockte gerade ein Buckliger auf einem Steinbrocken und sang ein schmachtendes Liebesliedchen im Wiener Ton. Schauspieler in phantastischen Umwürfen, eine Heldenmutter, ein mit einem Lorbeerkranz geschmückter Direktor, viel Volk.
„Wir sind nämlich die Trupp' von Direktor Fallmoser und feiern den Namenstag von ihm, wissen's!" flüsterte die hübsche Grane krem Franz Schubert zu, als sie ihm dankend den Korb abnahm.
Mizzi, di« große Blonde, rief übermütig: „Hier, Fallmoser, bringen wir, was uns heut fehlt, 's Publikum!"
Aber der Herr Direktor schaute einmal scharf unter seinen buschigen Brauen die Ankömmlinge an, dann erhob er sich, ging auf den Sänger zu und sagte mit feierlichem Kratzfuß: „Wir müßten nit in der Wienerstadt gewesen fein, um den Herrn Kammersänger, den Herrn von Vogl, nicht zu kennen! Grüß Sie Gott in der Klausen hier und tun Sie, als ob Sie z'Haus wären, zuviel Ehr!"
Bogl fühlte sich von achtungsvollen Blicken gestreift, tauchte eine Sekunde in die etwas verwunderten Angen der schlanken Mizzi, vergaß seinen Begleiter vorzustellen, und bald saßen die beiden mitten im fröhlichen Lärm des Festes.
Pfropfen knallten, Gläser wurden gefüllt, und di« Gesellschaft belustigte sich sehr über die andächtige Baumumarmung der beiden Herren. Schukrert saß, ohne sein Glas zu vernachlässigen, in gemessenem Abstand neben Laura, blinzelte in das Gold der finkenden Sonne, das oben im Herbstlaub funkelte, horchte auf bi« Liederchen und Gedichte, die der «ine nach dem anderen uortrug, klatschte mit seinen kurzen, fleischigen Händen Beifall und betete still für sich die «delgeformtcn Schultern an, die bescheiden, schneeweiß und lllienrein aus dem Mi-


