Ausgabe 
26.7.1929
 
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Sonderbar!" lachte er,so näh' war! !Hr einanderk aber fahr fort* Johannes erzählte nun, wie sie glücklich durch P. und über die Grenze gekommen.

Von da an hatten sie sich als wandernde Handwerksburschen durchge­bettelt bis Freiburg im Breisgau.Ich hatte meinen Brotsack bei mir," sagte er,und Friedrich ein Bündelchen; so glaubte man uns." In Freiburg hatten sie sich von den Oesterreichern anwerben lassen: ihn hatte man nicht gewollt, aber Friedrich bestand darauf. So kam er unter den Train.Den Winter über blieben wir in Freiburg," fuhr er fort,und es ging uns ziemlich gut; mir auch, weil Friedrich mich oft erinnerte und mir half, wenn ich etwas verkehrt machte. Im Frühling mußten wir marschieren, nach Ungarn, und im Herbst ging der Krieg mit den Türken los. Ich kann nicht viel davon nachsagen, denn ich wurde gleich in der ersten Affäre gefangen und bin seitdem sechsundzwanzig Jahre in der türkischen Sklaverei gewesen!"Gott im Himmel! das ist doch schreck­lich!" sagte Frau von S.Schlimm genug, die Türken halten uns Christen nicht besser als Hunde; das Schlimmste war, daß meine Kräfte unter der harten Arbeit vergingen; ich ward auch älter und sollte noch immer tun wie vor Jahren."

Er schwieg eine Weile.

Ja," sagte er dann,es ging über Menschenkräfte und Menschen­geduld; ich hielt es auch nicht aus. Von da kam ich auf ein holländisches Schiff."Wie kamst du denn dahin?" fragte der Gutsherr.Sie fischten mich auf, aus dem Bosporus", versetzte Johannes. Der Baron sah ihn befremdet an und hob den Finger warnend auf; aber Johannes erzählte weiter.

Auf dem Schiffe war es ihm nicht viel besser gegangen.Der Skor­but riß ein; wer nicht ganz elend war, mußte Über Macht arbeiten, und das Schiffstau regierte ebenso streng wie die türkische Peitsche."

Endlich," schloß er,als wir nach Holland kamen, nach Amsterdam, ließ man mich frei, weil ich unbrauchbar war, und der Kaufmann, dem das Schiff gehörte, hatte auch Mitleiden mit mir und wollte mich zu feinem Pförtner machen. Aber" er schüttelte den Kopfich bettelte mich lieber durch bis hierher."Das war dumm genug", sagte der Gutsherr. Johannes seufzte tief:O Herr, ich habe mein Leben zwischen Türken und Ketzern zubringen müssen, soll ich nicht wenigstens auf einem katholischen Kirchhofe liegen?" Der Gutsherr hatte seine Börse ge­zogen:Da, Johannes, nun geh und komm bald wieder. Du mußt mir das alles noch ausführlicher erzählen; heute ging es etwas konfus durch­einander."

Du bist wohl noch sehr müde?"Sehr müde," versetzte Johannes; und," er deutete auf seine Stirn,meine Gedanken sind zuweilen so furios, ich kann nicht recht sagen, wie es so ist."Ich weiß schon," sagte der Baron,von alter Zeit her. Jetzt geh. Hülsmeyers behalten dich wohl noch die Nacht über, morgen komm wieder."

Herr von S. hatte das innigste Mitleiden mit dem armen Schelm; bis zum folgenden Tage war überlegt worden, wo man ihn einmieten könne; effen sollte er täglich im Schlosse, und für Kleidung fand sich auch wohl Rat.Herr," sagte Johannes,ich kann auch noch wohl etwas tun; ich kann hölzerne Löffel machen, und Ihr könnt mich wohl auch als Voten schicken."

Herr von S. schüttelte mitleidig den Kopf:Das würde doch nicht son­derlich ausfallen."O doch, Herr, wenn ich erst im Gange bin es geht nicht schnell, aber hin komme ich doch, und es wird mir auch nicht sauer, wie man denken sollte."Nun," sagte der Baron zweifelnd, willst du es versuchen? hier ist ein Brief nach P. Es hat keine sonder­liche Eile."

Am folgenden Tage bezog Johannes fein Kämmerchen bei einer Witwe im Dorfe.

Er schnitzte Löffel, auf dem Schlosse und machte Botengänge für den gnädigen Herrn. Im ganzen ging es ihm leidlich; die Herrschaft war sehr gütig, und Herr von S. unterhielt sich oft lange mit ihm über die Türkei, den österreichischen Dienst und die See.

Der Johannes könnte viel erzählen," sagte er zu seiner Frau,wenn er nicht so grundeinfältig wäre."Mehr tiefsinnig als einfältig," ver­setzte sie;ich fürchte immer, er schnappt noch über."Ei bewahre!" antwortete der Baron,er war sein Leben lang ein Simpel; simple Leute werden nie verrückt.

Nach einiger Zeit blieb Johannes auf einem Botengänge über Ge­bühr lange aus. Die gute Frau von S. war sehr besorgt um ihn und wollte schon Leute aussenden, als man ihn die Treppe heraufstelzen hörte.

Du bist lange ausgebtieben, Johannes," sagte sie:ich dachte schon, du hättest dich im Brederholz verirrt."

Ich bin durch den Föhrengrund gegangen."

Das ist ja ein weiter Umweg; warum gingst du nicht durchs Bre­derholz?"

Er sah trübe zu ihr auf:Die Leute sagten mir, der Wald sei gefällt, und jetzt feien so viele Kreuz- und Quermege darin, da fürchtete ich, nicht wieder hinauszukommen. Ich werde alt und duselig", fügte er langsam hinzu.Sahst du wohl," sagte Frau von S. nachher zu ihrem Manne, wie verwunderlich und quer er aus den Augen sah? Ich sage dir, Ernst, das nimmt noch ein schlimmes Ende."

Indessen nahte der September heran. Die Felder waren leer, das Laub begann abzufallen, und mancher Hektische fühlte die Schere an seinem Lebensfaden. Auch Johannes schien unter dem Einflüsse des nahen Aequinoktiums zu leiden; die ihn in diesen Tagen sahen, sagen, er habe ausfallend verstört ausgesehen und unaufhörlich leise mit sich selber geredet, was er auch sonst mitunter tat, aber selten. Endlich tarn er eines Abends nicht nach Hause. Man dachte, die Herrschaft habe ihn verschickt; am zweiten auch nicht; am dritten Tage ward feine Hausfrau ängstlich. Sie ging ins Schloß und fragte nach.Gott bewahre," sagte der Gutsherr,ich weiß nichts von ihm, aber geschwind den Jäger ge­rufen und Försters Wilhelm! Wenn der armselige Krüppel," setzte' er be­wegt hinzu,auch nur in einen trockenen Graden gefallen ist, so kann

?k nicht wieder Heraus. Wer weiß, ob er nicht gar eines von feiner schiefen Beinen gebrochen hat! Nehmt die Hunde mit," rief er den ab- ziehenden Jägern nach,und sucht vor allem in den Gräben; seht in dis Steinbrüche!" rief er lauter.

Die Jäger kehrten nach einigen Stunden heim; sie hatten keine Spur gefunden. Herr von S. war in großer Unruhe:Wenn ich mir denke dak einer so liegen muß wie ein Stein, und kann sich nicht Helsen! Aber er kann noch leben; drei Tage hält es ein Mensch wohl ohne Nahrung aus." Er machte sich selbst auf den Weg; in allen Häusern wurde nach- gefragt, überall in die Hörner geblasen, gerufen, die Hunde zum Suchen angehetzt umsonst! Ein Kind hatte ihn gesehen, wie er am Rande des Brederholzes saß und an einem Löffel schnitzelte;er schnitt ihn aber ganj entzwei", sagte das kleine Mädchen. Das war vor zwei Tagen ge­wesen. Nachmittags fand sich wieder eine Spur: abermals ein Kind, das ibn an der anderen Seite des Waldes bemerkt hatte, wo er im Gebüsch gesessen, das Gesicht auf den Knien, als ob er schliefe. Das war noch am vorigen Tage. Es schien, er hatte sich immer um das Brederholz Herum­getrieben.

Wenn nur das verdammte Buschwerk nicht so dicht märe! da kam, keme Seele hindurch", sagte der Gutsherr. Man trieb die Hunde in den jungen Schlag; man blies und hallote und kehrte endlich mißvergnügt heim, als man sich überzeugt, daß die Tiere den ganzen Wald abgesucht hatten.Laßt nicht nach! laßt nicht nach!" bat Frau von S.; .besser em paar Schritte umsonst, als daß etwas versäumt wird." Der Baron war fast ebenso beängstigt wie sie. Seine Unruhe trieb ihn sogar noch Johannes' Wohnung, obwohl er sicher war, ihn dort nicht zu finden Er ließ sich die Kammer des Verschollenen aufschließen. Da stand sein Bett noch ungemacht, wie er es verlassen hatte, dort hing sein guter Rock den ihm die gnädige Frau aus dem alten Jagdkleide des Herrn hatte machen lassen; auf dem Tische ein Napf, sechs neue hölzerne Löffel und eine Schachtel.

Der Gutsherr öffnete sie; fünf Groschen lagen darin, sauber in Papier gewickelt, und vier silberne Westenknöpfe; der Gutsherr betrachtete sie aufmerksam.Ein Andenken von Mergel", murmelte er und trat hinaus, denn ihm ward ganz beengt in dem dumpfen, engen Kämmerchen.

Die Nachforschungen wurden fortgesetzt, bis man sich überzeugt hatte, Johannes sei nicht mehr in der Gegend, wenigstens nicht lebendig.

So war er denn zum zweiten Male verschwunden; ob man ihn wie­derfinden würde vielleicht einmal nach Jahren feine Knochen in einem trockenen Graben? Ihn lebend wiederzusehen, dazu war wenig Hoffnung, und jedenfalls nach achtundzwanzig Jahren gewiß nicht.

Vierzehn Tage später kehrte der junge Brandis morgens von einer Besichtigung feines Reviers durch das Brederholz heim. Es war ein für die Jahreszeit ungewöhnlich heißer Tag; die Luft zitterte, kein Vogel fang, nur die Raben krächzten langweilig aus den Aesten und hielten ihre offenen Schnäbel der Luft entgegen. Brandis war sehr ermüdet. Bald nahm er seine von der Sonne durchglühte Kappe ab, bald setzte er sie wieder auf. Es war alles gleich unerträglich, das Arbeiten durch den kniehohen Schlag sehr beschwerlich. Ringsumher kein Baum außer der Judenbuche. Dahin strebte er denn auch aus allen Kräften und ließ sich tod­matt auf das beschattete Moos darunter nieder. Die Kühle zog so an­genehm durch seine Glieder, daß er die Augen schloß.

Schändliche Pilze!" murmelte er halb im Schlaf. Es gibt nämlich in jener Gegend eine Art sehr saftiger Pilze, die nur ein paar Tage stehen, dann einfallen und einen unerträglichen Geruch verbreiten. Bran­dts glaubte, solche unangenehmen Nachbarn zu spüren, er wandte sich ein paarmal hin und her, mochte aber doch nicht auf stehen; sein Hund sprang unterdessen umher, kratzte am Stamme der Buche und bellte hinaus. Was hast du da, Bello? eine Katze?" murmelte Brandis. Er öffnete die Wimper halb und die Judenfchrift fiel ihm ins Auge, sehr ausge­wachsen, aber doch noch ganz kenntlich. Er schloß die Augen wieder; der Hund fuhr fort zu bellen und legte endlich feinem Herrn die kalte Schnauze ans Gesicht.

Laß mich in Ruh! was hast du denn?" Hierbei sah Brandis, wie er so auf dem Rücken lag, in die Höhe, sprang dann mit einem Satze auf und wie besessen ins Gestrüpp hinein.

Totenbleich kam er auf dem Schlosse an: in der Judenbuche hänge ein Mensch; er habe die Beine gerade über seinem Gesicht hängen sehen. Und du hast ihn nicht abgeschnitten, Esel?" rief der Baron.

Herr," keuchte Brandts, wenn Ew. Gnaden dagewesen wären, so wüßten Sie wohl, daß der Mensch nicht mehr lebt. Ich glaubte anfangs, es seien die Pilze!" Dennoch trieb der Gutsherr zur größten Eile und zog selbst mit hinaus.

Sie waren unter der Buche angelangt.Ich sehe nichts", sagte Herr von S.Hierher müssen Sie treten, hier, an diese Stelle!" Wirk­lich, dem war so: der Gutsherr erkannte feine eigenen abgetragenen Schuhe.

Gott, es ist Johannes! Setzt die Letter an! so nun her­unter! sacht, sacht! laßt ihn nicht fallen! Lieber Himmel, die Würmer sind schon daran! Macht dennoch die Schlinge auf und die Hals­binde." Eine breite Narbe ward sichtbar, der Gutsherr fuhr zurück.

Mein Gott!" sagte er; er beugte sich wieder über die Leiche, be­trachtete die Narbe mit großer Aufmerksamkeit und schwieg eine Weile in tiefer Erschütterung.

Dann wandte er sich zu den Förstern:Es ist nicht recht, daß der Unschuldige für den Schuldigen leide; sagt es nur allen Leuten: der da' er deutete auf den Totenwar Friedrich Mergel."

Die Leiche ward auf dem Schindanger verscharrt.

Dies hat sich nach allen Hauptumständen wirklich so begeben im September des Jahres 1788.

Die hebräische Schrift an dem Baume heißt:

Wenn du dich diesem Orte nahest, so wird es dir ergehen, wie da mir getan hast."

Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brühl'sche Llniverf itäts-Duch- und Steindruckerei, 2L Lange, Gießen.