Ausgabe 
26.7.1929
 
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zu bohren. Mit zitternden Händen griff er La nach den Schläfen, und sekundenlang schien es ihm, als mühte er wahnsinnig werden.

Er verlieh das Bett und trat in die von Sternen erhellte Nacht.

Ganz leise senkte es sich wie ein Nebelschleier auf seine Lider und verschaffte ihm das Gefühl eines sanften, wohltuenden Rausches, denn der mächtige Nußbaum, der seine Aeste weithin unter dem Baldachin des Rachthimmels dehnte, klang im Hauche des sommerlichen Windes wie lebende Musik. Eine wunderbare, traumhaft verfließende Symphonie von Schalmeien, Harfen, Lauten und Violen strömte aus ihm hervor, man vermeinte die Liebkosung weicher Frauenhünde zu spüren, hörte den Atem der Brise, die über die Segel streicht, und den Seufzer des weiten, halmschweren Landes.

Und so verbrachte er die letzte Spanne seines traurigen und ent­behrungsreichen Daseins zwischen der lebenden Wirklichkeit und einer berauschenden Phantasiewelt.

Wenn aber des Morgens die Dreher und Erdarbeiter an seinem Häuschen vorbeitrotteten und ihm zuriefen:Verdoni, wirft du uns bald schon deinen Schatz lassen?", da betrachtete er seine harten schwieligen Hände, die einst, bevor er seinen Handel im Tag begonnen, auch mit dem Werkzeug zu hantieren verstanden, und eine quälende Bitterkeit zog die Winkel seines Mundes noch tiefer hinab. Denn sein Reichtum war nicht in seinem Schrein verborgen, wie alle seit dem Tage glaubten, da er, mit Wasser und Hunger sich begnügend, seine karge Brotration noch mehr geschmälert hatte, sondern in der Glorie seines wunderbaren Baumes, der zur Sommerneige voll reifer Nüsse war, in diesem Baum, der einzig und allein nur ihm gehörte, und zu dem der Weg nur über seine Leiche ging.

Im folgenden Spätsommer prangte der Nußbaum wieder in seiner ganzen Schönheit, aber Verdoni war bereits ein vertrockneter, zitternder Greis, auf dessen Haupte nur noch spärlich die Haare standen. Er schlich herum mit jener herben Mundfalte, die seine Mutter vor dem Sterben hatte, sein Atem ging schwer und versagte manchmal ganz, die Füße glitten ihm nur langsam wie auf einem Teppich dahin. Der Baum stand aufrecht und trotzig unter dem Himmelszelt, er aber ging schwer und ge­bückt auf der Erde; jener schien nach den Sternen zu langen, er aber suchte da unten sein Grab: lehnte an dem Stamme seines geliebten Nußbaumes und zählte dessen Zweige, als wollte er ihn ganz in sich aussaugen, mit jenem unnennbaren Gefühl, das, Lust und Angst zugleich, seine Seele im Tiefsten erschütterte und ihm Balsam und Wegzehrung für die letzten Tage war.

In der Nacht zum 4. September brach ein furchtbares Unwetter los.

Auf Windesflügeln schnaubte es von den Bergkuppen heran und ent­fesselte sich pfeifend und heulend über dem Talbecken und der Pfarre, senkte sich auf die Weingärten, streifte die Reihen der Robinien, beugte die hohen Birken, riß an den Aesten der Linden und Erlen, zauste die Myrten und strich über die User des Flusses mit mächtigerem Lärm als selbst das Rauschen des Wassers am Wehr.

Der ganze Himmel von Ost nach West erfüllte sich mit jagenden Wolken, die von grell aufzuckenden Blitzen gespensterhaft erleuchtet wur­den. Die Häuser übergossen sich gelb und purpurviolett, flammten auf wie brennende Scheiterhaufen, sprühten Funken wie zerschellte Fackeln.

Das ganze kleine Dorf mit seinen sestverschlossenen Türen und Fen­stern glich einem Friedhof ohne Kreuze.

Schlag auf Schlag erschütterte die Himmelswölbung, fauste nieder auf die von Gräben durchwühlten Felder, ließ die Heuhaufen reihenweise verschwinden und erfüllte die Luft mit dem stickigen Qualm versengten Grases.

Und dann ein letzter, grauenhaft gewaltiger Blitz, einer, bei dessen Ausflammen das Herz wie in Todesangst erbebte. Mit phosphoreszieren­dem Leuchten durchschnitt es das wolkenstarrende Firmament, schlug ein in den Wipfel des großen Nußbaumes, entfaltete auf dessen Spitze einen feurigen Kranz, machte aus ihm einen strahlenden Pavillon und goß in die Ruine dieser Herrlichkeit einen Strahl eisigkalten Wassers aus einer geborstenen Wolke.

Als das Toben der Elemente vorüber war, sah man den stolzen Nuß­baum, der so lange den Kirchturm überragt hatte, nicht mehr.

Da liefen die Leute herbei und sprangen über die Planke in das Gärtchen. Aber die knochigen Hände, die nach dem Schrein mit dem vielen Gelde suchten, fanden nichts als die Asche Franeeseo Verdonis, die unter seinem Baum wie in einer Urne lag.

(Aut. Uebersetzung aus dem Italienischen.)

Dsr Bildnismaler Tischbein.

Zur 1S0. Wiederkehr seines Todestages.

Von Frank L y s k i r ch e n.

Zur Feier des Tages seiner Sommerankunft in seinem Schlosse zu Eutin hatte der Herzog Peter von Oldenburg auf dem breiten Nasen­platze unter den Platanen eine bunte Kaffeetafel aufstellen lassen und seine Eutiner Freunde geladen; unter den anderen Gästen, der anmutigen Gräfin Holmar, dem Fräulein von Maltzahn, dem Leibmedikus Hell­wag und noch einigen Gelehrten, bewegte sich in.seiner lebhaften und von langem Jtalienaufenthalt beeinflußten Weise, immer redend, genießend, immer vom Kleinsten und Größten beglückt, Meister Wilhelm Tisch­bein, der kernhafte Hesse, den eine weite Lebenswanderschaft über Hamburg, Holland, Rom, Neapel, Kassel endlich nach Eutin geführt hatte, wo er, mit feinem Verständnis vom Herzog gefördert, seine Malerpläne in behaglicher Ruhe verwirklichen durfte.

Seine natürliche Begabung, ein Gesvräch lebendig zu führen und zu beherrschen, ließ bald die andere Gesellschaft fast verstummen. Der Herzog lehnte sich in seinen Sessel zurück, genoß versonnen die blauen Durchblicke aus die Holsteiner Berge zwischen den Baumgruppen, schmunzelte in seiner leisen Art und warf hier und da ein Wort in die Unterhaltung.

Tischbein ließ sich nicht stören; er wickelte aus einem Seidenpapier einen antiken geschnittenen Stein, zeigte ihn vor, betrachtete ihn und ihn am Tische rundwandern:Dies ist mein wertvollster Kunstbesitz auf

Erden, für dies Stück hat der russische Kaiser durch Puschkin 10 000 Taler bieten lassen, und Napoleon wäre noch höher gegangen, wenn ich dem Korsen nicht kurz und bündig die Unverkäuflichkeit hätte erklären lassen. Einer der größten Künstler hat diesen Stein geschnitten, alles ist sanft wie ein Gemälde, kein pralles Weih auf Schwarz, sondern bildhaft und perlfarbig. Bei größter Genauigkeit der Formen und bestimmtem Umriß find die Muskeln doch nicht steinern, sondern weich, sie scheinen sich zu bewegen. Sehen Sie, es ist Pan, der Große Gott, der weise Kenner der Welt, der Liebhaber der Erde, mit WeinfchlaUch und Leopardenfell, von zwei springenden Böcklein begleitet. Sehen Sie den zugleich tiefsinnigen und heiteren Ausdruck des Kopfes, und wie er zu den Tieren zurück- zwinkert! Und diese erst, man glaubt sie meckern zu hören!"

Der Herzog hatte sich ein Vergrößerungsglas bringen lassen und be­trachtete genießerisch die Schönheiten des Stückes.

Ich bin überzeugt," schloß Tischbein seine begeisterte Rede,daß dieser Pankopf ein Porträt ist, ein Bildnis, das der begnadete Künstler von einem seiner liebsten Freunde und Zechgenosfen schuf, der selbst ein großer Dichter oder Philosoph war!"

Ich möchte das auch, glauben," sagte der Herzog aufstehend,aber nun, mein lieber Meister, erzählen Sie uns einmal, welches Bildnis Ihnen am schwersten geworden ist. Man erzählt sich, und ich hatte oft Gelegenheit, Ihre Geschicklichkeit zu bewundern, daß Sie in ein paar halben Stunden Ihre Bildnismeisterwerke schaffen. Welches wurde Ihnen am fchwersten?"

Eine Weile schaute Tischbein in das zackige Laub der Platanen und schwieg, er folgte mit dem Blick einem Fliegenschnäpper, der immer wie­der mit einem hellen Pfiff sich von seinem Aestchen in die Sommerluft warf, um eine Mücke oder einen Käfer zu fangen, dann begann er zu erzählen.

Es sind zwei Porträts, die mir die meiste Sorge gemacht haben, eins, das mir meine Künftlerlaufbahn erst eröffnen sollte, und ein zweites, das zu schaffen mein höchstes Glück war, eine heilige Aufgabe, ein Gebet. Als ich noch ein blutjunger Anfänger war und noch nicht gewagt hätte, mich einen Porträtmaler zu nennen, kam ich auf meiner Fahrt nach Holland in Bremen in ein Gasthaus. Ein junger Mann, den ich kennen lernte und zeichnete, empfahl mich einem Ratsherrn, der, wohl mehr des Scherzes halber, feine jchöne Frau von mir malen lassen wollte. Ich war damals ein Bürschlein, noch halb in den Kinderschuhen, und beim Anblick eines schlankgewachsenen Mädchens konnte ich das Atem vergessen. Hier aber geriet ich außer mir; als die Frau des Rats­herrn mir in der Gesellschaft entgegentrat, blieb ich, sie anstarrend, stehen und wurde erst durch die lachende Bemerkungen der anderen Gäste aus meiner Verzückung erweckt, mit der ich dieses wundervolle Menschen­wesen betrachtete. Die Dame nahm meine stumme Huldigung lächelnd hin, der nächste Morgen wurde zur Porträfsttzung bestimmt. Ich wartete, sie erschien und setzte sich, wie sie es für gut hielt. Ich sah, daß das Licht denkbar ungünstig falle und daß ihre göttliche Schönheit geradezu gefchädigt sei, war aber so ergriffen und benommen, daß ich nichts zu sagen wagte, sondern wo Licht war, malte ich Schatten und wo Schatten war, schuf ich Licht. Alles gestaltete sich um, wie im Rausch, diese heilige Schönheit festzuhalten. Nachher kam der Ratsherr und feine Freunde und alle waren einig, daß sie niemals ein so ähnliches Bildnis gesehen hätten. Ich schwieg und erst, als ein Kunstsachverständiger kam, muhte ich meine Kühnheit des Lichtwechsels zugeben. Dies Bild eröffnete mir eigentlich meine Laufbahn. Seitdem habe ich Hunderte von schönen und berühmten Frauen gemalt, Königinnen und Herzoginnen, die verführe­rische Lady Hamilton in Neapel und die zarte Angelika Kaufs­mann in Rom, liebliche Mädchen und gefurchte Greisengesichter, aber feines hat mir solchen bebenden Stolz und solche jubelnde Hoffnung ge­währt, wie das Bildnis der schonen Ratsfrau in Bremen, die zum Leben ähnlich wurde, obwohl ich sie in meinem eigenen Lichte sah.

Und das zweite Bildnis war das eines Mannes; eines Mannes, den ich von allen Menschen am höchsten verehrte, dessen Freundschaft in meinem Leben, wenn ich es recht bedenke, die tiefsten Spuren hinterlieh, obwohl man sie auf den ersten Blick nicht einmal so merkt: Goe­thes. Als er anno 1786 eines Morgens in Rom in mein Zimmer trat und mich in einer Stunde so ganz mit seinem Wesen erfüllte, dah ich, wie ein Tautropfen die Sonne, nur ihn widerspiegeln mochte, da wußte ich, ihn zu bilden, ihn als Bildnis zu schaffen, wird größte Freude und größte Not sein. Denn wie vielgestaltig war er, wenn er am Fenster stand und den freien Blick über die sieben Hügel gleiten ließ, wenn er ein Gedicht las, wenn er einer Schönen in seinem halbgesungenen Frank­furter-Italienisch holde Worte sagte, wenn er zwischen Gesteinen mit dem Hammer umherkletterte und sie untersuchte, wenn er unter dem Ge­wölbe der Nacht in stockendem Gespräch ewige Rätsel loste, wenn er mit Hingebung eine Aussicht zeichnete, wenn er Tiooliwein trank, wenn er wie eine junge Mutter mit den Kindern meiner Freunde spielte und tollte, wenn er im Frack beim Ritter Hamilton die schone Lady mit ruhigen Augen betrachtete und dazu kühl von Catull und Properz er­zählte. Oder wenn er in der römischen Morgenfrühe von Thüringen redete, von den nordischen Fichtenbergen und dem Nebel da unten! Dieser Mensch hatte tausend Gestalten, wo sollte ich ihn halten! Der Dichter, der Mensch, der Minister, der Freund, der Sammler, der Reisende, der Spielgenosse, der Verliebte, der Weltweise, der Kenner, der Naturforscher, der Sucher, der Weltmann, welche Fülle, wo ein Ende, wo ein fester Halt? Und so schuf ich ihn, in Freude und Not, hingelagert auf den lieb­lich bebilderten Trümmern der alten Welt, den Blick auf das Mal der Cäcilia Metella und die geheimnisvoll in Lichtern schimmernde Kam- pagnelandschaft, mit nordischen Augen, in denen das liegen möchte, das sich sonst nicht sagen läßt, der Dichter, der Mensch, der Minister, der Verliebte, der Naturforscher, der Weltmann, alles. Im Grunde war es dasselbe wie bei der schonen Frau des Ratsherrn, ich schuf nicht Wirk­lichkeit, sondern meine eigene Wahrheit, die Wahrheit meines Herzens, das Licht nicht wirklich, sondern wie es bei diesem außerordentlichen Manne fein mußte, ich suchte meine innerste Empfindung in dies Vito zu legen, etwas von dem, was der Mensch des Altertums meinte, wenn er vom großen Pan sprach!"