Ausgabe 
26.7.1929
 
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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang M9 Freitag, den 26. Juli Nummert

Die Sonnenuhr.

Von Eduard Mörike.

Hör Er nur einmal, Herr Vetter, was mir diese Nacht geträumetl Sonntag war es, nach Mittage, und ich sah vom Fenster Seines alten gelben Gartenhäuschens, wie die Bürgersleute ruhig vor der Stadt spazieren gingen. Und ich wandte mich und sah Ihn, der im Anfang nicht zugegen, ernsthaft vor dem Spiegel stehen in der Stellung eines Mannes, der sich zu halbieren trachtet. Doch indem ich näher trete, muß ich voll Erstaunen sehen, wie er sich mit schwarzer Farbe auf sein rundes Vollmondantlitz einen säubern Halbkreis malte; von der linken Schläfe abwärts, zwischen Mund und Kinn hindurch und so hinauf die rechte Backe.

Jetzo mit geübtem Pinsel zeichnet Er entlang dem Zirkel schöngeformte römsche Ziffern, kunstgerecht, von eins bis zwölfe. Und ich dachte: ach, mein lieber Vetter ist ein Narr geworden! Denn Er sah mich an mit Augen, die mich nicht zu kennen schienen. Ueberdem stellt Er sich förmlich an das Fenster in die Sonne, und der Schatten Seiner Nase sollte nun die Stunde weisen. Sich, die Leute auf der Straße wollten fast sich Kröpfe lachen! Was nun dieser Traum bedeute? Ich will Ihn just nicht erschrecken: Aber laß Er sein verdammtes Sonnenuhrenmachen bleiben!

Der Nutzbaum.

Bon Giannino Omero Gallo.

Bei Vidor unter der Brücke rauscht die Piave dahin.

Tagtäglich seit vielen Jahren ging ein Mann um die Abendstunde das Flußufer entlang und bog dann auf die Hauptstraße ab, die, an Col San Martino und Moriago vorbei, geradeswegs nach Sernaglta führt.

Die Kistchen mit feiner armseligen Ware trug er auf den Schultern und stützte seinen starken, aber alten Körper auf einen Stock. So tarn er aus den Dörfern, die auf dem rechten Ufer der Piave liegen, über­querte das Wasser in einer Zille oder durchschritt es, wenn zur Hoch­sommerzeit der Flußstand gerade niedrig war. Beobachtete man ihn vom gegenüberliegenden Ufer, so konnte man sehen, wie er gebeugt unter der Last und gestützt auf seinen Knotenstock, bald zwischen Baumstrünken und Buschwerk verschwand, bald wieder emportauchte, bis sich sein schemen­haftes Bild auf der ansteigenden Landstraße als das entpuppte, was es in Wirklichkeit war: ein Mann von sechzig Jahren, den alle seit langem schon kannten: Francesco Verdoni.

Kaum zeigte er sich vor den Häusern, so riefen die Leute nach ihm, zumeist aber nicht, um in die Tiefe seiner Kistchen zu schauen, die aller­hand Zeug in wirrem Durcheinander enthielten Spulen für die Frauen und Pfeifchen für die Kinder, sondern um ihm nahezulegen, daß es für ihn schon an der Zeit wäre, ein letztes Mal über den Fluh zu gehen; denn daß er reich sei, wisse man gut, und was er stets und immer mit oer gleichen Miene von seiner Armut fasele, sei doch nichts anderes als raffinierte Verstellung.

Francesco Verdoni hatte als einzige Antwort nur Riesen, ein Husten oder Räuspern.

. Es schien, als wäre er plötzlich stumm geworden oder als hätte er leinen Mitmenschen nichts mehr zu sagen. Mit seinen etwas unsicheren schritten ging er entlang der Mauern und Gräben, nahm, um sich den

Zu kürzen, einsame Pfade, verlor sich in den Feldern und stieg erst dann wieder auf die Hauptstraße, wenn die Glocken von «sernaglia mit oem Aveläuten begannen.

o<3"J-tncr 2trmut war er glücklich, und nur um eines bat er bett Allmächtigen: er möge ihm sein Häuschen lassen, das ja nur aus einer Stube und dem Heuboden bestand, und sein Gärtchen mit dem Salat, dem Zeller und dem Nußbaum. Dieser Nußbaum streckte seine Aeste über die ganze Keusche und war von einer Pracht, daß niemand vorbeigehen konnte, ohne ihn zu bestaunen.

Näherten sich die Leute der Ansiedlung des alten Hausierers und riefen ihm zu:Verdoni, paß auf, sonst erbricht dir jemand deinen Schrank und stiehlt dir dein Gold", da huschte ein dünnes, kaum merk­liches Lächeln über sein Gesicht, denn seine Augen und fein Mund blie- ben stets fo, wie die Vorsehung sie ihm gegeben: kleine graue Augen, die unablässig zwinkerten, als wären sie kurzsichtig, und schmale, blasse Lip­pen, die sich nicht öffneten, Lippen eines Menschen, den die Welt nicht mochte und für den ein Tag nur anbrach, um ihn seine Spulen und Pfeifchen wieder feilbieten zu sehen.

Er verließ sein Haus frühmorgens, nachdem die Sonne über die nahen Hügel gestiegen war, und kam zurück, sobald sie hinter den gegen­überliegenden sich zur Ruhe gesenkt hatte. Freunde oder Verwandte hatte er keine; was er zum Leben brauchte, führte er mit sich.

Alle kannten ihn, er aber kannte niemanden. In den kleinen Dörfern, die verstreut an den Ufern des Flusses lagen, schlug er sein Zelt auf und stellte feine Ware aus, wobei es ihm ganz gleichgültig war, ob er etwas verkaufte, oder ob alles wieder in die Kistchen zurückwanderte. Ihm ge­nügte ein Stück Brot für den Hunger und ein Schluck Wasser für den

Durst, aber nicht vielleicht deshalb, weil er sich's vorgenommen hätte, auf

diese Weise Buße zu tun, sondern weil er zum Leben nichts andres be­nötigte. Hätte ihm jemand gesagt, er solle sein Häuschen verkaufen, da

wäre wohl zum ersten Male ein richtiges Lachen auf fein Antlitz ge­kommen. Denn alles, was ihm noch übriggeblieben war, konnte er geben: die Kistchen mit der Ware, fein schlissiges Kleid, ja sein Leben sogar aber das Haus, in dem feine Mutter vor zwanzig Jahren ihren letzten Seufzer getan, dieses kleine, so unscheinbare Haus hätte er nicht einmal seiner Mutter gegeben, wenn sie aus dem Grad gestiegen und es von ihm verlangt hätte. Nicht wegen der elenden vier Mauern, die schon ganz schwarz von Ruß, ganz sonnenverbrannt und von den Stür­men zerfressen waren, aber wegen des Nußbaumes. Es war dies der höchste Baum in der ganzen Gegend, auf seiner Spitze hatte Verdoni schon als Knabe gesessen und von dort das Leuchten der Piave gesehen, er war ein Erbteil seiner Vorfahren; sein Urahn hatte ihn dem Groß­vater überliefert, und von diesem war er auf seinen Vater gekommen und endlich auf ihn.

Dieser Nußbaum war für Francesco Verdoni der Gegenstand immer­währender Angst. Wenn manchmal des Nachts die Burschen mit Singen und Johlen vorbeigezogen, da trat dem alten Hausierer der kalte Schweiß auf die Stirn. Er befürchtete nicht, daß man ihm die Ware wegnehmen konnte oder das übrige feines tandmößigen Besitzes, denn solche Sachen betrachtete er nie als ein unteilbares Gut; hätte es aber jemand gewagt, das Gartentürchen zu überschreiten oder über die niedrige Planke zu springen, um einen Ast des Baumes zu biegen ober eine Nuß, die auf dem Boden lag, sich anzueignen, bann wäre er Verboni fühlte es imftanbe gewesen, biesen Menschen umzubringen, benn ber Nußbaum galt ihm mehr als sein eigenes Leben.

Eines Tages, im Juli, begann er zu rechnen und zu grübeln und kam zu bem Resultat, baß es sich kaum mehr lohne, dem Haufierer- geschäft weiter nachzugehen.

Der Weg ermüdete ihn schon, mehr aber fürchtete er das tägliche Wagnis; die Zeiten und Menschen waren anders geworden, er verstand sie weniger denn je, wie leicht konnte da jemand in iüen Garten bringen, während er abwesend war. Die Jahre immerwährender Wanderschaft hatten ihm den Rücken gebeugt und die Beine geschwächt; fünf Stunden in der sengenden Sommerhitze brachten fast gar nichts ein: er würde sich's am Brot absparen und zu Hause bleiben. Agnes Chiari, die ihm gegenüber wohnte, sah ihn am dritten Sonntag des Juli nicht mehr das Haus verlassen, tags darauf bemerkte es auch Jeremias Stolfi, der Bäcker von nebenan, und am Dienstag Bartolomeo Romei, der Schlosser von der Straßenecke. Sie erzählten sich das und gaben der Vermutung Aus­druck, Francesco Verdoni sei gestorben.

So gingen sie also zu seinem Haus und klopften an die Tür. Da schlicht er sich mit seinen schmerzenden Beinen aus der Stube um zu zeigen, daß er noch lebe, solang es dem Herrn gefiele; daß aber die Leute erschienen waren, hatte seinen Geist ganz mächtig aufgerüttelt.

In der Nacht überkamen seine erschrockene Seele allerhand Zerrbilder und groteske Szenen.

Schloß er die Augen, da schüttelte ein Schauer seinen zerquälten Leib, und cs riefelte ihm von den Füßen gegen die Beine hinauf, kroch über feinen Rücken, setzte sich an seiner Stirn fest und begann sich in sein Hirn