Ausgabe 
26.4.1929
 
Einzelbild herunterladen

schüttert, in Sack und Asche Buße tot. Was jetzt die geschäftig« Fama ihr vorwarf, war in der Tat die purste Verleumdung. Sie fuhrt« ein stilles, verborgenes Leben, und wenn sie je das Haus verließ, so wan­derte sie in den Stadtwald hinaus. Dort war's, daß sie an einem heißen Sommersonntag auf dunklem Tannenbühl Kühlung suchte. Von ungefähr nahm ein Herr denselben Weg, fand an dem lauschigen Plätzchen Ge­fallen und ließ sich nahe bei der Witfrau nieder. Es war der Notor­schreiber Schollas. Er grüßte verbindlich und begann ein Gespräch. Sie antwortete zaghaft mit einer traurigen Stimme. Er hatte von ihrem Unglück gehört und erwies sich teilnehmend und diskret. Allmählich kam die Unterhaltung in Fluß. Ohne daß man es eigentlich wollte, schlich sich ein vertraulicher Ton herein, und beiderseits hatte man die Empfindung, daß man sich gut miteinander verstände. Beim Abschied beschloß man sich wiederzuschen. Nach diesem ersten Zusammentreffen lieh Herr Schollas zwei volle Wochen vergehen, ehe er der Stadlern seine Aufwartung machte. Sic bekannte, daß sie ihn früher erwartet, und lud ihn gleich zu einem Imbiß ein. Als Mann von Lebensart zierte er sich ein wenig, gab dann ihren Bitten nach und benahm sich bei Tisch wie ein Gut­schmecker, der mit verfeinertem Gelüste und die leckeren Gerichte wür­digte. Nun entwickelte sich ein reger Verkehr, der sich stets in erlaubten Grenzen hielt. Man wußte, ivas man von einander zu halten hatte, und das Gefühl, daß jedes fein Sündenpäckchen trug, befestigte die neue Freund­schaft. Es rvar um die Zeit, da Lene des Bübleins genas und bald dar­auf ins Krankenhaus kam. Herr Schollas befand sich in trübster Stim­mung. Er hätte gern die Launsbach mitsamt dem Kind von sich abge­schüttelt. Noch plagten ihn Gewissensskrupel. Als er sich nicht mehr zu helfen wußte, beichtete er der Stadlern, was ihn drückte. Er habe sich da vergaloppiert. Die Launsbach hoffe auf eine Heirat, er aber könne sich nicht dazu entschließen. Er sei ein juristisch gebildeter Mann. Und nun die Ehe mit dem Mädchen aus niederem Stand: der Gedanke könne ihn wahnsinnig machen. Der Stadlern gutes Herz sprach zu Gunsten der Geschlechtsgenossin. Der Herr Schollas sei der Uebeltäter, nun müsse er die Folgen tragen, er dürfe die Aermste nicht sitzen lassen. Der Schollas sah da wie ein geknicktes Rohr. Die Stadlern fühlte Mitleid mit ihm. Sie gestand, daß sie selbst unter der Unbildung des seligen Stadler gelitten, daß manches anders gekommen wäre, wenn ein feiner Mann sie aus ihren kleinen Schwächen heraus zu sich emporgehoben hätte. Vom Vater lM fei sie an Bildung gewöhnt. Der habe auch hinter dem Schenktstch nie vergessen, was er seinem Künstlernamen schuldig war. Es sei ihre glücklichste Zeit gewesen, wenn sie als Kind ins Theater durfte, den Vater spielen zu sehen. Da hätten die Leute sie angeschaut und einander zugeraunt:Das ist dem Tessendorf droben sein Kind!" Ihr sei so selt­sam zu Mut gewesen, wie nie in ihrem Leben mehr.

Die Erinnerung zauberte Rosen auf ihre Wangen, in ihren Augen schimmert« es feucht. Herr Schollas küßte ihr gerührt die Hand. Sie er­wachte wie aus einem schönen Traum und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Guter Gott, wo sie mit ihren Gedanken gewesen sei? Wovon man denn gesprochen habe? Ja richtig, von der Lene Launsbach! Je nun, wenn's dem Herrn Schollas so schrecklich sei, mit dem Mädchen aufs Standesamt zu gehen, so müsse er versuchen, sie abzufinden. Der Schollas lächelte sauersüß. Abfinden, ganz gut! Aber woher das Geld denn nehmen bei lumpigen achtzig Mark Monatsgehalt? Die Stadlern meinte, darüber solle er sich den Kopf nicht zerbrechen Wenn das Mädchen wolle woran nicht zu zweifeln, das Geld werde sich be­schaffen lassen. Dabei glitten ihre Blicke wohlwollend über ihn hin. Indes die Lene schwer darniederlag, schlang sich das Band zwischen dem Schreiber und der Witfrau fester. Sie gewährte ihm Einblick in ,hre Vermögenslage und holte sich wohl auch Rats bei ihm. Herr Schollas gewahrte, daß das Haus einen hübschen Mietzins brachte, und kalku­lierte, wenn er hier unterschlüpfe, habe er lebenslang ausgesorgt. Viel­leicht, daß man dann den Notarschreiber ganz an den Nagel hänge, ein paar Versicherungen übernehme und als freier Mann umherstolziere. Manchmal zwar beschlichen ihn bange Gedanken, weil der Leumund der Frau ein sckstechter war, allein beschwichtigte er sich das alles lag doch wohl hinter ihr. Und dann, wie großartig stond er vor ihr da, wenn er so hinwerfen konnte: ,Jch verdamme dich nicht, gehe hin und^sündige nicht mehr!' Und seine Freundschaft wandelte sich in Liebe. Die Stadlern aber, fest entschlossen, mit ihrer Vergangenheit zu brechen, öffnete ihm ihre Arme weit.--

Eben hatte es Mittag geläutet, als Lene in die Kaplansgasse einbog. Das Haus der Stadlern war schnell gefuirden. Sie schritt durch den dunklen Flur zu ebener Erde. Rechterseits floß ein Lichtstrahl aus halb­geöffneter Tür. Da klopfte sie auf gut Glück an. Drin rief eine kräftige Stimme:

Herein!" . ,. _ , ,.

Die Lene überkam ein Zittern, das Herz schlug ihr bis zum Hals hin­auf. Sie trat ein. Die Stadlern war gerade dabei, ihren Tisch zu decken, und sah von dem halb ausgebreiteten weißen Linnentuch auf.

Mit was kann ich dienen?" fragte sie.

Ich wollt' einmal mit Ihnen sprechen", antwortete Lene mit stocken­der Stimme und wandte sich um, die Tür zu schließen.

Die Stadlern richtete sich auf und erwog, was das zu bedeuten habe. Nur stör, das würde sich finden. Höflich bot sie der Fremden einen Stuhl.

Ich danke," lehnte diese ab,ich kann stehen." Die Stadlern sah sie schärfer an.

Wer sind Sie Sann?"

Das Mädchen hielt ihren Blick aus.

Die Lene Launsbach", entgegnete sie und lockerte ein wenig ihr Umschlagtuch.

Die Stählern fuhr leicht zusammen, doch ließ sie sich nicht aus dem Gleichgewicht bringen.

Die Lene Launsbach! Was der Tausend! Setzen Sie sich. Sie waren doch im Krankenhaus?"

daß ich tuns tu'.

(Fortsetzung folgt.)

Die Lene bli«b stehen und sagte betreten:

Woher wissen Sie das?"

Woher ich das weiß? Vom Herr Schollas natürlich."

Das Mädchen wechselte die Farbe.

So, vom Herr Schollas? Gerad' wegen dem komm' ich her." Haben Sie ihn bnnn noch nicht gesprochen?"

Rein."

Hm! No derweil können wir über Ihr« Sach' einmal reden."

lieber was für eine Sach'?"

Tun Sie nicht so."

Ein« jähe Röte stieg der Lene ins Gesicht.

So wissen Sie wohl alles?"

Ei, das versteht sich."

Und geben sich mit dem Schlicher ab?"

Die Stadlern runzelte die Stirn.

Abgeben? Was soll das heißen?"

Frau Stadler," zwang sich Lene zur Ruhe,Sie meinen. Sie wüßten alles. Glauben Sie mir. Sie wissen nix. Ich will's Ihnen einmal jagen, wi« der an mir gehandelt bat."

Die Stadlern, innerlich froh, daß das Vöglein justement in ihren Käfig geflogen war, sprach mit der Miene einer Richterin:

Wenn Sie Ihrem Herzen Luft machen wollen immerzu."

Bei diesen Worten schob sie das Mädchen auf einen Stuhl und nahm ihr gegenüber Platz.

Lene war im Zlveisei, wie sie das Benehmen der Witfrau deuten solle, doch entschlug sie sich aller Nebengedanken und erzählte ihre Leidens- geschichte. Ohne in Geschwätzigkeit oder gar in Schmühsucht zu verfallen, hob sie das Wesentliche hervor, und setzte den Treubruch des Schreiber- ins rechte Licht.

Gest'," kam sie zum Schluß,haben sie mich gesund geschrieben. Und da bin ich gleich in die Stadt hinunter. Danns hat mich nach meinem Kind verlangt. Wie ich dernach bei dem Karlchen steh' und mich gar nicht satt sehn kann, trägt mir meine Hausfrau, die Belloffen, zu, der Schollas tat' die andere Wach' Hochzeit halten. Ich mein', ich schlag' hin. Allmäch­tiger Gott, der Schollas? Jawohl, der Schollas. Und ist schon ausgehängt. Mit der Stadlern in der Kaplansgass'. Da war mir's, als tot mir eins Sie Brust aufreißen. Bis dahin hab' ich nicht gewußt, daß ein Mensch so hundsschlecht sein kann. Und hab' n,ich in meiner Not gewunden: ums sollst Su tun? Da fährt mir's wie ein Blitz durch den Kopf: du machst dich auf und gehst zur Frau Stadler. Wer rveiß, ums der Schollas der vorgefaukelt hat? Du mutzt ihr die Augen öffnen. Paff' acht, sie schlägt die Händ' übern, Kopf zusammen und spricht: ,Das will ich nicht aus mein Gewissen nehmen, daß ich das Karlchen um sein' Vater bring'. Goli soll mich vor dem Schollas behüten!' So hab' ich mir gest' das vor­gestellt. Und hab's die Nacht beschlafen. Und s hat mir den Morgen kein Ruh' gelassen. Und auf dem Weg her hab' ich's für gewiß gehalten, die Frau Stadler hilft dir zu deinem Recht!"

Sie hatte sich überanstrengt, der Atem kam keuchend aus ihrer Brust. Die Stadlern stand auf und brachte ein Schnäpschen herbei.

Trinken Sie mal, Launsbach, das stärkt."

Lene trank und schüttelte sich, der Kümmel brannte wie das leib­haftige Feuer.

Gelt, das tut flut!" , ,

Sie stellte die Flasche an ihren Ort und nahm ihren alten Plug wieder ein.

No wollen wir mal ganz ruhig über Jyre «ach da sprechen. Ctt sind in dem Gedanken Herkommen, die Frau Stadler hilft dir zu deinem Recht. Ich will Ihnen nicht wehtun, Launsbach, aber, wenn man euch zwei hört, hat jedes recht, 's ist ja wahr, Sie haben das Kind. W tagen Sie selbst: Wie das mit dem Herr Schollas angangen ist, rvar doch das Gelbe von Ihrem Schnäbelchen schon fort, da wußten Sie recht gut, daß man auf alles gefaßt sein muß, wenn man sich mit einem Manns- bild so weit einläßt. Ich will Ihnen nicht wehtun, Launsbach. Ich, man nur, 's wird so oft vom Verführen geschwätzt, und ist Blech, inx ms Blech. Ein Mädchen, das nicht will, braucht sich nicht verführen zu lassem No wollen wir die Sach' einmal von einer anderen Seit' betrachten. S>e haben nix, der Herr Schollas hat nix. Zweimal nir gibt wieder nix. 8m setz' den Fall, 's wär' was geworden aus der Geschicht'. Was wär saun da? In ein paar Jahr' ein Haufen Kinder, denen der Hunger aus »en Augen guckt. Als gübs nicht genug Elend in der Welt. Ei, so Heirat müßt' die Polizei verbieten. Und 's kommt noch etwas dazu. Der Heft Schollas hat sich verhvppaßt, das ist nicht zu leugnen. Ja, no, so em Mann hat auch einmal eine schwache Stund wer hat die nicht? und überlegt nicht, was er tut. Hintennach gehsts ihm an die yltercit, und er sagt sich: Du stellst soviel wie ein Studierter vor; mann dann geheimst werden soll, heicatst du nicht unter deinem Stand. ^Jch w Ihnen nicht wehtun, Launsbach, aber 's ist so, wie 's ist. 2etzt gev ich Ihnen den guten Rai, machen Sie ein Strich unter die Geschicht. Wie alt sind Sie? Zwanzig, zweiundzwanzig. Du lieber Gott, so Mg- Da wird das Herzchen noch einmal bobbeln." , , ,

Lene war aufgesprungen, auf ihren Wangen zirkelten sich zwei rote Flecken ab. . ...

Was denken Sie bann von mir? Glauben Sie vielleicht, daß t«) den Schollas noch was übrig hott'? Da müßt' ich mich vor mir few« schämen. Sie Haden nie ein Kind gehabt, 's ist nur für mein Kmo, daß ich hier steh'!"

Die Stadlern bewahrte kaltes Blut. .. .. . h

Da brauchen Sie sich feine Gedanken zu machen. Für das 'tu> wird gesorgt.

Wie bann, gesorgt?" . ... .

Ja no, der Herr Schollas tonn sich nix abzwacken. Wo nix tst, w v» der Kaiser das Recht verloren. Da haben wir miteinander ausgemacy,

Verantwortlich: Dr, Hans Thyrivt. Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Vuch- und Steindruckerei, D. Lange, Grehen.