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hängte und zugleich Abstrakte, Schematische, Umrißhafte des Zeitalters, die Synthese aus Gefühlsdunkel und Verstandesaufklärung findet in dieser Liebhaberei ihren Ausdruck, auch das Dilettantische, Amateurhafte: Lavater baute seine an und für sich schon problematische Wissenschaft der Physiognomik vorwiegend aus Sammlungen von Schattenrissen auf, die er mit großem Eifer anlegte. Diese ebenso leidenschaftlich getriebene wie angefeindete neue Form der Seelenerkundung entsprach ungefähr unserer heutigen Graphologie: ihr Begründer behauptete, den Charakter jedes Menschen aus dessen Gesicht ablesen zu können, und fand, wie Lichtenberg bemerkte, mehr auf den Nasen der zeitgenössischen Schriftsteller als die vernünftige Welt in ihren Schriften.
Zu einer förmlichen Manie wurde auch das Briesschreiben, das einen wesentlich anderen Charakter trug als heutzutage, denn es lsisir durchaus keine intime und private Angelegenheit, vielmehr waren die Mitteilungen und Ergüsse, die man zu Papier brachte, von vornherein für einen größeren Leserkreis bestimmt. Der Mangel an wirklichen Zeitungen, die strenge Zensur, die Freude des Zeitalters an der Zerfaserung des eigenen und fremden Seelenlebens machten den „Zirkelbrief", der oft in Dutzenden von Orten herumging, zu einer dominierenden Verkehrsform. „Denn es war überhaupt eine so allgemeine Offenherzigkeit unter den Menschen," sagt Goethe, „daß man mit keinem einzelnen sprechen oder an ihn schreiben konnte, ohne es zugleich als an mehrere gerichtet zu betrachten ... und so war man, da politische Diskurse wenig Jntereße hatten, mit der Breite der moralischen Welt ziemlich bekannt. ' Der Brief hieß „Seelenbesuch", man verliebte sich brieflich und stand in schwärmerischer Korrespondenz mit Personen, die man niemals persönlich kennen- lernte. , ,
Es war eben ein durch und durch literarisches Zeitalter; man sprach unb bewegte sich, man haßte unb liebte sich literarisch. Alle wichtigen Lebensäußerungen gingen schriftlich vor sich; alles geschah durch bas Papier, für das Papier. Alles war ein Gegenstand der Literatur geworden: der Staat, die Gesellschaft, die Religion. Eine wahre Lesewut erfaßte alle Stände, Leihbibliotheken tarnen auf, und das Buch m der Tasche wurde zum unentbehrlichen Bestandteil der Toilette. F riedrich d e r G r o ß e äußerte zu d' A l e m b e r t, er wollte lieber die „SlHjalie geschrieben als den Siebenjährigen Krieg gewonnen haben, und dichtete unmittelbar nach der schrecklichen Katastrophe von Kolin zahlreiche Verse und Epigramme. Madame Roland verlangte am Fuße des Schafotts Feder und Papier, um einige merkwürdige Gedanken aufzuzeichnen, die soeben in ihr aufgestiegen seien.
Auch im Kostüm der Zeit mischen die Extravaganz und Naturalismus. Die Frisuren waren eine Zeitlang so hoch, daß die Damen die Polster aus den Kutschen entfernen mußten. Am französischen Hof erblickte man eines Tages eine Fregatte mit Segeln als Coifsüre. Die Marquise von ® e 6 q u i erzählt, daß Marie Antoinette im $aqr 1785 „a la jardiniere" frisiert erschien, mit einer Artischoke, einem Kohlkopf, einer
hier unzweifelhaft mit einer Art Fruhimpressiomsmus zu tun, dessen Errungenschaften später wieder verloren gingen. Dieser leidenschaftlich hi*»nbe ewig unbefriedigte und gleichwohl vom prometheifchen Bewutzt- ein [einer neuen Funde geschwellte Seelenzustand steht in voller Leid- Lftiafeit und Gegenwart vor uns in einem Briefe des jungen Goethe niis dem Jahre 1775, worin er einer feiner Seelenfreundinnen beschreibt, , mie er den Tag verbracht hat, und mit den Worten schließt: „Mir war s in alledem wie einer Ratte, die Gist gefressen hat; sie läuft in alle Locher, dilürft alle Feuchtigkeit, verschlingt alles Eßbare, das ihr in den Weg ommt- und ihr Inneres glüht von unauslöschlich verderblichem Feuer.
Las Zeitalter hatte das Krankhafte aller Epochen, in denen sich Neues bildet, und zugleich das Doppelgesichtige aller .Uebergangsperioben: baher feine starken Widersprüche. So ist zum Beispiel der nach Deutsch- tanb verpflanzte englische Garten, obgleich aus der Begeisterung für die Rückkehr zur Natur geboren, nichts als der gekünstelte Versuch, alles, was man damals unter Natur verstand, auf einen Fleck zufammenzupferchen: | Kiefen Bäche, Grotten, Baumgruppen, fünfte Wegsteigungen, Wäldchen mit obligater Lichtung, und die Staffage bildete ein grotestes Bnc-ä-brac non allen erdenklichen historischen Reminiszenzen und Velleitaten: grie- ckische Säulen, römische Gräber, türkische Moscheen, gotische Ruinen; da- m aab es noch überall, was als besonders geschmacklos unb widernatürlich befrembet, sentimentale Inschriften, bie den Text zu den intenbierten Wirkungen predigten. Ebenso waren Hypersentimentilitat und Roheit leltsam gemischt. Die Inthronisierung des Gefühls muhte sich ganz natur« aemäfi ebensosehr in Zügellosigkeit wie in Verfeinerung ausrotrfen. Aus bcr Ueberlebttjeit und Enge der bisherigen Kunst- unb Staatsgefetze zog man den Schluß, daß überhaupt alle Regeln zu verwerfen feien. Im Werther" heißt es mit deutlicher Ironie: „Man kann zum Vorteile der Regeln viel fügen, ungefähr was man zum Lobe der bürgerlichen Ge- ellschaft sagen kann." Unb in der Tat hatte die damalige Jugend schon neselbe Geringschätzung für die Bourgeoisie, wie sie später die fronzo- üchen Romantiker, die Dichter des jungen Deutschlands, bie Naturalisten, >ie Expressionisten unb überhaupt alle Jugenbbewegungen zur Scyau trugen. Dies führte zu einer prinzipiellen Verachtung aller Berufe; man mailte bloß Mensch sein. „Gelehrtenstanb — Stand? Pfui!", sagt Goethes Schwager Schlosser 1777 im „Deutschen Museum", „Himmel, was für Stänbe! Der Gelehrtenstanb, der Juristenstand, der Predigerstand, der Autorenstand, der Poetenstand — überall Stände und nirgends Menschen! Warum ist Weisheit, Erfahrung, Menschenkenntnis so selten bei eueren Männern von Geschäften? Weil sie einen Stand ausmachen. Was der Generation als Ideal vorschwebte, war ein geniales Amateur- tum das sich für alles interessiert, ohne sich an etwas Bestimmtes zu hängen, und als einziges Spezialfach das Studium des Lebens betreibt.
Sehr charakteristisch für die Geniezeit ist ihre Leidenschaft für die Silhouette, die die Porzellanmanie des Rokokos ablöfte: man fand die schwarzen Porträts in Albums, als Wandbilder und Medaillons, auf Gläsern und Tassen, sie erreichten sogar nicht feiten Lebensgroße. Die Kunst des Scherenfchneidens wurde eine gesuchte Fertigkeit, ine auch von namhaften Zeichnern geübt wurde, und die beliebteste Unterhaltung am Familientisch. Das eigentümlich Schattenhafte, Andeutungsmäßige, Ver- .....zugleich Abstrakte, Schematische, Umrißhafte des Zeitalters, : aus Gefühlsdunkel und Verstandesaufklärung findet m
Karotte und einem Bund Radieschen auf dem Kopf. Eine Hofdame toat jo begeistert davon, daß sie ausrief: „Ich werde nur noch Gemüse tragen, das sieht so einsach aus und ist so viel natürlicher als Blumen." Dann tarnen wiederum kolossale Hauben in Mode, die sog. Dormeusen und Baigueusen. Gegen den Puder erhob sich im Namen der Philanthropie eine lebhafte Opposition, die darauf hinwies, daß der enorme Verbrauch von Reis- und Weizenmehl dem Volk das Brot verteuere, unb man begann auch in ber Tat das Haar ungepudert zu tragen, doch wurde biefe Sitte nicht allgemein. Auch ben Herren wurde der Zopf von Jahr zu Jahr kürzer unb der Leibrock schon im Rokoko zum leicht kupierten Halbfrack, um sich schließlich in ben echten Frack zu verwandeln, der, dem englischen Steitroct nachgebildet, feit etwa 1770 als „Schwalbenschwanz m Mode kam. Er war jedoch in seiner Jugend keineswegs das ernste, würdige Festgewand, als das er noch heute fortlebt, sondern begann als provokantifches Kleidungsstück, bas zunächst bei der revolutionären Jugend am beliebtesten war, in lebhaften Farben wie Scharlachrot, Himmelblau und Violett getragen wurde unb mit großen golbenen oder kupfernen Knöpfen besetzt war. Aus bem freien Amerika kam Ende des Zeitraumes der Zylinderhut und der große runde Filzhut. Das Wertherkostum bestand aus hohen Stulpenstiefeln mit Kappe, gelben ledernen Beinkleidern, gelber Weste und blauem Frack; dazu trug man das Haar und den Hals frei was bei der älteren Generation besonders Mißfallen erregte. Selbst unter den Damen sah man bie „Emanzipierten" mit Wertherhut, Weste und Frack, dem berüchtigten „Caraco".
Die Götter der Zeit waren dieselben, zu denen Werther betete: Homer Os sian und Shakespeare, den man irrtümlicherweise für einen Buchbramatiker hielt. 1760 hatte der schottische Lyriker James Macpherson „Bruchstücke alter Dichtung, gesammelt in den Hochlanden" herausgegeben; es waren Barbenlieder, angeblich übersetzt aus ber Zeit (Earacallas aus dem Gälischen. Im Jahre 1762 lieh er em zweites Werk folgen: „Fingal, eine alte epische Dichtung, versaßt von Ossian, Sohn des Fingal." Schon I o h n ft o n und H u m e äußerten i Zweifel an der Echtheit; aber erst 1807, elf Jahre nach dem Tode I Macphersons, wurde die Fälschung einwandfrei nachgewiesen. Doch dies ! ist ziemlich gleichgültig und war nur für Papierseelen wie Johnston unb enragierte Skeptiker wie Hume ein wichtiges Problem. Das Geniale dieses Schauspielerstücks bestand gerade darin, daß diese Dichtungen keineswegs treue Kopien alter Volkskunst darstellten, sondern nur jo waren, wie die Sehn acht der Zeit Naturpoesie aussaßte und haben wollte; raffiniert primitiv, mit höchster Artistik pittoresk, die Wehmut spater Seelen spiegelnd. Das ungeheuere Aussehen, das fie erregten, wäre durch wirkliche Bardenlieder niemals erreicht worden. Sie wurden ins Französische, Italienische, Spanische, Polnische, Holländische und etwa ein halbes Dutzendmal ins Deutsche übersetzt; Alwina, Selma und Fingal wurden beliebte Taufnamen, unter K1 opstocks Führung entstand eine ganze Barbenschule, unb noch Napoleon stellte Ossian über Homer. Das Fahle unb Melancholische, Wilbgewachsene unb Chaotische erschien der Zeit überhaupt poetischer als Klarheit unb Formstrenge. Man entdeckte ben Reiz unb bie Größe ber bisher verachteten Gotik; Horace Walpole, der Sohn des großen englischen Staatsmannes Robert Walpole, baute sein Schloß Strawberry Hill zur mittelalterlichen Burg um und schrieb den erfolgreichen Schauerroman „The Castle of Otranto , Herder rühmte die einfach schönen Sitten der deutschen Vergangenheit, und Goethe begeisterte sich für das Straßburger Münster.
Kinder des Volks.
Von Alfred Bock. (Fortsetzung.)
I Weitaus das stattlichste Haus in der engen düsteren Kaplansgasse gehörte der Witfrau Stadler. Vor Zeiten Eigentum und JPfarrei der reformierten Gemeinde, hatten es nacheinander em Wemhandler und
I ein Musikus erworben. Zuletzt war es in den Besitz des Bierverlegers Stadler gelangt. Dieser begnügte sich mit dem Erdgeschoß ""d vermietete
I dje oberen Stockwerke an kleine Leute, so daß alljährlich em erklecklicher Zins in seine Tasche floß. Nach seinem Tod kam die Detonomie tn bcr Verwertung des Hauses der Witwe zu statten, denn bet gänzlichem Verfall des Geschäfts war sie auf bie Mieterträgnisse angewiesen.
Uebrigcns ließ nichts in ihrer Lebensweise darauf schließen, daß ihre I Einkünfte geringer geworden. Sie führte nach wie vor einen guten Tisch unb kleidete sich mit Geschmack. Die Tochter eines Schauspielers, der am „Saisontheater" des Städtchens Triumphe gefeiert und (pater eineBier- wirtfchast übernommen hatte, war sie im Dunst der Kneipe groß geworden. Sie hatte eine wahrhaft imposante gigur. JlBenn sie auf der Straße erschien, riefen ihr die Pennäler „Juno nach, und sie ieß sich bie Huldigung lächelnd gefallen. Ein ererbter Hang zur Smnlichkeit, der früh bei ihr zutage trat, wurde von den jungen Taugenichtsen genährt, die in ihres Vaters Kneipe verkehrten. Dabei zeigte fte ferner et Roheit in ihrem Wesen, aus ihren Augen aber sprach ihr heißes Blut. Unter mancherlei Liebeshändeln war die Zeit ihrer Jugendblüte vergangen. D» sie die Zwanzig längst überschritten, hatte sie vor lauter Verehrern noch keinen Begehrer gefunden. Nun geschah es, daß Herr Stadter, der Reisende einer westfälischen Bierbrauerei, den Mimen a. D. unb Kneipier besuchte unb sich in die junonische Tochter verliebte.^Gleich nach bem ersten Liebesgeplänkel erklärte er sich als ernsthafter freier unb würbe mit Freuden willkommen geheißen. Darauf gab er sein.^"berteben I auf gründete einen Bierverlag und führte die Angebetete heim Es schien, als ob alles gut gehen sollte. Die Neuvermählten lebten wie die Turtel- I tauben, ber Schwarm ber „Verehrer" hielt sich fern. Zwei Jahre lang hielt das Eheglück, da brach die männertolle Natur ber ^rau tmeber I durch Der betrogene Gatte versuchte zuerst in Gute, feine Halste von ihrem Laster abzubringen. Ate er damit nicht weiter kam, griff er zu ben brutalsten Mitteln, um schließlich zu erkennen, baß er bem Uebel machtlos gegenüberstand. In seiner Verzweiflung ergab er sich dem I Trunk unb machte, dem Delirium nahe, seinem Jammerleben em Ende. > Die Folge der Katastrophe war, daß die Stadlern, von Grund aus er-


