haben unb Weg nach
alle Tage.
war mein
schwatzte laut. , , , . _
Zu Mittag brach eine unerwartete Katastrophe über mich herein. Das einäugige Fräulein im Papierladen hatte die Anwesenheit meines kleinen Koffers nicht mehr ertragen, hatte ihn geöffnet und meinem großen Bruder davon Mitteilung gemacht. Der erfaßte sofort die Sachlage.
Bei Tisch stand er, zweiter Bruder, Vater, Mutter, Detter, Großvater, was weiß ich, wer noch alles, vor mir und alle redeten durcheinander auf mich ein. ,Du hast ausrücken wollen! Du Lümmel! Ausrücken hat er wollen! Einen Koffer hatte er schon gepackt!'
.Nein!' schrie ich. .Ist nicht wahr!' schrie ich.
,Ja!!!°
Da hatte ich eine. Die Backe brannte. Nun?
.Ich geh' zu den Buren!' heulte ich. ,Da behandelt man mich wenigstens nicht so gemein.'
Stubenarrest. Und zur Strafe eine Regeldetriaufgabe.
In der großen Pause des solgenden Tages stellte sich Glaeser. ,Wo bist du um Mitternacht gewesen?'
Ich bebte, er könnte sagen: im Neubau.
Glaeser machte eine imponierende Bewegung, ganz unverlegen, durchaus all right. „Ich hatte eine Abhaltung", erwiderte er freundlich.
Ich fühlte Haß, Zorn, Leidenschaft. Jäh schoß es aus mir heraus: „Ich fliehe heute Nacht! Wirst du da fein oder nicht?"
Er blickte zur Erde. Plötzlich drehte er sich auf dem Absatz um und lief davon. , r
Seitdem habe ich mit Glaeser kein Wort mehr gesprochen. Einmal schickte ich ihm in der Religionsstunde einen Zettel hinüber, auf dem stand: .Ich möchte meine zweiundsechzig Pfennig wiederhaben.' Doch Glaeser rollte den Zettel zu einem Fidibus zusammen und steckte ihn ins Tintenfaß. ,
Inzwischen ist mein Anspruch verjährt und die Buren haben den Krieg verloren."
ohne Gepäck wandern. , r r. .
Ich nahm Abschied von meinen Eltern und bemerkte, daß sie sich ein wenig über die Innigkeit meiner Küsse verwunderten, doch dahinter nicht mehr als eine Stimmung vermuteten. .
Dann ging ich zu Bett und stellte die Weckeruhr des Dienstmädchens auf halb zwölf Uhr nachts, trug sie in mein Zimmer und schlief ein.
Merkwürdig, daß ich wie stets in der Frühe vom Dienstmädchen geweckt wurde. Auch die Uhr befand sich nicht mehr im Zimmer. Man hatte sie wohl geholt, als ich schlief. Nicht ohne Peinlichkeit dachte ich, daß Glaeser um Mitternacht im Neubau auf mich gewartet schließlich mit meinen zwciundsechzig Pfennigen allein den Afrika angetreten haben wird.
Doch als ich in die Klasse kam, siehe, da saß Glaeser wie Er sah mich nicht an. Soso.
Wir schrieben das Extemporale. In der großen Pause Freund nicht zu erreichen. Stets befand er sich in einer Gruppe und
Obwohl ich das Wort „penif" nicht kannte, sah ich doch ein, daß der kleine schwächliche Glaeser so etwas wie einen Heldengeist hatte.
.Also, ich führe dann die Kasse', sagte er.
,Ja, willst du das Geld gleich haben?'
.Nein, laß es jetzt. Später, wenn wir ausrücken.'
Diese Unterredung hatte mich so stark bewegt, daß nichts meinen Entschluß zu fliehen noch behindert hätte. Ich ergriff eine kleine Handtasche, die auf dem Hängeboden stand, packte in sie ein Hemd, ein paar Strümpfe, ein paar Unterhosen, Filzschuhe, Zahnbürste, eine Tafel Schokolade, «inen illustrierten Band Uhlands Gedichte und Balladen und obenauf mein Sparkassenbuch, das ich selbst verwahrte, schnürte die Tasche zu (sie hatte kein Schloß, nur Riemen) und trug sie zu unserem Papier- und Schul- buchhändler Guefsroy, einem vertrauenerweckenden Mann. Nun war zwar Herr Guefsroy nicht im Laden, sondern nur seine Schwägerin, ein freundliches, einäugiges Fräulein, das die Tasche zwar entgegennahm, doch nicht recht wußte, warum sie ausgerechnet diese Handtasche ...
.Ich hol' sie morgen oder übermorgen ab, Fräulein Malchow. Bitte, lassen sie die Tasche so lange liegen. Zuhause ist sie mir im Wege, wissen Sie? Bitte.'
Das Fräulein hielt die Tasche an das eine kurzsichtige Auge und fragte, was drin wäre.
Ich antwortete mit einiger Verlegenheit, daß ich dies nicht genau wisse.
,Na schön,' erwiderte das Fräulein, .also ich stelle sie so lange
am folgenden Tage nahm Glaeser meine zweiundsechzig Pfennig und sagte, daß er dafür während der Wanderschaft für die gemeinfamen Ausgaben aufkommen wollte. Er führe fortan die Reisekasse, ich brauchte inich um nichts zu sorgen. , ,
Wir beschlossen dann in dieser Nacht noch unsere Flucht anzutreten und den Termin nicht mehr zu verschieben, da am folgenden Tag ein lateinisches Extemporale geschrieben werden sollte. Ich berichtete, daß meine Handtasche schon gepackt sei und bei Guefsroy läge. Glaeser billigte es. Alles Notwendige enthielt sie. Nur keine Waffen.
.Waffen kriegst du dort!' versicherte Glaeser.
Nach der Schule kamen wir an einem Neubau vorüber, der uns als gemeinsamer Treffpunkt sehr geeignet schien. Er war roh, ziegelrot, mit leeren Fenstern und Kalkgruben. Also heute um Mitternacht in diesem Neubau! Abgemacht! Wir schworen es uns zu.
Ich weiß nicht, warum ich an diesem Tage wiederholt an meine zwer- undsechzig Pfennig denken mußte. Sie beunruhigten mich fast mehr, als die Tatsache, daß ich entschlossen war, noch heute nach Afrika aufzubrechen. Schließlich erschien mir mein Freund Glaeser doch nicht der rechte Mann für eine solche Expedition zu sein. Ich lief zwischen Wiesen und neuen Häuserblöcken umher, überlegte viel und vergaß darüber meine Handtasche. Als es Abend geworden war und man mich zum Nachtessen rief, fiel mir ein, daß sie immer noch bei Guefsroy läge. Dumm. Ja, sehr dumm, aber nicht mehr zu ändern. So muhte ich eben
Triumph der Empfindsamkeit.
Von Egon Friedell.
Die deutsche „Geniezeit", die etwa mit den siebziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts einsetzt, geht in wesentlichen Zügen auf Rousseau zurück. Es herrschte, wie Goethe sich rückblickend ausdrückt, „eine Gärung aller Begriffe". „Die Epoche, in der wir lebten, kann man die fordernde nennen, denn man machte an sich und andere Forderungen aus das, was noch kein Mensch geleistet hatte. Es war nämlich vorzüglichen, denkenden und fühlenden Geistern ein Licht aufgegangen, daß die unmittelbare originelle Ansicht der Natur und ein daraus begründetes Handeln das Beste sei, was der Mensch sich wünschen könne, und nicht schwer zu eriatigen. Wie man nun auch hier zur Ausübung schritt, so sah man, am kürzesten sei zuletzt aus der Sache zu kommen, wenn man das Genie zu Hilfe riefe, das durch seine magische Gabe den Streit schlichten und die Forderungen leisten würde." Die Parole „Genie" war von Gerte n b e r g ausgegeben worden, von dem auch das erste bedeutende Drama dieser Schule stammte. Was man darunter verstand, hat Lall a t e r in seiner „Physiognomik" am eindringlichsten ausgedrückt: „Der Charakter des Genies und aller Werke des Genies ist Apparition: wie Engelserscheinung nicht kommt, sondern dasteht, nicht weggeht, sondern weg ist, so Werk und Wirkung des Genies. Das Ungelernte, Unentlehnte, Unlernbare, Unentlehnbare, Innig-Eigentümliche, Unnachahmliche, Göttliche ist Genie, das Jnspirationsmäßige ist Genie, heißt bei allen Nationen, zu allen Zeiten Genie und wird es heißen, solange Menschen denken, empfinden und reden. Genie blitzt, Genie schafft, veranstaltet nicht, sowie es selbst nicht veranstaltet werden kann, sondern ist. Unnachahmlich ist der Charakter des Genies, Momentanität, Offenbarung, Er- fcheinung, Begebenheit: was gegeben wird, nicht von Menschen, sondern von Gott oder vom Satan." Der höchste Lobestitel, den man damals verleihen konnte und auch sehr freigebig verlieh, bestand demnach darin, daß man jemanden ein „Originalgenie" oder eine „Natur" nannte. Man verlangte nicht mehr virtuose Handhabung der Regeln, sondern „Fülle des Herzens" und stellte das Gemüt hoch über den Verstand: aber mit dem Verstand; wie denn überhaupt jene stürmende Jugend, die sich das Programm gesetzt hatte, um jeden Preis zu brodeln, eine merkwürdige Mischung aus Naivität und Reflexion darstellte, etwas Kindlich-Altkluges an sich hatte.
Das Vorspiel dieser hochinterssanten Bewegung, die in das deutsche Geistesleben einen ganz neuen Ton gebracht hat, bildet die Periode der Empfindsamkeit, deren Anfänge etwa zwei Jahrzehnte älter sind. Schon Gellerts Hauptforderung, die er unzählige Male in Briefen und Schriften wiederholte, war ein „gutes empfindliches Herz". Das modische, weiche und gefühlvolle Wesen nannte man nur um 1750 „zärtlich" oder „empfindlich". Lessing übersetzte den Titel von Sternes „sentimental journey" mit „empfindsame Reise", und dieser Ausdruck bürgerte sich nicht nur allgemein ein, sondern gewann auch sehr bald den Charakter einer Lebensdevise. Daneben trat die Vorstellung der Rousseau- schen „belle Live", der schönen Seele, die allen zarten und zärtlichen Empfindungen geöffnet ist. Und dann kam das Wort „Gefühl" auf und ergriff mit der Macht, die nur die große Mode einer Vokabel verleihen kann, die Herrschaft über alle Lebensgehiete. Man berauschte sich an ihm und rief es sich gegenseitig wie eine nächtliche Parole zu, „Gefühl war die unerläßliche, aber auch völlig ausreichende Legitimation für alles. Worauf beruht Liebe, Freundschaft, Verständnis, aller Zusammenhang unter den Menschen? Einzig auf dem Gefühl. Was ist der Kern der Religion, was ist das Vaterland, das Leben, die Natur? Ein Gefühl. Was macht den Maler, den Denker, den Poeten, was verleiht den Stempel echter Menschlichkeit? Immer das Gefühl.
Natürlich ist die Folge, daß diese Fähigkeit, alles aus dem inneren Reichtum des Herzens zu ersühlen, die eine seltene Gabe, ein göttliches Talent ist von all den Vielzuvielen, die die Mode mitmachen wollen, bloß äußerlich gespielt und künstlich forciert wird. Man will stets bewegt, gerührt, ergriffen, hingerissen sein, man zwingt sich in einen permanenten Zustand seelischer Hochspannung. In Frankreich erzeugte-dieses Spielen mit edeln Sentiments die Revolution. In Deutschland hatte es das harmlosere Ergebnis einer weltfremden, einseitigen Kultur.
Eine der ersten und wohltätigsten Folgen dieses Gesühlskults bestand darin, daß er die Schranken, die die steife Tradition des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts zwischen den Menschen aufgerichtet hatte, zum Teil durchbrach. Noch Lessing, sonst ein so warmer und siegreicher Verteidiger der Natürlichkeit, hatte seine besten Freunde mit Sie angeredet und in der josephinischen Volksschule, die ebensowenig wie alle anderen Reformwerke Kaiser Josephs II. ein wirklicher Durchbruch zur Freiheit war, war es den Knaben aufs strengste verboten, einander zu duzen. Goethe und Lavater hingegen gebrauchten sogleich bei ihrer ersten Begegnung das Du, das überhaupt unter Menschen, die sich geistig Miteinander verwandt fühlten (und zu dieser Empfindung kam es damals sehr leicht), die übliche Anrede wurde; und ebenso rasch nannte man fia) „Bruder" und „Schwester". Die ganze Zeit ist auf ein schmelzendes Adagio gestimmt; diese Tonart begann auch erst damals in der MusN zu dominieren. Ein unentbehrlicher Bestandteil auch des kleinsten Parts war der „Freundschaftsstempel", in dem man sich ewige Treue schwur. Man schwelgte in der Idee einer rein geistigen Vereinigung zwischen Mann und Frau: die „Seelenliebe", die auf der Gemeinsamkeit aller Regungen beruht, wird zur Modeform des Flirts. Häufig finden sich auch, zumal bei Dichtern, die „Gedankengeliebte", ein erhabenes, innig verehrtes Jdealwesen, das bloß in der Phantasie existiert. Man weint uver jeden Brief, den man erhält, über jedes Buch, das man aufschlagt, uve die Natur, über den Freund, über die Braut, über sich selbst; und man weint Überhaupt. In Millers „Siegwart", dem erfolgreichsten Roman der Zeit, weint sogar der Mond. Die bisherige und wohlartikulierie Schreibweise verändert sich vollkommen: die Sprache wird zum « drucksmittel der Augenblicksstimmungen, bis hart an die Grenze der - dankenflucht, ist überfüllt mit Gedankenstrichen, Rufzeichen, 8ragezeich , erregten Interjektionen, Sätzen, die in der Mitte abbrechen. Wir ya


