Ausgabe 
26.4.1929
 
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Geheim Zamilienbliitter

Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger

Jahrgang <929 ~ Freitag, den 26. April " Nummer 52

Südliche Bucht.

Bon Siegfried von Vegesack.

Blaue Bucht, von gelbem Sand umrandet und von Pinien-Höhen sanft umzogen, goldne Inseln schließen fern den Bogen, wo das Meer um dunkle Klippen brandet.

Weiße Fischerboote sind gelandet, braune Netze werden eingezogen.

Meerumspiilt, von Möwen überflogen, sonnen Muscheln sich, im Tang gestrandet.

Nur zuweilen furchen das besonnte blaue Meer am hohen Horizonte Schlochtgespenster, grau und ungeheuer.

Doch sie tauchen schnell, von Gott gemieden, in die Flut. Die Bucht wird wieder blauer, und die Palmen fächeln Frieden, Frieden ...

Flucht nach Afrika.

Bon Frank Thieß.

Wir sitzen und erzählen uns Abenteuer, sclbsterlebte. Während jemand erzählt, denke ich immer daran, was ich wohl berichten könnte, tvenn ich an dis Reihe komme. Denke ich immer, wie das wobl sei, ob ich denn rein gor nichts Abenteuerliches erlebt habe, nichts, das andere schaudern macht? Ist mein Leben so dürftig gewesen?

Da fällt mir eine Geschichte ein. Es ist mein erstes Abenteuer, kein rühmliches Heldenstück, aber aufregend, jedenfalls damals für mich auf­regend geivesen. Vielleicht werden sich die Zuhörer langweilen, das ist dann ihre Sache. Ich werde dennoch diese Geschichte zum besten geben.

Der Herr, welcher sprach, ist zu Ende. Man wendet sich an mich. Ich ziere mich ein bißchen, denn aufrichtig gesagt, dieses Abenteuer ist wirklich nichts wert. Schließlich fange ich an:

Erinnern Sie sich an den Burcnkrieg? Manche von Ihnen haben ja damals noch nicht gelebt, doch ich lebte schon um jene Zeit. Ich rvar acht, neun Jahre alt. Den Buren ging es schlecht, die Engländer hatten ihre Koirzentrationslager erfunden und erfanden auch sonstig« Scheuß- üchkeilen, um ihr Ziel zu erreichen.

Uns Knaben waren ihre Fortschritte eine zunehmende Pein. Wir überlegten, was wir unserseits anrichten könnten, um ihnen zu helfen, berieten gemeinsam und machten Vorschläge. Doch es kam dabei nicht viel Brauchbares zutage. Das beste ivar noch eine Kollekte aus unserem Taschengeld, jeder gab fünf oder zehn Pfennigs es kamen einige Mark zusammen, die man mit den Unterschriften der Spender an Ohm Krüger nach Transvaal schickte.

Mir behagte diese finanzielle Unterstützung nicht. Schließlich lunr ich groß genug, um einzusehen, daß man mit ein paar Mark keinen Krieg gegen das englische Weltreich mit Erfolg führen konnte. Wenn Hilfe vonnöten war," so konnte diese nur mit dem Einsetzen der Person, des ganzen Menschen gebracht werden.

In der Pause sagte ich: .Wir wollen alle nach Südafrika, und den Buren helfen, ja? Wer macht mit?' . . ,

Einige taten begeistert, aber mitmachen wollten sie nicht. Sie fanden den Plan zwar vorzüglich, erklärten sich indessen verhindert.

Ich selber rvar durch meinen Appell in Feuer geraten. Hatte früher ein Klassenkamerad mich aufgefordert, mit ihm nach Südafrika..auszu­reisen, würde ein Ja mir nicht ohne weiteres auf die Zunge geschlüpft sein, doch weil ich selber diese Idee gehabt, schien es mir leicht, sie aus­zuführen. Indessen wurde ich überstimmt, außerdem klingelte es, und die Lateinstunde begann, was meinem Heroismus ohnehin abträglich war.

Am Ende der Schulstunden trat ein schmächtiger Bursche, ein Klatzen- genvsse namens Glaeser zu mir, knüpfte bei meinem Ausruf an und sagt«, daß er unter Umständen gesonnen sei, mitzumachen.

Ich blickte ihm erstaunt in die schmächtigen Züge. Ausgerechnet dieser kleine, pickelhäutige Glaeser mit seinem scheuen Wesen, seiner großen Nase und seinen einwärts gerichteten Füßen wollte in den Krieg. Ausgerechnet in diesem schwächlichen Körper steckte eine Heldensecle?

Wie er sich das dächte?

.Ausreißen' antwortete er. ,Uebeigens nxire man dann die dämliche schule für immer los.' ,, .. .

Das rvar ein Vorteil, den ich sofort «insah, im stillen mochte dieser umstand, daß ich ein miserabler Schüler >var, überhaupt meiner Phan­

tasie Flügel geliehen haben. Also mit Glaeser nach Afrika. Gut. Aber wie dorthin gelangen? In der Geographiestunde hatten wir gelernt, daß es ungeheure Entfernungen waren. Afrika war ein sehr großer Erdteil.

Glaeser wackelte mit dem Kopf altklug hin und her und sagt«: .Wer nichts einsetzt, kann nichts in der Lotterie gewinnen. Man müßte die Geschichte eben wagen.'

Ich wollte In Sachen des Muts keinessalls hinter Glaeser zuriick- stehen, war es doch mein Plan, den er vor mir ausbreitete. Also gab ich meiner Entschlossenheit Ausdruck und fragte nach der Reiseroute.

Glaeser sagte: .Zuerst von hier bis an die französische Mittelmeer­küste und dann immer am Ufer des Meeres entlang, durch Spanien bis nach Gibraltar.'

.Gibraltar ist englisch' warf ich ein.

.Also dann bis kurz vor Gibraltar. Von Gibraltar aus schwimmen wir nach Afrika hinüber.'

.Ich kann nicht schwimmen' unterbrach ich.

.Ich auch nicht' sagte Glaeser. .Ist auch nicht nötig. Jedes Kind kann ein Floß bauen. Wir bauen uns ein Floß und fahren di« klein« Strecke hinüber. Das ist ja nur ein Katzensprung.'

.Und dann wieder an der Küste von Afrika entlang, bis nach Transvaal?'

,Itr.'

.Gut.'

.Was sagst du dazu?'

,Es läßt sich hören. Wie lange dauert die Reise?'

Glaeser schloß die Augen und bewegte die Finger, als ob er zähle. ,Na, neun bis zehn Wochen werden wir" wohl dran glauben muffen.'

,Au! Das ist lang.'

,3a, Mensch, was denkst du! Du hast Afrika vergessen. Der Weltteil ist schließlich nicht von Pappe.'

Ich sah das ein und versprach, mich über die Reiseroute genauer orientieren zu wollen. Doch Glaeser erhob Einspruch. Gerade dies könnte Verdacht erregen. Wenn wir das große Unternehmen erfolgreich aus- führen wollten, müßten wir es streng geheimhalten.

Glaeser hatte recht. Man durfte nicht nähere Erkundigungen ein­ziehen, sonst hätten die Erwachsenen gleich Lunte gerochen. Man mußte sehen, daß man aus eigener Kraft sein Ziel erreichte. Am folgenden Tag« berieten wir in der großen Pause weiter. Wir schlossen Freundschaft und beschwüren unverbrüchliches Stillschweigen.

Glaeser wußte, daß deutsche Jungens, die nach Transvaal kämen, gleich hundert bis hundertzwanzig Boers unterstellt erhielten, Gewehre und Patronen umsonst. Man sei Anführer dieser Boers, lebe in Höhlen und in Bergschluchten, von wo man in die Engländer hinein oder auf sie hinunter zu schießen pflege.

Das schien mir verwunderlich. .Mensch, ist das wirklich wahr?'

,Ia.'

Also wirklich. Herrlich, herrlich! Denn gerade das hatte ich mir ja ge­wünscht: möglichst bald Anführer sein zu können. Eines Tages nmr man General und kehrte ruhmbedeckt aus dem siegreichen Kriege heim.

Soweit war alles in bester Ordnung. Als ich aber Glaeser fragte, an welchem Tage wir ausrücken sollten, pfiff er altklug durch die Zähn« und bemerkte leichthin: .Die Hauptsache fehlt noch.'

.Was denn?'

Er rieb sich wie ein Börsianer Daumen und Zeigefinger aneinander und sah mich schief von unten her an.

,Ach so ... Geld. Ja. Hm.'

.Hast du Geld?'

.Nein ... ja ... ein wenig schon.' (Ich hatte sogar ein kleines Spar­kassenkonto, doch aus dunklen Gründen unterschlug ich diesen Betrag meinem Freunde.)

.Wieviel?' fragte er. .Wieviel hast du?'

Ich zog meinen kleinen ledernen Geldbeutel und zählte. ,Zweiundseck>zig Pfennig.'"

Glaeser sagte nichts, auch ich schwieg, weil ich mir plötzlich in seinen Augen arm vorkam. .Wieviel hast du denn?' fragte ich nach einer Weile.

Glaeser machte eine klein« Pause. .Ein paar Mark' sagte er, vor sich hinblickend.

,Ob das reicht?'

.Wir müssen eben gemeinsame Kasse machen. Einer ist Kaffensührer und bezahlt alles.'

.Aber bann kommst du doch schlecht weg?', fragte ich mit reichlichem Schuldbewußtsein in der Stimme, denn das Sparkassenkonto drückte mich.

,3n sagte Gläser, .es geht ja um Gut und Blut, da kommt es mir auf die paar Mark nicht an. Ich bin nicht penif in der Beziehung.'