Ausgabe 
25.11.1929
 
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Gedanken um, einen für nüd). Mir bliebe dabei sah sie aus wie Antrag gemacht, fuhr

hellblau, himmelblau. .Aber mit mir hat's eigene wirft wenig ab, und mein Vater geht mit dem Schenkladen aufzurichten. Da ist denn kein Platz nur Handarbeit, denn dienen mag ich nicht.' Und

damit anzufangen,- wenig, um vom Breiten zu zehren. Mein Vater hat Ihnen zwar einen Vorschlag getan, ich riet Ihnen aber ab. Denn ein­mal Hai er selbst Geld bei derlei Dingen verloren, dann', fetzte sie mit gesenkter Stimme hinzu, ,ist er so gewohnt, von Fremden Gewinn zu ziehen, daß er es Freunden vielleicht auch nicht besser machen würde. Sie miissen jemand an der Seite haben, der es ehrlich meint.' Ich wies auf sie. .Ehrlich bin ich', sagte sie. Dabei legte sie die Hand auf

eine Königin. Man hat mir zwar einen andern ....

sie fort, indem sie einen Brief aus ihrer Schürze zog und halb wider­willig auf den Ladentisch warf,- .aber da müßte ich fort von hier.' .Und weit'? fragte ich. .Warum? was kümmert Sie das?' Ich erklärte, daß ich an denselben Ort hinziehen wollte. .Sind Sie ein Kind!' sagte sie. .Das ginge nicht an und wären ganz andere Dinge. Aber wenn Sie Vertrauen zu mir haben und gerne in meiner Nähe sind, so bringen.Sie den Putzladen an sich, der hier nebenan zu Verkauf steht. Ich verstehe das Werk, und um den bürgerlichen Gewinn aus Ihrem Gelde dürften Sie nicht verlegen sein. Auch fänden Sie selbst mit Rech­nen und Schreiben eine ordentliche Beschäftigung. Was sich etwa noch weiter ergäbe, davon wollen wir jetzt nicht reden. Aber ändern müß­ten Sie sich! Ich hasse die weibischen Männer."

Ich war aufgesprungen und griff nach meinem Hute. .Was ist? wo wollen Sie hin?' fragte sie. .Alles abbestellen', sagte ich mit kurzem 2ttem. Mas denn?' Ich erzählte ihr nun meinen Plan zur Er­richtung eines Schreib- und Auskunftskontors. ,Da kommt nicht viel her­aus', meinte sie. .Auskunft einziehen kann ein jeder selbst, und schreiben hat auch ein jeder gelernt in der Schule.' Ich bemerkte, daß auch Musi- kalien kopiert werden sollten, was nicht jedermanns Sache sei. .Kommen Sie schon wieder mit solchen Albernheiten?' fuhr sie mich an. .Lassen Sie das Musizieren und denken Sie auf die Notwendigkeit! Auch wären Sie nicht imstande, einem Geschäft selbst vorzustehen.' Ich erklärte, daß ich einen Kompagnon gefunden hätte. .Einen Kompagnon?' rief sie aus. ,Da will man Sie gewiß betrügen! Sie haben doch kein Geld herge- geben?' Ich zitterte, ohne zu wissen, warum. .Haben Sie Geld gegeben?' fragte sie noch einmal. Ich gestand die dreitausend Gulden zur erften Einrichtung. .Dreitausend Gulden?' rief sie, ,so vieles Geld!' .Das übrige', fuhr ich fort, .ist bet den Gerichten hinterlegt und jeden­falls sicher.' .Also noch mehr?' schrie sie auf. Ich gab den Betrag der Kaution an. .Und haben Sie die selbst bet den Gerichten ange­legt?' Es war durch meinen Kompagnon geschehen. .Sie haben doch einen Schein darüber?' Ich hatte keinen Schein. .Und wie heißt Ihr sattberer Kompagnon?' fragte sie weiter. Ich war einiger­maßen beruhigt, ihr den Sekretär meines Vaters nennen zu können.

Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brühl 'sch e Universitäts-Buch- und Steindruckerei, D. Lange, Gießen.

die Brust, und ihre Augen, die sonst ins Graulichte spielten, glänzten Wege. Unser Geschäft

.Gott der Gerechte!' rief sie aufspringend und die Hände zusam­menschlagend. .Vater! Vater!' Der Alte trat herein. Mas habt Ihr heute aus den Zeitungen gelesen?' .Von dem Sekretarius?' sprach er. Mohl, wohl!' .Nun, der ist durchgegangen, hat Schul­den über Schulden hinterlassen und die Leute betrogen. Sie verfolgen ihn mit Steckbriefen!' .Vater', rief sie, .den hat er auch betrogen! Er hat ihm sein Geld anvertraut. Er ist zugrunde gerichtet.' ,Potz Dummköpfe und kein Ende!' schrie der Alte. .Hab ich's nicht immer gesagt? Aber das war ein Entschuldigen. Einmal lachte sie über ihn, dann war er wieder ein redliches Gemüt. Aber ich will dazwischen fah­ren! Ich will zeigen, wer Herr im Hause ist. Du, Barbara, marsch hin­ein in die Kammer! Sie aber, Herr, machen Sie, daß Sie forttommcn und verschonen uns künftig mit Ihren Besuchen. Hier wird kein Almo­sen gereicht.' .Vater', sagte das Mädchen, .seid nicht hart gegen ihn, er ist ja doch unglücklich genug.' .Eben darum', rief der Alte, .will ich's nicht auch werden. Das, Herr', fuhr er fort, indem er auf den Brief zeigte, den Barbara vorher auf denTisch geworfen hatte, .das ist ein Mann! Hat Grütze im Kopfe und Geld im Sack. Betrugt niemanden, läßt sich aber auch nicht betrügen; und das ist die Hauptfache bei der Ehrlichkeit." Ich stotterte, daß der Verlust der Kaution noch nicht ge­wiß fi. _ ,Ia', rief er, .wird ein Narr gewesen fein, der Sekretarius! Ein Schelm ist er, aber pfiffig. Und nun gehen Sie nur rasch, vielleicht holen Sie ihn noch ein!' Dabei hatte er mir die flache Hand auf die Schuller gelegt und schob mich gegen die Türe. Ich wich dem Drucke feit» märte aus und wendete mich gegen das Mädchen, die, auf den Laden­tisch gestützt, dastand, die Augen auf den Boden gerichtet, wobei die Brust heftig auf und nieder ging. Ich wollte mich ihr nähern, aber sie stieß zornig mit dem Fuße auf den Boden, und als ich meine Hand ousstreckte, zuckte sie mit der ihren halb empor, als ob sie mich wieder schlagen wollte. Da ging ich, und der Alte schloß die Türe hinter ickir zu.

Ich wankte durch die Straßen zum Tor hinaus, ins Feld. Manchmal fiel mich die Verzweiflung an, dann kam aber wieder Hoffnung. Ich erinnerte mich, bei Anlegung der Kaution den Sekretär zum Handels­gerichte begleitet zu haben. Dort hatte ich unter dem Torwege gewartet, und er war allein hinaufgegangen. Als er herabkam, sagte er, alles fei berichtigt, der Empfangsschein werde mir ins Haus geschickt werden. Letzteres war freilich nicht geschehen, aber Möglichkeit blieb noch immer. Mit anbrechendem Tage kam ich zur Stadt zurück. Mein erster Gang war in die Wohnung des Sekretärs. Aber die Leute lachten und fragten, ob ich die Zeitungen nicht gelesen hätte? Das Handelsgericht lag nur wenige Häuser davon ab. Ich ließ in den Büchern nachschlagen, aber weder fein Name noch meiner kamen darin vor. Von einer Einzahlung keine Spur. So war denn mein Unglück gewiß. Ja, beinahe wäre es noch schlimmer gekommen. Denn da ein Gesellschaftskontrakt bestans, wollten mehrere seiner Gläubiger auf meine Person greifen. Aber die Gerichte gaben es nicht zu. Lob und Dank sei ihnen dafür gesagt! Uv- wohl es auf eines herausgekommen wäre. (Schluß folgt.)

Tage lang festhielt. Ich wog Gewürz ab, zählte den Knaben Nüsse und Welkpflaumen zu, gab klein Geld heraus; letzteres nicht ohne häufige Irrungen, wo denn immer Barbara dazwischen fuhr, gewalttätig weg- nahm, was ich eben in den Händen hielt, und mich vor den Kunden veäachte und verspottete. Machte ich einem der Käufer einen Bückling oder empfahl mich ihnen, so sagte sie barsch, ehe die Leute noch zur Türe hinaus waren: .Die Ware empfiehlt!" und kehrte mir den Rücken. Manchmal aber wieder war sie ganz Güte. Sie hörte mir zu, wenn ich erzählte, was in der Stadt uorging; aus meinen Kinderjahren; von dem Bearntenwefen in der Kanzlei, wo wir uns zuerst kennen gelernt. Da­bei ließ sie mich aber immer allein sprechen und gab nur durch einzelne Worte ihre Billigung ober was öfter der Fall war ihre Mißbilli­gung zu erkennen.

Von Musik oder Gesang war nie die Rede. Erstlich meinte sie, man müsse entweder singen ober das Maul halten, zu reden sei da nichts. Das Singen selbst aber ging nicht an. Im Laden war es unziemlich, und die Hinterftube, die sie und ihr Vater gemeinschaftlich bewohnten, durfte ich nicht betreten. Einmal aber, als ich unbemerkt zur Türe hereintrat, stand sie eben auf den Zehenspitzen emporgerichtet, den Rücken mir zugekehrt und mit den erhobenen Händen, wie man nach etwas sucht, auf einem der höheren Stellbretter herumtastend. Und dabei fang sie leise in sich hinein. Es war das Lied, mein Lied! Sie aber zwitscherte wie eine Grasmücke, die am Bache das Hälslein wäscht uni) das Köpfchen herumwirft und die Federn sträubt und wieder glättet mit dem Schnäb­lern. Mir war, als ginge ich auf grünen Wiesen. Ich schlich näher und näher und war schon so nahe, daß das Lied nicht mehr von außen, daß es aus mir herauszutönen schien, ein Gesang der Seelen. Da konnte ich mich nicht mehr halten und faßte mit beiden Händen ihren in der Mitte nach vorn strebenden und mit den Schultern gegen mich gesenkten Leib. Da aber kam's. Sie wirbelte wie ein Kreisel um sich selbst. Glutrot vor Zorn im Gesichte, stand sie vor mir da; ihre Hand zuckte, und ehe ich mich entschuldigen konnte

Sie hatten, wie ich schon früher berichtet, auf der Kanzlei öfter von einer Ohrfeige erzählt, die Barbara, noch als Kuchenhändlerin, einem Zudringlichen gegeben. Was sie da sagten von der Stärke des eher klein zu nennenden Mädchens und der Schwungkraft ihrer Hand, schien höch­lich und zum Scherze übertrieben. Es verhielt sich aber wirklich fo und ging ins Riesenhafte. Ich stand wie vom Donner getroffen. Die Lichter tanzten mir vor den Augen. Aber es waren Himmelslichter. Wie Sonne, Mond und Sterne; wie die Engelein, die Versteckens spielen und dazu singen. Ich hatte Erscheinungen, ich war verzückt. Sie aber, kaum minder erschrocken als ich, fuhr mit ihrer Hand wie begütigend über die geschlagene Stelle. ,Es mag wohl zu stark ausgefallen fein', sagte sie, und wie ein zweiter Blitzstrahl fühlte ich plötzlich ihren wannen Atem auf meiner Wange und ihre zwei Lippe», und sie küßte mich; nur leicht, leicht; aber es war ein Kuß auf diese meine Wange, hier!" Dabei klatschte der alte Mann auf seine Backe, und die Tränen traten ihm aus den Augen.Was nun weiter geschah, weiß ich nicht", fuhr er fort. Nur daß ich auf sie losftürzte und sie in die Wohnstube lief und die Glastüre zuhielt, während ich von der andern Seite nachdrängte. Wie sie nun, zusammengekrümmt und mit aller Macht sich entgegenstemmend, gleichsam an dem Türfenster klebte, nahm ich mir ein Herz, verehriester Herr, und gab ihr ihren Kutz heftig zurück, durch das Glas.

,Oho, hier geht's luftig her!" hörte ich hinter mir rufen. Es war der Griesler, der eben nach Haufe kam. ,Nu, was sich neckt' sagte er. .Komm nur heraus, Bürde, und mach keine Dummheiten! Einen Kuß in Ehren kann niemand wehren.' Sie kam aber nicht. Ich selbst ent­fernte mich nach einigen halb bewußtlos gestotterten Worten, wobei ich den Hut des Grieslers statt des meinigen nahm, den er lachend mir in der Hand austauschte. Das war, wie ich ihn schon früher nannte, der Glückstag meines Lebens. Fast hätte ich gesagt: der einzige, was aber nicht wahr wäre, denn der Mensch hat viele Gnaden von Gott.

Ich wußte nicht recht, wie ich im Sinne des Mädchens stand. Sollte ich sie mir mehr erzürnt ober mehr begütigt denken? Der nächste Besuch kostete einen schweren Entschluß. Aber sie war gut. Demütig und still, nicht auffahrend wie sonst, saß sie da bei einer Arbeit. Sie winkte mit dem Kopfe auf einen nebenstehenden Schemel, daß ich mich setzen und ihr helfen sollte. So saßen wir denn und arbeiteten. Der Aste wollte hinausgehen. ,Bleib doch da, Vater', sagte sie; .was Ihr besorgen wollt, ist schon abgetan.' Er trat mit dem Fuße hart auf den Boden und blieb. Ab und zu gehend sprach er von diesem und jenem, ohne daß ich mich in das Gespräch zu mischen wagte. Da stieß das Mädchen plötzlich einen kleinen Schrei aus. Sie hatte sich beim Arbeiten einen Finger geritzt, und obgleich sonst gar nicht weichlich, schlenkerte sie mit der Hand hin und her. Ich wollte zusehen, aber sie bedeutete mich, fortzufahren. .Al­fanzerei und kein Ende!' brummte der Alte, und vor das Mädchen hin- tretend, sagte er mit starker Stimme: Mas zu besorgen war, ist noch gar nicht getan!' und so ging er schallenden Trittes zur Türe hinaus. Ich wollte nun anfangen, mich von gestern her zu entschuldigen;, sie aber unterbrach mich und sagte: .Lassen wir das und sprechen wir jetzt von gescheitem Dingen.'

Sie hob den Kopf empor, maß mich vom Scheitel bis zur ^ehe und fuhr in ruhigem Tone fort: .Ich weiß kaum selbst mehr de» Anfang unserer Bekanntschaft, aber Sie kommen seit einiger Zeit öfter und öfter, und wir haben uns an Sie gewöhnt. Ein ehrliches Gemüt wird Ihnen niemand abftreiten, aber Sie sind schwach, immer auf Nebendinge ge­richtet, fo daß Sie kaum imstande wären, Ihren eigenen Sachen selbst vorzustehen. Da wird es denn Pflicht und Schuldigkeit von Freunden und Bekannten, ein Einsehen zu haben, damit Sie nicht zu schaden kom­men. Sie versitzen hier halbe Tage im Laden, zählen und wägen, messen und markten; aber dabei kommt nichts heraus. Was gedenken Sie in Zukunft zu tun, um Ihr Fortkommen zu haben?' Ich erwähnte der Erbschaft meines Vaters. .Die mag recht groß fein', sagte sie. Ich nannte den Betrag. .Das ist viel und wenig', erwiderte sie. .Viel, um etwas

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