Ausgabe 
25.11.1929
 
Einzelbild herunterladen

Siebe ist der andere Test jtcpHfcf), ängstlich, immer auf der Hut. Ist aber einmal die Skepsis von der großen Welle der Leidenschaft hinweg- geschwemmt, dann kann im Briefe stehen was immer. Dann ist jeder Liebesbrief schön, immer bis zum Rande voll mit den Herrlichkeiten der Erinnerung und der Ahnung.

Aber es kommt ein Tag, wo die Skepsis wieder erwacht. Wo man die Briefe nicht nur lieft, sondern auch prüft. Wo das Zwischen-den- Zeilen-lesen schmerzlich und enttäuschend mirtr Es gibt viele Menschen, die dann die Briefe verbrennen. Das soll man nicht tun. Es gibt eine weise Lebensregel: man soll keine Briese schreiben. Das gilt aber nicht für Liebende. Ich stelle der Regel noch eine viel weisere entgegen: man soll keine Liebesbriefe verbrennen. Auch dann nicht, wenn man sie am liebsten verbrennen möchte. Es kommt ein Tag, da find unsere Liebes­briefe alles, was wir von der Jugend besitzen, der Hort unserer Erin­nerungen. Und wieder verlassen wir, wenn auch nicht mehr zu zweit, den Boden des Irdischen, und schweben in dem Traum, in der Dichtung in der Vergangenheit. Und dann spielen die alten Liebesbriefe mit ver­blichener Tinte auf vergilbtem Papier, ihre schönste Rolle. Wenn wir uns in sie vertiefen und alles um uns her vergessen dann sind wir wieder jung ...

Abenteuer um Gluck und Mozart.

Zwei Librettisten-Schicksale.

Von Dr. Anton Mayer.

Das 18. Jahrhundert ist reich an abenteuerlichen Gestalten, die mit Grazie und Geist, den Frauen gefährlich, von Männern mit Argwohn betrachtet, von den Behörden oft genug gesucht, ein aufregendes Leben führten; ihre Begabungen waren glänzend und mannigfach, obwohl der Hochstapelei nicht immer ganz fernliegend. Sie betätigten sich in den mannigfachsten Berufen, mären Alchimisten und Schwarzkünstler, ele­gante Weltmänner und Spieler, zeigten aber auch Werte, die weit über das gewöhnliche Talent hinausgehen und literarische Qualitäten von hohem Rang schufen. Eine der glänzendsten Verkörperungen des Typus, Casanova, weltberühmt durch seine galanten Memoiren, und oft als Modell für Romane und Dramen benutzt, hat zwei Pendants aufzu­weisen, die selber eine Anzahl höchst charakteristischer Personen auf die Bühne gestellt haben, und zwar als die Librettisten der beiden größten Opernkomponisten des 18. Jahrhunderts, Glucks und Mozarts: R a - niero de Calzabigi und Lorenzo da Ponte.

Calzabigi stammte aus Livorno, wo er um 1714 geboren wurde; er schlug, aus guter Familie stammend, und zunächst in ganz geordneten Gleisen bleibend, die Beamtenlaufbahn ein, und wurde einem Ministe­rium in Neapel zugeteilt. Hier aber begann fein Leben aus der Bahn zu gleiten; er kam in den Verdacht, seinen Bruder mit Gift beiseite gebracht zu haben, und muhte fliehen ob er wirklich schuldig war oder nicht, ist nicht mit Sicherheit zu sagen, ausgeschlossen scheint es wohl keines­wegs, vor allem, da Giftmorde damals sehr beliebt waren und gerade unter Verwandten durchaus keine Seltenheit bedeuteten. Jedenfalls wurde ihm der Boden Süditaliens zu heiß, und er begab sich nach Paris, den Zentralort für alle Glücksritter und Abenteurer der Welt. Hier begann sich fein literarisches Talent zu regen, und zwar gleich ganz bewußt mit Hinsicht auf feine spätere Bedeutung: er setzte sich mit dem berühmtesten Operntextdichter der Zeit, mit Metastasio, ber _in Neapel lebte, in Verbindung, und gab dessen Werke in. französischer Sprache heraus, eine Leistung, die ihn nicht nur als dichterisch, sondern auch als linguistisch ungewöhnlich begabten Menschen zeigt: Meastasio schrieb ein sehr schönes, aber keineswegs leichtes Italienisch, das nicht ohne weiteres in andere Formen umzufetzen ist.

Die Handlungsweise Calzabigis ist übrigens ein Beweis für die voll­kommene Jnternationalität, welche im Zeitalrer der Aufklärung die be­deutenden Geister ergriffen hatte. Die französische Ausgabe Metaftasios widmete er der Pompadour, die am Hose Frankreichs allmächtig war und die galante Atmosphäre verkörperte, welche nun für Calzabigi in der Person Casanovas sehr lebendig wurde: er schloß sich dem großen Frauenkenner und Don Juan zu weiteren Taten an, und abenteuerte nun zunächst einmal mit diesem in der einträglichen Stellung als Staats» lotterteeinnehmer los in der Tat schien der Posten für die Finanz­lage der beiden von größter Wichtigkeit. Die geroinnbringenbe Tätigkeit führte ihn durch Frankreich nach den habsburgischen Niederlanden und von dort durch die Protektion des Grasen K a n i tz, dessen Günstling er wurde, an die niederländische Finanzkammer nach Wien.

Nun fing feine Glanzzeit an; der materiellen Sorgen war er, wohl nicht zuletzt durch seine Stellung an der Quelle, enthoben; er lernte Gluck kennen und verband sich mit ihm zum großen Werk der Re­form des Musikdramas, der er sofort durch die Dichtung desOrpheus" feste Gestalt gab, die in Glucks Komposition musikalische Form annahm; der Schritt, den beide taten, gehört zu den wichtigsten der ganzen Musik­geschichte, da er die Tradition der Barockoper für immer vernichtete, und die beiden so den Grundstein zum modernen Musikdrama legten. Es folgten in der Zusammenarbeit Calzabigis und Glucks die durch edelste Einfachheit ausgezeichneteAleefte" und die später von Gluck selber in seine nächsten Werke aufgeteilte merkwürdige OperParis und Helena"; die Schöpfer der neuen Bühnenkultur standen hoch im Ruhm und An­sehen, Calzabigi hatte sich seinem Mitarbeiter kongenial gezeigt- da brach im Jahre 1770 wegen dunkler Affären des Dichters ein neuer fürchterlicher Skandal aus, der dem Leichtsinnigen nun doch den Hals brechen sollte: er muhte Wien fluchtartig verlassen und von der Opern­bühne, für bie er von so großer Wichtigkeit geworben war, ein für alle Male abtreten. Er ging an die Stätte feines ersten, längst vergessenen Skandals, nach Neapel, zurück, und führte hier als Rechtskonsulent, der sich mit bedenklichen Prozessen befaßte, ein zweifelhaftes und kümmer­liches Leden im Andenken an glücklichere Tage, bis er 1795 starb. Er war ein glänzender Vertreter des italienischen Rokoko, genial begabt, kühner Neuerer, Atheist, Zyniker, an schlimmer Krankheit leidend, von

glühendem Idealismus für freiheitliche Ideen beseelt, anziehend und doch problematisch.

Bon anderer, aber nicht weniger interessanter Art war Lorenzo da Ponte, der DichterDon Giovannis",Figaros", und Cosi fan tutte". Sein Vater war ein jüdischer Schuster in (Seneba, einem Städtchen des venezianischen Gebiets; als dieser in zweiter Ehe eine Christin hei­ratete, lieh er sich und seine Söhne erster Ehe vom Bischof von Ceneda, dem Monsignor da Ponte, taufen und nahm, wie damals üblich, den Namen des die Zeremonie Zelebrierenden an. Der Bischof intereffiert# sich sehr für den begabten Knaben und lieh ihn die Lateinschule besu­chen; der junge Lorenzo wie er seit der Taufe hieß zeichnete sich bald durch großen Fleiß und große Gelehrsamkeit aus, so daß er die Schule mit Glanz absolvieren und zur weiteren Ausbildung in ein geist­liches Seminar eintreten konnte. Von dieser Lehranstalt ging er nach Venedig, der Vergnügungsstadr ganz Europas, bie im 18. Jahrhundert etwa die Stellung einnahm, welche vor dem Kriege Monte Carlo inne­hatte: sie war berühmt und berüchtigt, ersehnt und gefürchtet wegen ihrer Spielklubs und ihrer Leberoelt. Da Ponte, jung und hübsch, stürzte sich mit ausgebreiteten Armen in das brausende Leben der bunten und infolge des starken Verkehrs mit dem Orient doppelt anziehenden Stadt und hatte die gewagtesten Abenteuer auf den Gebieten des Hasards und der Liebe zu bestehen; in seinen viel später (1823) erschienen Memoiren erzählt er von den Spielaffären, bei denen es nicht immer ganz ehrlich zuging, mit großem Freimut, während er den Frauenabenteuern mit vieler Mühe ein bie letzten Konsequenzen vermeidendes Ansehen gibt es ist indessen fürben Kenner der Zeit, der Sprache und des Verfassers nicht allzu schwer, die Wahrheit zwischen den Zeilen zu finden. Neben allem wildem Treiben vernachlässigte er indessen seine geistigen und vor allem seine dichterischen Qualitäten keineswegs; es zog ihn nach Wien, zur glänzenden italienischen Oper der Musikstadt an ber Donau, welche seines Landsmannes Calzabigi dichterische Reformen bewundert hatte. Er wollte so etwas wie ein zweiter Metastasio werden; in der Tat ge­lang es ihm schon nach kurzer Zeit seines Aufenthaltes, in Wien eine dominierende Stellung als Librettist im literarisch-musikalischen Getriebe und im wirren Netz der von italienischer und deutscher, adliger und bür­gerlicher, künstlerischer und schauspielerisck)er Seite gesponnenen Intrigen zu erringen.

Wie für Calzabigi das bestimmende Erlebnis die Zusammenkunft mit Gluck bedeutete, so war für da Ponte Mozart der Schicksalsfaktor. Er verstand als einer der wenigen Mozarts dämonische Größe und wußte ihm inFigaro",Don Giovanni" undCosi fan tutte" drei Werke zu schreiben, die dem größten Musikdramatiker alle gewünschten Möglich­keiten gaben und durch Eleganz ber Sprache, guten Aufbau der Hand­lung und klare DarfteUung der Charaktere ausgezeichnet sind. Sein Glück sollte indessen nicht allzu langen Bestand haben der neue Kaiser, Leo­pold, entließ ihn in Ungnade, vielleicht nicht einmal so sehr wegen sei­ner Liaisons und sonstigen Intrigen (er war liiert mit der ausgezeich­neten ersten Fiordiligi ausCosi fan tutte", Madame Ferraresi bet Bene) als wegen des ganzen Regimewechsels. Da Ponte mußte wieder ins Ungewisse: in Triest traf er einen englischen Kaufmann, mit dessen Tochter Nancy er sich ohne Heirat zusammenfand; bie freie Ehe ge­staltete sich zur rührenden, bis ins hohe Alter dauernden Vereinigung. Die beiden begannen ein Wanderleben, das sie über Prag, wo sie den Zauberer C a g l i o ft r o trafen, und Frankreich nach London und end­lich nach Neuyork führte; hier brachte ber vom Leben hart Mitgenom­mene seine Tage als Sprachlehrer hin. Nur einmal noch leuchtete fein Stern, alsfein" Don Giovanni von einer italienischen Truppe auf­geführt wurde noch einmal erlebte er einige Tage des Ruhmes, um bann wieder in die Vergessenheit zu finken, aus ber ihm ber Tod im Jahre 1838, als 89jährigen, in bie Ruhe führte, bie sein heißes Herz sich wohl endlich ersehnt haben mag.

Der arme (Spielmann.

Erzählung von Franz Grillparzer.

(Fortsetzung.)

Ich gab das erforderliche Geld, ließ mir aber, schon vorsichtig geworden, eine Handschrift darüber ausstellen. Die Kaution für die Anstalt, die ich gleichfalls vorschoß, schien, obgleich beträchtlich, kaum ber Rebe wert, ba sie bei ben Gerichten hinterlegt werden mutzte und dort mein blieb, als hätte ich sie in meinem Schranke.

Die Sache war abgetan, und ich fühlte mich erleichtert, erhoben, zum ersten Male in meinem Leben selbständig, ein Mann. Kaum datz ich meines Vaters noch gedachte. Ich bezog eine bessere Wohnung, änderte einiges in meiner Kleidung und ging, als es Abend geworden, durch wohlbekannte Straßen nach dem Grieslerladen, wobei ich mit den Füßen schlenkerte und mein Lied zwischen den Zähnen summte, obwohl nicht ganz richtig. Das B in der zweiten Hälfte habe ich mit der Stimme nie treffen können. Froh und guter Dinge langte ich an, aber ein eiskalter Blick Bar­baras warf mich sogleich in meine frühere Zaghaftigkeit zurück. Der Vater empfing mich aufs beste, sie aber tat, als ob niemand zugegen wäre, fuhr fort, Papierdüten zu wickeln und mischte sich mit keinem Worte in unser Gespräch. Nur als die Rede auf meine Erbschaft tarn, fuhr sie mit halbem Leide empor und sagte fast drohend: ,Vater! woraus der Alte sogleich den Gegenstand änderte. Sonst sprach sie den ganzen Abend nichts, gab mir keinen zweiten Blick, und als ich mich endlich empfahl, klang ihr: .Guten Abend!' beinahe wie ein Gott sei Dank!

Aber ich kam wieder und wieder, und sie gab allmählich nach. Nicht, als ob ich ihr irgend etwas zu Danke gemacht hätte. Sie schalt und tadelte mich unaufhörlich. Alles war ungeschickt; Gott hatte mir zwei linke Hände erschaffen; mein Rock faß wie an einer Vogelscheuche; ich ging wie die Enten mit einer Anmahnung an den Haushahn. Besonders zuwider war ihr meine Höflichkeit gegen die Kunden. Da ich nämlich bis zur Eröffnung der Kopieranstalt ohne Beschäftigung war und überlegte, daß ich dort mit dem Publikum zu tun haben würde, so nahm ich, als Vorübung, an dem Kleinverkauf im Grieslergewölde tätigen Anteil, was mich oft halbe