Als Mitte März in der Konferenz die allgemeinen Zeugnisse - verlesen wurden und der Klassenlehrer der Oster-Obersekundä B, weil er am Ende war, seine Zeugniskladde^ zuklappte, schüttelte Professor Peek den ^Kopf: „Aber Herr Ordinarius, Sie haben ja Schartig vergessen!'"
schartig? Niemand am gelben Konferenztisch begreift.
„Xaver Schartig!"
Xaver —?
„Jawol, Lauer Schartig. Aus Niederau am Ammersee. Schüler der OSOb. Bald nach Buseckes Abgang eingetreten. Platz letzte Bank an der Wand. Da, wo Busecke vorher gesessen hat. Guter Schüler. Keine Beanstandungen irgendwelcher Art. Zeugnisvorschlag meinerseits: Betragen 1, Aufmerksamkeit 1, Fleiß 1, Leistungen in Latein — Aber das steht ja nicht zur Beratung durch die Konferenz."
Leistungen? will man doch wissen.
„Zwei!" antwortet Professor Peek. „Glatte Zwei. Nach der Eins des Primus außerdem nur noch einmal vorhanden."
Die Lehrer sehen sich verwundert an. Schütteln die Köpfe. Fragen mit hochgezogenen Achseln: Wie kommt Xaver Schartig, der sonst nirgendwo Vorhandene, in das Taschenbuch des alten Herrn? Der Direktor faßt sich ein Herz und erklärt Professor Peek: Es müsse ein Jrrtunz, vorliegen, ein höchst sonderbarer Irrtum, dessen Erklärung sicher gelingen werde, aber im Augenblick bedauerlicherweise nicht möglich sei. Tatsache wäre nun einmal, daß es einen Schüler Xaver Schartig auf dem Fridericianum nicht gäbe. Daß er, der Direktor, sowohl wie sämtliche Kollegen den merkwürdigen Namen aus seinem Munde zum allerersten Male gehört hätten.
Da erhebt Professor Peek sich, schüttelt seine graue Mähne, zupft den weißen Werg um seinen Mund zurecht und sagt: „Pfui, meine Herren! Wenn die Schüler sich einen Scherz mit ihrem alten Lehrer erlauben, so ist es eine schlechte Sache. Doch immerhin eine verzeihliche Sache. Aber wenn ein Kollegium wider sein ältestes Mitglied «in Ulk- komplott schmiedet, so habe ich dafür nur jenes Wort, dessen Wiederholung man mir hoffentlich erspart! Schartig hat Stunde für Stunde Antworten gegeben, gute Antworten. Schartig hat Woche um Woche Hausarbeiten abgeliefert, gute Hausarbeiten. Soll ich Schartigs Hefte vom Schuldiener aus meiner Wohnung holen laßen? Nur einmal während des Vierteljahres, da er sich in der OSOb befindet, hat Schartig gefehlt. Bei der Klassenarbeit. Aber ein Schüler wie Schartig ist über den naheliegenden Verdacht erhaben. Und da, meine Herren, haben Sie den Mut, mir ins Gesicht zu behaupten. Schartig, Xaver Schartig aus Niederau am Ammersee, früher Schüler des Gymnasiums zu Diessen, wäre nicht auf der Schule! Wenn Sie sich einen Scherz mit Ihrem ältesten Kollegen erlauben wollen, dann müssen Sie sich einen gescheiteren ausdenken. Kindisch, so kindisch, daß er diesen von der Weg- leugnung Schartigs nicht mit einem Blick durchschaut, ist Professor Peek denn doch noch nicht. Falls Sie also mein Alter auf eine Zuverlässigkeitsprobe stellen wollten, dann sind Sie durchgefallen, meine Herren, nicht ich. Entweder Sie geben das auf der Stelle zu, oder ich verlasse das Konferenzzimmer!"
Der Ordinarius, der zu ahnen beginnt, was in seiner Klasse geschah, sagt augenzwinkernd: „Also zum Abschluß meiner Liste Schartig, Taver Schartig. Meine stimmt mit den Noten Professor Peeks überein. Betragen 1, Aufmerksamkeit 1, Fleiß 1." „Wenn niemand der in OSOb Unterridjienben Widerspruch erhebt, haben die vorgeschlagenen Nummern Gültigkeit!" erklärt der Direktor. Alle sind mit dem Allgemeinzeugnis Schartigs einverstanden.
Am andern Morgen mußte die Obersekunda des Fridericianums — schnell in die Enge getrieben — ihrem Klassenlehrer gestehen, welches Menschenspiel sie zu ihrer Belustigung fast ein Vierteljahr lang mit Professor Peek getrieben hatten. Sie bekam als schwerste Strafe von ihrem Ordinarius die Pflicht auferlegt, ihr Unrecht so wieder gutzumachen, daß der schon ein wenig wunderliche Lateinlehrer keinen Schaden der Seele oder des Leibes dadurch nähme.
Während aller Pausen dieses Märzmorgens steckten die Sekundaner ihre Köpfe zusammen wie ein Rudel aufgescheuchter Schafe. Als man sich nach vielem Hin und Her auf den Vorschlag geeinigt hatte, Xaver Schartig aus Niederau bis zur fünften Stunde sterben zu lassen, rief Dahse heftig: „Nee!" Man schrie ihn an: „Du hast uns die Suppe ein« gebrockt! Du mußt sie auch für uns auslöffeln!" Dahse warf verächtlich die Lippen auf: „Werd ich!"
Totenstille, als Professor Peek zur Lateinstunde die OSOb betritt. Der Greis schleicht noch langsamer als gemeinhin zum Pult. Putzt die Brille. Gründlicher als gewöhnlich. Kippt sie mit der Linken, um schärfer zu sehen, vornüber schüttelt den Kopf. Klappt den Horaz auf. Sagt mit verschleierter Stimme: „Wollen Sie mal fortsahren, wo wir vorige Stunde stehenblieben — Xaver — Schartig —?
Dahse erhebt sich auf seinem Platz: „Herr Professor, Schartig ist verzogen!"
„Wer—ver—zogen? "
„Jawohl, Herr Professor. Wieder nach Bayern zurück. Seinen Eltern gefiel es hier im Norden nicht. Das ist bei Oberbayern ja ganz begreiflich!"
„Freilich", stimmt Peek zu.
„Nicht wahr, Herr Professor? Es kann durchaus vorkommen, daß einer zuzieht und wieder wegzieht! Das gibts alle Tage!"
„Allerdings. Aber sagen Sie mal, Dahse, sagen Sie mir alle miteinander: Schartig ist doch hier gewesen? Er hat doch da hinten gesessen? Er hat mir doch geantwortet? Er hat doch regelmäßig seine Hefte abgegeben?"
„Jawohl, Herr Professor." — „Gewiß, Herr Professor!" — „Aber natürlich, Herr Professor!" — „Hier auf der hintersten Bank, Herr Professor!" — „Auf Buseckes Platz."
„Denken Sie nur: In der Konferenz behauptete man — Ms ob ich schon — Denken Sie nur — Aber das geht sie nichts an! — Verzogen? — Schade! War ein guter Schüler, der Schartig; der Xaver Schartig aus Niederau am Ammersee —"
In der Obersekunda des Fridericiaimms war es in den nächsten Wochen während der Lateinstunden Professor Peeks stiller als bei dem jüngsten Lehrer. Aber diese Stille war für den Sitten Herrn noch unerträglicher als der wüsteste Lärm. Entgegen seiner Absicht, noch die zwei Jahre bis zum fünfzigjährigen Dienstjubiläum im Amt zu bleiben, reichte Profesfor Peek eine Woche hernach sein Gesuch um Pensionierung ein. Diesem Gesuch wurde binnen drei Tagen stattgegeben. Noch zu Ostern des Jahres, in dem Xaver Schartig zugezogen und weggezogen war.
Liebesbriefe.
Von Rudolf Lothar.
Der Liebesbrief ist gewiß die schönste und wirkungsvollste Form der epistolarischen Kunst. Aber man sollte keine fremde Liebesbriefe sammeln, um sie in Buchform herauszugeben, und wenn sie von noch so berühmten Leuten stammen. Denn die Schönheit eines Liebesbriefes liegt fast immer zwischen den Zeilen. Die Worte sind nur Brücken. Was über Brücken geht, an Hoffnungen und Wünschen, an Erinnerungen und Ahnungen, das errät der (Empfänger oder die Empfängerin. Denn jeder Liebesbrief ist ein Geheimdokument, nur dem Wesen völlig verständlich, an das er gerichtet ist. Einem Liebesbrief fein Geheimnis nehmen, heißt den Staub von Schmetterlingsflügeln wischen. Uebrig bleibt ein Skelett von Worten, und mögen die Worte noch so schön fein, dichterisch empfunden, rhapsodisch vorgetragen, sie geben nur ein schwaches Bild von dem Leben, das in dem Briefe steckte, als er an feinem Bestimmungsort ankam.
Zur Liebe gehört der Brief. Es gibt keine rechte Liebe ohne briefliche Auswirkung. Auch wenn die Liebenden in derselben Stadt wohnen und sich täglich sehen, fühlen sie doch beide, oder mindestens der expansivere Teil, das Bedürfnis zu schreiben. Das Telephon ist nur ein Surrogat, aber kein Ersatz für den rechten Liebesbrief. Das Telephon dient der Mitteilung. Es ist episch. Die Aussprache mit Hin- und Widerrede ist dramatisch. Der Brief ist lyrisch. Die Liebe macht alle Menschen zu Dichtern, denn sie selbst ist ja die Dichtung im Leben. Unwirklich wie die Dichtung, ein Spiel des Scheins wie die Dichtung, ein wundervolles „als ob" wie jede Dichtung. Liebe, die keine Dichtung ist, mag Trieb, Begierde, Rausch sein, aber es ist keine Liebe. Erft in dem Augenblick, wo die Liebenden die Erde verlassen, und schwebend in der Unendlichkeit ins Unirdische gleiten, erst wenn sie sich eine neue Welt zusammendichten, in der sie das Märchen vom Glück aufführen, eine Welt, wo die Kulissen Träume, und die Soffitten Seligkeiten sind, werden die irdischen Triebe heilig gesprochen, und das Reich der Göttlichkeit tut sich auf. Siebe ist erlebte Dichtung. Man könnte ebensogut sagen: erträumte Dichtung. Denn in der Liebe deckt sich Traum mit Leben. Man weiß nie, wo Wirklichkeit und Traum ineinander übergehen. In dem Augenblick,
wo der Traum sich von der Wirklichkeit zurückzieht, wo wir nicht mehr
auf der Bühne des Gefühls stehen, wo wir wieder scharf unterscheiden
können zwischen Sinn und Unsinn, wo wir das geliebte Wesen sehen,
wie es wirklich ist, nicht so, wie wir es erträumten, ist auch die Liebe vorbei. Wenn man in der Liebe erwacht, ist die Liebe aus.
Wahrheit und Dichtung ist jede Liebe. Aber immer mehr Dichtung als Wahrheit. Das Dichterische in der Liebe ist das Schöpferische. Und das Schöpferische macht uns stolz. Der Stolz des Schaffenden, das Machtgefühl des Schaffenden, sind die stärksten Gefühlskompotenten der Liebe. Der Liebende hat Macht über die (Beliebte, die (Beliebte hat Macht über den Mann. — Dieses Triumphgefühl der Macht führt zur höchsten Ekstase. Diese Liebesekstase aber ringt nach Worten. Darum muß der Liebende schreiben, ob er will oder nicht. Alle Liebesbriefe sind über die Maßen schön, wenn der Empfangende in der richtigen Stimmung ist. Darum sollte man einen Liebesbrief nie einem Dritten zeigen, denn er versteht ihn ja doch nicht. Und darum sollte man echte Liebesbriefe nie veröffentlichen, denn eine Veröffentlichung ist immer Prosanation. Allerdings gibt es auch — uneigentliche Liebesbriefe. Episteln, die für die Unbeteiligten geschrieben sind, also sozusagen Küsse für die Galerie. Es gibt Liebesbriefe, die mit Absicht gedichtet sind, die mit vollem Bewußtsein geschrieben wurden. Das Bewußtsein hat aber in der Siebe nichts zu suchen.
Es gibt Siebesbriefe, die der Erinnerung und Siebesbrief«, die der Vorausahnung gewidmet sind. Man schreibt am schönsten nachher oder vorher. Aber alles Glück auf Erden besteht ja aus Erinnerung und Ahnung. Keine Gegenwart ist so schön, wie der Gedanke an das, was war, und an das, was kommen wird. Das höchste Glücksgefühl besteht darin, zum Augenblicke sagen zu dürfen: Verweile doch, du bist so schön; sondern in der Erinnerung an den Augenblick, der vorüberging, in der Vorausahnung des Augenblicks, der kommen wird. Und in der Mitte zwischen diesen beiden Höhepunkten in der Seligkeit steht der Siebesbrief.
Es gibt so viele Formen des Siebcsbriefes, wie es Menschen und Charaktere gibt. Wer aber ein Künstler des Siebesbriefes ist, der weiß, daß ein rechter Siebesbrief eine suggestive Kraft ausstrahlen muh, wie ein Auge, aus dem der Wille zur Macht-spricht. Die Siebe ist nun einmal die wundervollste Einbildung auf Erden. Wir bilden uns ein, daß die Frau, die wir lieben, die schönste Frau der Welt ist, daß wir ohne sie nicht leben könnten, daß wir sterben mühten, wenn sie uns ihre Gnade entzöge. Wir müssen die Kraft haben, die Frau glauben zu machen, daß wir tatsächlich glauben, alle diese Einbildungen wären Wirklichkeiten. Darin besteht die vielgerühmte Ueberredungskunst des Verführers. Dazu dienen ihm die Briefe. Don Juan wußte nichts von Telepathie, nichts von Suggestion. Diese Worte waren zu seiner Zeit noch nicht ersunden. Aber die Begriffe sind so alt wie die Welt. In der Telepathie liegt der ganze Zauber des Siebesbriefes. In der Suggestion, die jedes Wort ausstrahlt,, liegt eine Macht. Je näher die Siebenden zueinander stehen, je besser sie sich kennen zu glauben (denn wirklich Liebende kennen sich ja nie und setzen stets Glauben an die Stelle von Wissen), desto stärker wirkt der Brief. Er ist stets weniger ein Werbemittel, als ein Mittel der Befestigung. Und darum kann der Werdende in feinen Briefen nie vorsichtig, nie klug, nie zartfühlend genug fein. Denn im ersten Stadium der


