Ausgabe 
25.11.1929
 
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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang |929 Montag, den 25. November Nummer 92

Abends, siebte Stunde.

Don Anton Schnack.

D fahler Nachmittag, Novemberherbst! ... Ich schreib«. Bald wird Gefährte mir der Abend sein.

Was dann? Denn fetzt ist, was ich treib« Voll Sinn und Zweck, die Dinge sind noch mein.

Ich fühle mich noch selbst: Gesicht ist mein Gesicht; Der Stuhl ist Holz; das Fenster, schon entfernt, Ist noch vertraut; am Himmel hängt noch Licht; Und in Gemächern wird noch kinderhafi gelernt.

Ich kann noch alle Geräusche begreifen:

Ein Wagen knarrt hell; verfroren jammert ein Hund;

Die Autos rauschen vorbei mit klingenden Reifen; Worte tönen aus einem nicht zu sehenden Mund...

Plötzlich aber hat sich vieles ve räubert:

Mein Gesicht, das Glas und die Uhr Sind wie von Schleiern umrändert.

Die Rächt glimmt opaken und eiskalt im Flur...

Schartig.

Von Hans Franck.

An einem mürrischen Ianuarmorgen war die Obersekunda des Frie- dericiamlms es müde, ihren Lateinlehrer Professor Peek immerfort auf die althergebrachte Weise zu hänseln. Knallerbsen, Rießpulver, Mund­harmonika, Zündplättchen, Kindertrompete, Pultstuhlbeschmieren, Käfer­sliegenlassen alle diese überkommenen Schülerscherze, und viele andere noch, waren im Lauf des Jahres bis zur letzten Leerheit ausgedroschen. Keiner lachte mehr, wenn der Zweiundsiebzigsährige seinen müden Grei­senkopf, der aus einer grauen Mahne, zwei schlechtgeputzten Brillen­gläsern und einem in weißen Werg eingepackten zahnlosen Mund be­stand, soweit vom Buch aufwärts gewackelt hatte, daß er in die Klasse rufen konnte:Was war denn nun das schon wieder? Freiwillig mel­den, wers getan hat! Oder ich erkläre Sie in corpore für Bambusen, die verdienten wie Vorschüler mit dem Stock traktiert zu werden!" Kei­ner lachte. Aber wenn man in Peeks Stunden nicht mehr auf seine Lach­kosten kam, wie sollte man durch die Oede der Schulwoche dringen! Man mußte einen neuen Schülerscherz erfinden. Etwas Außergewöhnliches, etwas Noch-nie-Dagewesenes! Hunderte von Vorschlägen versuchten, die düsteren Wintermorgenpausen zu erhellen. Alle wurden verworfen. Denn es waren Abwandlungen längst bekannter Gymnasialdummheiten. Oder Roheiten, die man dem gutmütigen alten Herrn denn doch nicht antun durfte. Oder Läppischkeiten, die Sextanern zu Gesicht stehen mochten, nicht aber angehenden Primanern. Schließlich rief der windige Dahse händereibend:Ich hab's!"Nämlich?" stürzte gleichzeitig ein Dutzend Fragende auf den Triumphierenden ein. Der gab zur Antwort:Für Busecke, der vorige Woche nach Hannover verzogen ist, Peek einen neuen Schüler unterschieben! Einen, den's gar nicht gibt!!Den's über­haupt nicht? Unsinn! Ausgeschlosstn! Unmöglich! Wenn Peek auch nicht über die erste Bankreihe wegsieht, seit der Influenza im Dezember außerdem schlecht hört, auf dem Pult zuweilen ein Nickerchen macht. Das geht nicht! Geht selbst bei Peek nicht! Aber gerade weil er unsinnig, weil er ausgeschlossen, weil er unmöglich schien, wurde der Vorschlag Dahses angenommen. Ihm selber halste man die kitzlige Aufgabe um, den Neuen, den untergeschobenen Schüler,den Sekundaner, der auf Erden nirgendwo vorhanden war, in Peeks Stunden während der ersten Woche zu markieren. Nicht länger als eine Woche! Denn falls Dahse das Wag­nis wider Erwarten glückte, wollte man jeben Montag abwechseln, um einer nach dem andern als der Neue seine schauspielerischen Kräfte, seine Fähigkeiten, den vertrottelten Lateinlehrer zu narren, zum Gaudium der Klasse ausprobieren.

Als Profesior Peek beim Beginn der fünften Wintern'.srgenstunde, in der endlich doch das Gasglühlicht ausgedreht werden konnte, sich auf das Katheder geschleppt, keuchenden Atems Platz genommen, seine beschmier­ten Brillengläser geputzt hat und den Horaz aufschlagen will, ruft die Obersekunda:Herr Professor, es ist ein Neuer da!"

Immer hübsch nach der Ordnung!" weist der aufgescheuchte bte Ru­fenden zurecht.Erst ins Taschenbuch schreiben, wie viele fehlen. Also wer ist heute absent?"

Dahse, Herr Professor. Sonst niemand."

Also Dahse. Warum? Krank? Natürlich! Woran leidet Dahse denn?* Influenza, Herr Professor!"

Schlimme Krankheit! Lieber eine Lungenentzündung. Oder sonstwas Heftiges. Damit wird man fertig. Oder auch nicht fertig. Aber wen« man damit fertig wird, ifi solche Krankheit eines Tages erledigt. Aus und vorbei, als ob sie nie gewesen wäre! Influenza aber schlimni, sehr schlimm! Fängt gar nicht richtig wie eine Krankheit an. Hört da», für indessen auch nicht richtig wieder auf. Wie kam ich denn auf In­fluenza? Richtig: Dahse! Influenza also hat der arme Kerl."

Als der Vorsichhinredende die Eintragung in sein Taschenbuch gw macht hat und nun tatsächlich den Horaz aufschlägt, schreit die Klass« Herr Professor, es ist ein Neuer da!"

Warum brüten Sie denn?" wehrt Peek ab.Ich höre noch sehr gut. Trotz meiner siebzig Jährchen. Wenn eine Fliege an der Korridor» feite der Tür hochkrabbelt höre ich es hier auf dem Pulk. Natürlich ist ein Neuer da. Ich sehe^es doch. Mit Hilfe meiner Brite ist meine Seh­weite nahezu normal! öetbft auf der hintersten Bank entgeht mir nichts. Wenn ich auch meistens Gnade walten lasse und den Missetäter nicht aufrufe und einschreibe. Also es ist ein Neuer da? Wo sitzt er denn? Stehen Sie doch mal auf, junger Herr! Danke. Natürlich, wo sollten Sie wohl anders sitzen als aus dem Platz des verstorbenen Busecke!"

Dahse steht hochgereckt in der letzten Bankreihe. Die Klasse biegt sich unter den ersten Stößen des Gelächtersturms.Wie heißen Sie?" fragt Peek.Schartig! antwortete der Nene. Die Klasse quietscht.Bitte buch­stabieren!" fommte es vom Katheder her.Denn Namen werden mei» Üens unrichtig geschrieben."Mein Name", erklärt der Stehende,wirst richtig geschrieben. Genau so, wie ich heiße."Buchstabieren! hab ich gesagt", beharrt Peek. Und Dahse buchstabiert seinen Namen:SchariiA Es-Zeh-Ha-A-Err-Te-I-Ge."Und der Vorname?" möchte Peek luiffent Dahse, der im Vorjahre mit seinen Eltern zur Sommerfrische in Obe« bayern war und einen besonders wirksamen Witz machen will, antwortet: lauer". Die Klasse brüllt.Worüber lachen Sie denn?" schreit Pro»; sessor Peek.Als ob Sie noch Sextaner, noch dumme Jungs wären« l'auer ist ein sehr ordentlicher, ist ein hübscher Name. Als ich vor drei»; undzwanzig Jahren aus Gesundheitsrücksichten im Allgäu weilte, hab« ich festgestellt, daß der Name in unserem Dorf elfmal vorkam. Sie be» weisen nur Ihre Grünheit, wenn Sie über einen anderwärts häufige» Vornamen lachen, als ob das Mondkalb leibhaftig vor Ihnen stände, das noch keiner gesehen hat. .Tauer heißen Sie? Tauer Schartig!"Ja­wohl, Herr Professor" erklärt Dahse.Tauer. Jcks-A"Was fällt Ihnen ein", reckt Peek sich auf.Ich werde doch wohl Taner ohne Buch­stabieren schreiben können! Ich bin weit in der Welt herumgekommemi Achtmal war ich in Italien. Und zweimal sogar in Griechenland... Sv« Da steht es: Tauer Schartig. Sicher in Bayern geboren?"Jawohl» Herr Professor", lügt Dahse,zu Riederau am Ammersee".Und wo, erkundigt Peek sich weiter,haben Sie das Gymnasium bis zur Sekunda absolviert?" Einige Augenblicke schwebt Dahse, zur Schadenfreude seiner Kameraden, zwischen Ertappt! und Nicht-ertappt! Dann wühlt er alle seine Sommerfrischenerinnerungen durch und behauptet aufs Gerate­wohl:Zu Liessen, Herr Professor".Offenbar kleines Nest", stellr der Kathedermann fest.Wenn Sie dann bei uns nur mitkommen, Nun, wir werden ja sehen, wieweit Sie zu Diessen in den Geist der Antike eingedrungen sind. Sie können sich wieder setzen, Tauer Schartig." Dahse atmet auf. Wischt sich Schweißperlen von der Stirn. Setzt sich.

Seit diesem Januarmorgen war in den Lateinstunden, die Professor Theobald Peek der Obersekunda des Friderieianums noch als Zweiund- siebzigjähriger gab, zur Belustigung der Klosse einer da, der nicht da war. Er erwies sich als ein guter Schuler, der nichtvorhandene Tauet Schartig aus Riederau am Ämmerfee. Denn man wählte des Sonn­abends nur einen befähigten Schüler, der während der kommenden Woche bei Peek absent gemeldet wurde, zu seinem Pertreter. Die Aussätze mutz­ten, damit man die gleichmäßige Verstelltheit der Handschrift heraus»; bekam, allesamt Dahse, der Zweite der Klasse, für Schartig schreibe» Als der Scherz sich zu erschöpfen drohte, bestimmte man eine Woche lang den Ultimus dazu, den leeren Platz auf der hinteren Bank ein», zunehmen. Und Peek fiel von einem Staunen ins andere:Aber Schar» tig, was machen Sie? Aber Schartig, 'Sie waren doch sonst immer güt präpariert! Aber Schartig, solche Fehler bin ich bei Ihnen nicht gewöhnt! Aber Schartig! Befinden Sie sich schlecht? War Ihne« nicht wohl gestern Abend?"Ja, Herr Professor", stammelte der Ultt- mus.Mir ist, mir war nicht wohl, entschuldigen Sie bitte, daß ich nickst präpariert bin."Nun also, Schartig!" atmete Peek auf.Warum haben Sie mir das nicht vorher gesagt? Bei Ihnen weiß ich doch, daß da« Unwohlsein nicht erlogen It. Ich wollte wohl, daß ich lauter so tüchtige und fleißige und brave Schüler hätte wie Tauer Schartig." An diesem Sonnabend wurde bei der Ersatzwahl sorgsam darauf achtgegeben, daß Tauer Schartig ip der nächsten Woche seinen guten Schiilerrus nicht ge­fährdete.