stellungen nicht befreien, um diesen einen Punkt kreisen. Aber zweifellos steht ihr, der stanbesbewußten Patrizierin — und hierin ist sie die Vertreterin all ihrer Klassengenossinnen — das Haus, die Familie, mit der die Strozzi sich versippen sollen, am höchsten. Nicht einen Augenblick denkt sie daran, daß einer der Söhne Lin Mädchen aus seiner neuen Heimatstadt zur Frau nehmen könnte; ihr ganzes Sinnen ist nur darauf gerichtet, die Verbannten als Florentiner an der Seite von Florentinerinnen in die ungerechte und doch so heißgeliebte Vaterstadt zurückkehren zu sehen. So sind ihre Worte, daß die Frau keinen Abstieg in Ehre und Ansehen bedeuten dürfe, der echteste Ausfluß ihrer Ueberzeugung wie der ihrer ganzen sozialen Schicht.
Um dieses Ziel zu erreichen, sucht sie mit List und heimlicher Beobachtung, sei es in dec Kirche, sei es von einem Nachbarfenster aus, zu erspähen, wie sich das Mädchen benimmt, wie es ungeschmückt aussteht; daß die als Braut in Aussicht Genommene ungeschminkt ist und keine hohen Stöckel trägt, wird ganz besonders hervorgehoben. Ebenso wird lobend betont, daß sie nicht ungehobelt und keine Schlafmütze ist. Auch auf einen gewissen Bildungsgrad wird bei der Kandidatin Wert gelegt und rühmend erwähnt, daß sie gut lesen kann; immerhin erscheint in einer Zeit, in der in den höchsten Ständen die Bildung der Frau im wesentlichen die gleiche war wie die der Männer, diese Genügsamkeit in den geistigen Ansprüchen an eine florentinische Patrizierin befremdlich genug. Mehr Nachdruck wurde scheinbar auf die geselligen Fähigkeiten, auf die guten Manieren und auf die einmal besonders gerühmten Sing- und Tanzkünste des Mädchens gelegt.
Und daß eine so schönheitsfrohe Zeit, wie es die Frührenaissance für Florenz bedeutete, nicht achtlos an den äußeren Reizen der zu erwählenden Lebensgefährtin vorübergehen konnte, daß diese, wenn nicht allein entscheidend, so doch mitbestimmend, ins Gewicht fallen mußten, ist eine selbstverständliche Forderung. Doch ist — wenigstens nach dem Urteil Alessandras — mehr Wert auf eine harmonische, kraftvolle Gesamterschei- nung, die eine gesunde und anmutige Nachkommenschaft verbürgt, als auf besondere Schönheit der Gesichtszüge zu legen. Allerdings wissen wir nicht, ob sich in diesem Punkte die Wünsch« der Söhne, also der Hauptbeteiligten. mit jenen der Mutter decken. Ihr langes, jahrzehntelanges Zaudern läßt eine gewisse Ehescheu erkennen, deren Alessandra durch manches kräftige Wörtchen Herr zu werden sucht, bis sich ihre Ungeduld einmal zn dem tragikomischen Verzweiflungsruf steigert: „Hätten alle andern Männer soviel Angst vorm Heiraten gehabt wie Ihr, so wäre die Welt längst ausgestorben! Deshalb müssen wir Euch auf die Beine helfen, damit Ihr seht, daß der Teufel nicht so schwarz ist, wie er gemalt wird."
Nun ausgestorben ist die Welt auch in den Tagen der Renaissance nicht, nicht zum mindesten dank der ehestiftenden Bemühungen tatkräftiger Frauen urb Freunde vom Schlage der Alestandra Strozzi und ihres Schwiegersohnes, die sich der Mittlerrolle gern unterzogen. Daß aber auch der aefchästliche Heiratsvermittler jener Zeit nicht fremd gewesen, davon erzählt das Register der Stadt Venedig, das im Jahre 1518 den Tod eines gewissen Bernardin di Martini, eines „sensale di matri- monio" ausdrücklich verzeichnet. Doch jener kleine, pfeilbewebrt« Gott, den die Renaissancekunst so aern in strahlender Anmut gebildet — er entfloh vor all diesen klugen Berechnungen allzu häufig von der Schwelle des Ehegemaches und rettete sich in freiere Sphären.
Der tvandiun-isfähiaste Arzneistoff.
Von Dr. Th. A. Maaß.
Das Universal-Heilmittel, das gleichmäßig alle Krankheiten heilt, ist noch nicht gefunden und wird, aller Wahrscheinlichkeit nach, auch nie gefunden werden. Wenn aus der Arzneitüche der Kurpfuscherei irgendein neuer M schmasch beschert wird, der, bei vollkommener Harmlosigkeit, ebenso sicher gegen Plattfuß-Beschwerden, wie gegen Blinddarmentzündung oder Haarausfall wirken soll, überlassen wir feine Anschaffung und Verwendung neidlos denen, gegen deren Grundübel bekanntlich Götter selbst vergeblich kämpfen.
Im allgemeinen ist man durchaus zufrieden, wenn ein Arzneimittel auf dem mehr oder minder eng begrenzten Anwendungsgebiet, auf dem man nach seiner Zusammensetzung und dem Ausfall der pharmakologischen Prüfung etwas van ihm erwarten kann, auch am Krankenbett die l^währunasvrobe besteht.
Diese »erlangt möglichst zuverlässige und regelmäßige Wirkung und das Fehlen unerwünschter Nebenwirkungen. Dann muß sich die gewünschte Stärke der Wirkung durch individualisierende ärztliche Bemessung der Dosierung möglichst genau voraussehen und regeln lassen.
Nicht nur die Wirkungsstärke, sondern auch die Wirkunasart eines Arzneistoffes kann weitgehend durch die in Anwendung kommenden Menoen beeinflußt werden. Die Spanne der Dosierungen, in der die meisten Arzneimittel mit der Aussicht auf guten Erfolg angewendet werden können, ist stets ziemlich ena. Man gelangt nach unten recht bald an die Dosis, die zu gering ist. überhaupt noch eine nennenswerte Wirkung auszuüben. nach oben bald an die, wo die gewünschte Heilwirkung in schädliche Giftwirkung umschlägt.
Gerade M den wirksamsten und daher wertvollsten Mitteln, den Stoffen mit oft lebensrettender W^kunq auf Herz und Gefäße, den schmerebekämnfenden. narkotilchen Mitteln u. n. m. liegt die schädliche, la fogar töh’icfje Dosis oft recht nahe bei der heilsamen. Die Ausnutzung der «inen ohne Streifung der anderen stellt hohe Anforderungen ort die ärztli-be K'wst. Die Anschauung über die Wirksamkeit kleinster Dosen ial- cker Arzneimittel die im allgemeinen in wesentlich arößeren bewährt sind, erfuhr, ebenso wie die medizinische Ricbtuna. dte ihr besonders Beachtung schenfte. d>e Homöopathie, im Laufe der Zeiten sehr wechselnde Wertung. Eine ganz eigenartige Stellung nimmt in dieser Be
ziehung einer der bekanntesten und bewährtesten Arzneistoffe das Jod ein.
Die Mannigfaltigkeit der medizinischen Anwendungsgevteie dtejes chemischen Grundstoffs in Lösung, in Form seiner Salze oder in organischer Bindung bei äußerlicher oder den verschiedenen Formen inner- kicher Darreichung ist allgemein bekannt,
Biel seltsamer aber als die Vielseitigkeit der Anwendungsgebiete mutet die von modernster Forschung festgestellte, phantastische Spannweite an, die zwischen den für bestimmte Zwecke geeignetsten kleinsten, und den für andere notwendigen und vom Organismus vertragenen, größten Dosen besteht.
Das bedeutungsvollste Gebiet der medizinischen Jodanwendung ist die Vorbeugung und Bekämpfung der Kropfkrankheit. Diese tritt dort als Volkskrankheit auf, wo die Umwelt und damit besonders das Trinkwasser und die Nahningsstoffe zu jodarm sind.
Die streng wissenschaftliche analytische und statistische Durchforschung hat die verblüffendste Uebereinstimmung zwischen Jodmangel im Erdboden und Häufigkeit des Kropfvorkommens bewiesen. Daneben taten dies auch ein« Reihe mehr zufälliger Beobachtungen, die dadurch besonders wertvoll sind, daß sie den Hinweis auf die bisher erfolgreichsten Wege der Kropfbekämpfung in sich bergen, ohne allerdings ursprünglich in ihrer vollen Bedeutung erkannt zu werden.
In der Schweiz, in der die Kropfkrankheit stets recht verbreitet war, zeigte sich, daß unter gleichen Umweltsbedingungen der Kanton Waadt vom Kropfauftreten fast verschont war, während es in Freiburg eine Volkskrankheit bildete. Die Ursache dieser Verschiedenheit war, daß beide Kantone ihren Speisesalz-Vedarf aus verschiedenen Quellen deckten und Freiburg dabei mit einem jodfreien, Waadt mit einem jodhaltigen Salz beliefert wurde.
Die Stadt Bordeaux und ihre nähere Umgebung stellte in einer vom Kropf ziemlich stark heimgesuchten Umgebung eine kropffreie Insel dar. Der Grund war, daß dort ein aus Rückständen des Chilesalpeters bereitetes und dadurch jodhaltiges Salz in der Küche verwendet wurde.
Damit ist eigentlich alles gesagt, was zum Kropfproblem gesagt wer- den kann: Kropf tritt als Volkskrankheit dort auf, wo dem Menschen von Natur zu wenig Jod geliefert wird. Seine Bekämpfung kann ba- durch mit sicherem Erfolg« durchgeführt werden, daß diesem Mank» durch Darreichung mit Jodsalzen angereicherter Nahrungsstoffe — das zur Bereitung fast aller Speisen verwendete Kochsalz ist als Zubringer besonders geeignet — abgeholfen wird.
Es wirkt erstaunlich, daß nach Auffindung dieser geradezu aufdringlich deutlichen Zusammenhänge Jahrzehnte verstrichen, bis aus ihnen die allgemeinen Konsequenzen gezogen wurden. Die besonders in der Schweiz mit glänzendem Erfolg durchgeführte Darreichung eines jodhaltigen Kochsalzes, des sogen. Bollsalzes, ist ihre heutige segensreiche praktische Auswirkung.
Es soll hier nicht dieser bekannte großartige Fortschritt in der Kropfbekämpfung näher geschildert werden. Eines von vielen Beispielen möge ihn illustrieren: In Appenzell sank innerhalb von vier Jahren, unter systematischer Verwendung von jodhaltigem Vollsalz durch Mütter und Kinder, die Schilddrüsenfläche der Sechsjährigen von dem früher krankhaft erhöhten Durchschnittswert von 26 qcm auf den fast normalen von 7 qcm!
Was hier betrachtet werden soll, ist, welche Jodmengen notwendig sind, solche Wirkung hervorzurufen. Das schweizerische Vollsalz enthält im Kilo 5 Milligramm Jod. Anter Zugrundelegung des durchschnittlichen Salzverbrauchs einer Person, bedeutet dies, daß im Laufe des Tages 50 Tausendstel Milligramm Jod aufaenommen werden. Das ist eine Dosis, die nicht nur nach ihrer absoluten Größenordnung, sondern auch im Vergleich zu den meisten anderen stärksten Arzneimitteln und Giften unvorstellbar klein ist. Es darf natürlich nicht vergessen werden, daß erst Im jahrelangen Gebrauch die heilsam« Jodanreicherung in der Schilddrüse eintritt. Aber selbst die Menge, die innerhalb eines ganzen Jahres ausgenommen wird, das sind im ganzen etwa 20 Milligramm, ist immer noch wesentlich kleiner, als die, die das Arzneibuch beispielsweise bei einem so hochwirksamen und hochgiftigen Mittel wie dem Morphium als Einzeldosis zuläßt.
Nach Kenntnis dieser nicht nur als genügend, sondern auch als beste Dosierung erkannten kleinsten Mengen ist es nicht erstaunlich, daß man auch daran denken kann, diese dem Organismus auf indirektem Wege zuzuführen. Der hierzu geeignete Weg, der zur Zeit noch in Diskussion steht, ist die Joddiingung des Bodens, die entweder durch den jodhaltigen Chilesalpeter oder durch künstlichen Jodzusatz zu anderen Düngemitteln durchgeführt werden kann.
Der Vorteil dieser Methode ist, daß das Jod aus dem auf solchem Boden wachsenden Getreide und Gemüse, aus der Milch und dem Fleisch der Tiere, die mit diesen gefüttert werden, dem Menschen bereits in Bin- duna an Zellsubstanz geboten wird und somit sein Uebergang in den Stoffwechsel erleichtert ist. Es ist ohne weiteres klar, daß dieser Weg, der auch noch direkte, hier nicht näher zu schildernde Vorzüge für die Viehhaltung bietet, gangbar und durchaus zukunftsreich ist. Nehmen wir an, daß mit diesen nach Millionstel Gramm zu bemeffenben Jobdosen bei der Kropfbekämpfung die unterste Grenze der Wirksamkeit erreicht ist. so dränat sich die Frage auf, rote weit diese, durch die in anderen Fällen zulässige und angebrachte Höchstdosis überschrittetn werben bars? Hier gibt die neueste Forschung über die Jodverwendung zur Schnell- heilnng einer durch Jahrtausende als vollkommen unheilbar geltenden fürchterlichen Krankheit, des Aussatzes (Lepra), eine überraschende Antwort. Der anglo-indische Arzt D r. Muir hat ein Berfahren ausgearbeu tet, durch bas es ihm gelingt, dies« furchtbare Volksseuche, von deren ungeheuren Verbreitung, besonders in Ostasien, wir uns hier nur eine schwache Bo-stellung machen, in der unglaublich kurzen Zeit von sechs Wochen zur Heilung zur bringen.
Verantwortlich: Or. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Universitäts'Vuch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


