Das große Glück.

Eine hanseakische Anekdote.

Von Karl L e r b s.

Mein Großvater, hochgewachsen, schlank, weitzbürtig, von dem ge­messenen Gehaben und der besonnenen unerschütterlichen Kühle des alt­eingesessenen hanseatischen Großkaufmanns, erlebte es, daß ihm das Glück einen Streich von seltsam durchdachter und erklügelter Bosheit spielte. Er besaß in einer der ältesten Straßen der alten Stadt ein nicht großes, aber auf gesicherter Grundlage ruhig und stetig arbeitendes Geschäft und hielt sich von allem, was mit neumodisch gewagter Börsenkunst in fiebrig erregten Stunden um Vermögen spielt, sorgsam und grundsätzlich fern. Als er eines Abends ziemlich spät noch in seinem Kontor beim gelb­lichen Schein der surrenden Gaslampe nach einem hartnäckigen Buchungs- fehler suchte, erschien ein stiernackiger und kurzatmiger Mann, angelockt durch die mächtige Front des hohen Giebelhauses, und wollte in aller Geschwindigkeit noch ein paar Lose für irgendeine landwirtschaftliche Ausstellung in einer benachbarten Stadt verkaufen. Seine atem- und hemmungslose Geschwätzigkeit begann sich bald unter dem unbarmherzigen Blick der blauen Augen seines schweigsamen Gegenübers zu verhaspeln und zu verhaddern. Mein Großvater aber, ungeduldig, wollte dem Ge- sprudel anpreisender Worte ein rasches Ende machen und tat, was er zu anderen Zeiten wohl nicht getan haben würde. So kam es, daß sich der Dicke, erleichtert schnaufend und erlöst schwitzend, mit dankenden Bücklin­gen empfehlen konnte; indessen mein Großvater zwei Lose für je einen Taler in seinen Geldschrank verschloß um alsbald über der Suche nach besagtem Fehler und anderen Dingen diese unsicheren Unterpfänder des Glückes restlos zu vergessen.

Und doch waren sie das Mittel, mit dem das Schicksal meinem Groß­vater klarzumachen gedachte, daß auch ein hanseatischer Großkausmann vor boshaftem Schabernack nicht sicher ist. Es kam nämlich eines guten Tages, als der alte Herr sich eben über dieständig rückgängige Ten­denz" des Neuyorker Warenkurszettels ärgerte, durch den Fernsprecher die Nachricht, daß auf den Namen meines Großvaters bei der Aus­losung ein beträchtlicher, persönlich abzuholender Gewinn gefallen sei, ohne daß der nicht nur heutzutage so tückische Apparat zur Preis­gabe näherer Umstände zu bewegen gewesen wäre. Mein Großvater, nun doch in leiser Spannung, wenn er sie sich auch äußerlich nicht an­merken ließ, entsann sich, das er in jener benachbarten Stadt sowieso ein Geschäft zu erledigen habe, und fand so willkommenen Vorwand, der etwas konfusen Mitteilung näher auf den Grund zu gehen. Denn er war gewohnt, etwas zu verdienen oder zu verlieren, aber mitGewinnen" hatte er sich nie abgegeben.

An Ort und Stelle nahm ihn der schon bekannte dicke Mann mit vielen Bücklingen, die eine unbehagliche Verlegenheit nur schlecht ver­bargen, in Empfang und führte ihn durch ein Gewirr von Menschen und Maschinen landwirtschaftlichen Gepräges bis zu der Stelle, wo jener geheimnisvolle Gewinn sich befand. Mein Großvater, gemessen, im schwarzen Rock, den spiegelblanken Seidenhut auf den gepflegten weißen Locken, hob den Blick und sah sich einem gewaltigen Zuchtbullen gegen­über, der furchtbar mit einer armdicken Kette rasselte. Der alte Herr, stumm, nahm das Ereignis mit würdiger Fassung hin; es gab eine län­gere Betrachtung, die von dem Bullen ebenso eingehend erwidert wurde, ohne daß bei dem gegenseitigen Mangel an Sachkenntnis die Angelegenheit dadurch wesentlich gefördert worden wäre. Der dicke Mann, durch den glatten Verlauf der Begegnung ermutigt, machte meinen Groß­vater darauf aufmerksam, daß er diesen für ihn wohl nicht unmittel­bar verwendbaren (der alte Herr nickte ernst) Gewinn nachher auf einer Versteigerung werde veräußern können, wobei er, um den Erlös an­gemessen zu gestalten, zum fleißigen Mitbieten ergebenst zu raten sich erlauben wolle.

So kam es, daß mein Großvater zwei Stunden später in einem Kreise mißtrauischer Bauern stand und gelangweilt wartete, bis nach einer endlosen und zäh umkämpften Folge von Pflügen, Schweinen, Dreschmaschinen und Sonstigem das gehörnte Untier an die Reih« kam. Als dann endlich di« Schlacht einsetzte, schloß mein Großvater aus den unerhört niedrigen Anfangsgeboten, daß man feine Unerfahrenheit aus­nutzen wollte; in seinem Bestreben, den spuckenden Bauern als wohl­erfahrener Kaufmann gründlich heimzuleuchten, geriet er tatsächlich ins Mitbieten und darüber schließlich in Eifer. Die Bauern aber, längst schon argwöhnisch, schnappten plötzlich ab, und mein Großvater, der sich zu weit vorgewagt hatte, erhielt inmitten beifälligen Gemurmels den Zuschlag.

Nach dieser Wendung der Dinoe begab er sich, steil aufgerichtet, mit erloschener Zigarre, von allen Wissenden sorgsam gemieden, in die auf d-m Ausstellungsgelände gelegene Wirtschaft, um bei einer Flasche Wein still mit sich zu Rote zu gehen, wie er diesen heimtück'sch geführten Schlag finsterer Mächte zweckmäßig parieren könne. So saß er, mit un­beilverkündenden Brauen, zuweilen bei einem fernen Brüllen seines E gen tu ms nervös zusammenzuckend; und es entgang ihm ganz, daß der mehrfach erwähnte kurzatmige Mann geraume Zeit gleich einem dicken, schuldbewußten Kater in weiten Kreisen den Tisch umstrich, ohne daß er das dräuende Schweigen des alten Herrn zu stören wagte. Bis mein Großvater, endlich ausblickend, in achtungsvoller Entfernung eine andächtige Versammlung von Bauern stehen sah und schließlich des scheuen Getues hinter seinem ehrfurchtgebietenden Rücken inne ward. Auf seine gereizte Frage erhielt er endlich von dem Unglücklichen die von vielen Stottern und angstvollen Atempausen unterbrochene Er­klärung: Es sei leider Gottes ein böser Irrtum passiert, und man habe dem alten Herrn unverantwortlicherweise vorhin einen falschen Bullen gezeigt. Es blieb meinem Großvater nichts übrig, als aus dem Ge­stammel des nach vollbrachter Mitteilung geflohenen Unheilverkünders den Schluß zu ziehen, daß er sich nunmehr als glücklicher Besitzer von Zwei Zuchtbullen ansprechen dürfe, bei welcher Feststellung er durch lebhafte Ovationen jener Bauerngruppe gleichzeitig einen unanfecht­baren Beweis rasch erlangter Volkstümlichkeit empfing.

Dies war die Stelle, wo mein Großvater die Erzählung der ge- schilderten Vorgänge regelmäßig abbrach, um sich einer stummen Be­trachtung über die Hinterlist des Glückes hinzugeben, das seinem Leben immer mit jähen Wechselfällen ferngeblieben war, um ihm, dem Ahnungslosen, eines Tages »mit einem so boshaften Streich jede Lust zu weiteren Proben auf bas unsichere Exempel zu nehmen. Selbst das leise Lächeln um seinen ernsten Mund vermochte keinem der Lauscher den Mut zu geben, die Frage nach dem endlichen Ausgang dieser Ge­schichte zu tun.

Renaissance-Heiraten.

Von Dr. Hedwig Fisch mann.

Der leuchtende Glanz, mit dem das Bild der Renaissance seit den Tagen Burck Hardts und Nietzsches sich in unserem Bewußtsein vertlärt hat, überstrahlt mit seiner blendenden Ueberzeugungskraft gar manche Einzelzüge, die, das stolze Ganze entstellend und herabdrückend, ihm für den historischen Beobachter unlösbar verhaftet sind. Nicht in letz­ter Linie gilt dies von der niedrigen Wertung der Ehe, wie sie sich gleichermaßen in der durch ihren ersten Teil aber nur durch diesen fast modern anmutenden Zeitforderung ausspricht, die Ehen seien nur auf bestimmte Zeit zu schließen, und zwar nur, solange die grau dem Mann gefällt, als auch in der durchaus geschäftlichen Art, wie diese Ehen geschlossen werden. Don Liebe, ja nur von harmonisch aufeinander ab= gestimmten Charakteren ist hier nie die Rede. Ob wir in jenen Briefen, in denen Isabella d'Este oder Lodovieo Gonzaga für Baldassare Casti- glione die geeignete Lebensgenossin zu finden bemüht sind, von der gei­stigen Kulturatmosphäre der Renaissaneehöfe umgeben sind; ob uns aus den mütterlich rührenden Schriftstücken der Alessandra Strozzi das lebensvolle Bild bürgerlichen Denkens und Fühlens entgegentritt, wie es slorentinischen Patriziergeschlechtern der hohen Zeit der Mediceer- Blüte eignete; ob in den schlichten Tagebuchblättern des Handwerkers Lucca Landucci mit dürren, gefühlsmäßig gänzlich unbetonten Worten, bie aber nicht die Mitgift und Ausstattung zu erwähnen vergessen, von seiner Verheiratung berichtet wird immer ist es der gleiche empsin- bungsleere Raum, aus dem diese Stimmen zu uns tönen.

Zumal aus jener stattlichen Reihe von Briefen der Alessandra Strozzi, die durch fast zwei Jahrzehnte eine ununterbrochene Kette von Heiratsprojekten für ihre beiden in der Verbannung lebenden Söhne darstellt, weht mit erschreckender Klarheit und kühler Nüchternheit der Geist einer die eheliche Verbindung vor allem als Rechenexempel auf­fassenden Zeit, das glatt und möglichst vorteilhaft zu losen, ganz den Traditionen des hoch emporstrebenden königlichen Kaufmannsgeschlechtes entspricht. Es lebt auch darin etwas von jener zielbewußten Geschlossen­heit und Strenge, die in dem stolzen Stammpalost der Strozzi wenige Jahrzehnte später ihren monumentalen Ausdruck gewann. Aber was hier in der möglichsten Unterdrückung aller nur an das Gefühl sich wen­denden, unnützen Zierformen sich emporhebt zu einem machtvoll ragen­den Denkmal von der Große jener Zeit, das wirkt dort, wo es sich um Allerpersönlichstes, zweier Menschen Schicksale Bestimmendes handelt, er-ältend und verletzend, um so verletzender im Munde einer Frau und Mutter, deren warmes Empfinden für ihre Kinder in allen Lebensfra­gen trotz der Herbheit ihrer Natur dennoch stets zum Ausdruck kommt und das sich in einem nur der Sorge um ihre Familie geweihten Dasein bewehrt hat. Und diese Frau spricht ganz Sprachrohr der Zeitauf- fassiing in ihren Briefen immer wieder von den Mädchen, die sie als künftige Schwiegertöchter ins Auge gefaßt hat, mit Ausdrücken wie Ware", die siean der Hand hat", ja vonDurchschnittsware",Aus- fchußware" undSachen", die der Vater billig oder nicht billig herzu- geben Veranlassung hat, wie sie überhaupt das so unsagbar verächtlich anmutenbe Neutrum, wieetwas Anderes",etwas Besseres" von ben voraussichtlichen Bräuten zu gebrauchen pflegt. Unb boch miffen wir von bcrfelben Frau, wie liebevoll sie später bie Gattin ihres Sohnes an ihr mütterliches Herz genommen und wie sie ihn selber gemahnt, durchaus nicht mit Gaben an bie Braut, besonbers nicht mit Schmuck, zu kargen, um diese würdig auszustatten.

Daß in allen diesen Schriftstücken bie Frage nach der Höhe der Mit­gift eine so vorherrschende Stelle einnimmt, ist ebenfalls gana dem Geiste der Zeit gemäß. So mur^e wenige Jahrzehnte später in Florenz durch gesetzliche Verordnung bestimmt, daß die Mitaift der Mädchen 1600 fl. nicht übersteigen dürfe, weil man durch diese Maßregel, welche den allzu hohen Anforderungen Einhalt tun sollte, eine Zunahme der bamals recht im argen liegenden Eheschließungen zu erzielen hoffte. Denn es gab zu jener Zeit mehr als 3000 unverheiratete Florentinerinnen im Alter von 18 bis 30 Jahren, und dies nach der Meinung der Zeit ein überreifes, kaum mehr annehmbares Heiratsalter; schreibt doch auch Alessandra Strozzi von der eigenen Tochter, sie seischon" 16 Jahre, und man dürfe deshalb nicht länger mit ihrer Verheiratung zögern, wie auch die endlich für den Sohn gefundene Braut, der sich inzwischen den Vier­zigern genähert hat, 15 Jahre zählt. Immerhin gehörte ein Heiratsalter wie jenes der 10jährigen Caterina Sforza bei wirklich vollzogenen Ver­mählungen auch in jener Zeit zu den Ausnahmen.

Doch welche wichtige Rolle bei der Wahl einer Sohnesfrau auch die Höhe der Mitgift spielte und wie tatkräftig und rücksichtslos sich gerade in diesem Punkte der alle Werbepläne Alessandras unterstützende Schwie­gersohn, der Seidenhändler Marco Parente, der Interessen seines Schwa­gers annahm, wie er eine förmliche Rechnung mit Soll und Haben, was fener erwarten dürfe und was er zu bieten habe, aufstellte so ist doch die stolze Patrizierin keinesfalls gewillt, bas Vermögen der Braut als allein ausschlaggebend für ihre Entscheidung anzusehen. Ja, sie schreibt sogar einmal an einen der Söhne im Hinblick auf den Umstand, daß em reiches Mädchen kaum sich entschließen würde, einem Verbannten in die Fremde zu folgen:Nun ist wohl das wenige Geld unter allen der kleinste Fehler; unb wenn bie anbem Eigenschaften, bie wir wün­schen, vorhanden sind, muß man auf Geld nicht sehen," während dennoch immer wieder all ihre Briefe, als könne sie sich von eingeimpften Vor-