nachher nur den Kopf schütteln über Thomas Wiehl? — Die Sonne ist untergegangen, was tu' ich noch hier? Ich will nach Hause gehen, wo Frau Berg und mein Plag am Tisch auf mich warten, und nicht länger am Hafen bleiben, aber man will manches nicht tun und steht doch auf der Brücke und führt lange Gespräche mit Schillings, dem Angler,
Es interessiert mich zu erfahren, wieviel er heute gefangen hat und wo er jetzt seine Haken kauft, denn Schillings versteht sich aufs Angeln wie kein zweiter. Sieh an, er kaust in letzter Zeit ganz besondere Haken, so dünn und fein, wie man sie hier nicht bekommen kann! Er bezieht sie aus Ulm, und morgen wi ller mir die Adresse geben. Schönen Dank, Vater Schillings! — das alles ist sehr interessant für mich, obwohl ich kein Angler von Passion bin, und während wir reden, stehlen sich meine Augen wie Diebe hinweg, und Boote gleiten in den Hafen, eins nach dem andern. Große, weiße Jachten und klumpe Lastkähne und eine kleine, schlanke Jolle aus Gabun ...
Gute Nacht, Bater Schillings, morgen um dieselbe Stunde werde ich kommen und mir die Adresse aus Ulm holen!
*
Durch die Dämmerung kommt ein leichter Schritt, eine rote Jacke huscht über den Kies am Strand. Gott mag wissen, wie ein Mensch so ohne Schwere und Last fein kann! Die Boote wiegen sich an den Bojen wie weiße, schlafende Schwäne, und ich stehe reglos still. Ich weiß jedes Wort, das nun fallen wird zwischen uns, denn es ist alle Tage dasselbe Spiel.
„Sind Sie es, Herr Wiehl? ... Haben' Sie auf mich gewartet?" „Gottbewahre, kleine Hanna, bilde dir nur nichts ein! Ich plauderte eine Weile mit Schillings und komme ganz zufällig des Wegs!"
Wir können unser Lächeln nicht sehen, die Weiden hängen so tief über den Weg. Unsere Füße zögern bei jedem Schritt, und Hannas Nähe fließt in mich wie ein dunkler nährender Strom. —
Als wir am Wirtsgarten des Hotel „Zum Löwen" vorbeikamen, aus dem Licht fiel und Klappern von Tellern klang, ließ Hanna plötzlich meinen Arm los. Ich schaute auf und sah in das Gesicht einer fremden Dame, die an der Balustrade lehnte und, wie von einer seltsamen Erscheinung betroffen, Hanna anstarrte. Ich glaube, daß sie mich gar nicht bemerkte. Sie war blaß und nicht mehr ganz jung; und trug eine große, altmodische Brosche, eine Art Kamee, auf ihrem dunklen Kleid. Mehr sah ich nicht von ihr.
„Kennst du sie?" — fragte ich Hanna im Weitergehen.
Sie schüttelte den Kopf. — „Nein, es muß eine Fremde sein, die mit dem Dampfer gekommen ist."
Hanna ist heute mit sich und der Welt sehr zufrieden und nicht wenig stolz auf ihre Fortschritte in der Segelei. Sie hat gelernt, das Spinnackersegel zu setzen; zum ersten Male, und man muß hören, wie vorzüglich alles ging! Der Wind kam von achtern und war reiner Nord, und sogar beim Horn, wo man jederzeit auf Ueberraschungen gefaßt sein muh, und da fiel ausnahmsweise keine falsche Bö ein. Von Iolchen und ähnlichen Dingen reden Hanna und ich, wenn wir zu- ammen sind, und dabei streift meine Hand ihren Arm, und bisweilen ühle ich ihre Schulter dicht an meiner. Doch das ist eine Sache ganz ür sich und hat nichts zu schaffen mit unseren ernsten Gesprächen; eine kleine Melodie, die über der Begleitung unserer Worte schwingt.
Ich will sie noch etwas fragen, was mir schon lange durch den Kopf geht, aber ich kann es alle Tage noch tun, es ist auch morgen nicht zu spät. Mein Schuppen am See, und meine Geräte haben warten gelernt.
Langsam gehen wir zwischen Gartenmauern die Straße hinauf dem Hause ihrer Mutter zu. Das hohe Dach und die weißen Mauern schimmern durchs Gitterwerk der Zweige. Es ist ein altes Haus in einem schönen Garten, und es gibt manchen, der Frau Berg darum beneidet, weil es eine prächtige Aussicht hat und weil es ein vortrefflicher Gedanke von Frau Berg war, hier eine Pension einzurichten. Obwohl der Putz an vielen Stellen abgebröckelt ist und der Park verwildert und ungepflegt daliegt. Es riecht nach vergangenem Laub auf allen Wegen bis in die Stuben hinein; es ist immer etwas von Herbst in dem Hause, aber die Stille und das Haus und sogar der fahle Duft sind mir lieb geworden.
Daß ich selbst einmal ein Haus besaß und mit einer Frau und Percy darin lebte, ist schon lange her! Die Leute haben es vergessen, und ich ... denke kaum noch daran. Ich bin ein Pensionär bei Frau Berg geworden, als Hanna ein kleines Schulmädchen war. Ich habe viel gezeichnet und bisweilen auch modelliert, aber nie mehr nach der Natur. Wie ein Schatzhüter habe ich ihr Wachsen und das Reifen ihrer Glieder überwacht und die Wunder vollkommener Formung in Hanna begriffen. Mich will bebünfen, ich bin reich belohnt!
Onkel Josua sagt, daß die Materie nicht wirklich sei und nur von unseren Gedanken erzeugt werde. Ich verstehe nichts von diesen Dingen, denn ich bin kein Gelehrter wie Onkel Josua, aber wenn ich an Hanna denke, so muß ich über den Alten und seine Weisheit lächeln. Die Wölbung ihrer jungen Schulter ist wirklicher und trostreicher als alles Gedachte!
Zwei Pappeln stehen am Eingang des Gartens. Ich öffne das schwere, eiserne Tor und lasse Hanna eintreten. Und während sie an mir vorbeisihlüpft, hebt sie sich blitzschnell empor, küßt mich mit ihrem Munde und ist im Dunkel verschwunden. Es ist alle Tage dasselbe Spiel. Ich schließe das Tor, schiebe den Riegel vor und lehne einen Augenblick gegen das Gitter. Nur der steile Weg vom Hafen herauf ist schuld und weil Hannas flinke Füße so eilten, daß mein Herz klopft und ich schwindlig bin!
Im Löwengarten sitzen Onkel Josua und sein Freund, der Pfarrer von Andelshofen. Sie sitzen fast jeden Abend dort, streiten über Horoskope und Wünschelruten und trinken dazu einen leichten Roten.
Die Nacht steht still itberm See. Ein Wiegen geht gegen die Mauern des Gartens, und Fische springen klingend auf aus der Tiefe des Schweigens. Durch die Bäume zieht fröstelnd ein Hauch und legt sich in den Duft der Zweige und schläft ein.
Onkel Josua füllt unsere Gläser. „Trink, Thomas Wiehl! Trink, Pfaff von Andelshofen! Wer den Wein nicht liebt, vor dem finkt kein Geheimnis" ... Der Pfarrer nimmt fein Glas und beugt sich zu Onkel Josua nieder:
„Gott wollte sterben, aber er sah die Sünder, die seiner bedurften! Er konnte nicht sterben um der lieben Sünder willen. Um der Gerechten willen wäre Gott längst tot und die Welt entgöttert!"
Onkel Josua lacht lautlos in sich hinein. — „So redet man, wenn man nichts weiß von der Magie aller Dinge!"
Und dann streiten sie weiter. Ich stehe auf und trete dicht an die Mauer. Ich bin es müde, von Hermes Trismegistos und Laskarius von Mytilene zu hören und ob Aurum potabile noch etwas anderes sei als der vorletzte Zustand des großen Elixiers. Sagt mir lieber, wo die Sünder, die Gott so sehr liebt, ihre Ruhe finden? Wo und wann hat ihr Herz Frieden?!
An einem der letzten Tische des Gartens seh ich die Fremde, der Hanna und ich vor zwei Stunden begegnet sind. Sie hat den Kopf aufgestützt und schaut auf den See hinaus. Ich sehe nun, daß sie wohl- gcformte, kräftige Hände hat und das dunkelblonde Haar in einem weich geschlungenen Knoten trägt. Sie sitzt ganz ruhig und scheinbar unbekümmert, aber in ihre Züge fährt bisweilen ohne ersichtlichen Grund eine jähe Spannung, wie wenn ein Erschrecken der Seele in ihr aufflatterte und ihre Augen vor Angst erstarren ließ. In solchen Momenten ist ihr Gesicht, das man kaum schön nennen kann, von einem tiefen, unheimlichen Reiz.
Der Wirt erzählt mir, daß die Fremde Sidonie Beeskow heiße und mit dem Abenddampfer gekommen fei. Irgendwoher aus Norbbeutfch- lanb; er habe die Stabt schon wieder vergessen. Sie kenne niemanden hier am Ort und habe die Absicht, längere Zeit zu bleiben, wenn es ihr am See gefalle. — Nun gut, was geht es mich an und was liegt an einem Namen! Sie hat Hanna angesehen und nicht mich, aber so viel wird man wohl sagen dürfen, daß es ein merkwürdiger Blick war, und der Pfaff von Andelshofen, der die schönen Worte so sehr liebt, würde behaupten, daß dieser Blick nicht eigentlich aus den Augen, sondern aus den Tiefen einer Wunde brach!
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Es gibt Abende, an denen es mir schwer wird, heimzugehen. Ich fühle ein Grauen vor dem langen Korridor in der Pension mit seinen Türen, hinter denen Menschen atmen und im Traum zu reden beginnen. Und da ist Hannas Tur, an der ich vorüber muß. Bon der Treppe bis zu meinem Zimmer sind es zweiundzwanzig Schritte; das ist ein weiter, schwerer Weg wie durch Wüstensand. Ich möchte nicht, daß ich eines Abends vor ihrer Tür Halt mache und zusammenbreche — bann ist es besser, Straßen auf Straßen ab zu laufen, ohne Ziel unb Richtung! Nur um an biefes unb jenes zu denken, dazu ist mir jeder Weg recht!
Ueber die Dächer am Markt stießt blanker, stummer Mondschein, tropft glitzernd an den Giebeln herab und übertüncht die Wände der Häuser mit kaltem Licht. Alle Türen sind geschlossen, alle Fenster tot. Die Zeit rinnt lautlos unter fahlem Leichentuch. Und Schatten wachsen steil und scharf wie schwarze Bäume aus Torbogen unb Mauernischen. O Leben ... 0 Blut, warum schweigst bu?
Horch, ba kommen Füße burch bie Nacht, sie gehen taftenb unb ungewiß ihren Weg ... bleiben stehen und gehen weiter, kreisen um den Brunnen und fürchten sich! Ich habe ein feines Ohr unb ein gutes Auge. Das ist nicht ber Schritt von Josua, so geht auch nicht ber Arzt, wenn er nachts gerufen wird, ober ber Schmied, ber zuweilen ein Glas über ben Durst trinkt! Es finb ganz leichte, scheue Füße, bie kaum ein Geräusch in bie Stille werfen; es finb bie Füße einer Frau, bie umher- wanbert unb vielleicht etwas verloren hat, bas sie nun suchen geht.
Aber sie sucht ja gar nicht, sie steht still! Ich sehe ihren leicht gekrümmten, schwankenben Schatten unb baß ihr Arm gegen Stein greift, um einen Halt zu hoben in ber betlemmenben Oebe ber Nacht. Ihre Hände liebkosen ben Stein wie Blinbe tun. Man ist nicht sonbcrlich reich, wenn man seine Zärtlichkeit zu ben Steinen tragen muß! Was für seltsame Fremde jetzt in unser Städtchen kommen!
Diese Frau ist groß und schlank und trägt das reiche Haar in einem weich geschlungenen Knoten. Sie wendet den Kopf aus dem Schatten ins Helle: so viel Ratlosigkeit und Angst vor dem Leben sah ich niemals in einem Gesicht «geschrieben wie bei Sidonie Beeskow! Böse Dinge müssen ihr widerfahren sein!
Aber so wahr ich Thomas Wiehl heiße, ich will mich nicht beschweren mit andrer Leute Schicksal! Es trägt jeder das Seine. Ich werde mir keine Gedanken darüber machen, was sie zur Nachtzeit nicht schlafen läßt, so wie ich nicht wünsche, daß man sich über mich Gedanken macht. Ich habe niemand gesehen in dieser Nacht; der Markt war leer, als ich ihn im Mondschein überschritt. Hört ihr, ich habe nichts gesehen, nichts und niemanden! Sagt meinetwegen, Thomas Wiehl habe Gespenster gesehen oder er sei betrunken gewesen, aber sage mir keiner, daß ich stehen blieb unb voll Mitleibs war. Wer so spricht, lügt! Ich bin ein wenig neugierig wie jebermann hier im Städtchen — bas ist alles!
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Onkel Josua steht in seinem Garten unb putzt bie Messingbänber einer uralten Sonnenuhr, in die astrologische Zeichen und die Bilder des Tierkreises kunstvoll graviert sind. Er hat sie vor langen Jahren von Jollivet Castelot, dem Hrausgeber der „Hyperchimie", zum Geschenk erhalten unb hält sie hoch in Ehren. Nicht nur wegen ber Feinheit und Präzision ihrer Arbeit, bie ein Meisterstück Augsburger Herkunft ist, {onbern als ein Pfanb ber Erinnerung an gemeinsame Jahre, benen er Vieles an Erkenntnissen verbankt.
Onkel Josua ist klein und zierlich von Gestalt, unb wie er so dasteht, bas silberweiße Haar von einem unförmigen, gelben Strohhut überbeckt, gleicht er einem Gnomen ober einem Pilz im Wölbe.
(Fortsetzung folgt.)


