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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang (929 Freitag, den 25. Oktober Nummer 83

Herbst.

Von Bruno Braun.

Die lichten Tage dunkeln an den Hängen Und sind vom vielen Geben müd und bloß. Der Abend rauscht In (eiferen Gesängen Und legt sich kühlen Rächten in den Schoß. Das Flüstern senkt sich tiefer in den Gängen, Und alle Weiten werden starr und groß.

Das Wunder wandelt in den stillen Gärten, Darin die kleinen, offnen Häuser stehn. Und wird zum Seltsamen und Unerhörten Und blaut wie Tag aus nächtlichen Alleen. Denn alle dämmernden Konturen härten, Und alle Dinge werden nah und schon.

Es ist, als wollte sich mit neuen Freuden Der Sommer kränzen aus Verfall und Traum. Und müßte sich in neuer Form vergeuden Am Weg als Glanz, als Farbenfpiel am Baum ... Doch feiner weiß den blaffen Schein zu deuten. Dec wie ein Irrlicht geistert durch den Raum.

Denn alle Töne sind wie Totenläuten.

Das Wunder friert an feinem letzten Saum Und wird zum Unwillkürlichen den Leuten Und wird wie Wind und wird wie Rauch und Schaum. Und jemand sagt: wie schnell vergehn die Zeiten, Mein Gott, es herbstet, und war Sommer kaum.

Sidonie Beeskow.

Novelle von E. A. G r e e o e n.

Copyright by Carl Duncker Verlag, Berlin W 62.

Uebers Jahr wird niemand mehr von ihr reden und keiner nach ihr fragen, denn was soll man viel Wesens machen von einem Menschen, der eines Tages kam und eines Abends ging, still und unbemerkt wie ein Stein, der von ungefähr in den See fällt und ein paar Kreise zieht, und bann ist seine Spur verloren.

Auch der Pfarrer tat Sidonie Beeskow schon viel zu viel Ehre an, als er sprach, hier habe sich ein Schicksal vollendet. Was sind das für große, schwerwiegende Worte! Wo im Grunde nichts war als ein kurzes Erschauern vor der Sinnlosigkeit des Geschehens und der Unbegreiflich- feit bes Erlebens. Wirklich, man sollte bei Sidonie Beeskow nicht von Schicksal und Untergang reden und nach feierlichen Worten suchen; man macht sich damit nur ein wenig lächerlich vor vernünftigen Leuten!

Ich erinnere mich, daß Onkel Josua einmal sagte, Sidonie Beeskow habe keine glückliche Bestrahlung, und das war, so will mir heute scheinen, ein viel klügeres Wort: sie ging im Schatten Zeit ihres Lebens, bis die Schatten sie verhüllten, und dann war ihre Spur ver­loren ...

Der Dampfer furchte quer über den See; fein weißer Körper wuchs rasch empor, und das Schlagen der Schaufelräder tgm näher und näher. Abendsonne lag auf den mannshohen Bohlen des Landungsstegs, und die Hügelftreifen des jenseitigen Users verschwammen in bläulichem Dunst. In den Fenstern der Kirche von Dingelsdorf brühen zuckte blutiger Schein.

Es ist durchaus nicht verwunderlich, daß ich mich jenes Abends noch so deutlich innere, denn es war für uns ein besonderer Tag, und wir gingen schon eine Weile in ungeduldiger Erwartung unter dem Laüb- dach der Kastanien auf und nieder. Die große Maschine für Florians Sägewerk sollte mit dem Dampfer anfommen, und die Morgenpost hatte Onkel Josua einen Brief gebracht, der ein langgesuchtes Büchlein über die irische Weissagung des Donegal ankündigte. Und" ich aber ich weiß nicht mehr, woraus ich wartete und ob ich überhaupt auf etwas wartete. In meinen Jahren darf man wohl abends eine halbe Stunde am Ufer stehen und über den See schauen, auch wenn niemand kommt, auf den man wartet.

Die Schiffsglocke fuhr ins Stampfen der Kolben, und eine heisere Stimme gab Stommanbos. Alsbald verstummte das Rauschen der stür­zenden Wasser in den Radkästen, und der Dampfer legte an. Es war noch nicht Reifezeit und das Deck fast leer.

Ein kleiner Mann in schwarzem Lodenmantel, der neue Bezirks­geometer, winkte uns heftig zu, denn er ist darauf bedacht, sich aller­orts Freunde zu erwerben, und der Amtsrichter rief Florian schon von der Brücke entqeqen, daß die Maschine in fünf Kisten verpackt an Bord stehe.

Florian schwenkte den Hut und wurde rot vor Freude. Ich sah ihn heimlich von der Seite an und dachte: wie jung ist er und wie schön, weil er jung ist! Wenn Percy, mein Sohn, einmal ein Mann fein wird, so wünsche ich, er wäre wie Florian. Nicht wie ich, und auch nicht wie seine Mutter. Heute ist Percy ein Knabe von siebzehn Jahren; er lebt bei feiner Mutter, und bisweilen, zweimal im Jahre, besucht er mich.

Die Taue flogen in losem Schwung zum Steg, und ein Matrose schob polternd die Laufbrücke vor. lieber ein Bündel Frachtbriefe gebeugt stand Florian und rechnete, denn er ist sehr genau in allen kaufmänni­schen Dingen. Onkel Josua schickte sein Lächeln zu mir herüber, und ich nickte; mir verstehen uns sehr gut auch ohne viel Worte.

Jugend streckt die Hand aus, und alles fällt ihr zu. Florian wird die neue Maschine ausstellen, sein Sägewerk wird wachsen, und eines Tages wird er mich fragen, ob ich nicht meinen alten Schuppen am See ver­kaufen will, da er ihn just gebrauchen kann und weil ich in den letzten Jahren nie mehr dort gearbeitet habe. Wozu ich hier eine Werkstatt brauche, wird er fragen, da ich vielleicht über kurz oder lang doch wieder fort und auf Reifen gehe, wie schon so oft! Nein, mein junger und kluger Florian, werde ich antworten, ich reife nicht mehr, ich bin des Reifens müde, ich will am See bleiben! Ich habe mein Zimmer in einer kleinen Pension und werde gut verpflegt bei Frau Berg ...ich bin ganz zufrieden!

Mein Schuppen grenzt hart an Florians Sägewerk, und er ist ihm ohne Zweifel im Wege, wenn er sich einmal vergrößern will. Ich sehe das vollkommen ein, aber ich verkaufe noch nicht, jetzt noch nicht! Es ist noch zu früh. Denn es märe ja denkbar, daß jemand eines Tages zu mir käme, der meinen Namen gehört hat, um sich zu erkundigen, ob der Bild­hauer Thomas Wiehl ihn modellieren molle ein richtiger Auftrag also, ober vielleicht käme auch jemand, der mir nur eine große Freude machen mill, meil ich ihn darum bitte. Weil ich etma gesagt habe: die Linie deiner Glieder ist ein Wunder an Schönheit; kein Tier, so vollendet es sei, hat einen schlanken Rücken wie du ...

Aber man soll nicht glauben, daß es mir in Wahrheit Ernst ist mit solchen Worten, Ich sage sie nur vor mich hin mie die Worte eines Wacht- raumes, roenn ich bei den Weiden am Ufer liege ober am Fenster meines Zimmers stehe und die kreuzenden Jollen verfolge. Ich kenne alle Boote hier am See, es entgeht keins meinen Augen. Ich habe sogar ein Fern­glas bei mir, mit dem ich entlegene Buchten absuchen kann und das winzigste Segel am Horizont entdecke. Schon von weitem erkenn' ich jedes Boot an seiner besonderen Bauart und kleinen Eigentümlichkeiten. Es ist geradezu ein Sport von mir geworden, Boote zu erraten. Frau Berg und die Gäste in der Pension machen sich zuweilen einen Spaß daraus, mich auf die Probe zu stellen, aber ich täusche mich nie, ich ge­winne jede Wette!

Da ift zum Beispiel eine leichte Jolle aus Gabunholz, schlanker als sonst Schwertboote sind, und so oft sie wendet, sehe ich den Rücken eines Mädchens sich neigen und zur Seite schnellen. Ich habe nie schönere Be­wegungen bei einem Menschen gesehen! Sie trägt eine rote Jacke, die weit über den See leuchtet, und zuweilen fährt Florian mit ihr. Aber auch andere. Versteht sich, Hanna Berg kann segeln, mit wem sie will, ich bin der letzte, der ihr Vorschriften machen dürfte. Ich habe nicht das min­deste Recht dazu.

Onkel Josua hat inzwischen sein kleines Paket in Empfang genom­men, das die Weissagungen des Donegal enthält, und macht sich auf den Heimweg. Er wohnt in einem Häuschen ein wenig oberhalb der Stobt, ganz für sich allein und feit Jahren mit der Herausgabe seltener, mysti­scher Schriften beschäftigt, die er für einen Kreis vornehmer Liebhaber auf einer alten Handpresse selbst druckt und auch selbst bindet. Davon lebt er; sehr bescheiden, denn er ist im übrigen keineswegs vermögend. Verkehr hat er kaum in der Stadt, aber jedermann grüßt ihn, und alle nennen ihn Onkel Josua, obwohl er mit keiner Menschenfeele hier in der Gegend verwandt ist. Mittags kommt er regelmäßig zum Essen in die Pension, ich glaube, er ist ihr ältester Gast. Man kann sein Alter schwer schätzen, aber sicherlich hat Onkel Josua die Sechzig längst überschritten.

Ich hätte ihn wohl ein Stück Weges begleiten können, und es reut mich, daß ich ihn alleine ziehen ließ. Aber es ist so schön um diele Stunde am See, wenn der Abend kommt! Die Schatten senken sich, und Boote gleiten in den Hafen, eines nach dem andern ...

Wie gründlich Florian seine fünf Kisten prüft, die am Landungsplatz in einer Reihe ausgestellt sind! Bevor nicht alles in schönster Ordnung ist. bescheinigt Florian keinen Empfang. Er kauft gewiß keine Katze im Sack, dazu ist Florian viel zu klug und vorsichtig. Er hat ganz recht, ein guter Kaufmann muß wohl so fein. Nun gibt er endlich den Befehl zum Abtransport; auf feinen hageren Wangen glüht noch ein Schimmer von Stolz, als er mir freundlich zunickt und feinem Wagen folgt.

Warum gehe ich nicht mit ihm die Straße hinauf bis zur Bar- füßerkirche, wo unsere Wege sich trennen!? Ist es klug, wie ein Müßig­gänger hier herumzustehen und mit halbfremden Leuten zu reden, die