Das alles war Mitte März gewesen, und vier Wochen später, als die Schwalben zum ersten Male wieder durch die Dorfgasse hinschossen, um sich anzumelden und zugleich Umschau nach den alten Menschen und Plätzen zu halten, hatte Hradscheck ein Zwiegespräch mit Zimmermeister Buggenhagen, dem er bei der Gelegenheit eine Planzeichnung vorlegte.

Sehen Sie, Buggenhagen, das Haus ist überall zu klein, überall ist angebaut und angeklebt, die Küche dicht neben dem Laden, und für die Fremden ist nichts da, wie die zwei Giebelstuben oben. Das ist zu wenig, ich will also einen Stock aufsetzen. Was meinen Sie? Wird der Unter­bau ein Stockwerk aushalten?"

Was wird er nicht!" sagte Buggenhagen.Natürlich Fachwerk!"

Natürlich Fachwerk!" wiederholte Hradscheck.Auch schon der Kosten wegen. Alle Welt tut jetzt immer, als ob meins Frau zum mindesten ein Rittergut geerbt hätte. Ja, hat sich was mit Rittergut. Erbärmliche tau­send Taler."

Na, na."

Nun, sagen wir zwei", lachte Hradscheck.Aber mehr nicht, auf Ehre. Und daß davon keine Seide zu spinnen ist, das wissen Sie. Keine Seide zu spinnen und auch keine Paläste zu bauen. Also so billig wie möglich, Buggenhagen. Ich denke, wir nehmen Lehm als Füllung. Stein ist zu schwer und zu teuer, und was wir dadurch sparen, das lassen wir der Einrichtung zugute kommen. Ein paar Oefen mit weißen Kacheln, nicht wahr? Ich habe schon an Feilner geschrieben und angefragt. Und natür­lich alles Tapete! Sieht immer nach 'was aus und kann die Welt nicht kosten. Ich denke, weiße; das ist am saubersten und zugleich das billigste."

Buggenhagen hatte zugestimmt und gleich Ostern mit dem Umbau begonnen.

Und nicht allzu lange, das Wetter hatte den Bau begünstigt, so war das Haus, das nun einen aufgesetzten Stock hatte, wieder unter Dach. Aber es war das alte Dach, die nämlichen alten Steine, denn Hradscheck wurde nicht müde, Sparsamkeit zu fordern und immer wieder zu betonen, daß er nach wie vor ein armer Mann sei".

Vier Wochen später standen auch die Feilnerschen Oefen, und nur hin­sichtlich der Tapete waren andere Beschlüsse gefaßt und statt der weißen ein paar buntfarbige gewählt worden.

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Anfangs, solange das Dachabdecken dauerte, hatte Hradscheck in augenscheinlicher Nervosität immer zur Eile angetrieben, und erst als die rechts nach der Kegelbahn hin gelegene Giebelwand eingeriffen und statt der Stuben oben nur noch das Balken- und Sparrenwerk sichtbar war, hatte sich seine Hast und Unruhe gelegt und Aufgeräumtheit und gute Laune waren an Stelle derselben getreten. In dieser guten Laune war und blteb er auch, und nur ein einziger Tag war gewesen, der ihm die­selbe gestört hatte.

Was meinen Sie, Buggenhagen", hatte Hradscheck eines Tages ge­sagt, als er eine aus dem Keller heraufgeholte Flasche mit Portwein auf­zog.Was meinen Sie, ließe sich nicht der Keller etwas höher wölben? Natürlich nicht der ganze Keller. Um Gottes willen nicht, da blieb am Ende kein Stein auf dem andern, und Laden und Wein- und Wohnstube, kurzum alles müßte verändert und auf einen andern Leisten gebracht werden. Das geht nicht. Aber es wäre schon viel gewonnen, wenn wir das Mittelstück, das grab' unter dem Flur hinläuft, etwas höher legen könnten. Ob die Diele dadurch um zwei Fuß niedriger wird, ist ziemlich gleichgültig; denn die Fässer, die da liegen, haben immer noch Spiel­raum genug, auch nach oben hin, und stoßen nicht gleich an die Decke."

Buggenhagen widersprach nie, teils aus Klugheit, teils aus Gleich­gültigkeit, und das einzige, war er sich dann und wann erlaubte, waren halbe Vorschläge, hinsichtlich deren es ihm gleich war, ob sie gutgeheißen oder verworfen wurden. Und so verfuhr er auch diesmal wieder und sagte:Versteht sich, Hradscheck. Es geht. Warum soll es nicht gehen? Es geht alles. Und der Keller ist auch wirklich nicht hoch genug (ich glaube keine fünfeinhalb Fuß) und die Fenster viel zu klein und zu niedrig; alles wird stockig und multria. Muß also gemacht werden. Aber warum gleich wölben? Warum nicht lieber ausschachten? Wenn wir zehn Fuhren Erde 'raus nehmen, haben wir überall fünf Fuß ini ganzen Keller und kein Mensch stößt sich mehr die kahle Platte. Nach oben hin wölben macht bloß Kosten und Umstände. Wir können ebensogut nach unten gehen."

Hradscheck, als Buggenhagen so sprach, hatte die Farbe gewechselt und sich momentan gefragt,ob das alles vielleicht 'was zu bedeuten habe?" Bald aber von des Sprechenden Unbefangenheit überzeugt, war ihm seine Ruhe zurückgekehrt.

Wenn ich mir's recht überlege, Buggenhagen, so lassen wir's. Wir müssen auch an das Grundwasser denken. Und ist es solange so gegangen, so kann's auch noch weiter so gehen. Und am Ende, wer kommt in den Keller? Ede. Und der hat noch lange keine fünf Fuß."

*

Das war einige Zeit vor Beginn der Manöver gewesen, und wenn es ein paar Tage lang ärgerlich und verstimmend nachgewirkt hatte, so ver­schwand es rasch wieder, als Anfang September die Truppenmärsche be­gannen und die Schwedter Dragvner als Einquartierung ins Dorf kamen. Das Haus voller Gäste zu haben, war überhaupt Hradschecks Vergnügen, und der liebste Besuch waren ihm Rittmeister und Leutnants, die nicht nur ihre Falsche trauten, sondern auch allerlei wußten und den Mund auf dem rechten Fleck hatten. Einige verschworen sich, daß ein Krieg ganz nahe fei. Kaiser Nikolaus, Gott sei Dank, fei höchst unzufrieden mit der neuen französischen Wirtschaft, und der unsichere Passagier, der Louis Philipp, der doch eigentlich bloß ein Waschlappen und halber Kretin fei, solle mit seiner ganzen Konstitution wieder beiseite geschoben und statt seiner eine bourbonische Regentschaft eingesetzt oder vielleicht auch der vertriebene Karl X. wieder zurückgeholt werden, was eigentlich das beste fei. Kaiser Nikolaus habe recht, überhaupt immer recht! Konstitution fei Unsinn und das ganze Bürgerkönigtum die reine Phrasendrescherei.

Wenn so das Gespräch ging, ging unferm Hradscheck das Herz auf, trotzdem er eigentlich für Freiheit und Revolution war. Wenn es aber

Revolution nicht fein konnte, so war er auch für Tyrannen Bloß ge. pfeffert mußte sie sein. Aufregung, Blut, Totschießen wer ihm üas leistete, war fein Freund, und so kam es, daß er über Louis Philipp mit zu Gerichte faß, als ob er die hyperloyale Gesinnung feiner Gäste geteilt hätte. Nur von Ede sah er sich noch übertroffen, und wenn dieser durch die Weinstube ging und ein neues Beefsteak ober eine neue Flasche brachte, so lag allemal ein dümmliches Lachen auf seinem Gesicht, wie wenn er sagen wollte:Recht so,runter mit ihm, alles muß um eitlen Kops kürzer gemacht werden." Ein paar blutjunge Leutnants, die diese komische Raserei wahrnahmen, amüsierten sich herzlich über ihn und ließen ihn mittrinken, was alsbald dahin führte, daß der für gewöhnlich fo schüchterne Junge ganz aus feiner Reserve heraustrat und sich ge­legentlich selbst mit dem sonst so gefürchteten Hradscheck auf einen halben Unterhaltungsfutz stellte.

Da, Herr", rief er eines Tages, als er gerade mit einem Korbe voll ' Flaschen wieder aus dem Keller heraufkain.Da, Herr; das hab' ich eben unten gefunden." Und damit schob er Hradscheck einen schwarzüberspon- nenen Knebelknopf zu.Sind solche, wie der Polsche an seinem Rock hatte."

Hradscheck war kreideweiß geworden und stotterte:Ja, hast recht, waren größer. Solche kleinen wie die, die hatte Hermannchen, uns' Lütt- Hermann, an seinem Pelzrock. Weißt du noch? Aber nein, da warst du noch gar nicht hier. Bring' ihn meiner Frau; vergiß nicht. Oder gib ihn mir lieber wieder; ich will ihn ihr selber bringen."

Ede ging, und die zunächst sitzenden Offiziere, die Hradschecks Er­regung wahrgenommen hatten, ober nicht recht wußten, was sie daraus machen sollten, standen auf und wandten sich einem Gespräch mit anderen Kameraden zu.

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Auch Hradscheck erhob sich. Er hatte den Knebelknopf zu sich gesteckt und ging in den Garten, ärgerlich gegen den Jungen, am ärgerlichsten aber gegen sich selbst.

Gut, daß es Fremde waren, und noch dazu solche, die bloß an Mäd­chen und Pferde denken. War's einer von uns hier, und wenn auch bloß der Oelgötze, der Onaas, fo hatt' ich die ganze Geschichte wieder über den Hals. Auf passen, Hradscheck, aufpaffen. Und das verdammte Zusammen- fahren und sich Verfärben! Katt Blut, oder es gibt ein Unglück."

So vor sich hinsprechend, war er, den Blick zu Boden gerichtet, schon ein paarmal in dem Mittelgang auf und ab geschritten. Als er jetzt wieder aufsah, sah er, daß die Jeschke hinter dem Himbeerzaune stand und ein paar verspätete Beeren pflückte.

Die alte Hexe. Sie lauert wieder."

Aber trotzalledem ging er auf sie zu, gab ihr die Hand und sagte! Nu, Mutter Jeschke, wie geht's? Lange nicht gesehen. Auch Elnquartie- / rung?"

Nei, Hradscheck."

Dber is Line wieder da?"

Net, Lineken ook nid). De is joa jitzt in Küsirin."

Bei wem denn?"

Bi School-Jnspekters. Un doa will fe nich weg ... Hüren's, Hrad­scheck, ick glöw, de School-Jnspekters sinn ook man so ... Awerr wat hebben Se denn? Se sehn joa ganz geel ut. Un hier sone Falt'. O, Se möten sich nich ärgern, Hradscheck."

Ja, Mutter Jeschke, das sagen Sie wohl. Aber man muß sich ärgern. * Da sind nun die jungen Offiziere. Na, die gehen bald wieder und sind auch am Ende so schlimm nicht und eigentlich nette Herrchen und immer fidel. Aber der Ede, dieser Ede! Da hat der Junge gestern wieder ein halbes Faß vel auslaufen lasten. Das ist doch über den Spaß. Wo soll ,

man denn das Geld schließlich hernehmen? Und dann die Plackerei trepp­auf, treppab, und die schmalen Kellerstufen halb abgerutscht. Es ist zum Halsbrechen."

Na, Se hebben joa doch nu Buggenhagen bi sich. De künn joa doch ne nije Trepp moaken."

Ach, der, der. Mit dem ist auch nichts; ärgert mich auch. Sollte mir da den Kellner höher legen. Aber er will nicht und hat allerhand Aus­reden. Oder vielleicht versteht er's auch nicht. Ich werde mal den Küstriner Maurermeister kommen lassen, der jetzt an den Kasematten herumflickt. Der muß Rat schaffen. Und bald. Denn der Keller ist eigentlich gar kein richtiger Keller; is bloß ein Loch, wo man sich den Kopf stößt."

Joa, joa. De Wlenstuw' sitt em to sihr uppn Nacken."

Freilich. Und die ganze Geschichte hat nicht Luft und nicht Licht. Und warum nicht? Well kein richtiges Fenster da ist. Alles zu klein und zu niedrig. Alles zu dicht zusammen."

Moll, roolr, stimmte die Jeschke zu.Jott, ick roeet noch, as de Pohlsche hier wlhr und bat Licht (immer fo blinzeln deih. Joa, wo wihr bat Licht? Wihr et In be Stuw' or wihr et inn Keller? Ick roeet et nich."

Alles klang fo pfiffig und hämisch, und es lag offen zutage, daß sie sich an ihres Nachbarn Verlegenheit weiden wollte. Diesmal aber hatte sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht und die Verlegenheit blieb chließlich auf ihrer Sette. War doch Hradscheck seit lange schon willens, hr gegenüber, bei sich bietender Gelegenheit, mal einen andern Ton an­zuschlagen.. Und so sah er sie denn jetzt mit feinen durchdringenden Augen scharf an und sagte, sie plötzlich in der dritten Person anredend:Jeschken, ich weiß, wo sie hin will. Aber weiß sie denn auch, was eine Verleum­dungsklage ist? Ich erfahre alles, was sie so herumschwatzt; aber seh' sie sich vor, sonst kriegt sie's mit dem Küstriner Gericht zu tun; sie istne alte Hexe, das weiß jeder, und der Iustizrat weiß es auch. Und er wartet bioii noch auf eine Gelegenheit."

Die Alte fuhr erschreckt zusammen. ,Lck meen' joa man, Hradscheck, ick meen joa man .,. Se roeeten doch, en beten Spoaß möt sinn."

Nun gut. Ein bißchen Spaß mag sein. Aber wenn ich euch rate« kann, Mutter Jeschke, nicht zuviel. Hört Ihr wohl, nicht zuviel."

Und damit ging er wieder auf das Haus zu.

(Fortsetzung folgt.) ' '

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