Die zerbrochene Scheibe.
Eine Geschichte von Wilhelm Schäfer.
Der Doktor Franz Oppen hat in seinem Schreibtisch eine verschließ- frnre Schublade, darin stehen nebeneinander sechs Schachteln, und in jeder ist Geld. Kleidung, Arzt, Reise, Theater und Konzert, Wein und Zigarren steht in Rundschrift darauf geschrieben, und am Anfang des Monats legt er in jede Schachtel den genau errechneten Betrag; denn cs find nur ein» hundertundachtzig Mark, die ihm seine Patente monatlich einbringen, und er will sein eigener Herr bleiben, wie er denn auch ohne Kinder und Frau ist. Im übrigen trägt er eine altmodische Stahlbrille, darunter der graue Schnurrbart über den Mund herabhängt und seinem Gesicht einen bärbeißigen Ausdruck gibt, den sein Wesen nicht hat; er ist ein freundlicher Mann, mit dem seine Wirtin, die Postschaffnerswitwe Terstegen, seit vierzehn Jahren gut auskommt.
Einmal, am siebenundzwanzigsten März, hat er den ganzen Vormittag über Formeln gerechnet und geht nach Tisch ins Museum, weil der Westwind zu kalt und nah durch die Straßen weht, den gewohnten Spaziergang zu machen. Aber er mag die oberen Säle nicht, wo an den Wänden die Oelbilder mit ihren Goldrahmen prahlen. Wie er immer den gleichen Zwirnanzug trägt, ist sein Reich unten im Kupferstichkabinett, wo die Blätter hinter Glas ihr schlichteres Angesicht zeigen. Er selber hat von seinem Vater eine Mappe mit Stichen geerbt, die er wie einen Tempelschatz hütet; und wenn er, wie heute, Blätter von Dürer ausgestellt sieht, kann er sich einen Semon halten, der dem deutschen Volke gilt: So mühten wir sein, und hebt den Finger dazu, obwohl er die Worte nur denkt, so redlich und treu zum kleinen Ding und doch nicht kleinlich, so ohne Schauspielerei, so furchtlos, wahrhaft und guten Gewiffens!
In diesen Gedanken wird der Doktor Franz Oppen durch Schritte und Worte gestört; der Aufseher bringt aus dem Vorsaal einen eleganten Jüngling mit einer Treibhausnelke im Knopfloch herein, dem diese Räume offenbar fremd sind, deren Besichtigung er gleichwohl mit der solchen Herrchen eigenen Siegesgewißheit beginnt. Erst schneuzt er sich, dann sieht er umher, ob ihn alle Stiche bemerkt haben, nickt dem Mann mit den silbernen Knöpfen gnädig ab und beugt sich über die Scheiben, darunter die Blätter Dürers liegen.
Nur einen Augenblick hat die Eintagsfliege den Doktor gehindert; fein Auge hängt an dem kleinen Blatt, wo vorne der lesende Mönch sitzt und hinten die türmige Stadt sich zur Burg ausbaut. So wohlgeordnet wie die Mauern und Dächer, überlegt er, sind die Gedanken des Mönches; und es ist keine Formspielerei des Meisters, daß er die spitzige Kapuze in das zackige Stadtbild eingebaut hat: was der Mönch liest, könnte er um sich sehen, und sein Kreuzesstab mit dem Glöckchen daran steht ganz selbstverständlich da, das Schaubild der Sinne überschneidend wie das seiner Gedanken! Denn jeder hat die Ordnung um sich, die er in sich bereitet!
Hier aber tut es einen scharfen Knacks in seine Betrachtung. Da ist eine Scheibe zerbrochen!, denkt er und sieht mit einem raschen Aufblick noch, wie der andere Beschauer von einem Pult, über das er sich weit vorgebeugt hat, zurückfährt, einen verhehlten Seitenblick nach ihm wirft und bald mit gemessenen Schritten den Raum verläßt.
Er wird seine Unvorsichtigkeit dem Aufseher melden!, Senft der Doktor und horcht wider Willen den Schritten nach, die draußen beschleunigt verklingen. Wenn er sich nachgäbe, würde er ein Halt hinter ihnen her» rufen, aber er liebt keine Szenen, und so bleibt er vor dem Stich des heiligen Antonius stehen. Freilich, und darum macht er sich später Vor- würfe, wenn es der alte Aufseher wäre, den er kennt, statt diesem Rotblonden, er würde vielleicht doch das Herrchen nicht so haben entwischen lasten.
Der Rotblonde kommt indesten von seinem Rundgang zur inneren Tür wieder herein, schreitet hinter dem Rücken des Doktors her durch den Raum, stutzt und entdeckt die mißliche Sache. Hier ist eine Scheibe zerbrochen!, sagt er drohend und wendet sich gegen ihn um.
Der Täter ist gerade hinaus!, entgegnet er ebenso scharf und zeigt nach der Tür.
Wo?, schreit der Aufseher nun schon in Wut und fegt hinaus. Aber er ist um zwei Minuten zu spät, findet den mit der Nelke im Knopfloch nicht mehr und kommt völlig rot zurück. Warum ihn der Herr nicht gerufen habe?, begehrt er.
Der Doktor will ihm schon scharf antworten, als sein Blick auf den „Hieronymus im Gehaus" fällt und sich sogleich sammelt. Es wäre richtiger gewesen! sagt er ruhig, indessen der Aufseher sich erst in die Wut hineinarbeitet, als würde er selber den Scheiden gefährlich, einen gemeinen Fluch sagt und wieder hinausläuft, den Direktor zu holen. Er kommt aber bald zurück, ist kleinmütig und jammert: er müste natürlich die Scheibe bezahlen! Das wären fünf Mark. Und er habe eine kranke Frau zu Hause mit drei Kindern, die von dem Gehalt sowieso nicht satt würden! Natürlich solch ein Herr, für den die fünf Mark eine Lappalie wären — er sagt das Wort mit hörbarer Entladung — gehe kaltblütig hinaus und laste einen Unschuldigen sitzen!
So hört er nicht auf zu lamentieren, bis der Doktor ärgerlich wird: Er möge sich bitte an den halten, der die Scheibe zerbrochen habe!, sagt er scharf und kann weder den „Hieronymus im Gehäus" noch den „Lesenden Mönch" länger betrachten.
Natürlich lenkt der Aufseher ein. Sie haben die Scheibe nicht zerbrochen; aber ich sitze damit da und muß sie bezahlen, obgleich ich es noch viel weniger war! Und wieder kommt die Lamentation mit den drei Kindern und der kranken Frau.
Dem Doktor Franz Oppen fangen auf einmal die Gedanken an, nach einer anderen Richtung zu begehren: der Mann ist mir widerlich, denkt er; aber Unrecht geschieht ihm trotzdem, und ich hätte das Herrchen anhalten sollen! Wäre ich reich, ich gäbe ihm feine fünf Mark bis zum Letzten. Ich müßte nicht zum Essen gehen drei Tage lang! Und der Doktor weiß nicht, was ihm auf einmal geschieht, ob es der lesende Mönch oder der Hieronymus ist, was da in ihm gegen sich selber aufbegehrt: Treue zum kleinen Ding und doch nicht kleinlich!, sagte er die Worte aus seinem
Sermon noch einmal und braucht keinen Finger zu heben, sich zu ermahnen.
Und weil der Aufseher, als ahnte er diese Wendung, aufgehört hat mit Lamentieren und brütend auf feinem Stuhl sitzt, folgt der Doktor Franz Oppen feinem füllen Sermon, holt entschlossen die fünf Mark aus der Tasche und tritt vor den Rotblonden hin: Ich bin vielleicht nicht reicher als Sie, sagt er, aber ich habe keine Kinder! Und gibt ihm den Schein. Der greift hastig danach und steht auf, das Geld hastig einzu- stecken. Aber wie der Doktor sich abwenden will, ihm den Dank zu ersparen, grinst er ihn an: Ich habe es gleich gewußt!, protzt er breitbeinig; und als er ihn fragt, was? Daß Sie es doch waren!
Da können dem Doktor zunächst alle Sttche Dürers nicht Helsen. Er überlegt, ob er den Direktor anrufen soll; aber er liebt keine Szenen und geht wortlos hinaus, während der andere, das hört er wohl, hämisch hinter ihm herlacht.
Was gemein ist, kann nicht ans Gute glauben! sagt er grimmig, als er auf die breite Steintreppe hinaustritt über den Platz sieht, den der kalte und naffe Märzwind bestreicht. Und weih lange nicht, was ihm geschieht, als er etwas Nasses auf feiner Backe fühlt, das unter der Brille herablief, und darüber er auf einmal von innen her selig befreit ist.
Das Lotterielos.
Non Richard 5) ue l f e n b e tf.
Das war in der Kneipe zu Buridans Esel im Hafenviertel von St. Franzisko. Tom Barker und Bill Goose saßen hinter den klirrenden Eiscrömesodagläsern. „Verfluchte Zeit", sagte Bill. „Ganz blöde Zeit", meinte Tom. Darauf kam der Kellner und goß ihnen aus einer dicken, bauchigen Flasche etwas Scharfes in die Gläser. „Es wird bester", sagte Bill. „Die Sonne scheint", meinte Tom. Sie saßen eine zeitlang schweigsam und horchten auf den Straßen lärm; der Kellner, ein Mann mit einer Narbe quer über das Gesicht, bewegte sich lautlos hinter der Bar, auf der eine Reihe von Milchtöpfen friedlich rasteten.
„Also neulich," begann Bill, „ist mir was Merkwürdiges passiert. Ich liege in meinem Bett in dem Zimmer in der Jettystreet, weiht du, bei der Wirtin, über die du dich so lustig gemacht hast. Da läutet das Telephon..."
„Nein ...", schnarrt Tom. , „
„Ich sage dir, es war das Telephon. Aber das ganz Merkwürdige tft die Zeit, zu der das Telephon raffelte. Es mochte ungefähr drei Uhr nachts fein .. .*
"Das' fetzt dich natürlich in Erstaunen, aber es war drei Uhr nachts, mein Junge, ich gebe dir mein Ehrenwort. Eine dicke schwänze, unheimliche Nacht. Ms das Telephon raffelte, ging es mir kalt den Rücken herunter. Was kann in so einer unheimlichen Nacht nicht alles passieren? Wie? Ich drehe mich in meiner vertrackten Bettstelle um, daß sie knackt, wie wenn man Brennholz über dem Knie zerbricht ..."
„Hallo..." .
„Ich gebe dir mein heiliges Ehrenwort, Tom... genau so wie ich sage, wie wenn man Brennholz über dem Knie zerbricht. Ich drehe mich also in meiner vertrackten Bettstelle um, ziehe mir die Unterhosen an, gleite in meine Pantoffeln und bann ... hinunter ans Telephon. Ser Kopf rauchte mir. Weih nicht, ob bas von dem Whisky gekommen war, den Fred uns in die Milch gegossen hatte oder ob die Angst mir im Schädel saß. Ich also ans Telephon und den Hörer abgenommen ... Hallo hier Dill Goose ... was meinst du, wer am andern Ende steckte.. .?* „Soll ich wissen", murrte Tom und stierte in feinen ge- pfefferten Eiscrömesoda. ._, .
„Hier Lotterieeinnehmer Spot ... William Spot ... Du weißt, der Mann mit der blauen Nase, der Immer mit aufgenffenem Maul geht, als wenn er Wert darauf legte, den Wind zu schlucken ...
„Was war also los? Warum spannst du mich so auf die Folter r
Was los war? Tom? Was los war? Du wirst dich wundern, daß ich noch hier sitze. Wenn es richtig zuginge, könnte ich jetzt schon aus eigener Jacht durch die Meere gondeln oder mir einen Luxuswagen kaufen oder ’nen Zirkus mieten für mich ganz alleine ...
„Du bist übergeschnappt..." , ... . ,
„Weißt du, was er gesagt hat ...? Haben Sie nicht neulich bei mir das Los dreitausendfünfhundertfechsunbachtzig gekauft? Sind Sie nicht vielleicht Bill Goose, der Mann, der neulich wegen Betrunkenheit W Wochen Gefängnis abgesehen hat...?"
"Sa^lehtere ist mir weniger angenehm zu hören, aber der Bill Goose Mn ich und bas Los habe ich auch gekauft. Es liegt unter meinen Strümpfen in der Nachttischschublade. Aber nun will ich wissen, Mist» Spot, warum Sie mich zu so ungewöhnlicher Zeit anlauten ... Weil Sie das große Los gewonnen haben, Mann ... schreit er, und ich falle Ml in Ohnmacht... eine Million Dollar — ich solle fast in Ohnmacht, als ich bas höre ... bas große Los ...
Weißt du vielleicht, was das bedeutet, Tom...?
„Wo hast du das Geld?", fragt Tom fachlich.
„Das Geld? Mensch, laß mich auserzählen. Ich taumele zuruck, sos Vieh in den Stock Hards kriegt einen Schlag vor den Kops. Du wem es ... so taumele ich zurück, der Hörer klatscht gegen die ®anb. w komme, ich komme, Mister Spot, röchele ich ins Telephon ... ich komme, mir meine Million abzuholen ... hm ...“ .
Tom hat die Hand von seinem Milchglas fortgenommen und frar» Dill an. Bill fuhr fort: ,
„Die Treppe hat Stufen, gut ... ich sehe keine Treppenstufen was soll ich Treppenstufen sehen ... ich fliege, Tom ... ich bin . e Jagdhund ... die Zunge hängt mir aus dem Hals ... mit einem Mm an den Nachttisch, die Strümpfe weg ... wollt Ihr wohl weg, ihr w dämmten Fußsäcke ... also das Los ... bas Los dreltausendfunfhunve sechsundachtzig..." , W
„Wo war das Los? ..." ' * I


