Ausgabe 
25.3.1929
 
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GiehenerZamilieMNer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang ^929 Montag, den 25. Marz Hummer 24

Saatwinb.

Von Theodor Kramer.

Die Wolken treiben dicht geschart, der Schnee im Feld taut Schritt für Schritt, als führte auf der flachen Fahrt der Wind die schwarze Erde mit.

Dis Mieten rauchen trüb und faul, durchs Feld bricht quer der morsche Rain; schon dünkt am Hang der schwarze Knaul der kahlen Kronen seltsam klein.

Die Kreuze werden feucht und braun, die Dörfer steigen aus dem Schnee; die Latten sinken aus dem Zaun, die Runsen schleifen Schlamm und Klee. Die Reuter scheidet Saat und Spelt, die Eggen stehn im Tal bereit; der Bauer tritt von Feld zu Feld den alten Fußpfad wieder breit.

Noch ist der Hohlweg weiß verlegt, noch tost im fernen Wald der Sturm, und auf der nackten Scholle regt sich nur verfrüht ein bleicher Wurm. Und mit der morschen Borke räumt erst gründlich auf das rauhe Licht, bevor mit Bast der Wald sich säumt und grün aus Rain und Rillen bricht.

Erster Kuckucksruf.

Von Alfred Richard Meyer.

Cs ist noch lange nicht so weit ich weiß es wohl. Aber da ich in diesen langsam winterscheideuden Tagen wieder einmal durch die engen Gassen der Stadt meiner Jugend gehe, am Gymnasium vorübrrfchreite, das meine kleinen Jahre von Sexta bis Untertertia umschloß, ist es mir in der milden Mittagssonne, wie wenn ich plötzlich den Kuckuck rufen höre ... ein naturgeschichtliches Phänomen, das wir, als Knaben, hier immer der Natur um gute vier bis sechs Wochen vorwegnahmen.

Und da muß ich lächeln, da ich jener Tage und jenes Phänomens gedenke, langsam den Berg zum noch blätterkahlen Wald hinaufgehend.

Erster Vorfrühlingssonnenschein. Da hatte sich die Quarta ihrer Tra­dition und ihrer Traditionspflicht zu erinnern. Von Jahrgang zu Jahr­gang vererbte sich diese Kuckuckspfeife. Der sie beim ersten Vorfrühlings­sonnenschein zu pfeifen hatte, vorsichtig in das Kellerfenster unter dem Quartaztmmer geduckt, rvar auszulosen. Das war eine Ehrung. Das be­deutete aber auch eine nicht ganz ungefährliche Situation. Man mußte wir ein ganz richtiger Kuckuck rufen. So ein fechzigjähriger Natur­geschichts-Professor konnte nicht so ganz einfach von einem Phänomen überzeugt werden, besonders, wenn er noch an demselben Nachmittag für denAnzeiger" fünfzig Zeilen darüber schreiben soltte. Die Lektüre dieser Zeilen am nächsten Tag war dann der eigentliche Triumph der Quarta. Man war in Ehren der Tradition treugeblieben, in jedem Jahr den Kuckuck so früh wie möglich kommen und im Herbst dann so spat wie nur möglich gen Süden ziehen zu lassen ...

Das Los hatte mich damals getroffen, gleich nach dem Karneval. Da hatte man in aller Heimlichkeit mit den Kuckucksrufübungen zu beginnen; denn die Natur hat doch nicht jedem Menschen die schöne Fähigkeit ver- uehen, einen Kuckuck wahrheitsgetreu nachzumachen, daß auch ein Pro­fessor daran glaubte und hernach in der Zeitting darüber schrieb. Da wurde es für mich nur eineck abgelegenen Uebungssaal geben, unseren Boben, zu dem ich dann, unter allerlei Vorwänden, hinaufkletterte ... nicht ohne Bangen, kann ich wohl sagen: denn oben in der ziemlichen Dunkelheit herrschten Ratten, die sich im Winter, wenn Kälte und Hunger ie allzusehr peinigten, bisweilen hinter die Scheuerschwellen unserer ^tage verirrten und dort, uicheiinlich quiekend und fauchend, Kampfe auf -.eben und Tod aussachten.

Wie hatte ein Kuckuck im Vorfrühling zu rufen? Schnippisch oder ^gusuchttg? Kurz oder lang? Und, vor allen Dingen: wie oft? Da doch »ie Menschen so abergläubisch sind, die Zahl der Jahre, so ihnen noch auf Erden bestimmt ist, nach dem Ruf des Kuckucks zu bestimmen ...

das war für mich im Augenblick eigentlich das wichtigste verhielten sich Ratten zum Kuckucksruf? lieber Siefen Punkt stand leider *n keiner Naturgeschichte etwas angedeutet. Da empfahl es sich, doch nicht '?** tchmppisch zu rufen, sondern vielleicht etwas sehnsüchtig ... entschied vlich- Und gar zu oft würde ich lieber den Kuckuck auch nicht rufen ta'n ~ von wegen meines Lampenfiebers, das. ich ganz bestimmt Haven

würde, rvenn Sonnenschein eines Mittags Ne Stunde der Premid« bestimmt.

Kukkuk, kukkuk, klang es da plötzlich vorn Tale zu mir zum Berge hinauf. Seit ganzen fünfunddreißig Jahren zum ersten- mal wieder. Die guten Jungens! Die braven Kerle! Sie waren bis heute der Tradition unserer Jugend treu geblieben. Aber das mußte ich doch wohl sagen etwas sehr früh ließen sie in diesem Jahr den aller- ersten Kuckuck kommen! Und so ganz einwandfrei kunstgerecht schien mir der Kuckuck wirklich nicht zu rufen! Wenn das nur gut abging! Und ich lächelte ...

Bei mir war es damals gut aegangen. So schön hatte seit Jahren der Professor imAnzeiger" nicht über den ersten Kuckucksruf geschrieben hatte einstimmig das Urteil der Quarta gelautet; und auch die Tertia ließ sich herab, mir ein ehrlich bewunderndes Lob zuteil werden zu lassen.

Bet mir war es damals gut gegangen? Jedes Lächeln war wohl von meinem Gesicht entschwunden. Etwas anderes drängte sich vor, dazwischen aber schob sich gottlob daß ich jemals dieses jugendliche Gedicht meines Freundes Königsbrun-Schaup vergessen konnte! etwa- Lyri­sches, Bruchstücke, die ich vielleicht ganz falsch zitiere:

Der Kuckuck ruft: kutu, kuku!

Mein Börslein schüttle ich dazu.

Herr Kuckuck, meine Schulden zahl', 0 mach mich jung, Frau Nachtigall!"

Dio Nachtigall dachte längst nicht daran, zu rufen! Und der Kuckuck mH, der war eine schlechte Imitation! Und dennoch bei mir war t» damals gut gegangen?

Wie oft hatte ich damals gerufen? O, welches Lampenfieber hatte ich gehabt, als ich, mitten in der Stunde, meine Hand erhob:Darf ich mal hinausgehen, Herr Professor?" Hott hämmerte mein Herz gegen N« hölzerne Pfeife, die ich in meiner Matrosenbluse barg. Mindestens sieben­mal sollte ich den Kuckuck rufen lassen? Wenn der bloß nickst ba'unten im Kellerfenster plötzlich das Stottern (riegte!

Nein- er kriegte nicht das Stottern! Es ward ein sehr bescheidener- Kuckuck daraus, der sich mit drei gar nicht allzu lauten Rufen begnügte.

Fein hast du das gemacht!" ward ich in der Pause von meine« Kameraden beglückwünscht.

»Was hat er denn gesagt, der Professor?" fragte ich wißbegierig.

Gar nichts. Nur erfreut aufgelauscht hat er. Still Jungens! mmv titelte er."

Und dann hol er gezählt! Ganz langsam. Und ganz ernst ist er dabet geworden. Still, Jungens! hat er noch einmal gesagt und dann ftst- gestellt: dreimal!", korrigierte ein anderer meinen Freund.

Und dann fast genau nach drei Jahren hatten wir unseren Pro» fessor die letzte Ehre geben müssen, da wir ihn auf den nahen Friedhof begruben. Fiel mir das jetzt erst ein? Warum war es mir, als Knabe«, niemals bewußt geworden, daß ein Zusammenhang zwischen den drei Rufen meines Kuckucks und den letzten drei Jahren eines Menschen be­stehen konnte?

Da bin ich still umgekehrt und habe einen Kranz auf das Grad meine# alten Lehrers gelegt. Und erst am nächsten Abmd ist mir ein leise» Lächeln wiedergekommen, da ich Im Gasthof den neuenAnzeiger" las und darin einen mit Ziffer gezeichneten Aufsatz:Der erste Kuckuck". Und lächelnd verfloß Gegenwart in Vergangenheit, In fernste Knabenjahre: Wie fast in jedem Jahr kehrte der Kuckuck, im Altdeutschen Gauch oder auch Gouch genannt, französisch coucou, wie auch Goethe diesen prophe­tischen Vogel, denBlütensänger", begrüßt, ungewöhnlich frühzeitig in unsere, noch halb von den Banden eines gestrengen Winters umfangen» Landschaft heim. Dem Volksmärchen gemäß hielten unsere Vorfahren dm Kuckuck für ein Wesen, in welches man sich früher wahrscheinlich einen der Heidengötter verwandelt dachte. Daraus deutet die sprichwörtliche Verwechslung des Kuckucks mit dem Teufel fein. Das holt der Kuckuck zum Kuckuck!, sprechen wir wohl auch noch heute gedankenlos hin."

Zum Kuckuck!, entfährt mir das Wort da ebenfalls. Kinder find ebe« Kinder. Von all ihren dumnten Streichen mag dieses Kuckucksspiel noch das harmloseste sein selbst auf die Gefahr hin, daß es auch heute noch manch einen verehrten Lehrer geben mag, der von seinem gestrengen Standpunkt aus solche Narretei verdammt und den Stab über mich bricht, solches lächelnd zu erzählen als Jagenderinnerung. Ich entschuldig» mich mit der heimlichen Moral, die ich meinem schon wieder entweichen»- den Lächeln, ein wenig scknlldbewußt, beimischte. Liebe Jugend! Fern« Jugend! Ein Kuckucksruf führte mich in kleiner Stadt zu dir und einem flüchtigen Lächeln zurück ... da Sonnenschein, milder Frühling uns Kuckucksruf vortauschte und ein Lächeln, das jedem Spotte fern ist, ja einer gewissen Bitterkeit nicht ermangelt:

Liebe Jugend! Feme Jugend! Kühl ist der Me»tt>. Kein Hous ist mehr hier, das mir Heimat wäre...