imngstür Ins Zimmer des Amerikaners, drehte das Licht auf und schaute suchend umher, öeiu Buck blieb am Bilde auf dem Schre.vtitch hasten, das die junge Dame uoiftcllte, die Smith als seine Braut bezeichnet hatte. Franz ging näher und nahm das Bild zur Hand. „M—a—r- y" las er. Quer über eine Ecke war dieser Name geschrieben. Auf der Schreibmappe lag ein angefangener Brief. „D—e—a—r M—a—r—y" stand obenauf, ein Briefumschlag war daneben: „Miß M—a—r—y F—a— i—r—l—e—s—s, N—e—u—9- o—r—t, LSth <5—1—r—e—e—t 87", buchstabierte et.
Er stellte die Photographie auf den Platz zurück, steckte den Briefumschlag tu die Tasche und schlich wie ein Dieb hinaus.
V.
Das Gelage hatte bis lange nach Mitternacht gewährt; die Gäste aus Ottakring mußten, vom Hotelpersonal in Autos verladen, von Berger heimgeführt werden und hatten am Morgen allesamt Katzenjammer. Aber auch die Herren im Hotel hatten schwere Köpfe. Berger fürchtete die Fortsetzung des Abenteuers, das schon am ersten Tage jo turbulente Formen angenommen hatte, und Smith fühlte sich nicht sehr behaglich, denn er konnte sich nicht mehr erinnern, was er der Toni gestern in der Rauschstimmung alles gejagt hatte.
Aber in sch.echtester Berfafsung war Radler. Er lag im Bette, ließ das Frühstück neben sich unberührt und rauchte eine Zigarette nach der andern. Wirre Gedanken gingen ihm durch den Kopf. Endlich schien er zu einem Entschluß gekommen zu sein. Er drückte dreimal auf die Klingel und der Hausdiener trat ein.
.Mennan S' amerikanisch?"
„Rein, aber der Portier spricht alle Sprachen."
„Her mit eahml"
Der Portier kam. Radler bekämpfte seine Scheu vor dem großen Mann in der prächtigen Livree und bat ihn, ein amerikanisches Telegramm aufzusetzen. An — die Adresse stehe hier auf dem Briefumschlag —. „Komme sofort! Wien Hotel Liverpool. „Richard" müsse drinstehen. Ein fürstliches Trinkgeld machte den Portier gesüg'g. Er wurde sehr ergeben und versprach, das Telegramm gleich zu befördern. Wann das Fräulein hier fein könne, wollte Franz noch wissen.
„Nun, mit Eilschiff und mit Flugzeug von England etwa in zehn Tagen."
Radler sprang zu ihm und faßte ihn am Rock: „nct „etwa"," sagte er, ihm nachahmend, „wann wird's do sein?"
„Genau in zehn Tagen."
Mit dieser Antwort war Franz zufrieden.
Die nächsten zehn Tage waren für Radler sehr beschwerlich; er wäre in dieser kurzen Zeit gerne ein eleganter Herr geworden, aber er mußte einsehen lernen, daß die Kleider allein nicht die Vornehmheit des Men- scheu ausmachten.
Er besuchte alle Vergnügungsstätten, die in der Zeitung ihre Güte und Kurzweiligkeit anpriesen, sah sich aber immer wieder als Zielpunkt von Spott und Neckereien, die, wenn sie auch harmlos waren, doch sehr weh taten.
Schon beim Bestellen der Speisen fing's an, wenn die Kellner so in den Mundwinkeln lachten, weil er diese verflixten Namen der Speisen und der Weine nicht richtig aussprechen konnte; da hätte er sie am liebsten geprügelt, diese Halunken. Und dann diese vielen Gabeln und Messer; er wußte nie, was er mit ihnen tun sollte, und fühlte von allen Tischen die spöttischen Blicke auf sich, so daß ihm die besten Speisen verleidet wurden und der erlesenste Wein wie Essig schmeckte. Nein, das war nichts für ihn, da ging er lieber gar nicht mehr hin.
Franz mied den Amerikaner; er ließ sich nur durch Bergers Vermittlung von ihm ansehnliche Geldbeträge auszahlen. Eigentlich widerstrebte es ihm, von' diesem Mann, der ihm sein Mädel abspenstig gemacht hatte, Geld anzunehmen, aber er legte es sich so zurecht, daß der tägliche Aderlaß eine gerechte Strafe für Smith wäre.
Im übrigen war er aber bemüht, Smith in jeder Hinsicht ähnlich zu werden. Er ließ sich Anzüge machen, die denen des Amerikaners zum Verwechseln gleich waren, trug die Haartracht wie Smith und ahmte ihm Haltung, Bewegungen, ja sogar sein Lächeln nach wie ein Spiegelbild.
Zu allem hatte er sich noch ein Buch verschafft, aus dem man ein „feines Benehmen" lernen konnte.
Smith war enttäuscht vom Verhalten Radlers. Er hatte gehofft, einen Menschen glücklich zu machen und selbst dabei Freude und Unterhaltung zu finden, und jetzt sah er an dem Gesellen immer nur finstere Mienen, ja Kummer, und wenn er ihn nach dem Grunde fragen wollte, wich jener unwillig aus. War es vielleicht doch ein Irrtum von ihm gewesen, zu glauben, so ein armer Schlucker müßte mit einigen tausend Dollar der glücklichste Mensch werden? Die häufigen Erwägungen über die Wech- selbe^ehungen von Reichtum und Glück.rnachten seinen Blick schärfer für die Wesenheit der Lebenswerte hüben und drüben vom Ozean und oft verspürte er dem Schuster gegenüber eine gewisse Dankbarkeit. Um so mehr hatte es ihn befriedigt, ihn glücklich zu sehen. Da wurden Smiths Gedanken von Franz abgelenkt. Er bekam von seiner Braut aus Amerika ein besorgtes Telegramm mit der gleichzeitigen Nachricht, daß sie in wenigen Tagen bei ihm fein werde. Er stand vor einem Rätsel und erwog mit Berger alle Möglichkeiten, die Mary zur Reise nach Wien hatten bestimmen können. Ein Zufall führte sie endlich auf die richtige Spur. Das Stubenmädchen hatte einmal des Morgens die Anzüge — Franz wählte täglich den gleichen Anzug wie der Amerikaner — der beiben Herren verwechselt und da fand Smith in der Weste, die Franz gehörte, die Telegrammabschrift an seine Braut. Er wollte wutentbrannt über den Schuster herfallen, aber Berger hielt ihn zurück. Man müsse
erst herausbekommen, was Radler dazu bewogen haben könne, v ®kommen zu lassen. Sicher könne der Anlaß nur eine Folge der Eifersucht^ sein. Ja, ja, die Toni, die beim Festmahl neben Smith gefejjen war, die hatte gewiß durch ihr Benehmen die Eifersucht Nadlers zur Gluthitze gebracht. Liese Auslegung besänftigte den Amerikaner und
belustigte ihn zugleich derart, daß er beschloß, die Ankunft Marys geheim- zuhalten, um mit ihr gemeinsam zu beraten, wie der Schuster für seine Eigenmächtigkeit und törichte Eifersucht zu bestrafen wäre.
VI.
Radler bummelte ziel- und planlos dur chdie innere Stadt. Da fesselte ihn in einer Auslage eine schünangczogene Dame, die auf einem Diwan lag und ihm freundlich zulächelte. Er trat an die Auslage heran und da erst erkannte er, daß es eine Puppe war. Kurz entschlossen ging er in das Geschäft und verlangte die Figur. Der Verkäufer wunderte sich zwar über dieses sonderbare Begehren, da ihm aber der geforderte Preis, den er absichtlich übertrieben hatte, sofort auf den Tisch gelegt wurde, versprach er, die Puppe gleich ms Hotel zu schicken.
Franz wartete auf die Figur so ungeduldig, als würde wirklicher Damenbesuch kommen, und als die Puppe endlich bei ihm auf dem Sofa lag, übte er sich ihr gegenüber — natürlich bei verschlossenen Türen — in ritterlichen Allüren, wie er sie aus dem Buche gelernt hatte Die Dame ohne Leben und Seele empfing zahllose Handküsse von ihm und einige Male endete die Unterhaltung damit, daß er vor ihr in die Knie sank, obschon vergeblich darauf wartend, emporgehoben zu werden zu einer hingebenden Umarmung.
Arn neunten Tage seines Märchenlebens, als Franz aus dem Hotel kam, sah er in einem vorfahrenden Auto den Amerikaner und neben ihm eine Frau. „Toni!" durchzuckte es ihn. Er war so erschrocken, daß er vorerst über die Augen wischen mußte, um deutlicher zu sehen; da hatte aber Smith schon dem Chauffeur ein Zeichen zum Weiterfahren gegeben. Franz konnte sich nicht mehr überzeugen, ob er richtig gesehen hatte, und in trüber Stimmung trat er in die Straße.
Kaum war er aus dem Sehbereich des Hotels gekommen, fuhr das Auto mit dem Amerikaner und seiner Begleiterin wieder vor. Smith sprang aus, vergewisserte sich, daß Franz wirklich ausgegangen war, und rief dann fröhlich ins Auto hinein, Mary möge nur kommen, die Luft sei rein, der Schuster sei fort.
Am nächsten Morgen war Franz in fieberhafter Erregung. Er ging nicht aus, sondern hielt sich in der Halle auf, einen Blumenstrauß in der Hand. Wie freute er sich, als Smith, ihn freundlich grüßend, das Hotel verließ.
Gegen Mittag fuhr ein Auto vor, dem eine junge Dame entstieg; Mary! Er erkannte sie sofort nach der Photographie, wagte indessen nicht gleich, sich ihr zu nähern.
Aber auch sie schien ihn zu kennen. Mit ausgestreckten Armen eilte 8e auf Franz zu: „Richard!" und eine Flut englischer Worte folgte, lädier brachte vor Schreck kein Wort über die Lippen. Da entschuldigte sich die junge Dame mit gutgcspieltem Erstaunen und Verlegenheit in gebrochenem Deutsch, daß sie den jungen Mann verkannt habe, weil er ihrem lieben Bräutigam so ähnlich wäre, der hier im Hause wohne.
Radler blähte sich vor Stolz, trotzdem brachte er nur stockend hervor, daß er in Vertretung des verhinderten Bräutigams hier sei. Sie ließ sich bcluftigt ins Zimmer geleiten und ermunterte ihn, alle seine Erlebnisse seit dem ersten Zusammentreffen mit Smith zu erzählen. Der geschwätzige Schuster ließ sich nicht lange bitten und berichtete besonders ausführlich von dem, was ihm am meisten am Herzen lag — von den Bemühungen des Amerikaners um seine Toni. Mary horchte aus. Das klang ja ganz anders, als sie es von Richard gehört hatte; sollte die Sache doch nicht so harmlos gewesen sein, wie ihr Bräutigam sie ihr darzustellcn versuchte? Und diese Gedanken ließen sie ihre Rolle unwill- kürlich wirksamer spielen, als sie beabsichtigt hatte. Sie lehnte sich in den Fauteuil zurück und lächelte den Schuster kokett an. Der wurde rot vor Freude und — wie er es an der Puppe oft probiert hatte — nahm die Hand des Mädchens und drückte mehrere schmatzende Küsse darauf. Da Mary ihm die Hand ließ, wurde er mutiger und ließ sich vor ihr auf die Knie nieder. Mary strich ihm leicht über das glatt zurückgcstrichcne fettige Haar und Franz, feiner Sinne nicht mehr mächtig, wollte sie um- fassen. Fast hätte er sich aber dabei die Nase eingestoßen, so plötzlich war der Fuß des Mädchens emporgeschnellt, gerade vor sein Gesicht: „Da bitte, nehmen Sie mir Maß, ich brauche ein Paar Schuhe für das schlechte Wiener Pflaster". Fließend kam der Satz über ihre Lippen, denn Berger hatte ihr ihn oft genug oorgesagt.
Aus allen Himmeln gerissen, ergriff Franz den Fuß, die andere Hand fuhr automatisch nach der Stelle, wo sonst in der Lederschürze das Maß steckte.
Mary hustete plötzlich stark und Smith, von Berger gefolgt, trat in» Zimmer. Beide blieben — als wären sie vor Ueberraschung starr — bei der Türe stehen. Franz sah endlich auf und sah in lochende Gesichter. Behutsam stellte er das Füßchen aus die Erde und schlich hinaus.
Nach einiger Zeit kam er wieder, angetan mit seiner Schustergewandung. Er habe genug von diesem Leben, er gehe zurück zu seiner Schusterei und als erste Arbeit wolle er dem Fräulein die bestellten Schuhe anfertigen; die müßten so ausfallen, daß die Herrschaften von ihm als Schuster wenigstens eine gute Meinung bekommen sollten und seine Kunden bleiben würden.
Nein, eine schlechte Meinung hatten sie nicht von ihm, seitdem er wieder als schlichter Schuster vor ihnen stand und von seiner Arbeit sprach. Es war eher so, als hätten die Rollen jetzt gewechselt, den Smith konnte sich einer Scham nicht erwehren, daß er in der Sicherheit seines Erfolges und seines Reichtums in einer Weinlaune sich vermessen hatte, durch Geld allein das Schicksal eines Menschen zum Glück lenken zu wollen. Er sprach begütigend auf Radler ein, er hätte doch noch zwei Tage gut und ob er denn gar keinen Wunsch mehr aussprcchen wolle?
Franz aber blieb unbeirrbar sicher: er habe noch Geld genug — wenn er es behalten dürfe — er wolle wieder zu seiner Arbeit gehen — sich eine eigene Werkstatt taufen — und —
Das weitere sagte er nicht laut, aber in seiner Brust klang es gan- deutlich — die Toni heiraten.
VernntsvrtUch: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Drühl'fche ÄniverfitStS-Duch. und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.


