bk ganz zauberhafte Wirkungen auszulöf«n vermag, wie es im zweiten 8lkt des „Tristan", besonders bei der Stelle „Sink hernieder, Nacht der Siebe“ und Brangänens Ruf „Habet acht'", oder während des „Waldwebens" im „Siegfried" geschieht
Der Violine ist der gesangsmählge und innige, aber auch leidenschaftliche und hitzige Charakter zu eigen; die Mystik geheimnisvoll verschleierter oder im hellsten, zitternden Licht leuchtender Töne, wie im Lohengnn- Vorfpiel, oder in der Schlußszene des „Parsisal" sind ihr nicht fremd. Ihre Schwester, die Bratsche, hat ein rauheres Organ, das aber von seltsam bestrickendem Reiz sein kann, immer etwas Unausgesprochenes anzudeuten und in verborgener Glut zu glimmen scheint, wie manche Stimmen sehr erfahrener und von verhaltener Leidenschaft erfüllter Frauen, in einer ganz leichten Zerbrochenheit vibrierend erregender zu wirken imstande sind, als das lieblichere Tongeklingel funger weiblicher Wesen. Oft sind der Bratsche bedeutsame Melodien anoertraut; Debussy hat in „Pelleas und Melisande" die unwirtliche, von Düsternissen bedrohte Atmosphäre des Liebesmärchens auf das beste dadurch charakterisiert, daß er eine ganze Szene lang dis Violinen ausschaltet und die Bratschen als führende Streicher benutzt. Die Celli singen ost besonders innige Melodien, wie das zweite Thema im ersten Satz von Schuberts „Unvollendeter", oder das Liebesthsma Siegmünds und Sieglindes im ersten Akt der „Walküre". Zu Zeiten treten sie mehr zurück und übernehmen dis harmonifchc Grundlage des ganzen Streichergebäudes mit den Kontrabässen, denen indessen, trotz ihrer gewichtigen Schwerfälligkeit, auch manchmal bedeutende Aeußerungen in den Mund gelegt werden; so läßt sie Beethoven im Trio des Scherzos seiner fünften Symphonie ihren rumpelnden Uebermut in schnellen Passagen austoben, nachdem sogar schon der Knabe Wolfgang Amadeus Mozart im Vorspiel seiner ersten Oper „Die Schuldigkeit des ersten Gebotes" etwas Aehnliches mit den Bässen versucht hatte. In der berühmten Rezitativ-Stelle des Finales der „Neunten" setzen sie ihre gewichtigen Persönlichkeiten ein, um das außer letzten Quartetten, deren überirdische Klänge in der Bedeutung des Tristan- oder Ring-Streichquintettes ihre Fortsetzung gefunden haben.
Die zweite große Gruppe, die Holzbläser, ist den Streichern im Umfang, von der Piccoloflöte bis zum Kontrafagott, beinahe gleich, und bildet also ein« durchgehend« Parallele zu den Bogeninstrumenten; ihre Wichtigkeit ist im Laufe der Entwicklung eine immer größere geworden. In ihr sind die heterogensten Klangfarben vereinigt, ihr Reichtum an Nuancen ist also ein unvorstellbarer, und Hai denn auch die Komponisten von jeher außerordentlich interessiert. Den höchsten Diskant bildet die kleine oder Piccoloslöte, deren ein wenig grelles Schreien Weber in des dämonischen Kaspar Trinklied, im Freischütz, erster Akt, zur Erzielung einer höllischen Lustigkeit anzuwenden verstand. Die große Flöte hat zwar eine bedeutende Geläufigkeit, besitzt jedoch auch einen sanften und weichen getragenen Ton, so daß ihr gern Melodien ausgesprochen lyrischen Charakters anvertraut werden. Im Gegensatz zu ihr klingt die Oboe etwas hölzern und sck)arf; wenn sie auch manchmal schalmeiartigen Charakter annehmen kann, ist sie doch die Jronikerin unter den Instrumenten, weshalb denn der große Weise Wolfgang Amadeus Mozart in seinem ironisch-wcltschmerzlichen Spiel „Cosi fan tutte" den alten Zyniker Alfonso stets von hämisch meckernden Oboen begleitet auftreten läßt. Der Ton der Oboe bleibt fast stets spitz, er verliert das Intellektuelle nicht — ganz anders die Klarinette, die Sängerin unter den Holzbläsern. Sie ist mit ihrem sinnlich-warmen, üppigen, schwellenden Klang die Gefährtin der beiden Mädchen, Fiordiuges und Dorabellas, in „Cosi fan tutte“ — ein Beispiel von der Wichtigkeit psychologischer Instrumentierung: sie schwingt sich jubelnd in freie Höhen der Melodie, wie in dem großen, vom Tremolo der Streicher begleiteten Solo der „Freischütz"-Ouvertüre, sie verleiht der in die Fernen der Vußta und der Steppe fchweisenden Phantasie in melancholisch-wilden Gestaltungen Ausdruck (Brahms, Klarinetten-Ouintett, zweiter Satz): kurz, sie ist di« ausdruckreichst« und anziehendste ihrer Familie, deren tiefen Tönen ein unbeschreiblicher Wohlklang entströmen kann. Lyrischer als sie ist das englische Horn, allen Opferfreunden aus der „traurigen Weise" des Tristan, allen Konzertbesuchern aus dem Pastoralsatz der B e r l i o z s ch e n „Phantastique" bekannt, in dem es nur von leisen, fernes Gewitter malenden Pauken- wirbeln unterbrochen, ein ergreifendes Landschaftsbild zeichnet. Sein Klang bekommt leicht, wenn es unvorsichtig gespielt wird, etwas Ouä- Andes, ist sonst aber von großem und sehr melancholischem Reiz. Zur Gruppe der Baßinftrumente gehörte die Baßklarinette, ein Instrument edelsten Tones und tiefer Poesie. Er nimmt in ergreifender Weise Brün- hildes Klage vorweg, wenn in der letzten Szene der „Walküre" Wotan und die, welche er liebt, sich gegenüberstehen. Auch das Fagott, und ein doch tieferes Geschwister, das Kontrafagott, finden hier ihren Platz; das fpe ist so recht der Komiker des Orchesters, der unzertrennliche Freund Beckmessers in den „Meistersingern", das zweite vermag, wie im zweiten Akt „Fidelio" („Rur hurtig fort, nur frisch gegraben") der Finsternis des Kerkers schauriges Kolorit zu geben.
Die Blechbläser finden ihren schönsten Ausdruck in den Hörnern, die bald weich, bald hell, bald schmetternd, bald träumerisch die modernen Partituren, vor ollem die Wagners und Richard Straußens, mit immer wechselnden Farben durchziehen. Ohne sie kein Murmeln des Baches in Isoldes Liebesnacht, kein Traum Hans Sachsens unterm Holunder, keine Jaadfröhlichkeit im „Freischütz", keine wehmütige Frage im Andante der „Unvollendeten"; sie sind allgegenwärtig, ihre Ausdrucksfähigkeit macht sie zu wichtigstem Bestandteil des Orchesters. Festlicher als sie sind die strahlenden Trompeten, gewichtiger die Posaunen und Tuben, mit deren feierlichen Klängen leider oft Mißbrauch getrieben wird; sie sind zur Betonung übersinnlicher, mystischer, dramatisch-tragischer und ähnlicher Vorgänge am Platze — vom heiteren Spiele mögen sie ferngehalten werden. Auf den Wirbeln und Schlägen der Pauke, welche die Harmonien unterstützt, vermag sich das vielfältige Gefühl des Orchesters aufzubauen, dessen feine Verzweigungen und verschlungene Wege wir durchschauen müssen, um aus der wechselnden Gestalt, dem stets sich verändernden Flusse das Wunder der Einheit in der Vielheit zu erkennen.
Der Bluckspi^. s
Novelle von Robert M i ch e k.
(Schluß.)
„Wo soll i's nur hintun, dös viele Geld, daß miPs net g'stohln wird?" jammerte er. Am liebsten hätte er den Banldiener zurückgerufen und die große Geldtasche von ihm verlangt.' Da kam ihm Berger zur Hilfe. „Wir werden Ihnen eine feuerfeste Kassa heraufbrmgcn lassen, da können Sie Ihren Schatz aufbewahren." Als in kurzer Zeit der Geld- schrank wirklich kam, wurde Franz wieder heiter. Er ließ sich den Mechanismus des Verschlusses erklären, und während er die Päckchen in das Innere des Schrankes schlichete, lachte er unaufhörlich vor sich hin. Das letzte Geldpakct steckte er zu sich und klopfte sich vergnügt aus die Brust. Dann nahm er die Mütze, verneigte sich verschmitzt und versprach, am Nachmittag wiederzukommen. In der Tür aber wandte «r sich nochmals um: „Wohna wer i oba do, in dem Zimmer, die vierzehn Tag."
„Ich habe nichts dagegen. Ich räume Ihnen gerne das Feld", jagte Smith. „Sie können das Zimmer in Besitz nehmen, wie es ist, nur" — er nahm eine Phtographie vom Schreibtisch — „meine Braut muß ich Ihnen wohl nicht dalasjen?"
Franz schüttelte verneinend den Kopf und grinste.
III. :
Einige Stunden später trat in die Werkstatt des Meisters Lojch «in sonderbar geschniegelter Herr ein, angetan wie ein Stutzer und mit Bewegungen wie eine Marionette. In der einen Hand hielt er einen schwarzen Spazierstock mit großer Silberkrücke und in der anderen glänzende gelbe Lederhandschuhe, die noch wie gebügelt aussahen.
Der kurzsichtige Meister machte tiefe Bücklinge, denn er glaubte, eine neue, vornehme Kundschaft vor sich zu haben; da ließ ihn aber ein derber Schlag auf die Schulter in die Höhe fahren. Vor Staunen riß er den Münd weit auf, brachte aber kein Wort heraus. Auch der Lehrjunge war herbeigesprungen und schaute den feinen Herrn entgeistert an. Der drehte und spreizte sich vor den beiden: „Da schaugts halt, was aus'm Radler Franz woarn isl I woar scho allwell a noblichta Herr, nurs G'wand hat ma g'fehit. Aba jetzt is vlls da." Dabei zog er einig« Banknoten aus der Tasche und warf sie dem Lehrbuben lässig hin. ,/Da, Schani, mach dir an gatn Tag."
Kurze Zeit daraus war die Gasse in Bewegung. In der Werkstatt drängten sich die Leute, und die in dem engen Raum keinen Platz mehr fanden, stauten sich vor dem Eingang und hockten vor den kleinen niedrigen Fenstern, an denen sie sich die Rasen plattdrückten, um etwas von Franz zu erspähen. Staunende Fragen, Rufe der Bewunderung und des Neides umschwirrten den Glücklichen. Franz aber war nicht gesonnen, sein Geheimnis preiszugeben. Er fei reich geworden und damit basta. Aber sie sollten auch etwas davon haben — er lade sie alle für heute abend zu einem guten Nachtmahl ins Hotel Liverpool ein, „Wachts enf fein, Leitln, damit i mi net schama muatz, und kummts alle im Auto angfoahrn. Da is Geld!" und schon flatterten viele blaue Scheine über die Kopfe der Drängenden, die sich unter Schreien und Gelächter darum balgten.
Franz benützte diese Gelegenheit, um sich aus dem Staube zu machen. Er lief durch die rückwärtige Tür der Werkstatt in die Küche und von dort durch den Hausflur auf die Gaffe, und bevor die aufgeregte Gesellschaft sein Verschwinden bemerkt hatte, war er schon um die nächste Ecke gebogen.
Radler verschnaufte ein wenig, bevor er, siegesficher, in das Haus trat, in dem er heute schon einmal gewesen war.
Toni schlug bei seinem Anblick erstaunt die Hände zufammen und je eingehender sie ihn musterte, desto mehr bog sich im Lachen ihr schmiegsamer Körper. Radler merkte nicht den Spott, der aus diesem Lachen erklang, und war mit dem Eindruck, den er hervorrief, zufrieden. Er verhehlte Ihr nicht, daß fein Glück von dem Amerikaner käme, aber er konnte nicht umhin, ein wenig zu flunkern, um sie glauben zu machen, er verdanke den Reichtum doch auch seiner eigenen Tüchtigkeit.
Da wurde Toni wortkarg und nachdenklich: wenn der Amerikaner diesen dummen Schustergesellen so reich beschenkt hat, warum könnte er nicht auch ein hübsches Wiener Mädel ...? Als er einmal hier bei Berger war, schien er ja Gefallen an ihr gesunden zu haben ... Ra. man müßte es versuchen ... Aus diesen Gedankengängen heraus kam ihr Radlers Einladung für heute abend eben recht und sie versprach zu kommen.
IV.
Am Abend faßen Radlers Gaste in einem für diesen Zweck eigens hergerichteten gesonderten Raum des Hotels Liverpool um eine lange Tafel. Franz hatte rechts neben sich Toni Platz nehmen kaffen; an der anderen Seite des Mädchens faß der Amerikaner. Links von dem Gesellen thronte die Schustersfrau. Eigentlich konnte er die Meisterin nicht leiden, aber als Gastgeber glaubte er verpflichtet zu fein, der Frau feines Brotherrn diese Ehre zu erweisen.
Man war noch einigermaßen befangen, als aber die dampfenden Schüsseln die Runde machten und schäumendes Vier in großen Gläsern vorgesetzt wurde, stellte sich rasch eine vortreffliche Stimmung ein, und mit jedem neuen Gericht und jedem frischen Glas Bier wurde die Fröhlichkeit lauter. Rur Radler wurde immer elnfilbriger. denn er glaubte zu bemerken, daß Toni bloß für den Amerikaner Augen hatte und ihn selbst gar nicht beachtete. Er litt Qualen der Eifersucht und weder Speise nach Trank wollte ihm munden. Mit finsterem Gesicht saß er inmitten der tobenden Lustigkeit, unbeachtet von allen und einsamer als je in feinem Leden. Niemand fiel es auf, als er den Saal verließ. Er ging in fein Zimmer, fchloß den Geldfchrank auf, um sich durch den Anblick feines Schatzes in gute Laune zu bringen. „Schatz", brummte er wütend und schlug die Kasse zu, während noch ein derbes Schimpfwort Seinen Lippen entfuhr. Ob es dem Selbe galt ober dem Amerikaner ober >em Mädchen, war nicht zu erkennen. Er ließ sich in einen Sessel fallen, sprang aber gleich wieder in die Höhe und stürzte durch die Berdin-


