Ausgabe 
25.2.1929
 
Einzelbild herunterladen

zum Obristen gebracht. Allein seine Liselotte konnte er nicht vergessen, so Satz er unbeweibt blieb.

Dreißig Jahre vergingen, bis er wieder zum Rhein kam. Da war er schon ein eisgrauer Haudegen mit einem so schönen Schnauzbart, wie ihn der Feldwebel der Werber besessen. In dem Städtchen, wo er jein Glück verloren, schritt er ein wenig wehmütig zum Hause des Landrichters. Dort saß nun freilich schon längst ein andrer drin. Doch weil dieser, selbst schon bei Jahren, als ein Witwer ein einsames Leben führte, lud er den Odristen in seinen Garten zum Abendbrot. Und wie der Wein chon die Zungen löst, so erzählte Rappenglück dem Richter, als das Windlicht am Tische stand und die Mücken dran schwärmten, von seinen Abenteuern, und wie die Liselotte nun wohl eine alte Jungfer geworden.

Da seufzte der andere, drehte nachdenklich an seinem Glase und sprach: Ja, Obrift, daran war der Tcufelswein schuld, den man damals zum ersten Male trank und der hier vor Euch steht. Lang ist's her. Doch eine alte Jungfer, wie Ihr meint, ist die Liselotte nicht geworden. Die ist sechsundzwanzig Jahre meine Frau gewesen und hat mir das Leben sauer gemacht. Dort drüben ruht sie. Gott hab sie selig!"

Da lachte der alte Obrist Rappenglück fröhlich wie ein Junger, strich den weißen Schnauzbart nach Soldaienart, hob das Glas, daß das Wind­licht golden darin funkelte und rief:Run denn, dann foll der preußische Werber leben und dieser Teufelswein dazu!"

Fahrt durch den Panama-Kanal.

Von Alfons Goldschmidt (Panama).

Ich hatte ein wenig Angst vor der Fahrt durch den Panama-Kanal. Aber man soll nicht glauben, was die Leute einem über Temperaturen und Landschaften erzählen. Bis fetzt war es immer anders. Nordamerika, Mexiko, Zentralamerika habe ich völlig verschieden von den Schilde­rungen in Büchern oder aus Reisendenmund gefunden. Saftig, voll von Abwechslungen, im allgemeinen sauber, die Menschen gütig. Man hatte mir von mexikanischen Riesenwüsten, von Dreck in Zentralamerika, von permanenten Räubereien erzählt. Die Wirklichkeit ist grundverschieden. In Costa Rica noch hatte man mir gesagt: auf der Fahrt durch den Panama-Kanal werden Sie vor Hitze umkommen. Cs war nicht kühl aber ich habe weniger Schweiß vergaffen als etwa in dem guatemaltcker Hafen Puerto Varrios oder in einer der überheizten Neuyorker Woh- nungen. Die Kanallandschaft ist wahrhaft lieblich. Der Panamakanal ist Überhaupt kein Kanal nach der üblichen Vorstellung. Er ist fast wie die Havel, mit Seen, entzückenden Windungen, Hügeln und Wiesen an den Ufern, auf denen Vieh grast, Palmen und Bambus wachsen und saubere Bungalow-Häuschen stehen. Nur die Kanalschleusen sind schnurstraks, alles andere ist Fluß-, See- und Userfreundlichkeit.

Kurz nach Sonnenaufgang, der den Hafen von Cristobal und die Wasser der Bucht von Simon herrlich verklärte, fuhr der kleine Grace- dampferSanta Eliza" dem atlantischen Kanaleingang zu. Das ist kein Tor, keine Gewaltigkeit, sondern etwa eine Einfahrt wie in den Kaiser- Kanal bei Swinemunde Aber ausgestattet mit allen technischen Schikanen und mit den furchtbarsten Verteidigungsmitteln meilenweit. Der Kanal ift hier aufs beste geschützt gegen Sturmwellen aus der Bucht von Simon

?U Waffengewalt scheint fast unmöglich. DieSanta Ctiza ,edoch gleitet durch diese Drohungen lächelnd weiter, den Riesen- jch.eusen von Gatun zu, begleitet von Fregattenvögeln und fröhlich springenden Fischen und gefolgt von vier Dampfern, die an diesem Morgen den Kanal passieren wollen. 1

Als wir uns dem Wunderwerk von Gatun nähern, jenen uns über ungeheure Betonbuckel elektrische Sokomotiven, die modernen Schleusen- Maultiere, mit vielem Geräusch entgegen. Ein großer roter Zeiger am oJn8?n,9 h3[ schleuse fallt zum Zeichen, daß man bereit ist, das Schiff 85 Fuß hoch auf das Niveau des Gatunfees zu heben, der durch Ein- dammung des Flusses Chagres gebildet wurde. Die Sokomotiven werden

* b ^"ler das Schiff gespannt, sie ziehen und halten es, bis wir HntPr uc39-t 0P^ °r ?w Ausgang liegen. Ein zweiter Dampfer wird hinter uns eingeschleppt. Dann schließt sich die Einfahrt und der Schleu- senspiegel hebt sich schnell. Alles geschieht ohne Geschrei selbstverständ- Pin,lhnrw0Uth-matl^- 5Bir kahren in die nächste Schleuse und aus ihr in £.r».n?ru ' bu5,r- an ungeheuren, in den Kanal einlaßbaren Repara­turgestellen vorbei, den Spiegel des Gatunsees erreicht haben.

laJ* 16,4 Ouadratmeilen groß. Er ist der größte fünft« fidje 6ee der Welt, mit etwa 184 Millionen Kubikfuß Wasser Wir lud|en®ainnrh fIinen 3,C? Töbcr in den sog. Culebra-Cut ober nach dem Ingenieur David E. Gail- fer GtcöTaebfeiMUhMe bUk"9 Unb Durchsprengung der Anden an die- @rünbP stm ffnh £ler E folgt der Kanal dem Tal des Rio

hT ^A des Culebra-Cut liegen die Pedro-Miguel-Schleufen Locks bis auk wird. Dann sinken wir in den Miraslores-

bem finfen Ä bcs Pazifischen Ozeans und legen in Balboa, im ff"'ber bindt Panama, am pazifischen Ausgang des Kanals an b« Palifi^lieaii "ellvos" , Südamerika einzunehmen. Der Spiegel

JE.Spiegel des Atlantischen Ozcans.

Acht Stunden etwa hat die Fahrt gedauert. Es stnd 44 08 nnufifrfis SWeilen. Das Ganze ist vielleicht das größte technische Werk auk der ffrhp SchstNUi^'ml^allen^W^''k P^u^wl'chkeiten für die int!rnationale

Iiayn und mit allen Waffenschreckmssen für den Kricaskoll his m-it te%0Uftben 3nfcIn DOr der pazifische KanaleZahrt. D r Kanal ha N l?m" Tonnen7 Kapazität mi.^unkkreimichtungen

,u-"tonncn in der Stunde. Die Oeltanks fassen 3 5 Million»» Lurusbn^« 9rf 8.°,6e.Süßwasseranlagen, die solidesten Piers,Hospitier hBnl1!' Spez'alv.eh für die Angestellten, dazu Trockendocks Ret-' 1 mnfhin^tnn" a Yr ° ° v' dessen die moderne Schiffahrt bedarf. Das

6 an der atlantischen Seite ist das schönste und bc in den amerikanischen Tropen. Vor feiner Wafferfront Indianer kn di? Ferne sucht ' be,fe" Wl ®^alt «n kleiner

So scheint alles heiter, es ist eine Vergnügungsfahrt, und die Ameri- tarier kommen in derSeason" nach Colon ober Panama, um dort Tennis oder Golf zu spielen, bei Pferderennen zu wetten, Trips in die Jndioumgcgend zu machen, frische Kokosmilch zu trinken unb in den Swimming-poc!s elegante Famitienbad-Meetings zu veranstalten. Der Kanal ist eineAttraktion" wie die Playa und die Spielsäle von Habana dasMyrtle-Vank"-Hotel auf Jamaika ober die Trinkgelage auf der Insel Nassau. Aber ich konnte nicht recht froh werden auf der schönen Fahrt, denn einen Tag vorher hatte ich von den Kanal-Gedenktafeln in den Vovedas bei Panama-Stadt, vor denen die Erinnerungssäule an die Toten des Kanals steht, die Kanalgeschichte abgelesen. Zehn Jahre nach der Eroberung Mexikos hatte der Kampf- unb Raubgenosse bcs Cor­tez, Alvaro de Saavebra, auf Veranlassung Karls V., ben ersten Panama-Kanal-Plan ausgearbeitet. Cortez hatte mit seiner feinen Wit­terung die außerordentliche Möglichkeit schnell erschnüffelt. Hätte nicht der Nachfolger Karls V., Philipp II., mit den Worten:Der Mensch soll nicht trennen, was Gott vereint hat", das Profekt abgelehnt, fo märe schon vor Jahrhunderten das Werk versucht worben, wahrscheinlich mit noch gräßlicherem Resultat als in ben achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Ader die Stanalibec ruhte nicht. Einmal sollte die Wasser­straße durch ben Isthmus von Tehuantepec, bann durch ben Nicaragua- See, bann roieber durch die Panama-Enge gestochen werden, über die Balboa^ der Architekt Ferdinands des Katholischen, einen Weg nach der alten Stadt Panama angelegt hatte, auf dem die von Pizarro ge­raubten Goldschätze nach der atlantischen Küste geschleppt wurden.

Auch der große südamerikanische Befreier Simon Bolivar gab Anfang des 19. Jahrhunderts Auftrag, einen Kanalplan auszuarbeiten. Aber erst auf dem Internationalen Panama-Kongreß in Paris, im Jahre 1879, wurde eine feste Bauentsch'iehung gefaßt. Ferdinand v. Lesseps, der Konstrukteur des Suez-Kanals, übernahm die technische Seitung und im Januar 1882 begannen die Ausschachtungsarbeiten. Die Kanalzone war damals eine der fiebrigsten Gegenden der Welt, voll von Moskitos und Miasmen. So. mußten 22 000 Arbeiter und Angestellte sterben. Auf einer der Erinnerungstafeln wird erzählt, wie Jules D i n g l e r, der im Jahre 1883 nach Panama kam, um die Ausschachtungen zu leiten, nach einigen Jahren mit den Leichen seiner Frau unb seiner zwei Kinder nach Europa zurückkehrte. Der Kanal fraß bermahen Menschenleben unb Geld, daß im Jahre 1888 die Arbeit aufgegeben werden mußte. 53 Millionen Pfund Sterling waren verloren. Nur 19 Meilen hatte man ausgeschachtet, es blieb die Trace, zerfallende Häuser unb ein Pestheer. Dann traten die Bereinigten Staaten in das Geschäft. Sie verhandelten mit der Regie­rung von Kolumbien, unb als die nicht wollte, gab es eine kleine Re­volution in Panama, das damals eine Provinz .Kolumbiens war. Die Folge war die Übliche Autonomie. Diebefreite" Republik Panama trat die Kanalzone für wenig Geld an die 11. S. A. ab, unb feit 1913 zahlt der große Bruber" im Norden jährlich 250 000 Dollar an die Republik Panama, deren Regierung diese Rente an ihre Angestellten verteilt.

Durch außerordentliche sanitäre Maßnahmen wurde bas Fieber ver­trieben, die gifttragenben Mücken sind verschwunben, die Panama-Kanal- Zone ist heute wie ein Luftkurort. Aber nachts jagen die Marine-Schein­werfer von Colon und Panama ihre Lichtstrahlen gegen ben Himmel, um amerikanische Flieger zu suchen, die bork auf den Ernstfall hin manövrieren.

Von der Geige bis Mr Pauke.

Eine Plauderei über das moderne Orchester.

Von Dr. Anton Mayer.

Der Klangkörper des vielgestaltigen modernen Orchesters bildet zwar eine Einheit; aber sie wird von einer Menge charakteristischer Individuen sehr verschiedener Wesensart gebildet. Dem naiven Hörer kommt, be­sonders im Operntheater mit seinem verdeckten Musikerraum, das Tönen der unter Leitung des Dirigenten gleichsam zu einem Volumen gewor­denen Kapelle als gewichtige Masse vor, aus der wohl einzelne Akzente austauchen, besonders ausfallende Tonfärbungen hervorstechen, und Schat­tierungen der Klangstärke zu erkennen sind; von dem Einzelleben, der Anwendung, den Ausdrucksmöglichkeiten, kurz vom Charakter der Orchester- inftrumente haben die wenigsten Opern- und Konzertfreunde eine Vor­stellung. Natürlich läßt sich dieser Mangel sehr einfach damit erklären, daß mit Ausnahme der Violine und des Cellos die Orchesterinstrumente aus den Solovorträgen des Saalpodiums völlig verschwunden sind.

Das moderne Orchester setzt sich aus drei großen Gruppen zusammen, die wieder untereinander geteilt sind: die Streicher, die Holz- und die Stahlbläser, denen sich die Schlag- und die Zupfinstrumente, Pauke, Becken, Glockenspiel usw., sowie ffarfe und in Spezialfällen wie z. B. beim Stündchen imDon Juan", Mandoline ober Gitarre beigesellen. Die modernen Komponisten benutzen auch zur Erzielung besonderer Effekte das Klavier, wie Richard Strauß oder kürzlich Julius Bittner, der in feinerMondnacht" das Laufen und Klappern der Roulettekugel durch eine Pianoforte-Paffage auszudrücken versuchte, ohne gerade damit allzu erfolgreich zu sein.

Die Streicher teilen sich in die ersten und zweiten Violinen, die im Klang eine Oktave tiefer stehenden Bratschen, die Celli und die Kontra­bässe, so daß sich also die aus der Kammermusik bekannte Zusammen­setzung des Streichquintettes wiederholt; sie bildet das Rückgrat des ganzen Orchesters, beherrscht die gesamte dramatische Tonskala von der tiefsten Tiefe bis zur höchsten, infolge der Flageolett-Möglichkeiten der Violinen beinahe unbegrenzten Höhe, und kennt mit Hilfe ihrer alle Schwierigkeiten überwindenden Technik keine Befchränkungen irgend­welcher Art. Der Reichtum an Klangkombinationen, den schon die Fünf­teilung gewährt, ist ein ungeheurer; häufig aber werden aus der Masse der einzelnen Streichinstrumente Soloviolinen herausgelöst, deren füh- renbe Stimme nun allein über dem Tongewebe der anderen schwebt. Diese sind nun je nach ihrer vorgeschriebenen Anzahl bei Wagner 16 erste und 16 zweite, on je acht Pulten verteilte Violinen wiederum 3U teilen, so daß eine Mannigfaltigkeit der Stimmführung erreicht wird,