Ausgabe 
25.2.1929
 
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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Irhrgang <929

Montag, den 25. Februar

Nummer |6

Kulinarisches Gedicht.

Von Otto Julius Bierbaum.

Fehlt dir, o Mensch, die Harmonie In deinem Innenleben, So wird dich eine Symphonie Zu reinem Höhen heben.

Aus Sauerkraut besteht sie und Schweinehaxen, rosig runden.

Und war dein Herze noch so wund. Es wird sogleich^ gesunden.

Dionys Rappengtück.

Novelle von Alfons v. C z i b u l k a.

Nomen est omen. Die alten Lateiner waren doch gescheite Leute, und wo sie recht hatten, hatten sie recht. So war auch die Geschichte des Dionys Rappenglück, dessen Unglück in einem Jahre begann, da ein junger Wein trefflich geraten, eigentlich schon seinen beiden Namen prophetisch an« gedeutet.

Freilich im anderen Sinn« als etwa der Schulmeister des Dorfes, In dem Dionys geboren und erzogen worden war, es meinte. Dieser Schul­lehrer hatte einiges über die Alten und deren Götter gelesen. Darum pflegte er, als der Junge immer ungebärdiger heranwuchs und überhaupt das Leben als einen Hauptspaß anzusehen schien, zu sagen, daß es ja anders gar nicht fein solle, denn er mache damit nur seinem Vornamen Ehre. Und ein Dyonisos könne eben nicht anders als dionysisch leben. Nur übersah der Gute dabei, daß Dionys nicht nur Dionysos, sondern auch Rappenglück hieß. Was man dem Lehrer aber verzeihen muß. Denn da des Jungen Vater Roßhändler war wie jd>on sein Großvater und Urahn«, so schien dem Schulmeister der Name Rappenglück genügend an­gedeutet.

Ein Roßtäuscher ist noch niemals verhungert. Wenigstens nicht In jenen Zeiten, in denen noch Pferde und nicht Maschinen über die Land­straßen liefen. Darum war auch Vater Rappenglück ein Mann, der seinen Sohn studieren lassen konnte. So wurde Dionys ein dionysischer Student, raufte und soff etliche Jahre an den Universitäten herum und wurde schließlich Doktor der Rechte.

Welchem Berufe er sich aber zu wenden sollte, das wußte er, von der Hochschule heimgekehrt, selber noch nicht. Fürs erste war ein täglicher Besuch in irgendeiner Weinschenke alles, was er tat. Weil aber darüber mehr Zeit verging, als man auch einem Doktor nach anstrengendem Studium zubilligen konnte, so meinte Vater Rappenglück, daß es bei diesem Berufe nicht bleiben könne. Da er auch merkte, daß diese Vorliebe zum Traubensast zu einem Unglück fuhren könnte, so hielt er seinem Sohn des öfteren vor, daß der Wein zwar eine (Babe Gottes fei, wie das tägliche Brot, doch mit Unmaß genossen, leicht zu einem Instrument des Teufels werde. Was freilich nichts fruchtete. Denn wann hätten jemals die Jungen auf den Rat der Alten gehört?

Darum erkannte Rappenglück der Aeltere als ein Roßhändler in allen Schlichen des Lebens erfahren, daß hier nur eines noch helfen könne. Und er spießte seinen Sohn als Köder an die Eheangel, mit der man Mütter schöner Töchter sängt.

Dieser Fang war nicht schwer. Denn erstens war der Dionys als der Sohn des Rappenglück ohnehin eine begehrte Partie und zweitens wie sich das bei seinem Vornamen geziemte ein großes, schönes Manns- vild, dessen Anblick allein schon allen Weibern di« Köpfe verdrehte. So dauerte es nicht lange, bis man vernahm, daß der Doktor die Tochter des Landrichters heiraten werde, der als ein wohlhabender Mann in einem nahen Städtchen am Rhein amtierte.

Wenn dieses Gerücht auch den Tatsachen vorauseilte, so war es doch schon so, daß Dionys und die Liselotte in einander verliebt waren, wie junge Leute es nur fein können. Und auch Vater Rappenglück und der Landrichter hatten sich über die Angemessenheit dieser Verbindung schon lange geeinigt. So scyien alles seinen wohlgeordneten Gang zu nehmen. Umsomehr als die schlank« Liselotte mit ihrem schwarzen Haar ein so Schönes und dabei handfestes Frauenzimmer war, daß der Dionys wahr­haftig plötzlich vom Weine ließ. Es fehlte nichts weiter mehr, als daß der junge Doktor in seinem schönsten, Sonntagsstaate nach dem drei Stunden entfernten Nheinstädtchen reite, um dort die Eltern der Liselotte um deren Hand zu bitten. Was zwischen den beiden Vätern für einen Sonntag im Mai auch beschlossen wurde.

Dieser Tag war mäßig warm, und so ließ es sich prächtig auf der Landstraße traben, die zwischen einer Allee von Obstbaumen, deren Dlütenschnee schon fiel, zum Rheine führte. In einem scharlachroten Rock, «iner grünen Weste, gelbledernen Hosen und mächtigen Kanonenstieseln, dazu auf dem schönsten Pserde seines Vaters, einem schweren, doch edel- blütigen Rappen, war Dionys auf dieser Brautfahrt prächtig anzusehen.

Und weil der Nachmitag heiß geworden war, hatte er den Dreispitz an ue Satteltasche gehängt und ließ feine blonde Mähne im Winde flattern. Dazu pfiff er sich eins, denn er sah an diesem Tage den Himmel feines Lebens voller Geigen.

So kam er fast bis an den Rhein. Eben als die Straße sich über einen Hohenzug senkte, in der Tiefe schon der Strom und das ferne Städtchen 311 sehen war, wohin es ihn zog, überholte er vor einem Dorfe an der Biegung der Straße drei preußische Grenadiere, die mißmutig rheinwärts marschierten.

.. Wie alle dionysischen Temperamente war er ein freundliches Menschen- kind. Darunr rief er den Grenadieren, als er an ihnen vorüberritt, einen nötigen 0ruj5 au. Sos ift sein Unglück gewesen. Denn der älteste, ein Feldwebel, dessen Gesicht nur aus einem Schnauzbart zu bestehen schien hatte kaum den langen, prächtigen Kerl auf dem schönen Rappen gesehen als er schon seinen einen Kameraden grinsend in die Seite stieß und dem Reiter zunes:He. Freund, wißt Ihr den besten Wein im Ort?"

Das war nun gerade das. was man den Dionys nicht fragen durste Benn es war sein Ehrgek. auf zehn Meilen im Umkreis jede Schenke und leben Wem zu kennen. Darum antwortete er auch gleich lachend:Doch. Herr Feldmarschall, marschiert mir nur nach!" w

Sann ritt «r wie ein siegreicher Feldherr an der Spitz« seines Heeres vor den Grenadieren her durch das Dorf, das schon auf halber Höhe des Hanges lag. Bog dann auf einen Feldweg ein, der zwischen den Reben wieder hugelan führte, und hielt bald vor einer windschiefen, verrauchten Steinhutt«, vor der zwei wackelige Tische standen, neben denen, schwarz wie ein Hohlenloch, die Kellertür in die Tiefe des Berges führte. Dort rief er:Hier gelegne Euchs Gott!" wandte fein Pferd und wollt« zur Straße zurück.

Doch der Feldwebel vertrat ihm den Weg.Worum so schwach, Junker? Gebt uns doch die Ehr«, für Euren guten Rat ein Glas Wein mit uns zu leeren. Auf des Königs Wohl!"

Nun wollte Dionys zwar nicht. Doch weil er zu höflich war, um ab- Zuschlägen, vielleicht auch selbst gerade Durst verspürte, sprang er aus dem fte'en """d ',2tUf tin Viertelstündchen nur. Ich muß heul« noch

Und bann saßen sie zu viert vor dem Kellerloch. Rappenglück zwischen den beiden Grenadieren, die wie eine Wache neben ihm 'hockten. Ihm gegenüber der Feldwebel, über seinem Schnauzbart mit den Augen funkelnd.

Doch weil der junge Wein so duftete es war der, der damals so trefflich geraten, der Gaumen trocken vom Ritte war, Dionys von seiner Liebsten erzählen mußte, so wurden aus der einen Viertelstunde zwei. Und da er hastig trank, denn er wollte doch weiter, aber des Weines fast entwöhnt war, so kam es, daß ihm der Zweck seines Rittes bald nur mehr als ein fernes Erinnern oorschwebte und selbst dieses rasch gänzlich erlosch.

Freilich wunderte es ihn, daß, obgleich die Dorfuhr doch eben erst Drei geschlagen, über dem Tale schon das Abendläuten schwang und gleich barauf der Mond silbern über dem schwarzen Dache der Hütt« stand. Doch eigentlich auch gar nicht über der Hütte, sondern durch sonderbare Stäbe schien, bi« sich mit ihm, bem Dionys, knarrend fortbewegten. Und gänzlich ungereimt kam es ihm vor. daß wieder nur einen Augenblick spater die pralle Sonne ihm auf die Nase brannte. Das begriff er nicht.

Bis er sich erheben wollte. Da freilich merkte er, baß er, gebunden wie ein Kalb, auf einem Leiterwagen lag, ein wenig Stroh unter sich ?infte, über seinen Füßen auf einem Brett bk Grenadiere von gestern aßen und hinter dem rumpelnden Gefährt angehalftert der Rappe lief. Eben als Dionys ein wenig stöhnte, weil ihm die Glieder schmerzten, drehte sich der Schnauzbart, der gerade mit der Peitsche nach den Pferden gescklagen, halb nach ihm um und fragte, höhnisch grinsend:Aus- geschlafen, Junker?" Doch als Rappenglück mit einem Fluche antwortete, wnk ihm fein Unglück zu hämmern begann, fauchte ihn der Feldwebel an: Maul halten!" und schob ihm einen Wisch unter die Nase, auf dem er, wie der andere sagte, lesen könne, daß er König Friedrichs des Zweiten Rekrut fei und die Kriegsarlikel beschworen habe. Was er, wie er wohl nicht leugnen werde, mit feiner UnterschriftDionys Rappenglück" be­stätigt habe. Womit für ihn der Wein nun wirklich zu einem Instrument des Teufels geworden war.

Damit wäre eigentlich die Geschichte zu Ende. Denn da den preußischen Werbern so leicht keiner wieder entkam und der Eid auch galt, wenn er im Rausche geschworen, so war es mit der Liselotte nun nichts.

Doch alles im Leben hat zwei Seiten, und wenn einer ein Glückskind ist, kann ihm das Rech nichts anhaben, auch wenn er mitten darinnen sitzt. Damm kam auch Dionys nicht zu des Königs Grenadieren, sondern samt seinem Rappen zu den Dragonern, wo es schon luftiger herging. Doch weil er bei den Preußen nicht annncieren konnte, es dort auch für sein Temnerament zu nüchtern fand, desertierte er zu den Oesterreichern, wo «s ihm schon ein wenig dionysischer zuzugehen schien. Dort hat er es bis