Ausgabe 
25.1.1929
 
Einzelbild herunterladen

auffällig, so mfe ein eigenartiger Mensch in der Masse, selbstveiständtich gibt es auch sozusagen neutrale, wenig ausgezeichnete und für Qtantreid) ebensowenig typische Landschaften, wie sie es für Deutsch'and wären, wo sie ebenso unterschiebt ch vorkommen. Es gibt natürlich weite Strecken, namentlich im nördlichen Frankreich, in denen man, wenn man nicht wüßte, daß man in Frankreich ist, in Deutschland zu fein glauben könnte. Das Untypische ist sich naturgemäß überall verwandter als das Typische, Gestalt liebt Ausschließlichkeit. Die Vergleichbarkeit des Untypischen mag sogar den größten Teil der Masse der beiden Länder beherrschen. Europa ist zu klein, um sehr große Formspannungen zu erzeugen.

Wir kennen durch die Impressionisten viele Bilder von Landschaften der Seine und Marne. Und da ist die Wiedergabe folgender auffälliger Beobachtung am Platze: An einen, heißen Augusttage fuhr ich aus dem glühenden Paris seineaufwärts aufs Land. Wie leer waren die User der Seine! Wie wenige in der Millionenstadt drängte es hinaus in die Natur! Und dagegen ein AugusUonntag oder auch nur ein Werktag an den Ufern der Havel oder der Isar! Nein, der Pariser hat nicht das "urtümliche, ur­sprüngliche Verhältnis zur Natur! Ein französischer Journalist reift in Deutschland, er beschreibt das sommersonntägliche Treiben an den Havel­seen vor den Toren Berlins, er nennt es im PariserJournal" mit leichtem Schrecken offenbar und auchdegoühygienischen Paganismus". Wir Deutsche lesen das Wort mit anderm Vorzeichen und sind des ver­änderten Sinnes froh.

Ich sprach mit einem französischen Dichter von heute, der auch in Deutschland nicht unbekannt ist, über die Eigenart, Weiträumigkeit, Be­häbigkeit, Ruhe und gewisse Menschenleere der französischen Landschaft, den weitgedehnten Raum eines Volkes, dos zudem noch die unermeßlichen Abflußgebiete über dem Meere hat, von denen feine wander- und aus- wanderungsunlustige Bevölkerung keinen Gebrauch macht, während wir Deutsche uns in engem Land und übervoller Landschaft drängen: auch er wußte für uns keinen anderen Rat, aus der Not herauszukommen, als echt französisch die Kinderzahl zu beschränken.

Fabelwesen der Tiefe.

Von William V e e b e.

Vor kurzem ist die erste Tieffee-Expedition der Neuyorker Zoologischen Gefellfchaft nach großen Erfolgen von ihrer langen Reife zurückgekehrt. Der Führer der Expedition und Autor der bekannten BücherGalapagos, das Ende der Welt" und Dfchungelleben, Forscherfreuden in Guyanas Urwäldern" hat über die Expedition einen wundervollen Bericht geschrieben: Das Arcturus-Abenteuer". Die erste Tietfee-Expedition der Neuyorker Zoologifchen Gefellfchaft. (Mit sieben bunten Tafeln, 50 Abbildungen und zwei Karten. Geheftet 14 RM. Ganzleinen 16 RM. F. A. Brockhaus in Leipzig.)

Wir befinden uns auf Deck derArcturus", wo ein Schrei ein auf- kommendes Netz begrüßt. Der große seidene Kegel erhob sich triefend aus den Wellen, und ich sah an feiner Spitze eine sackende Masse von matt lachsfarbenem Gallert. Sogleich wurde diese sorgfältig in eine weiße Emailleschale geschüttet und in das Laboratorium gebracht. Kein Wunder, daß die Masse eiskalt war, denn sie entstammte Wassern, die sich 1,333 Kilometer unterhalb des Schiffes befanden. S.e war halbfest und fah aus, als ob sie aus tausend Stückchen von zweifarbigem Glas und Edelstein zusammengesetzt wäre ein vorerst bewegungsloser, lebendiger Schatz, aus einer abgrundtiefen Hohle des Aladdin.

Ich goß Wasser drauf, und mit der Verdünnung löste sich das Plankton in feine Bestandteile auf. Als die Zehntaufende vonAtomen" juwelen- haften Gallerts auseinanderfielen, nahm jedes Form und Besonderheit eines Einzelwesens an und begann je nach feiner Wesenheit zu strampeln, zu atmen, zu schwimmen ober zu pulsieren. Sichtbares Blut begann zu kreisen, deutlich erkennbar schlugen Herzen in den Tiefen glasartiger Körper, Feinde sprangen einander an die Kehle (oder was es sonst bei ihnen an Stelle dieses Körperteils gab), und kaum bot sich die nötige Be- wegungsfrecheit im Wasier, da tanzten und wirbelten auch schon Männ­chen gefiederten Fußes in Liebesekstase um ihre weniger schmuckreichen Gattinnen. Das sind keine bedeutungslosen, blumigen Redensarten, denn tatsächlich stellte die Gallertmasse unter dem Mikroskop eine Minute nach der Verdünnung jede Lebensaußerung zur Schau, deren wirbellose Tiere fähig sind.

Die allgemeine Färbung dieses dichtgedrängten Tierlebens war ein reiches Lachs, durchsetzt mit Flecken von Dunkelbraun, Schwarz, Kasta­nienbraun, Purpur und einem tiefen und lebhaften Scharlachrot, das so­fort das Auge anzog und hypnotisch festhielt. In der Nähe eines Punktes in dieser schreienden Farbe zog ein Akrobat meine Aufmerksamkeit auf sich. Obwohl er frei dahinschwamm, schien er in feinen Bewegungen merk­würdig beschränkt zu sein. Man hätte meinen können, daß er Hebungen an einem unsichtbaren Reck vorführe. Als ich ihn herausgeschöpft hatte, wurde mir seine Beengtheit verständlich. Wieder ziehe ich Diogenes als Vergleich an, denn es war, als ob jener zynische Philosoph Handstände oder Purzelbäume in seinem Faß geübt hätte. Ich hatte einen Flohkrebs in einer Tonne vor mir gewiß war die Tonne durchsichtig, aber sie i war dennoch von einem Tiefseefaßbinder wohl mit Reisen und Dauben versehen. Der Krufter selbst gehörte zu der Gruppe, die L a t r e i 11 e vor einhundertfünfundzwanzig Jahren Phronima genannt hatte. Ein zweites Stück in einer anderen Tonne war in einen Schleier gehüllt, der sich unter der Lupe als eine Schar rosagefärbter junger Phronimen heraus-

s stellte. Es handelte sich hier also um keine gelegentliche oder zufällige Verbindung, sondern, wenn es mir möglich gewesen wäre, eins von die­sen Jungen weiter zu beobachten, würde ich gesehen haben, daß es zu feiner Zeit von einer vorbeischwimmenden Tonne Besitz ergriffen hätte. Diese Tonne ist übrigens die Schale ober das Gehäuse einer Seescheide mit Namen Doliolum, einem T er, das mit feinen Verwandten, den Salpen, einige Sprossen auf der Leiter der Entwicklung herunterqerutscht ist, nachdem es schon beinahe den Stand der Wirbeltiere erreicht hatte. Phronima kümmerte sich darum nicht und Machte sich daran, Doliolum buchstäblich aus Haus und Hof herauszufressen und zur Hintertür hinein- zusch'üpsen. Damit hatte sie nicht nur ein Glasbaus und eine treffliche Kinderstube gewonnen, sondern auch ein Motorboot. Sie hielt sich mit dem größten Klauenpaar fest, streckte den Leib weit nach hinten heraus und konnte nun durch wildes Aufrühren des Wassers eine erstaunliche Geschwindigkeit erreichen; dabei trieb sie gleichzeitig das Wasser durch die Vordertür herein, bas Sauerstoff für sie selbst und ihre Brut mitbrachie.

Zu dem Kopf ber Phronima findet sich außerhalb ihrer eigenen Art kein Gegenstück. Seine Heberschwere erinnerte mich schwach an eine Ter­mite, aber die Augen paßten so recht zu dem Kops, an dem sie saßen. Auf dem Scheitel befanden sich Myriaden von winzigen geschaffenen Flächen, jede bildete das Ende eines fadendünnen Nervs, der sich nach der Seite des Kopfes erstreckte, wo zwei anscheinend normalere Augen zu sehen waren. Phronima ist wohl ganz besonders gut mit Sehorganen ausgestattet, denn man glaubt, daß die zuerst erwähnte Bildung auf dem Scheitel für das blaffe Dämmerlicht der allgemeinen Umgebung ein­gerichtet ist, während die Seitenaugen besser für die Betrachtung glän­zend erleuchteter Gegenstände geeignet sind. Man stelle sich vor, baß einer ber gefräfj gen Astronthes in vollem Glanz feiner hundei Stückpforten daher kommt: Phronima bedient sich sofort ihrer Seitenaugen, wirft den Schwanz hart nach Backbord herum und fährt in ihrer Tonne mit Voll­dampf davon.

Jedes geringfügige Rücken an der Schale voll Plankton ließ eine neue Welt in Erscheinung treten ober eher ein neues Weltall, benn langsam rollte jetzt ein Planet durch den Raum eine meinrote Kugel, die eine Meduse war schwer wie ein Schatten, durchscheinend wie Wasser und über alle Maßen schön. Wie weit schien sie vom Tierreich entfernt in ihrem blumenhaften Strahlengleichmaß, für bas sie zu Lieb ober Leid einen langftengeligen Vorfahr aus urvergangenen Zeiten zu Dank ver­pflichtet war. Sagitten, die schnellen Seewürmer in Pfeilform, zeigten durch ihr rosafarbenes Kleid an, aus welcher Tiefe sie stammten, bedeutete ihre Färbung doch Annäherung an die scharlachrote und schwarze Wasser­zone. Ohne weitere Bewegung verharrten sie in sich selbst vibrierend ober schossen mit halbverdeckten Kiefern geschwind durch die Planktonmasse. Sie sind die Falken dieser Planktonwelt, und ich sand im Magen eines solchen Wurms einen Leuchtfisch, eine Vinciguerria, die so wohl erhalten war, als ob sie noch lebte.

Ein Mondstein, der in Form eines Ovals geschnitten war, zog meinen Blick auf sich ich erkannte ihn als die Umhüllung einer Röhrenqualle. Unter ber Lupe überbot sie die Schönheit jebes unorganischen Edelsteins, denn sie war von pochendem Leben erfüllt und wies eine höchst ver­wickelte Bauart auf. Der Stoff, aus dem sie beftanb, war so flüchtig wie eine Menge ineinandergreifender Schatten, die für kurze Zeit in Bläschen von ein paar Salzwassertropfen gefangen sind Die gebogenen Muskelbänder, die vielen unendlich feinen, kunstvoll verschlungenen Fangfäden, der einwärts gestülpte Mund alles war vollkommen. Die Außenseite dieses Wesens war von einem Farbenspiel überzogen, das das Schillern von Seifenblasen an Vielfältigkeit und Schönheit übertraf.

Als ich weiter in ber Masse stumpfgrauen Planktons rührte, traf wieder ein Fleck stärkster Farbe bas Auge, wie ein Schlag auf den Kör­per ober ein krachender Ton auf das Ohr wirkte. Ich wüßte keine andere Wahrnehmung, die in gleicher Weife auf das Auge einro.rll oder auf das Gehirn hmter dem Auge wie die Erscheinung einet großen, glühen­den, lebenden, tiefscharlachroten Garnele, die, falt wie Eis, eben durch 800 Meter Wassertiefe emporgehoben worden ist. Keine Blume in noch günstigerer Umgebung hat mir je einen ähnlichen Eindruck gemacht. Man darf nchi vergessen, daß diese Garnele, wie alle ihre Vorfahren seit un­vordenklichen Zeiten, nichts als das schwärzeste Wesen in einer pech­schwarzen Welt gewesen war, und daß die leuchtende Farbe nur während ber eben vergangenen wenigen Minuten existiert hatte. Dieser Umstand mag zum Teil die aufregende Wirkung der Erscheinung erklären, w,e sie in ähnlicher Weise von den ungewohnten Linien und Kegeln in unserer eigenen Netzhaut ausgeht, wenn wir auf dem Kopf stehend in die Welt hinausschauen. Als ein plötzliches Rollen berArcturus" bie Hauptmasse des kalten Planktons auf die eine Seite der Schale spülte, blieb auf dem Boden ein dicker Satz von Myriaden feiner Punkte in allen Farben und Größen zurück. Diese stellten nun womöglich eine noch schönere und erstaunlichere Welt voll Lebens bar als bie größeren, obenauf treibenben Tiere. Hier fanben sich Hunderte von Schalen der einzelligen Globigerina, die alle mit ihren w nzigen Bewohnern, amöbischen Protoplaemakügel- chen, besetzt waren. Andere Schalen waren rund, länglich ober schnecken­förmig unb mit einer geringeren Anzahl von wirklichen Schnecken ver­mischt, von denen einige zweischalig, bie andern langgewunden waren. Hier und da begann aus einer nautilusähnlichen Schale ein Tier etwas hervorzukommen. Aus einer gewundenen Masse unbestimmbaren Ge­webes tauchten zwei Augen auf, bann ein langer Rüssel unb im Verfolg mehrerer anberer Organe ein paar Flügel. Während ich beobachtete, be­gannen die Flügel zu schlagen, anfangs langsam, bann stärker unb regel­mäßiger, unb schließlich erhob sich die Flügelschnccke mit Schale unb allem Zubehör langsam von der Globigerina unb bewegte sich durch das Wasser wie etwa eine ziemlich ungeschickte Fledermaus.

Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. Druck und Verlag: Vrühl'sche Univerf itätS-Vuch» und Steindruüerei, R. Lange, Gießen.