Ausgabe 
25.1.1929
 
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auf den Schneebildern von Vrueghel für möglich. Seltsam. So mitleids- lo diese Zigeuner hier in die Landschaft hineingesetzt sind, so wenig rührt sich Mitleid im Herzen des hier durchaus interessiert Betrachtenden. Sehr seltsam. Und doch fehlen auch hier Mäntel und Handschuhe. Trügt also Romantik, nicht sterben könnende?

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Kesselflicker. Auch sie fahrendes Volk. Aber wieviel eleganter sind ihre Wagen gegenüber denen der Zigeuner! Ganz neu lackiert mutet das an. Romantik wird hier fast von so etwas wie neuer Sachlichkeit abgelöst. Fahrende Handwerker sind's eben. Da wir Kinder waren, schienen sie uns gleichbedeutend mit den Zigeunern. Am Wegrande wird gearbeitet, werden Kessel geflickt. Und wie viele sind jetzt nach dem Fest in Deutsch­land zu flicken! In den großen Städten wirft man solche Schadhaftig­keit einfach weg, geht ins Warenhaus und kauft sich einen neuen Kessel. Hier auf dein Lande da läßt sich alles noch zwei-, dreimal wieder zu­sammenflicken und tut weiterhin gute Dienste. Verschwenderisch sind wir Großstädter doch geworden! Wie schön könnten auch wir Kesselflicker in Nahrung setzen!

Radfahrer. Das ist mir die unheimlichste Erinnerung von der ganzen Autofahrt. In nebligen Abenden tauchen sie plötzlich in letzter Sekunde überraschend schnell rechts vor einem auf, sind Gespenster, dennoch lebensvoll, aber nicht im entferntesten hinten mit einem spiegeln­den Prismenglas, einem sogenannten Katzenauge, versehen, das ihr Da­sein in Rebel und Nacht rechtzeitig anzeigen könnte. Menschen, die noch immer nicht wissen, in welcher Lebensgefahr sie dahinsausen. Die sie so leicht abstellen könnten. Sie tun es nicht wenn sie nicht schließlich durch ein Gesetz dazu gezwungen werden oder wenn sie nicht vom Tode vorher erwischt sind. Zwei solcher Toten sah ich auf winterlicher Landstraße. Auf anderen Straßen mögen andere Tote liegen. Ich danke dem Himmel, daß unserem Auto solch entsetzliche Tat erspart blieb. Und dennoch, wie leicht hätte sie auch uns widerfahren können nur weil Menschen

leichtsinnig sind und ohne Beleuchtung die Fahrt durchs Dunkel der internacht wagen. Mutz sich der Tod unter den Radfahrern wirklich erst noch weiter herumsprechen? Manche Menschen verstehe ich nicht.

Abblenden l Das ist auf der Landstraße etwas anderes als beim Film. Dort wird jäh ein Bild abgeschnitten, um einem anderen, interessanteren Platz zu machen. Hier haben zwei Autos, die sich im Dunkel begegnen, die Lichter abzublenden, damit der andere im Fahren nicht geblendet werde. Wie viele Autos blenden gar nicht oder doch erst sehr, sehr spät ab! Soll doch der andere, wenn ihm unsicher ist! Ist das Unglück hinter­her geschehen, liegen zwei Autos zerschmettert im Graben, so läßt sich meist die Schuidfrage schwer klären. Abblenden das sollte vornehmste Höflichkeit der Auws auf winterlichen Landstraßen sein! Und sie ist es gottlob meist auch. Aber diese Ausnahmen am liebsten möchte man Da immer anhalten und den Herren, die da nicht daran denken, vorzeitig abzublenden, ein kleines höfliches Kolleg halten. Würde doch nichts nützen. Kann das Trost (ein, wenn man hernach in der Zeitung wieder einmal von einem schrecklichen Autounglück infolge Nichtabblendens liest? Abblenden! Andere Bilder! Hervorgezaubert aus der Sehnsucht nach dem Frühling allen Staub selbst mit in Kauf genommen! Andere Bilder!

Franzöfische Impressionen.

Von Josef Ponten.

Es darf wohl gesagt werden und wird gelten, daß die romanische Kultur mehr stadtgeboren und stadtbestimmt,urbaner" ist als die ger­manische. Daraus folgt im allgemeinen ein etwas andres Verhältnis des Romanen zum Land; es mag ein sentimentaleres fein. Im Sommer ist man, ist namentlich der Pariser ä la Campagne, oft in Gesellschaft; der Franzose hat die gesellschaftliche Kultur ausgebildet und fühlt sich wahr- wieinlich in der Gesellschaft glücklicher als der Germane. 3m französischen Roman der Roman ist Chronik und Spiegel, aber auch Handpostille und Fibel der Kultur spielt das Landleben, das gesellschaftliche Land­leben, eine große Rolle.

Da liegt das kleine Dorf mit feinen meist gereihten, in geschloffener Front stehenden, ein wenig langweilig und nüchtern ausfehenden Häusern. In allen alten Kulturländern ist Holz selten, der Römer kam aus einem an Holz schon verarmenden, von Natur aber an Steinen reichen Land in ein an Steinen, an schönen und zum Bau geeigneten Steinen, reiches Land und gab ihm zu einem gewissen Teil fein Gesicht. Ein trotziges Bauerntum scheint unpopulärer in Frankreich gewesen zu fein als in Deutschland. Das in eigenwilliger Isolierung stehende und das Sied­lungsideal der verschiedenen sich unabhängig nebeneinander behauptenden Stämme ausdrückende deutsche Bauernhaus, wie etwa das oberbayrische, mit langen Holzbalkonen und Galerien ins Land hinausschauend, oder das sich hinter Wasser, Gräben und Eicktenkamps bergende niedersächsische Bauernhaus, ist in Frankreich ohne Parallele. Selbst die geselliger sie­delnden Heflen und Franken haben eigne und unwechselbare Bauformen ihrer Siedlungen geschaffen, die Friesen wieder andre als die Nieder­sachsen das deutsche Bauernhaus ist ein schönes gewachsenes Naiur- Kulturerzeugnis, ein eigentümlicher und kostbarer Besitz Europas, ein Charakter von nicht minderer grundsätzlicher Bedeutung als etwa der griechische Tempel ober der römische Stadtplan. Der Römer und Über­haupt der Mittelmeerländer ist ein im aristotelischen Sinne mehr poli­tischer Mensch und hat die Gemeinschaftsformen, auch Ne baulichen, aus­gebildet; das Individuum trat zurück und mit ihm auch die Ausdrucks­gestalten des individuellen Lebens. Also wurde das Haus gleichförmiger, es blieb unbedeutend und hatte sich zu fügen. Diese Beobachtung drängt sich einem in Frankreich bald auf, und sie stimmt auch mit vielen andern

Zügen des volklichen, des geschichtlichen und des politischen Schicksals überein wenn man in einem großen Kreise durch ganz Frankreich reift, Überall, die Bretagne vielleicht ausgenommen, behält Bauernhaus und Dorf ein annähernd gleiches Gesicht, wenn auch das jeweils zur Der- fügung stehende Baumaterial und bas Klima des Landstrichs natürlich Individualzüge hineinzeichnen. Jedenfalls, Forrnfpannungen wie in Deutschland gibt es nicht.

Die Dorfflur, dasGewann", ist weiträumig und weitläufig in Frank­reich. Wie sollte es anders fein in einem Land, dem, wenn wir Rußland zu Asien stellen, an Landfläche größten, an Beoölkerungszahl aber britt- ober oiertgrößten Europas. Diese Bevölkerung wohnt fast zur Hälfte in den Städten, von dieser Hälfte ein Drittel in den Grotzstädlen, fünfzehn an der Zahl, und davon die Hälfte allein in Paris. Das bedeutet, daß die Kleinstadt, die zudem das Gesicht der Landschaft längst nicht fo entschei­dend wie die Großstadt verändert, eine große Rolle hat und daß es für die Landbewohner genug Platz gibt. So erscheint dem Reifenden, der ans dem in Stadt und Land überfüllten Deutschland kommt, die französische Landschaft weit und oft leer, die Dörfer drängen sich nicht im überschau­baren Gesichtskreis wie oft in Deutschland. Die Industrie ist mehr zentra­lisiert und massiert als in Deutschland, so viele kleine Städte mit In­dustrien auf engem Raum wie in Württemberg dürften in Frankreich vergeblich gesucht werden. Die stagnierende Bevölkerung braucht keine intensive Felderwirtschaft, und fo sieht man weit weniger als bei uns das lebhafte Maschinenwesen landwirtschaftlicher Betriebe und die weißen Felderflächen mineralischer Düngung; es herrscht altmodische, idyllische und patriarchalische Landwirtschaft vor. Der Weinbau, der überhaupt keinen Maschinenbetrieb im Freien zuliitzt, ist viel ausgedehnter als bei uns, und Rebenzucht trägt in eine Landschaft etwas Heiteres, Altertüm­liches und fast Biblisches.

In der Nähe des Dorfes zieht ein stiller Kanal vorbei, man sieht auf den geraden Wasserzeilen zwischen endlosen Reihen von Weiden oder Pappeln, die auf den Dämmen stehen, den Schiffer den seltenen Kahn stoßen. Denn ob auch Frankreich, dank der Natur seines Gewässernetzes leicht und mit Gewinn und dank feiner frühen nationalen Einigung, die schon vor Luthers Zeit vollendet war, Kanäle bauen konnte, und es in der Zeit feiner großen Politik, der des absoluten Königtums, auch tat, so sind die Kanäle wohl meist schmal, seicht, keineGroßschiffahrtswege", wie man sie heute in Deutschland baut, und wirken einen schon fast ge- schichtlichen Reiz.

Wald ist auf die Höhen an den Rändern der Landschaft und auf engste Räume zurück- und zusammengedrängt und ist an sich schon seltener in einem Lande, dessen Großteil im waldfeindlichen trockenen Süden liegt; die alten Kulturen haben, wie bereits gesagt, viel Holz verbraucht, und aufzuforsten liegt in einem Land mit unermeßlichem Kolonialbesitz (er ist sechsundzwanzigmal größer als das Mutterland), der zum guten Test in den feuchten Tropen, den ausgesprochenen Waldländern der Erde, sich findet, keine rechte Veranlassung, kein wirtschaftlicher Antrieb vor.

Entlang den Kanälen und Landstraßen stehen hohe schöne Pappeln, viele, zahllose Pappeln, Pyramidenpappeln, italienische Pappeln, die in nördlichen Landschaften den Stilbaum der südlichen, die Zypresse, ersetzen. Man kann die Pappel wohl den Charakterbaum Frankreichs, der fran- zösischen Kulturlandschaft nennen, fo häufig ist sie, und ein Beweis für den Fleiß und die Absichtlichkeit, mit der sie gepflanzt wurde, dürfte die im Rheinland oft zu hörende Behauptung fein, daß die rheinischen Pappeln an den großen Landstraßen, die in der Zeit der zwanzigjährigen französischen Fremdherrschaft am Rhein vor gut hundert Jahren angelegt wurden, allevon Napoleon gepflanzt" feien.

In der Nähe des Dorfes liegt das Chatgau, das Schloß, in dem wohl meist ein Städter oder gar ein Pariser im Sommer wohnt; Chäteau her Franzose ist entsprechend der Volltönigkeit aller romanischen Sprachen und der Raumbedürftigkeit romanischen Wesens freigebiger als wir in der Zuteilung gutklingender Benennungen und zum Gebrauch großer Wörter geneigt. Meist ist es ein Chäteau des Dix-huitiöme aus der Zeit ber Adelsherrfchaft, mit Mansard- und Walmdächern, das der späte Enkel noch hält oder das der Bourgeois in der Adelsfäkularisation erwarb. Aber auch Neubauten der letzten bürgerlichen Zeit sind bei dem konservativen Sinn der Franzosen für gewöhnlich im Stil des Dix-huitieme errichtet. (Versuche im modernen Stil sind wie überhaupt die fetten« mo­derne Architektur in Frankreich fast ausnahmslos greulich.) Schone Pappel­alleen führen auf bie Chäteauxgu, namentlich auf die grötzern und altern, Terrassen schauen ins stille Land, und kleine ober größere Parke mit alten schönen Bäumen gibt es da voll von Stimmungszauber. Das fran­zösische Chäteau ist ein eigentümlicher und kostbarer Kulturbesttz des westlichen Europas!

Man sieht Entenvögel, Störche und auch Reiher fliegen, kein Wunder in den verhältnismäßig schwach bevölkerten und vom modernen Gewerbe- fleitz nicht ergriffenen Landschaften. Burgen wie in Deutschland, kleine Burgen eines kleinen Rittertums, die von der Zeit ober, am Rhein, als ersteEntmilitarisierung Deutschlands" von französischer Politik durch die Louoois zerstört wurden, sieht man wenig, sieht man fast keine in Frank­reich, das bei feiner alten zentralistischen Tendenz ein kleines Jndimbual- rittertum sich nicht entwickeln lieh. Nur einige, wenige große Burgen des großen Adels erscheinen im Land, namentlich an ber Loire, die bann und mit größtem Recht Chäteaux zu nennen finb und mit den Bauten ber Könige wetteifern.

Das ist im großen das typische Bild einer Landschaft berdouce France, wie ein verliebter und liebenswürdiger Patriotismus sagt, im ganzen also ein wenig stiller und gehaltener als bei uns, einpaysage intime das Wort ist eine französische Erfindung auch mehr ein­heitlich als bei uns, ein wenig antiquierter sicherlich auch, bas Bild einer Landschaft, wie wir sie aus den Romanen Balzacs für die Touraine (Balzac flammte aus Tours) kennen. Selbstverständlich ist solcher Art Landschaft immer ein wenig ausgesucht, eigentümlich und in Besonderheit