Ausgabe 
25.1.1929
 
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Indes schoben sich andere Leute dazwischen, auch der Eispächter kam und wies den Brüllenden zur Ruhe, andernsalls er die Bahn zu ver­lassen hätte.

Von da an sand Heinz Bräuer zwei Beobachtungssäden nebenein­anderher zu spinnen. Den Eisprinzen sah er die Dame an den Ausgang der Bahn begleiten, wo ein Diener in Livree ihr die Schlittschuhe ab­nahm ; dann verabschiedeten sich die beiden, und der Eisprinz kehrte allein auf die Bahn zurück, als ob er den leisesten Anschein einer Flucht vor den mit Wort und Tat gereizten Burschen vornehm trotzig vermeiden wollte. Diese sah Heinz Bräuer inzwischen sich finster um ihren gezüch­tigten Kameraden zusammenrotten. Er fuhr näher an sie heran und konnte aus Blicken, Gebärden und aufgcfangenen Drohungen deutlich genug erraten, daß sie nach ihrer Art eine gefährliche Rache planten. Sie blieben wie eine arge Schlangenbrut in einem Winkel beisammen, wäh-- rend der Eisprinz unbekümmert in gewaltigen Bogen die allmählich freier werdende Eisfläche hin und her durchschwebte.

Bald jedoch brach die Dämmerung herein, und der Ruf ertönte, die Lahn zu räumen. Da hielt sich Heinz Bräuer nahe an den Eisprinzen; denn er fühlte, daß es zwischen diesem und jener dunkeln Rotte noch zu einem Austrag kommen würde. Und instinktiv trieb es ihn, seine Beob­achtung fortzusetzen und zu sehen, wie die beiden Fäden wieder zu- jammenträsen. Daß es nur in einem bösen Knoten geschehen könnte, ahnte er und war in dumpfer Spannung darauf gefaßt, denn seine ganze Seele war in die Sache der beiden Parteien tief und unabweislich verstrickt.

Er folgte dem Eisprinzen in kurzer Entfernung. Der nahm seinen Weg, von der Hauptstraße abbiegend, durch den Stadtgarten, in der Richtung nach dem vornehmeren Viertel. In den kahlen Anlagen war es einsam. Der gefrorene Schnee knirschte unter den Füßen des Doran- schreitenden. Heinz Bräuer, hinter ihm, hielt sich an den Rand des Weges, wo der Schnee weicher lag und den Schritt dämpfte. Die Dämmerung wurde schnell zur Nacht; doch blieb das Dunkel undicht, da der Mond über der Wolkendecke stand und sein Licht gelind hindurchstreute.

Plötzlich hörte Heinz Bräuer Stimmengemurmel in seinem Rücken und laufende Schritte. Er trat hinter einen Baum. Da stob es auch schon an ihm vorbei, drei schwarze Burschen.Das Luder muh hier gegangen sein!" verstand er. Sollte er warnen? Sollte er helfend zuspringen? Er rang mit sich. Es war sein Feind, sein Nebenbuhler, der Räuber seines Ruhmes, der jetzt vielleicht in tödliche Gefahr geriet ... Da! wüstes Schimpfen vor ihm, ein deutliches:Gib's ihm, Karl! Hau ihm die Knochen zusammen!" Dazwischen Getöse von schlagenden Schlittschuhen. Ein zornigesFeige Bestie!" aus dem Munde des Eisprinzen, und dann ein Triumphgeheul ...

Das Herz erschauerte dem Horcher in schrecklichem Zwiespalt. Himmel und Hölle stritten sich darum ... Und die Hölle siegte. Er sprang nicht hin, dem Bedrängten zu helfen, obwohl er kein Feigling war und ein gefürchteter Ringer. Er stand und lauschte krampfhaft.Laß ihn aus, Karl; er hat genug!" hörte er einen sagen.Komm jetzt fort, du!" eine andere Stimme. Dann knickte und krachte es in den Büschen von durch­brechenden Leibern, und alles war still.

Jetzt schlich Heinz Bräuer mit stockendem Atem vorwärts und sah den Ueberfallenen dunkel ausgestreckt quer über dem weißen Wege liegen, regungslos. Zugleich hörte er hinter sich Schlittschuhgeklirr und plaudernde Knabenstimmen. Da wandte er sich seitwärts und lies geduckt durchs Gesträuch. Schnee rieselte in seinen Nacken. Ein Zweig streifte ihm den Hut ab, und die Kälte schlug ihm an die heiße Stirn; aber er hielt nicht an, bis er die Landstraße erreichte. Auf ihr schlich er, das Licht der Laternen meidend, hinter der Baumreihe in die Stadt hinein, wo er die dunkelsten Gassen für den Heimweg wählte.

Eine Stunde später erzählte man schon im Laden seines Vaters von dem Ueberfall. Der Eisprinz, ein junger Freiherr von der Ostsee, dessen Mutter auf der Reise erkrankt war, so daß sie unverhofften Aufenthalt hatten nehmen müssen, war durch zwei Messerst che in der Brust und einen Schlag gegen die Stirn schwer verwundet und lag hoffnungslos da­nieder. Die Täter hatte man schon. Blaß und schweigend hörte Heinz Bräuer, was die Leute erzählten, und zog sich bald auf seine Kammer zurück. Das Schuldgesühl in seinem Herzen breitete sich aus und wider­stand allen Gedanken, die es tilgen wollten ...

Der Eisprinz starb an seinen Wunden; aber für die Stadt und namentlich für alles, was Schlittschuh lief, blieb er lebendig, nur desto mehr lebendig, weil er so furchtbar eindrucksvoll gestorben war. Heinz Bräuer jedoch gewann nie den Mut, gegen die Erinnerung an ihn, bei den andern und bei sich selbst, mit seinen Künsten auf dem Eise aufzu­treten. Vielmehr verlor er bald alle Lust am Laufen und gab es, von seinem Gewissen ebensosehr wie von dem nachglänzenden Ruhm des andern gepeinigt, noch im selben Winter gänzlich auf.

Winterliche Landstraße.

Von Alfred Richard Meyer.

Für die meisten Menschen gleitet das also vorüber: man sitzt zurück­gelehnt in die warmen Polster des dahinsausenden v-Ziigs und sieht kahle, verschneite Straßen darauf bisweilen einen Wagen, ein paar Menschen. Das fliegt vorüber kaum ein Bild, kaum Gegenständliches, vielleicht nur ein Gefühl aus Visuellem: die Kälte. Was lebendig darin ist, hat schwarzen, müden Flügelschwung, ist eine Krähe. Das ist alles. Ist das aber die winterliche Landstraße?

Wieviel näher kommt man ihr, wenn man einige Tage, fast eine ganze Woche, an sie gebannt ist, dreitausend Kilometer im Auto auf ihr liegt, von ihr durchgefroren und durchgeschütjelt wird! Dann ist man selbst ein gut Stück dieser winterlichen Landstraße geworden, ist unglücklich und glücklich mit ihr, haßt sie, liebt sie, sicht sie mit anderen Augen an und weiß von ihr zu erzählen. Was erlebt man auf ihr und mit ihr?

*

So viele Menschen ohne Mantel, ohne Handschuh auf der Landstraße! Wanderer, Arbeitslose. Zwischen den Städten. Von Dors zu Dorf. Durch den ausdämmernden Morgen. Durch den kurzen nebligen oder bisweilen sonnenklaren, aber eisigkalten Tag. Durch den allzufrühen Abend in die frostklirrende Nacht hinein, die keine Heimat ist. Die Hände in den Taschen. Zwischen dem hochgerutschten Aermel des fadenscheinigen Jacketts und der dünnen, schrumpeligen chose ein Streifen rotgefrorener Haut, aus der das Blut spritzen möchte. An jedem Tag waren es an die hundert Menschen, die ich also sah. Ihr Schritt, der stolpernd ist, sollStromern" fein? Ziel­los ist er und weglos, so hart der Weg auch unter den Füßen, den mangelhaft beschuhten, aufknirscht. Mitleidlos verfließen erstarrt die kurzen Tage ineinander. Die Sonne, in den metallisch blauen Himmel als narrendes, kaltes Spiegelbild eines angeblich glühendheißen Balles gesetzt, täuscht für Minuten Wärme vor wenn's der Wind gestattet. Auch mit dem Stück harten Brotes ist bas so: läckerlicher Trug über den bellenden Hunger weg. Der Dorfköter bellte? Aus dem Gehäuse des Magens schoß er kläffend hervor. In jedem Dorf in der langen Kette des Leidens, die der böse Winter aufgereiht hat, Vaterunser daran zu beten. Aber diese erfrorenen Finger in den Taschen können sie sich noch falten? Ohne Handschuh, haben sie sich, wie Tiere, eine ledern zer­sprungene Haut zugelegt; ohne Mantel, torkelt Körperliches weiter, weiter Tage, Nächte. Wo harrt ein Bett ober doch ein Lager, etwas weicher als diese ewig lange, ewig graue, winterliche Landstraße?

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Die Straße ist gut", hat man eben vor sich hin gesagt und sich be­friedigt eine neue Zigarette angesteckt. Die Sonne scheint, stellt man fest und gibt sich wohliger dem Vertrauen an ihre schwache Wärme hin. Schon wird man plötzlich hochgeworfen. Die Achse knackt. Die Federn wippen knarrend. Ein Schlagloch, das erste von einer ganzen Serie. Man hat sich als Handball hier im Auto herzugeben. Mit der guten Fahrt ist es mal wieder für eine ganze Weile aus wie im Leben. Eben lag der Weg so hübsch glatt und sauber gefegt vor einem. Schon hob einen Triumph. Uebermut kicherte auf. Dreißig Kilometer schneller! Schlagloch! Warnung. Da hilft kein Gas des Lebens. Man hat fein zu bremsen. Auf einen Achsenbruch will man es denn doch nicht ankommen lassen. Eine Panne, definitive, hier auf der winterlichen Landstraße lieber nicht! Nicht immer ist am Wegrand ein warnendes Schild aufgerichtet: Achtung Schlaglöcher! Einige Gemeinden sind so lieb. Andere lochen sich eins und machen den Staat verantwortlich. Hoben selbst kein Geld! Ja wenn man noch Wegegeld erheben könnte! Gute Fahrt! Und Hals- unb Beinbruch!

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Sie sind entschieden die vorsichtigsten Tiere auf der Landstraße. Selbst wenn sie sich an frisch geworfenen, dampfenden Pferdeäpfeln Körniges picken, überhören sie die Hupe eines herannahenden Autos nie. Geflügelte Flucht nach links ober rechts nur auf Rettung fommts ihnen an. Und wie hoch unb wie schnell sie plötzlich fliegen, entfliegen können! Wie wenn sie die sich schnell vermindernde Entfernung ganz richtig einschätzen könnten. Mit dem Fortschritt der Zeit geht so eine Hühnergeneration nach der anderen habe ich immer den Eindruck. Hühner sind gar nicht so dumm, wie man stets wieder behaupten will.

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Gänse und Enten scheinen viel schwerfälliger, ja vielleicht schwerhöriger zu sein. Sind ja auch, schon ihres Fettes wegen, eine kompaktere An­gelegenheit soweit sie die Festtage überleben durften. Aber auch Jugend ist schon wieder unter ihnen, die es nur auf sechs bis acht Wochen Leben bringen soll, um bann als Februar-Delikatesse in die Feinkostgeschäste der großen Städte zu wandern, einen Ring mit genauem Geburtsdatum hübsch am Fuß. So vorsichtig mir fahren, ein ganz dusseliges muß doch dran glauben. Ein Vorderrad hat's erwischt. Einen Schritt macht es noch. Fällt dann auf der Straße schwer zusammen, ohne noch einmal zu zucken. Schneller Tod. Die Brüder und Schwestern stehen erschrocken um es herum.O Gott ist dir etwas passiert?" Rührende Hilflosigkeit der Kreatur. Ein Bild, das man nicht vergißt.

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Im frühen Morgen ist es, gleich hinter Lauffen am Neckar, wo Höl­derlin geboren ward. Ein Auto vor uns hat einen jungen Dobermann, der nicht schnell genug über die Straße laufen konnte, ins Jenseits ge­schafft. Menschen haben das tote Tier von der Straße weg auf die hohe Böschung hinter den Graben gelegt. Und daneben sitzt nun, nein liegt die Hundemutter, kann nicht begreifen, was geschah, muß hier bleiben, die geweiteten glänzenden Augen ins Irre gerichtet, leidende Kreatur, Liebe, die Worte nicht ausbeuten können. Eine Mutter auf winterlicher Landstraße ... *

Zwischen Würzburg und Meiningen sprang nachts ein Hase in unseren Lichtkegel. Schon hatte ihn eines unserer Vorderräder erhascht und zu Tode gebracht. Das ist kein Waidmannsheil. Das ist Differenz zweier Welten. Hasentod da muß eine Flinte geknallt haben. Die Köchin weigert sich, das Tier anzunehmen. Aber vielleicht hätte es uns auch sonst nicht besonders geschmeckt. Warum eigentlich nicht? Menschen sind doch sehr empfindsam in gewissen Dingen wenigstens. Komisch. Oder eigent­lich nicht komisch. Ein Opfer der Landstraße nein, das ist keine kulinarische Angelegenheit.

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Man ahnt ja gar nicht, wie viele Zigeuner es auf winterlichen Land­straßen noch heute gibt. Das ist noch immer fahrendes Volk, selbst bei dieser Kält«. Vom Waldrand hebt sich ein armseliges Wägelchen ab. Ein paar bunte Fetzen flattern zwischen den kahlen Aesten. Pferdchen frieren in sich zusammen. Viel weniger diese braunen Menschen, die fröhlich her- überwinken. Romantik in Winterkälte so etwas hielt ich eigentlich nur