GiehMkZamilieiibliitter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

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Freitag, den 25. Januar

Nummer 7

Winterabend.

Von Theodor Fontane.

Da draußen schneit es: Schneegeflimmer Wies heute mir den Weg zu dir; Eintret' ich in dein traulich Zimmer, Und warm ans Herze fliegst du mir Abschüttl' ich jetzt die Winterflocken, Abjchüttl' ich hinterdrein die Welt, Nur leise noch von Schlittenglocken Ein ferner Klang herübergellt.

Nun aber komm, nun laß uns plaudern Vom eignen Herd, von Hof und Haus!" Da baust du lachend, ohne Zaudern, Bis unters Dach die Zukunft aus; Du hängst an meines Zimmers Wände All meine Lieblingsschilüerei'n, Ich seh's und streck' danach die Hände, Als muß' es wahr und wirklich sein.

So flieht des Abends schöne Stunde, Vom fernen Turm tönt's Mitternacht, Die Mutter schläft, in stiller Runde, Nur noch die Wanduhr pickt und wacht. Ade, ade! Von warmen Lippen Ein Kuß noch dann in Nacht hinein: Das Leben lacht, trotz Sturm und Klippen, Nur Steurer muß die Liebe sein.

Der Nebenbuhler.

Von Ernst B a c m e i st e r.

Heinz Bräuer hatte eine besondere Taktik, um den Ruhm, den er als der beste Schicktjchuhläufer der Stadt genoß, recht auszukosten. Jedesmal, wenn er die E.sbahn betreten hatte, lies er zunächst eine Weile schlecht und kunstlos unter der Menge herum und schien es nicht zu bemerken, wie man auf ihn deutete und wie eine wachsende Schar von Kindern sich erwartungsvoll an seine Fersen heftete. Endlich blieb er scheinbar bewun­dernd und lernbeg.erig stehen, wo irgend jemand sich vor Zuschauern mit seiner Geschicklichkeit produzierte. Schon durch das Gefolge, das er mit sich führte, wurde die Aufmerksamkeit zugleich auf ihn gelenkt, wäh­rend jener andere beim Anblick des bekanntermaßen überlegenen die Zu­versicht verlor und sich fortdrückte, wie er konnte. Inzwischen begann Heinz Bräuer lässig auf dem Eise zu tänzeln und zu schnürkeln, voll­führte nebenbei me sterlich und wom glich mit einer blendenden Ver- äierung gerade die Hebung, die dem Fortgedrückten nur notdürftig ge­lungen war, und schritt zu immer kühneren Kunststücken fort. Schnell bildete sich ein ordentlicher Kreis von Zuschauern um ihn, der dichter und dichter wurde, und endlich war die halbe Eisbahn, Kinder und Große, in schwarzem Ring um ihn versammelt. Dann blühte seine Meisterschaft erst recht auf, und vom Beifall der Menge getragen, kreiste und wirbelte und sprang er wie ein Gaukler im engen Bezirk und schlang die Linien auf dem Eise phantastisch durcheinander.

Bon solchen Stunden des Heldentums und befriedigten Ehrgeizes zehrte er dann die andere Zeit über, wen» er im Geschäfte seines Vaters Kaffee und Zucker verkaufen half und ein dienendes Nichts war vor den Leuten. Er fühlte sich hinter dem Ladentisch immer als ein heimlicher König: die blanken Schlittschuhe in seiner Kammer waren das Zauber­mittel, das ihn zu seiner Herrschaft und Herrlichkeit erlöste, und die Eis­bahn war das Reich, wo er regierte.

Aber eines Tages wurde er aus dieser Herrschaft verstoßen. Wäh­rend er noch simpel herumschlenderte und nach einem Anlaß spähte, mög­lichst wirksam mit seinem Können aufzuglänzen, sah er auf einer Seite ber Eisbahn eine auffällige Bewegung unter die Leute kommen: man wich in weitem Umkreis vor irgend etwas zurück, und gleichzeitig strömte es von ringsher dieser Stelle zu. Alsbald verließ ihn auch fein Kinder­gefolge und strebte hastig nach dcm neuen Ereignis.

Heinz Bräuer fuhr langsam hinterher; denn eine jähe Neugier fühlte er als unvereinbar mit seiner Häuptling^würde auf dem Eise. Plötzlich erhob sich Be fallsgeschrei und Händeklatschen in der Menge vor ihm, und durch eine Lücke des Ringes sah er einen hohen, schlanken Menschen in wundervoller Haltung einen gewaltigen Vogen über das freie Feld in öer Mitte beschreiben. Da erschrak Heinz Bräuer; aber er beruhigte W fofort:Wun ja," sagte er zu sich selber,ein prahlerischer Bogen! -Uer sticht in die Äugen, und ist doch nicht viel daran! Laß sehen, was weiter!" Und er stellte sich still und unvermerkt nahe hinter die andern.

Da mußte er es von Minute zu Minute bitterer spüren, wie ihm der Lorbeer welkte. Das war andere Kunst als fein Gezirkel und Gespringe!

Da gab es große klare Linien, ruhig entfaltet, und deutliche Figuren, mit spielender Sicherheit symmetrisch gepaart und aus der Spur wieder­holt. Und im Wechsel von kurzer anmutiger Kreisung und lang hjn- fau|enöei' Wucht ein nie verjagender Adel der Bewegung, von der glücklichsten Gestalt in knapp-anliegendem Sportkostüm prächtig unter­stützt! Unter der Pelzmütze das feine Gesicht trug um den Mund einen stolzen abweisenden Zug und in den Augen eine wahrhaft fürstliche Gleichgültigkeit, wenn n cht gar Geringschätzung gegen die Zuschauer. Mochten die übrigen diese Miene des Fremdlings selbstverständlich finden und den Reiz seiner edeln Erscheinung nur noch erhöhen Heinz Brauer suhlte sie anders. Er bezog sie ganz persönlich auf sich, auf feine furje, derbe Gestalt, auf seine rohe Kunst der wilden Sprünge und gauk- lerischen Drehungen, auf feine ganze eitle Häuptlingsschaft unter den Nichtskönnern der kleinen Stadt.

Der ist gewiß aus Norwegen", hörte er neben sich sagen.Wie er sich halt!"Aber ein schöner Mensch!"Und stolz!"Das steht ihm gerade gut!" So ging es um ihn her Jetzt hörte er feinen eigenen Namen. Ein Vergle ch wurde angestellt. Er fand sogar einen Verteidiger; aber der wurde heftig überschrien und ob seines Unverstan- des verhöhnt und ausgelacht.

Da wich Heinz Bräuer von diesem Platze. Aber überall, wo er sich aufstellte, erfuhr er es ähnlich, daß er entthront war. Und er schämte sich feines jäh verblichenen Ruhmes und wagte nicht mehr, sich hervorzutun, solange der stolze Flieger zugegen war. Vielmehr stand et von ferne und beobachtete ihn w.e einen überlegenen Feind mit Neid und Grimm und fcfymcllenbcm im Herren. Und and) als jener gegangen War oer« mochte er nicht, sich wie sonst zu produzieren. Mit der Krone des Ruhmes war ihm zug'e-ch das Selbstbewußtsein zerbrochen, der Seelenblust dahin, der Gliederschwung gelähmt. Früher als sonst verließ er die Bahn und schlich m fimutig nach Hause.

Noch erhellte ihm eine Hoffnung das dunkle Gemüt: der Fremde würde nicht wiederkehren, man würde feine glänzende Erscheinung bald vergessen haben und er, Heinz Bräuer, der Krämersohn, würde den- noch wieder der Erste sein.

Aber die Hoffnung trog. Der Fremde erschien auch am anderen Tage und am dritten und zog aller Augen auf sich.Eisprinz" tauften ihn ble Kinder. Die Erwachsenen nahmen das Wort auf, und der sch'mmernde Name gab feinem Träger neues Licht.

Heinz Bräuer aber stand im Schatten. Das vergiftete ihm Herz und Nieren. Heimlich, in mondheller Nacht, versuchte er, den großzügigen Bogenlaus des Eisprinzen nachzuahmen; aber er merkte bald, daß ihm dazu dessen hohe Gestalt und die schlanken ausgreifenden Glieder fehlten. Immer wieder fiel er in feine zappelige Manier der kleinen Schleifen und Kringel zurück. Mißraten kam er sich vor, unedel, plump, gemein, während das Bild des andern immer leuchtender gegen ihn aufftanb. 9m Traume sah er jenen geflügelt in macht gen Kreisen durch die Sterne schweben mit dem überschönen Gesicht des Reklame-Engels auf dem Seifenplakat Im Laden feines Vaters.

Auf der Eisbahn glaubte er nur noch mitleidigen ober spöttischen Blicken zu begegnen. Er wäre auch fortgeblieben, wenn es Ihn nicht wie ein böser Zauber gezwungen hätte, dem Eisprinzen zuzufehen und an besten immer erneuten Triumphen sich bas Herz stets tiefer zu »erroun« den. In irgendeiner Ecke stellte er sich auf und ließ kein Auge von ihm ab.

Eines Tages tarn der fo Bespähte nicht allein, sondern in Begleitung einer jungen Dame, feiner Schwester, wie es sch en. Sie trug den schmieg- famen Leib in roten Sammet gekleidet, der ihren Bewegungen weich und willig nachsloß und prachtvoll gegen die verschneite Landschaft leuch­tete. Da gab es reizenden Doppellauf, graziösen Tanz und rhythmisches Bogenspiel, und alles w'ch vor dem herrlichen Paare, freute sich des Schauspiels und stand bewundernd zur Seite.

Nur einige Burschen befanden sich auch auf der Bahn, schwärzliche Gesellen aus einer nahen Fabrik, denen an diesem Samstag ein früher Feierabend gelungen war. Die trieben sich ohne Rücksicht in tobenden Wettläufen mit Geschrei und Gezerr und rohem Gliederschleudern durch die Menge und störten auch jenen zweien achtungslos immer von neuem ihren kunstvollen Reigen.

Heinz Bräuer sah den Unmut in dem Gesicht des Eisprinzen auf- steigen und hörte ihn endlich zornig herausbrechen:Tölpel, seht euch gefälligst vor!" Ein böses Geschimpfe der Burschen folgte, das er mit ver­ächtlichem Schweigen beantwortete. Aber dann geschah etwas, worüber die ganze Eisbahn in heftige Aufregung geriet. Einer der rauhen Ge­sellen stieß in wildem Hinfahren die junge Dame hart an, so daß sie sich nur mit Mühe vor dem Fall bewahrte. Im Nu hatte der Eisprinz den Burschen erreicht und versetzte ihm eine Ohrfeige, die ihn zu Boden taumeln ließ. Wütend stand der Gezüchtigte auf und wollte sich auf jenen stürzen; aber in feiner Wut glitt er aus und fiel nochmals nieder.