Ausgabe 
24.6.1929
 
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_ Druck und Verlag: Brühl'jche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.

Verantwortlich: vr. Hans Thhrivt.

hatte. . . _

Das erste, was Mutter Schulzen tat, als sie wieder zur Besinnung kam, war, daß sie ihren Geldstrumpf herausholte und die Taler zahlte. Kein einziger fehlte! Die Freude darüber stärkte sie so, daß sie am nächsten Tage schon an die gewohnte Arbeit gehen konnte. Aber krumm und ge­beugt ging sie und brauchte einen Stock, wenn sie über die Straße wollte. Sie ahnte wohl, wer sie gepflegt hatte, allein sie hütete sich, da­nach zu fragen, sie hätte dann womöglich die Auslagen ersetzen müßen. Das ging ihr ebensosehr wider den Strich, wie das Bedanken. Kathrina Krause aber schrieb an ihrengefreiten Musketier" Gottlieb, daß Mutter Schulzen wieder gesund und munter sei.

Aber Mutter Schulzen hotte sich sehr verändert. Nach der Stadt konnte sie nicht mehr, Gänse und Schweine hatte sie dieses Jahr nicht grotzziehen können. Sie war zu nichts mehr nütze und sich selbst irrt Wege. Bei schönem Wetter hockte sie vor der Tür, bei schlechtem Hinterm Ofen.

Als Gottlieb im Herbst von den Soldaten freikam, raffte sie sich noch einmal auf. Mit einer bewundernswerten Energie hielt sie sich aufrecht und gönnte sich keine Ruhe, wie er auch bat und schalt. Sie wollte Kathrina Krause nicht gutwillig das Feld überlassen.

Doch lange dauerte es nicht, da sank sie kraftlos zusammen, beim Melken glitt sie vom Schemel und lag lange besinnungslos. Gottlieb fand sie, fühlte, daß noch Leben in ihr war, und trug sie aufs Bett. Dann holte er Katharina Krause, die sich auf kranke Leute bester verstand als er.

Mutter Schulzen ruhte wochenlang in den Kissen und mußte sich pflegen lasten. Wenn Kathrina Krause an ihr Bett trat, kam fedesmal eine fliegende Unruhe über sie. Aber sie war zu schwach, sich gegen ihre Berührung, die sie verabscheute, zu wehren. Das wurde noch schlimmer, als Gottlieb und Kathrina nach vier Wochen zum Standesamt und zum Pastor gingen, um sich zusammengeben zu lassen. Kein Wort gönnte Mutter Schulzen ihrer Schwiegertochter, weder im Guten noch'm Dosen. Sie drehte sich mit dem Gesicht gegen die Wand, um die Verhaßte nicht ^Mit^aller^ Gewalt wollte sie gesund werden, aber es ging diesmal nicht so rasch. Ihr Herz kam nicht mehr so recht in den Takt. Der Doktor verordnete Ruhe und nochmals Ruhe und Fernhalten jeder Aufregung. Das war für Mutter Schulzen dasselbe, als wenn er einem Kater das ^°Schon°am nächst°e?Morgen, als Gottlieb in der Arbeit und Kathrina im Kuhstall war, krabbelte sie unter Aechzen und Stöhnen aus dem Bett und kroch, am ganzen Seite frierend, in die Kleider. Dann taslltt! sie sich an der Wand entlang in die große Stube und ließ sich schwerfällig auf das Reisigbündel in der warmen Ofenscke fallen. Eisige Schauer liefen über ihre Haut, und die fröstelnden Finger streckten sich grerig der roten

Sie hatte nur noch einen Gedanken: ihr Geld. Im ganzen Hause war kein festes Fach, wo sie es hätte verschließen können. Die kupferne Osen- blase war der sicherste Ort. Auch hatte sie allerlei Lumpen und Fückwerk

ekn paar Taler heraussuchte und damit in die Stadt lief. Weihnachten darauf kam Gotllieb auf Urlaub. Mutter Schulzen war ordentlich ver­wundert über ihren großen Jungen. Besonders die Uniform machte auf sie tiefen Eindruck. Als sie am ersten Feiertag beim Frühstück saßen, brachte Mutter Schulzen einen handtellergroßen Kuchen. So weit hatte sie ihren Geiz besiegen können.

Sie selbst benagte eine Brotrinde. Danach langte sie auf den Kleider­schrank hinauf, holte Gottliebs erste Zigarre herunter, die dort schon seit echs Jahren lagerte, und legte sie ihm, ohne ein Wort zu sagen, neben die Kaffeetasse. Gottlieb steckte sie an, und da sie genügend ausgetrocknet war, brannte sie hellauf wie Stroh. Sie schmeckte ihm ganz und gar nicht, aber er ließ sich nichts merken, denn er hatte etwas auf dem Herzen und durfte Mutter Schulzen die gute Laune nicht verderben. Und zwischen den einzelnen mutigen Zügen an dem Stinkkraut brachte er stockend und zaghaft heraus, daß er heute Kathrina Krause Herdringen möchte, um mit ihr Kaffee zu trinten. Mutter Schulzen sah ihn eine Weile sprachlos an, drehte sich um und setzte sich in die Ofenecke.

Gottlieb nahm das für eine stillschweigende Zusage, schnallte das Koppel um, setzte sich die Mütze auf und ging hinaus, wo der er den Dessauer Marsch pfiff.

Als Mutter Schulzen die beiden am Nachmittag über den Hof kommen sah, tief sie zur Hintertür hinaus und versteckte sich in ter Scheune. Kathrina Krause erschrak sehr, als sie in die leere Stube kam, ober Gott­lieb beruhigte sie und meinte, Mutter sei wohl zum Kramer gegangen. Dann kochten sie beide den Kaffee. Aber wie sie auch bei der dampfenden Kanne saßen und warteten, Mutter Schulzen kam nicht zum Vorschein. Gottlieb suchte in Haus und Hof, rief und schrie, doch Muller Schulzen war eigensinnig und gab keine Antwort. Er sprang zum Krämer hinüber, und als er zurückkehrte, fand er Kathrina in der Sofaecke sitzen und leise in die Schürze hineinweinen. . . , , ,

Mutter Schulzen schlüpfte erst aus ihrem Scheunenwmkel hervor, als die Luft rein war. Sie wäre vielleicht die ganze Nacht dort hocken ge­blieben, aber die Kälte trieb sie endlich ins Haus.

Doch sie hatte allein den Schaden davon: Gottlieb verbrachte seinen Urlaub mehr bei Kathrina Krause als bei ihr.

Kaum war er fort, packte sie das Fieber. Sie kroch ins Bell und fing an zu phantasieren. Die Kühe brüllten nach Futter, die Ziegen meckerten kläglich, Mutter Schulzen hatte sie vergesten, nur an den Talerstrumpf m ter kupfernen Ofenblase dachte sie zuweilen. Er schlängelte sich durch ihre Fieberträume wie ein böser, giftiger Lindwurm und peinigte sie. Aber alle Tage morgens und abends kam jemand und erbarmte sich ihres Viehes und pflegte sie. Muller Schulzen erkannte sie nicht, denn am Tage ließ sich Kathrina Krause nicht sehen, da sie keine Zeit halle. Mit rüh­render Ausdauer und 'Sorgfalt wachte sie über das schwache ßebens- flännnchen des alten Weibleins, wie sie es ihrem Liebsten versprochen

daraufgepackt. Und doch fühlte sie Angst um ihren Schatz, bohrende, quälende Angst, die ihr zum Herzen flutete, daß es zitterte und bebte! Wenn die beiden das Geld fanden, würden sie es ihr wegnehmen, denn ie brauchten welches, weil sie mehr ausgaben, als sie schaffen konnten. Mit Ingrimm bemerkte sie die weißen Vorhänge an den Fenstern. Und bgar echten Bohnenkaffee tranken sie. Sie hatten gewiß schon Schulden und lauerten nur auf ihr Geld! Vielleicht hatten sie sogar schon danach gesucht, als sie krank war und sich nicht rühren konnte.

Da kam Kathrina herein und schalt nicht wenig über Mutter Schulzenz Unvorsichtigkeit, doch sie war nicht zu bewegen, aus ter Ecke heraus- zukommen. Sie rieb nur ihre dürren Finger vor dem glühenden Loche und schwieg.

Kathrina ging in die Kammer, deren Tür sie anlehnte, und Mutter Schulzen mußte sofort wieder an ihr Geld denken. Jetzt ging sie wieder in der Kammer danach suchen!

Und das Herz stand ihr eine ganze Weile still, als sie von drin den leisen, verräterischen Klang des kupfernen Ofenblasenteüels hörte. Gleich darauf vernahm sie leises Geklapper wie von großen Silberstücken.

Katharina stahl ihr das Geld!!!

Mit einem Satz war Mutter Schulzen an der Kammertür; sie sah, wie Kathrina die Hand aus der Ofenblase herauszog und den Deckel herunterklappte, dann schwanden ihr die Sinne. Sie brach zusammen und schlug mit der Stirn gegen die Ofenbank, daß ihr das Blut über die Augen rann. t

Kathrina hörte einen dumpfen Fall und stürzte aus der Kammer. Sie jammerte so laut, als roärs ihre eigene Muller, vergaß aber dar­über das Helfen nicht. Sie nahm die Kranke auf die Arme und trug sie ins Bett. Hier wusch und verband sie die schlimme Stirnwunde und horchte nach dem Herzen hin.

Aber Mutter Schulzen war zähe. Ei« ganze Woche lag sie mit geschlossenen Augen. Doch von Kathrina, ter Diebin, nahm sie leinen Bissen an. Gottlieb mußte sie morgens und abends füttern wie ein kleines Kind. Am zweiten Samstag um die Mittagszeit konnte sie sich zum ersten Male wieder aufrichten. Aber das bekam ihr schlecht. Den ganzen Nachmittag ruhte sie halb ohnmächtig in den Kiffen. Gegen Stbenb hörte sie, wie Gottlieb heimkam und Kathrina einen Teil seines Wochen­lohnes gab. Gleich darauf trat er in die Kammer und rief Mutter Schulzen leise an. Doch sie war zu schwach, eine Antwort zu geben oder die Augen zu öffnen. Er kam näher, sah ihr scharf ins Gesicht und hob sodann den Deckel ter Ofenblase in die Höhe. Noch einmal streifte er mit scheuem Blick das Gesicht ter Ruhenden, dann zog er etwas Strümpfen« über den Rand heraus und ließ zwei Taler hineingleiten, die er [einer Westentasche entnommen hatte. Dann machte er den Deckel unhordar wieder zu und schlich hinaus.

Mutter Schulzen hatte alles gesehen. Sofort war sie im klaren. Er hatte das Geld, das Kathrina herausgenommen hatte, wieder hinein- getan. Aber es fehlte gewiß noch mehr, viel mehr! Fiebrig zuckten ihre Hände auf der Bettdecke. Doch sie rührte sich nicht, brs tee beiten drin zu ^Bcmntam ter^Mond und goß durch das Laub des Butterapfriteum- und durch das kleine haldblinte Kammerfenster feinen grunfilbernen Schein über ihr Lager, über den schiefen, grauen Kachelofen und ruhte in gelblichen Reflexen auf dem schmutzigen Kupferbraun der .Ofenblase. La- zu schlug draußen eine Nachtigall.

Da kroch Mutter Schulzen unter unsäglichen Anstrengungen zum Fuß­ende ihres Bettes, langte weit hinein in tee sonderbare Schatzkammer und brachte nach langem mühsamen Suchen ihren anglnhen, gestrickten Geldbeutel ans Licht des Mondes Vorsichtig schüttelte sie das Geld ouss weiche Federbett und zählte langsam tee Stucke in den Strumpf jurutf.

Das war eine harte Arbeit für sie dazu schlug die Nachtigall dicht vor ihrem Kammerfenster so laut, daß sie sich emmal bald verzählt hotte.

Als sie fertig war, atmete sie hoch auf.

Sie waren alle da, bis auf einen einzigen!

Verzählt hatte sie sich nicht, das wußte sie genau. Aber da roareine Masche zerrissen und vielleicht hatte er sich durch das Loch 0efM Nach ihm fahndete sie nun in der weiten Höhlung der Ofenblase. Plotzl q stockte ihr Arm. Die tastenden Finger waren an etwas Hartes geraten, das nicht die Wand des Ofens sein konnte. Ste zog es heraus. Em derer Strumpf kam zum Vorschein, in dem ganz unten etwa eine syxw voll Talerstücke lagen. . r.t. Mcp

Mutter Schulzen starrte ihn an wie em Weltwunder. Datz au stücke hecken, hatte sie noch nie gehört. Und dach war sie zuerst ge 9 dieses Geld als ihr rechtmäßiges Eigentum zu betrachten.

Plötzlich aber fiel es wie ein Blitz in ihr Bewußtsein, wem das iw" 9e!)Sie' sparten beide, hielten Mammen und mehrten mit Fleiß!!!

Da atmete sie hoch auf, so hach daß ihr schwaches Het^.tee tiurjmen Blutwellen nicht mehr bezwingen konnte. Es machte alle seine u.

"" Mit rinem stillen, glückseligen-teln auf dem Äffest" °n

Mutter Schulzen tot auf ihrem Bette, tee beiden Geldstnimpse T ihre Brust gedrückt.

So fand sie Kathrina am nächsten Morgen. imb ließ

Gottlieb drückte ihr die Augen zu, sprach em stummes Gebet

sie nach drei Tagen begraben. on

Der Pastor aber predigte an ihrem Grate über den schonen spruch:Und wenn es köstlich gewesen ist, sa ist es Muhe un ^Kathrina meinte bitterlich. Gottlieb aber nahm sie stumm und ernst in die Arme und führte sie durch reifende gelter heimwärts.