Ausgabe 
24.6.1929
 
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Tessiner Reisetagebuch.

Von Max Gersenheyner.

' II.

Der erste Spaziergang am Morgen nach einer langen Reise in einer Gegend, die man noch nicht gesehen, gleicht einem Sprung in kühles, frisches Wasser nach langer, staubiger, ermüdender Fahrt. Wie ein Schwimmer, der die Wollust der vorwärtsstoßenden, kraftvollen Bewe­gungen in noch unbekannten Wellen über alles liebt, erobert man mit langen Schritten und tiefen Atemzügen die Landstraße, die Feldwege, die Bäume, die Wiesen, die Weinberge, den Himmel und die Menschen. Als beträte man einen neuen Erdteil. Und ist plötzlich erfüllt von lieb­lichen Bildern, neuen Lauten und der Symphonie der dunstigen Berge, des blauen Himmels, des weißen Lichtes; ist eingegliedert, aufgeschlossen, ein Lebewesen des neuen Landes!

Auf unserem Mittagstisch, in dem schönen, kleinen Eßsaal mit dem prächtigen Kamin, standen heute Hunderte von Primeln, Anemonen und Veilchen, dicht bei dicht. Wir sahen die kleinen Schüsseln nicht, aus denen sie Wasser sogen. Gewölbt und bunt prangte der Blumenflor über der Mitte des Tisches. Durch die offenen Fenster kam die Sonne, sahen die hohen Berge, glänzten die grünen Wiesen. Ein Brunnen rauschte im Hof. Draußen in der prallen Sonne stand ein zweijähriger, blonder Junge im weißen Kleidchen und preßte einen weichgewordenen Schokoladen­kuchen an den Mund. Ernst und weise betupfte er mit ihm seine Lippen und seine Backen. In den verkrupelten, schwarzen Weinreben am Fenster hingen dicke, weihe Tropfen. Der Wein weinte. Tut man sich ein paar Tropfen davon ins Haar, jo bekommt man, wie die Leute be­haupten, keine Glatze. Das muß wahr fein. Denn die Glatzen, die ich in Tessin sah, stammten sämtlich aus Hamburg, Frankfurt oder Berlin.

*

Italienisches Gepräge hat das Land. Aber Mussolini kennen sie nur als schwärzlichen, kleinen Kuchen aus Schokolade, mit stark geschlagenem Eiweiß mit einem kleinen, schmalen Zuckerhelm darüber. Kommt man des Nachmittags einmal ein bißchen später ins Cafch dann heißt es an den blitzsauberen, düftereichen und verlockenden Theken:Mussolini weg! Ganz alle!" Dann ist die Gelegenheit günstig, auf den Monte Bre zu fahren und dort Kaffee zu trinken. An der Drahtseilbahn fordert man sein Billett auf italienisch, schwyzerisch oder deutsch. Der Schaffner ver­steht alles, und wenn einer gar nichts sagt, ist er auch im Bilde. Steil geht es hinauf durch manchen kühlen Tunnel. In einer guten halben Stund« ist man oben. Auf die natürliche Plattform des Berges ist noch ein Ausstchtsturm gestellt. Hier öffnet sich in weiter Runde ein Pano­rama, das in Worten schwer zu beschreiben ist. Ringsum in der Tiefe, gleich einer blauen, sauber geschnittenen Stahlplatte, genau in die Win­dungen der Berge eingcpaßt, der See von Lugano. Me winzigen Boote auf ihm wie kleine, schwarze Holzstückchen. Die massigen Glieder der Berge verlieren ihr Unheimliches. Sie werden zu steinernen Tieren der Urwelt, die bis an den Rand des Sees herangekrochen sind. Ihre Rücken­linien gleichen denen mächtiger Saurier, die niattgrllnen Wälder wolligen Haaren, die Dörfchen und Städte auf ihren Pranken einer Ansammlung Krokodilschuppen. Weit am Horizont die Geistererscheinungen der fernen Schneeriesen. Um aber den Ausbruch von Größenwahnsinn beim Anblick der Elemente zu verhindern, werden di« Gäste, nachdem sie vom Aus­sichtsturm heruntergestiegen sind, Gott sei Dank, mit Zitherspiel und Gesang empfangen. Ein altes Ehepaar in italienischer Tracht ist dazu angestellt, di« Umwelt zu verniedlichen. Sie singen und sammeln mächtig ein. Auf der Terrasse des Hotels knipst immer eine deutsche Braut einen deutschen Bräutigam, liest immer ein Engländer eine Zeitung, spricht immer ein Schwyzer chinesisch. Man ist wieder bei den Menschen ange­langt, trinkt versöhnenden Kaffee und ißt friedlichen Kuchen. Zu Fuß hinunter! Im allmählichen Schreiten, im Senken von Schritt zu Schritt kommt die Landschaft des Tales näher und näher. Oft kaum merklich, aber dann ist es, als fei man mit einer Serpentine sechs Stockwerke tief hinabgestiegen. Manchmal führt der Weg durch di« schmale Steingasse eines Dorfes. Lieder klingen aus den Häusern. Die erste Abendstunde ist da. Man sieht von der Höhe, wie sich die ersten Laternen in Lugano entzünden. Nach einer halben Stunde prangt die Stadt in einem Lichter­meer, als wäre aus den Tälern eine Armee von Fackelträgern zu einer Prozession an den See herangerückt und stände in feierlicher Erwartung da. lieber den San Salvatore steigen in regelmäßigen Abständen die Lichterketten seiner Drahtseilbahn gleich einer feurigen Leiter zum Himmel empor. Die Natur wird zum Dichter. Die Farbe der Felsen, dunkel und weich, der See unbeweglich, dunkel, ohne Materie, alles Widerschein, Traumbild und Ruhe. Stoßen dann noch durch die blaue Nacht Sterne, wird der Zauber unbeschreiblich. Die Schönheit der Landschaft erhält ihre nächtliche Vollendung.

Vom Wasser stieg ein feiner Fischdunst auf. Eine frische Brise wehte, die Wellen glitzerten. Der kleine elegante Dampfer nach Morcote zog an. Jetzt erst, vom Wasser aus, sahen wir, wie schön Lugano ist, wie sauber, rot« vornehm, eingeschmiegt in den Arm der Berge. Eine alte Berlinerin niemand kann sich so begeistern wie alte Berlinerinnen war hin­gerissen. Sie mußte sofort eine Ansichtskarte an ihren Sohn schreiben. Sie tat das wie ein Feldherr, der von einer gewonnenen Schlacht Bericht erstattet und übergab stolz die Karte zur Weiterbeförderung am Lan­dungssteg der nächsten Station. Hier war dicht neben der Brücke das große Bronzedenkmal eines Feldsoldaten mit Stahlhelm aufgestellt. In der erhobenen Faust hielt er eine Eiergranate und zielte nach dem Schiff. Die Insassen des Dampfers faßen ganz ängstlich drein. Nur eine gewaltig« Holländerin mit ihrer Mutter bewahrten, wie auch beim An­blick der schönsten Fernsichten, ihre Gelassenheit. Die Tochter, zwei Meter lang, angezogen im Stil von 1900. Ihr schönes, frisches Gesicht, so groß, daß man mit den Augen stundenlang darauf spazieren gehen konnte. Die Mama, der es auf Deck zu kühl war, verschwand ab und zu in den Salon des Schiffes. Dann saß die Tochter am Heck wie eine riesige Gallions- figur. Wenn sie die Beine übereinanderMug, nahm sie das halbe Ver­

deck ein. Dicht vor Morcote packte sie ein Paket aus, nahm einen halben Napfkuchen heraus und steckte ihn in den Mund. Ohne daß man viel vom Kauen gemerkt hatte, zerkrümelte sie ihn zwischen den Zähnen. Mit Andacht sahen wir dem Schauspiel zu. Sie hätte bis Morcote warten sollen, denn hier gab es einen Tee, wie man ihn so leicht in seinem Leben nicht wieder findet. Die Holländerin schlürfte zwei Kannen voll aus und spähte gelangweilt nach der dritten. Außer so lieblichen Dingen zeigte Morcote die ganze Pracht eines Aufstieges zu einer alten Kirche mit Zypressen und seltsamen Pflanzen auf fo vielen Steinstufen, daß einem das Herz vor Freude stehen blieb, wenn man oben angelangt war. Aber es lohnte sich. Die Nachmittagssonne wärmte, ohne übermäßig zu Hitzen. Zaubervolle Gärten taten sich auf, stille Steinbänke und märchenhafte Blicke auf den See. Für die Rückfahrt war ein Schnelldienst eingerichtet. Ohne Unterbrechung ging es nach Lugano. Die Ruhe der Fahrt, der Anblick der Ufer, das Rauschen des Wassers, verführten zu einem holden dolce far niente. Selbst die blonde Holländerin war ergriffen und steckte die andere Hälfte des Napfkttchens in den Mund. Sie reichte damit bis Lugano, wo sie am Landungssteg mit unendlicher Ruhe den letzten Krümel von der Lippe wischt«. Ein Fischlein im klaren Wasser schnappte gierig danach.

Die Eroberung Mexikos.

Bon Egon F r i e d e l l.

Als Herman Cortez im Jahre 1519 den Boden Mexikos betrat, fand er dort eine hochentwickelte, ja überentwickelte Kultur, die der europäischen weit überlegen war; verblendet durch den doppelten Grö­ßenwahn seiner Religion und seiner Rasse, vermochte er sich jedoch nicht zu dem Gedanken zu erheben, daß Wesen von anderer Weltanschauung und Hautfarbe ihm auch nur ebenbürtig seien. Es ist tragisch und grotesk, mit welchem Dünkel diese Spanier eine Kultur betrachteten, deren Grundlagen sie nicht einmal ahnen konnten. Gleichwohl läßt sich der Gestalt des Cortes eine gewisse Größe nicht absprechen; er war zwar ein Conquistador wie alle anderen: roh, verschlagen, gierig und ohne höhere moralische Hemmungen, ober es fehlte ihm nicht an planvollem Mut, politischer Klugheit und einer gewissen primitiven Anständigkeit; auch tat er nie etwas aus bloßer Blutgier, ja er hatte sogar einen ge­wissen Abscheu gegen das Blutvergießen, wie er ja auch die Schlacht- opfer der Azteken abgeschasst hat: vielleicht die einzige, eines Kultur­menschen würdige Handlung, bie _im Laufe der ganzen spanischen Er­oberung begangen worden ist. Seine Umgebung bestand jedoch mit wenigen Ausnahmen, zu denen vor allem die Geistlichen gehörten, aus Subjekten niedrigster Kategorie, Rowdys und Verbrechern, die ihr Mut­terland ausgestoßen hatte: Deklassierten Spaniern, dem Abschaum des damaligen Europa. Das Motiv der ganzen Expedition war Goldgier: Die Spanier," sagte Cortez nicht ohne eine gewisse überlegene Ironie zu dem Statthalter, den ihm Kaiser Montezuma entgegenschickte,leiben an einer Herzkrankheit, gegen die Gold ein besonders geeignetes Mittel ist."

Die Kultur Mexikos haben wir uns ungefähr auf einer Entwick­lungsstufe vorzuftellen, die von der der römischen Kaiserzeit nicht allzu­weit entfernt war. Sie war offenbar schon in jenes letzte Stadium ge­treten, das Spengler alsZivilisation" bezeichnet und das durch Groß- stadtwesen, raffinierten Komfort, Imperialismus, autokratische Regie­rungsform, Massigkeit der Kunstbauten, gehäufte Ornamentik, ethischen Fatalismus und Varbarifierung der Religion charakterisiert ist. In der Hauptstadt Tenochtitlan, die auf Pfählen in einen wunderschönen See gebaut war, sahen die Spanier riesige Tempel und Spitzsäulen, große Arsenale, Krankenhäuser und Kriegerasyle, Menagerien und botanische Gärten, Barbierläden, Dampfbäder und Springbrunnen, Teppiche und Gemälde aus prachtvollem Federmosaik, köstliche Goldschmiedearbeiten, kunstvoll gearbeitete Geräte aus Silber und Schildpatt, herrliche Baum­wollmäntel und Lederrüstungen, Plafonds aus wohlriechendem Schnitz- werk, Termophore für Speisen, Parfümzerstäuber und Warmwasser­leitungen. Auf den von Hunderttaufenden besuchten Wochenmärkten war eine Fülle aller erdenklichen gediegenen Waren zum Kauf ausgebreitet. Eine dewündersrvert organisierte Post beförderte durch Schnelläufer aus sorgfältig ausgebauten Wegen und Stufengängen, die das ganze Land durchzogen, jede Nachricht mit unglaublicher Geschwindigkeit und Präzi­sion; Polizei und Besteuerungsapparat funktionierten mit der größten Genauigkeit und Zuverlässigkeit. In den Küchen der Wohlhabenden duf­teten die erlesensten Speisen und Getränke: Wildbret, Fische, WassAn, zarte Brühen, pikante Gewürzgerichte; dazu tarnen noch eine Reihe Ge­nüsse, die der alten Welt neu waren: der delikate Truthahn; chocolail, das Lieblingsgericht der Mexikaner, kein Getränk, sondern eine feine Creme, die, mit Vanille und anderen Spezereien gemischt, kalt gegessen wurde, pulque, ein berauschender Trank aus der Aloe, die den Azteken außerdem ein schmackhaftes artischockenähnliches Gemüse und ausgezeich­neten Zucker lieferte und yetl, der Tabak, der entweder mit flüssigem Ambra vermischt, aus reich vergoldeten Holzpfeifen oder in Zigarren­form aus schönen silbernen Spitzen geraucht wurde. Die Sauberkeit der Straßen war so groß, daß, wie ein spanischer Bericht sagt, ein Mensch, der sie passierte, sicher sein konnte, sich die Füße ebensowenig zu be­schmutzen wie die Hände; ebenso erstaunlich war die Ehrlichkeit der Be­völkerung: alte Häuser standen vollkommen offen: wer seine Wohnung verließ, legte zum Zeichen seiner Abwesenheit ein Rohrstäbchen vor die Türmatte, und niemals gab dies Anlaß zu Diebstählen; überhaupt solle" die Gerichte fast niemals genötigt gewesen sein, über EigentumsdenM zu jubilieren. Die Aufzeichnungen geschahen auf pikiographischem Wege, das heißt mit Hilfe einer sehr ausgebildeten Bilderschrift; außerdem 9" es Schnellmaler, die mit unglaublicher Geschwindigkeit alle (sreigmil sprechend ähnlich festzuhalten wußten. Der mathematische Sinn oe Azteken muß sehr entwickelt gewesen sein, denn ihr arithmetisches SM war auf dem schwierigen Prinzip der Potenzierung aufgebaut: ote cri Grundzahl war 20, die nächsthöhere 202 = 400, die nächste M -8000 u so weiter; auch sollen die Maya, unabhängig von den Indern, die J