Ausgabe 
24.6.1929
 
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SießenerKmlilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Lietzener Anzeiger

Jahrgang 1929 Montag, den 2-1. JuniNummer ^8

Gedichte.

Von I. W. von Goethe.

Gedichte sind gemalte Fensterscheiben!

Sieht man vom Markt in die Kirche hinein, da ist alles dunkel und düster; und so sieht's auch der Herr Philister; der mag denn wohl verdrießlich sein und lebenslang verdrießlich bleiben.

Kommt aber nur einmal herein!

Begrübt die heilige Kapellel Da ist's auf einmal farbig Helle, Beschicht' und Zierat glänzt in Schnell«, bedeutend wirkt ein edler Schein; dies wird euch Kindern Gottes taugen, erbaut euch und ergötzt die Augen!

Wert

Das Hasenschärtlin.

Eine Anekdote von Wilhelm Schäfer.

Dem Flickschuster Jakob Freidank ist es ergangen wie allen redlichen Leuten: er hat seine mühsam ersparten Groschen zur Kasse getragen und ein blaues Büchlein gehabt, darin die Zahlungen im Futter spärlicher Zinsen zu kärglichen Summen gediehen, mit denen «in Leichtfuß nicht weit springen könnte; ihm aber bedeuteten sie ein sorgloses Alter. In­dessen der Krieg fällt übers Land und frißt das Gold aus den Kassen, wie er das Blut der Jungmänner zu fressen vier Jahre lang unersätttich - -..... * im

Jahre lang unersät ist. Ws seine Gier zuletzt an den" Grund kommt, sind die Zahlen Büchlein des Jakob Freidank aufgeblllht zu riesigen Summen; nur 5 haben die Zahlen und Summen nicht mehr. Das sorglose Alter ist mit in das Massengrab der deutschen Hoffnung gesunken.

Sie haben uns begaunert!, sagt der Flickschuster Jakob Freidank in­grimmig, nimmt einen Blaustist, wie er ihn für die Sohlen braucht und streicht den Spruch vorne im Büchlein:Spare in der Zeit, so hast du in der Not!" mitten durch. Darum wird er noch kein Verschwender; nicht allein, weil die Flicken und Sohlen kaum das Leder bezahlen, so­gar die Holzstifte sind teurer, sondern weil er den ganzen Tag Pfriemen und hämmern muß und auch gar nichts anderes möchte. So hat er zuletzt über das verlorene Geld seinen Humor, denn Kinder haben sie keine. ~ ,

Was gilt's gewettet? trotzt er seiner Frau Josephine, als ern Jahr Md mehr vergangen ist: Ob das im Sparkaffenbuch falsch oder richttg steht, macht mir nichts und dir nichts! Oder brauchtest du etwas davon?

Die Frau Josephine läßt den alten Kopf hängen und schüttelt ihn wie ein Mädchen, auch wird sie rot; denn sie möchte ein neues Kleid für die Kirche, weil das alte verschaffen ist uni>_ an den Aermeln geflickt. Aber sie kennt ihren Alten, und weiß, was für ein Tyrann er mit den Pfennigen sein kann. Darum hat sie ein Jahr lang heimlich gespart und über dem Strickstrumpf hoffärtige Gedanken gehabt, bis aus den Messing­pfennigen endlich die siebzehn Mark rund waren, die der Stoff kostet, und noch acht dazu, für die Näherin samt den Zutaten. Nun liegt er schon drei Wochen lang in der untersten Lade hinter dem Leinenzeug, als hätte sie ihn gestohlen, weil sie den Mut nicht findet, dem Alten ihre Heimlich- kett zu gestehen. _

Einmal am Abend trippelt sie richttg zum Hasenschärtlin hinauf, wie sie im Ort die Näherin mit der Hasenscharte nennen. Die hat zudem einen Buckel und ist ein freches Ding, dem der Schnabel in vielen Hausern gewetzt ist; auch kennt sie den alten Freidank. Ich komme in vierzehn Tagen, verspricht sie, wenn die Hochzeit bei Apothekers vorbei ist; und bringe Sand mit, ihn eurem Alten in die Augen zu streuen.

Rach vierzehn Tagen, als der Jakob Freidank schon in der Frühe geflickschustert hat und zum Morgenbrot kommt, sitzt das Hasenschartlm da in der Stube und hat die zitternde Frau in die Kammer geschickt, brs dem Alten der Sand in die Augen gestreut ist. t .. f L .

Was sie da mache? fährt er das dreiste Ding an, und sieht den schwarzen Stoff bereits auf der Fensterbank liegen.

Ein neues Sonntagskleid für eure Frau, das sie arg nötig hat!, ant­wortet das Hasenschärtlin nebenbei und schart in ihren Nadeln; und tut erstaunt, daß der Alte noch weiter fragt. Den, Stoff? Den hat di« Fmu doch gefunden. Und erzählt eine lange Geschichte von dem Paket, das am Schwalbenrain droben auf einer Bank lag und keinem gehörte.

Keinem gehörte? grollt der Jakob Freidank und tritt einen Schritt auf das freche Ding zu: Und wer es verloren hat, dem gehört rs nicht wehr? Denn er glaubt die lange Geschichte, wie er zu seinem Schaden vieles geglaubt hat, was ebenso dreist wie die Erzählung des Hasen- fchärtlin gelogen war. Und ob die Wherin neue Lugen aus ihren Radeln heraussucht: der Jakob Freidank kann sich den redlichen Zirkel­

punkt seines Selbstgefühls nicht verrücken laffen, ohne den er nur e'm Flickschuster wäre. Siebzig Jahre lang sind meine Finger trocken geblieben und sollen nicht klebrig werden an einem Kleid! poltert er los und reißt dem Hasenschärllin den Stoff aus den Händen, ihn selber und sogleich aufs Fundamt zu brinaen.

Als sein redlicher Lärm hinaus ist, klettert die Frau Josephine, di« oben an der Treppe alles mit angehört hat, kläglich herunter. DemHafen- schärtlin ist nicht nur der Schnäbel gewetzt: während der Jakob Frei­dank unterwegs ist mit seinem Paket und recht zu tun glaubt aus ihrer Lüge, hält sie der Frau mit flammenden Worten das Eigentumsrecht vor: Sie brauche nur selber aufs Amt zu gehen und denn die Wahrheit sagen, dann müßten sie ihr den Stoff wiedergeben. Sie könne ja alles beweisen!

Alles kann ich beweisen!, weint die Frau Josephine und wischt di« Tränen mit ihrem Handrücken ab. Aber was hilft es ihr? Sie darf den Stoff nicht wieder ins Haus bringen.

Das Hasenschärtlin begreift gar nicht, warum die Frau so einfälttg ist. Sie hüpft wie ein Rabe herum und will sich halb tot lachen über den Spaß, daß ihr der alte Freidank die Lüge so wörtlich geglaubt hat. Den Männern geschieht es darum recht, daß wir sie betrügen! höhnt sie und ist ein rechter Unflat mit dreisten Worten und schlechten Geschichten, wie sie den Frauen geholfen hat, hinter dem Rücken der Männer doch ihre Kleider zu kriegen.

Indem sie noch swätzt, steht sie den Jakob Freidank mit gerechten Schritten di« Strohe herauskommen und zieht di« Frau durch di« Hof­tür hinaus auf die hintere Gaffe. Nur schnell! drängt sie: ehe die auf dem Amt sich an den Stoff gewöhnt haben! Heutzutage sind die Menschen schleckst und die Beamten haben auch ihre Frauen zu Hause!

Also gedrängt, trippelt die Frau Josephine durch die Hintergasse der Wohnung hinab, den ihr Mann durch die Vordergasse hinauf geschritten ist. Sie fürchtet sich vor den frmden Beamten: aber das Hasenschärtlin bleibt ihr zur Seite, und es gibt keinen Gedanken in ihrem verdonnerten Kopf, den die buckelige Näherin nicht dreist und listig ans Licht zieht: Wo es geschrieben stände, daß die Männer allein zu kommandieren hätten? Die gingen ins Wirtshmis und sähen nicht auf die Groschen für ihre Dinge. Nur die Frauen säßen daheim und müßten um jeden Pfennig fragen, den sie soviel oder mehr als die Männer mit ihrer Haus­arbeit verdient hätten!

Die Frau Josephine weiß genau, daß es ein böser Geist ist, der neben ihr geht, und daß sie dem Jakob Freidank weder ein Wirtshaus noch sonst eine Verschwendung nachsagen kann. Aber der Stoff ist doch mein!, begehrt sie auf und denkt an die Mühseligkeit, ihm am Mund abzusparen, indeffen der Alte immer fein Essen gehabt hat, wie er seinen schwarzen Tuchrock hat, aber ihr Zeug ist verschliffen! So scharen die hämischen Worte doch im Geröll der Verdrossenheit, das sich aus unfriedlichen Stunden gesammelt hat, und ihr Herz ist bitter vor Groll gegen die Tyrannei ihres Alten, als sie durch die Tür des Amtes geht, die das HasensckMtlin vor ihr öffnet und hinter ihr schließt. JnJ dem kahlen Raum stehen zwei Polizisten, die sie kennt, und sprechen mit einem dritten, der an dem Tisch schreibt; auch ihr Stoff liegt daraus, und einer der Polizisten befühlt ihn fachmännisch.

Nun, Mutter Freidank, wo habt ihr das Zeug gefunden? fragt der erste, und der zweite legt die Hand an die Mütze, als stände er zu einem Schwatz unter ihrem Fenster. So sehr di« Frau erlöst ist, daß sie ihre Worte nicht fremden Ohren sagen muß, so sehr erschrickt sie, als sie damit herauskommen will. Denn nun soll sie gestehen, daß sie ihren Mann belogen und betrogen und zum Narren gemacht hat mit der Lüge des Hasenschärtleins und soll ihn lächerlich machen mit ihrem Geständnis der Wahrheit, um ein Kleid, das sie für diesen Preis nicht anziehen könnte.

Auf einmal fängt da ein redlicher Besen an zu fegen in ihr, daß die schlechten, hinterlistigen Worte M Kehricht werden und alle bösen Ge­danken, die sich der Lüge der Näherin angehängt haben. Aber die Wahr­heit, die davon übrigbleibt, ist selber häßlich geworden. Die alte Frau Josephine, die den Stoff daliegen sieht, daran sie ein Jahr lang kümmer­lich gespart hat, und die nur ein Wörtchen zu sagen brauchte, ihn zu er­halten, bekennt sich tapfer zur Lüge und hält ihrem Alten die Treue, die sie mit der Wahrheit verriete, und erzählt die Geschichte vom Schwalben-

Nun gut, Mutter Freidank, sagt der Polizist, als sie das Protokoll unterschrieben hat: nach einem Jahr kommt ihr wieder; hat sich dann niemand gemeldet, gehört der Stoff euch!

Noch einmal ein Jahr?, verplappert sich Frau Josephine und tft doch wieder dem Weinen nahe, das sie kaum verschluckt; aber st« geht tapfer hinaus mit dem Bescheid und bringt ihn dem Hasenichartlem, das sich tot« giften will über die Einfalt. Sie läßt das freche Ding gehen und weiß nicht, warum auf einmal die Gaffe hell im Sonnenschein liegt, die vor­hin noch düster war und warum sie gleich einem Mädchen nach Hause geht, das schulfrei bekommen hat.