Das Blut kochte in seinen Adern. Dor lange Zutt hatte recht gehabt. Nun war es arn Tag, daß sie ihn betrog. —
Er ballte die Fäuste.
„Wart', du Schnippel, dir leg' ich das Handwerk!"
Jetzt rasch heim. Bei Leibe nicht den direkten Weg. Am besten, er lies den Stadtgraben entlang, setzte über und kam durch den Garten ins Haus.
Gedacht, getan. Er stürmte fort. Wenn ihm das Pärchen nur nicht entschlüpfte. Es war kein Augenblick zu verlieren.
„Dummerjan, was hetzt du dich ab?" raunte ihm eine Stimme zu. „Du weißt ja, wie ihre Aufführung war. Die Katze läßt däs Mausen nicht. In drei Teufels Namen, lass' sie doch. Was geht dir denn ab? Hast die Tasche voll Geld. Ein feines Leben!"
„Verflucht will ich sein," gab er zurück, „wenn ich so weiter tu. Roch heute schneide ich das Tischtuch entzwei. Und will meinen guten Namen retten. Und bettele lieber mein Brot zusammen!"
Der Weg zieht sich hin, und Eile tut not. Er prallt gegen eine Marktfrau an. Die schickt ihm eine Flut von Schimpfwörtern nach. Er sieht und hört nichts. Zu, nur zu!
Noch hundert Schritte: er ist am Ziel. Jenseits des Grabens zieht sich das Grundstück der Stadlern hin. Ein Sprung, er ist drüben. Flugs durch den Garten. Durch den Hof. Die Haustür ist angelehnt. Sacht die Schelle beigedrückt. Achtung! Ein Ton kann alles verderben.
Nun ist er drin. Er schleicht auf den Zehen. Vorn in der Eckstube sprechen zwei. Näher heran. Er unterscheidet seiner Frau und des Buckelmüllers (stimme. Tod und Teufel!
Er bückt sich. Durch das Schlüsselloch fällt sein Blick auf das Kanapee. Sein Gesicht verzerrt sich zu einer wilden Grimasse.
Wo ist gleich ein Stecken? Halt, in der Küche. Auf den Zehen hin. Und lautlos zurück.
Die Tür fliegt auf. Ein Schrei, das Pärchen fährt auseinander.
Der Schreiber packt den Buckelmüller und läßt seinen Stecken auf ihm tanzen. Dem Mann ist der Schreck in die Glieder gefahren, daß er sich gar nicht zur Wehr setzen kann. Nun bricht er zusammen und erhebt ein kläglich Geheul. Schollas, in förmlicher Raserei, schleift ihn wie einen Sack durch das Zimmer und befördert ihn mit einer Wucht hinaus, daß er wie eine leblose Masse auf den Steinfliesen liegen bleibt.
Jetzt wendet sich der Tobende gegen sein« Frau. Diese bietet sich ihm furchtlos dar. Ihre Blicke treffen sich. Er läßt den Arm, den er schon erhoben hat, sinken und brüllt:
„Du schlechtes Mensch, du bist nicht wert, daß ich meinen Stecken an dir probier'!"
Sie schweigt und macht sich daran, die durcheinander geworfenen Möbel in Ordnung zu bringen.
Unterdessen rennt er wie toll auf und ab und fuchtelt mit dem Stock in der Luft herum. Endlich wirft er sich erschöpft auf das Kanapee und schlägt sich auf die Brust.
„Ich Esel, ich Dummkopf, ich Trottel!"
Sie fährt in ihrem Tun fort und verhält sich immer noch still.
Nach einer Weile tritt sie an ihn heran und spricht:
„Konrad, ich will mich nicht rein waschen. Nur das sag' ich: 's ist keine Schlechtigkeit, 's ist bloß der Hang in mir. Und wann ich mich noch soviel quäl', ich zwing's nicht nieder, 's ist wie ein Fieber, das mich packt. Und gibt kein Hemmen und Halten. No mein ich, geschehen ist geschehen. Was hilft am End' das Gezänks? Du hast von mir noch kein böses Wort gehört. Und ich häng' auch an dir, das kannst du mir glauben. Jetzt bitt' ich dich, sei wieder gut."
Er schlägt eine grelle Lache auf.
„Du Untier, unterstehst dich, das Maul aufzutun? Daß du erstickst! Wärst du mir nie vor die Augen gekommen. Du hast mich ruiniert."
„Ich hab' dich nicht gesucht, Konrad," versetzte sie ruhig, „das weißt du wohl. Und wie war's bann? Du saß'st im Schlamassel drin. Und wollt'st heraus. Und konnt'st doch nicht. Wann ich nicht war, die Lene hätt' dich sestgehalten."
Er zuckt zusammen. Die Lene! Das fehlt noch, daß ft« den Pseil abschießt. So weit ist er heruntergekommen, daß ihn die Sündenschuld nicht drückt. Nein, bas lügt er sich vor. Insgeheim hat's ihn all die Zeit gepeinigt.. Er ist wie ein Schurke mit dem Mädchen umgegangen. Hat gar (ein Äinb verleugnet, sein Fleisch und Blut. Nun trifft ihn die gerecht« Strafe. Hat er’s nötig, aufzubegehren? Wahrhaftig nicht. Was wehrt er sich? Er steht bis an den Hals irn Pfuhl. Und hilft kein Sträuben. Er muß ertrinken.
Er stöhnt laut. Großer Gott, er ist nicht so schlecht. Er fühlt die Schande, an dieses Weib gekettet zu sein. Und fühlt auch die Kraft, das Band zu zerreißen. Vielleicht, daß er sich wieder reinigen, begangene Schuld tilgen kann. Jetzt fort, nur fort, aus der verpesteten Luft!
Er springt auf. Sein Körper ist straff «mporgerichtet. Aus seinem Gesicht spricht mannhafte Festigkeit.
„Hör' an. Ich lass' dir dein Haus mitsamt deinem Geld. Ich will tn den Schmutz hier nicht mehr greifen. Von Stund an find wir geschiedene Leute. So wahr mir Gott helfe!"
Mit hallenden Schritten verläßt er das Zimmer.---—
Di« Belloffen hatte einen bösen Anfall gehabt. Die Nachbarn in der Hintergasse sprachen, di« Gicht sei ihr aus den Kops geschlagen, in Wahrheit hatte Freund Hein mit der Hippe gewinkt. Als sie aus tiefer Ohnmacht erwachte, war ihre linke Seite gelähmt. Der Medizinalrat, gleich herbeigerufen, befahl die größte Ruhe an. Daß das Karlchen sie nicht störe, bettete man sie in der Hinterstube, wo sie nun schmerzlos und fried- sam lag. Nachts pflegte sie eine barmherzige Schwester; am Tag stand ihr Lene Launsbach bei. Diese mußte ohnehin die Fabrik versäumen, weil tws Kind jetzt ihrer Wartung bedurfte. .......
Eben hatte sie der Kranken eine kräftige Fleischbrühe eingeflöht. Danach, wurde die alte gesprächig wie in gesunden Tagen.
„Ja, Lene, 's ist nix mehr mit mir."
„Sprechen Sie nicht so, Frau Velloff, das gibt sich wieder." „Glaubst du's? Ich glaub's nicht."
„'s ist nicht aus mir, daß ich's jag’."
„Der Medizinalrat?"
„Jawohl."
„Ach der!"
„Weswegen hat er dann die Arznei verschrieben? Di« hilft."
„Närrchen! Die hilft gewiß. Wann nicht mir, so dem Apotheker, 's ist nix mehr, Lene. Und was ist dabei? Den Weg müssen wir all' gehn. Ich hab' nun die Jahre. Wann man zu nix mehr nutz ist auf der Welt und andern zur Last fallen soll, macht man sich am besten fort. Guck, Lene, ich hab' mich mein Leben lang abrackern müssen. Und beklag' mich nicht. Die sich gegen das Arbeiten auflehnen, das ist Pack. Freilich, daß die armen Leut' dünne Suppen kochen, ist schlimm, 's wird jetzt noch soviel lawerieri, vielleicht, daß es doch einmal anders wird. Hätt's gern noch erlebt. No ich denk', droben wird man's auch gewahr. Dann ich glaub' an das Himmelreich. Und horch! Weil ich nicht allen Adjes sagen kann, soll auf meinem Grabstein stehn: .Wiedersehn ist meine Hoffnung/"
„Frau Belloff," fiel ihr Lene ins Wort, „Sie tun sich mit dem Sprechen zu viel. Das hat ja all' noch Zeit."
„Laß mich", wehrte die Alte ab. ,,Eh' ich's vergess', drüben in bet Kommod', weißt, wo mein« guten Schürzen liegen, steckt ein Zettel. Und ist alles ausgeschrieben. Das Mehrste kriegt mein Schwesterkind in Volkhartshain. Das versteht sich von selbst. Aber du kriegst auch dein Teil und das Karlchen extra. Ja, das wär's. Jetzt ist mir leicht. No, mein' ich, ich könnt' ein Nickerchen machen."
„Ja, Frau Belloff, das stärkt."
Lene brachte die Kranke in eine bequemere Lage. Sief« lächelte ihr dankbar zu und schloß die Augen. —
In der Vorderstube sah das Karlchen in seinem Bettchen und spielte mit einem Hampelmann. Lene begab sich hinüber.
Ihre Augen blickten kummervoll, und das Jauchzen des Bübchens stimmt« sie nicht heiter wie sonst. Der Medizinalrat hatte es klipp und klar gesagt, mit der Bellossen ging's zu Ende. Es tat ihr herzinnig leid um die Alte. Da konnte man lang suchen, bis man soviel Bravheit wie- dersand. Nie würde sie vergessen, was die Gute an ihr getan. Wie sollte es nun werden? Sie muhte bei Zeit Umschau halten, wem sie das Karlchen in Pflege gab. Si« zerbrach sich den Kopf und wußte niemand. Wenn sie sich mit ihrer Arbeitskollegin, der Neideln, zusammentat? Die hatte zur Beaufsichtigung der Kinder ihre Gote ins Haus genommen. Der Plan war nicht schlecht. Und doch stellte sich ein Bedenken entgegen. Der Neideln ging die Arbeit an der Strickmaschine schwer von der Hand. Dabei war sie auf den Pfennig versessen wie der Teufel auf eine arme Seele und sah's mit ersichtlichem Neid, daß die Kameradin zwei, auch drei Mark mehr verdiente. Darauf fußend, würde sie sicher ein hohes Kostgeld verlangen. Das konnte und wollte Lene nicht geben. So gering ihr Wochenlohn auch war, befolgte sie doch den Grundsatz, vorsorglich an allerlei Zufälle denkend, einen Teil des Verdienstes zurück^ulegen. Gerade in den letzten Wochen hatte sie's mit Anspannung aller Kräfte auf rund dreizehn Mark gebracht. Da war die Kienholzen mit frechen Reden gekommen. Die Lene habe es wahrhaftig nicht nötig, soviel Geld zusammenzuschrappen. Der Herr Vollhardt bezahle den Laufdienst so gut, daß sie allein davon leben könne. Noch dazu sei der Herr Vollhardt ein schöner Mann, dem man gern zu Gefallen gehe. Die Lene tue so unschuldig und habe es faustdick hinter den Ohren.
Sie war blaß und rot geworden. Mochte das böse Weibsstück sie verlästern, das berührt« sie nicht; aber auf dem Lehrer ließ sie nichts sitzen. Und sie redete sich in die Hitze, daß sie alle merken mußten, wie gut sie dem Herrn Vollhardt war. Seitdem er sich ihrer angenommen, hatte sie einen neuen Menschen angezogen. Di« Wolkenwand, die hinter ihr stand, war kleiner und kleiner geworden, und eines Tages, das fühlte sie, würde sie ganz verschwunden sein. Ein Lebensmut trug sie empor, der ihre Arbeitslust verdoppelte und all die trüben Gedanken verscheuchte, die sie sonst beunruhigt hatten. Das dankte sie dem einzigen Mann. Manchmal dünkte ihr, sie sei jetzt erst zu Verstand gekommen. Waren di- Vortragsabende daran schuld oder die Bucher, die er ihr gab? s wat ihr selber spaßig, daß sie darüber simuliert«. Am liebsten war ihr, gestand sie sich heimlich, wenn er in feinem Arbeitsstübchen mit ihr fprad). -Ba floß es ihm nur so aus dem Mund. Und hatte alles Hand und Fuß. Und war nichts zu gering, daß er doch etwas daraus zu machen wußte. Und seine Gucker leuchteten akkurat wie zwei Sterne, daß sie immerfort hm- einschauen mußte. Und ward ihr wohl und warm. Freilich war sie vernünftig genug, sich nichts in den Kopf zu setzen. Der Herr Vollhardt staM so hoch,' just wie der Pfarrer auf der Kanzel. Und sie begehrte niaji mehr, als um ihn zu fein und sich an seinem Wort zu erbauen.
Früher als sonst war es dunkel geworden. Schwere Tropfen fchiuge» an die Scheiben, und der Nordwind trieb sein Spiel. Lene sah nach oer Kranken, die geräuschvoll atmend schlief. ,
Eben war sie in die Vorderstube zurückgekehrt, als es an die -uire klopfte. . .
„Herein!" rief sie, nicht anders glaubend, es [ei der Medizinalrat, oet um diese Stunde zu kommen pflegte. Ein Mann trat herein, den sie im Zwielicht nicht gleich erkannte. Das Wasser troff von seinen Kleidern- Den Hut hielt er bescheiden in der Hand.
„Guten Abend!" bot er die Zeit. ..
Beim Klang der Stimme befiel Lene ein jäher Schreck, unö am» Blut strömte ihr nach dem Herzen. Ms müsse sie ihr Kind beschütze, nahm sie vor dem Bettchen Stellung.
„Schollas!" stieß sie angstvoll hervor. „Was willst du?" .
„Du brauchst nicht zu erschrecken, Lene," sagte der Schreiber in kläglichem Ton. „Bin ein geschlagener Mann. Sjab’ alles verloren, mein Brot, meine Ehr'. Und geh' in den Tod."
(Schluß folgt.)
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Dlniversitäts-Buch-- und Steindruckerei, D. Lange, Gießen.


