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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang l929 Zreitag, den ZH.Mai Nummer 39
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Der Becher.
Von Friedrich Hebbel.
Von einem Wunderbecher hab' ich mit Angst geträumt, woraus dem durft'gen Zecher die höchste Fülle schäumt. Draus sollt' ich alles trinken, was Erd' und Himmel bot, doch mußt' ich dann versinken in einem ew'gen Tod.
Mit Wonne und mit Grausen hielt ich ihn in der Hand, ein wundersames Brausen in seinem Kelch entstand; es flog an mir vorüber die Welt in Nacht und Glanz, wie regellos im Fieber verworrner Bilder Tanz.
Und als ich länger blickte, bis auf den Grund hinein, wie Blitzesflamme zückte mir's da durch Mark und Bein, und, gänzlich drin versunken, ward mir zuletzt zu Sinn, als hätt' ich schon getrunken und schwände nun dahin.
Der alte Knecht.
Eine Anekdote von Wilhelm Schäfer.
An einem Abend im Herbst kommt in die Wirtschaft zum „Strauß" in Biberach der alte Musiker Knecht, seinen Schoppen zu trinken. Er hängt den nassen Hut an den Haken und schüttelt den Mantel ab; denn der Tag ist in Regen vergangen, und rotgeränderte Wolken haben dem kommenden Morgen auch wieder Regen geweissagt. Die Wirtin hat eben das Messinglämpchen neben der Theke und die Kerze auf dem runden Tisch angesteckt, daran einige Bürger mit ihren Gläsern und Pfeifen im Flackerlicht sitzen, über das Wetter und über den ewigen Krieg, über den neuen Kometen, die schlechten Geschäfte und teueren Zeiten wichtige Worte zu sagen. Wie der alte Knecht sich nach seiner Gewohnheit schweigend zu ihnen setzt, will der Schönfärber Krall die große goldene Denkmünze sehen, die ihm die bayrische Königin für sein Gesangbuch gesandt hat.
„Seid doch, Herr Nachbar," sagt der spöttische Schmerbauch und legt die Färberhände breit auf den Tisch, „seid doch nicht solch ein Drache mit Cuerm Ruhm! Gönnt uns auch einmal den Anblick, und ob die Denkmünze wirklich zwanzig Dukaten schwer ist!"
Denn der alte Knecht ist Hoskapellmeister in Stuttgart gewesen, ehe er wieder Musiklehrer in Biberach wurde; und der hier mit den Handwerkern schöppelt, als wäre er ihresgleichen, hat nicht weniger Fleiß und Liebe an seine Dinge gesetzt, als andere auch; und wenn das Kerzenlicht all seiner Singspiele, Arien und Serenaden an der Sonne Mozarts verblaßt ist, so kennen doch manche im Reich, das weih er genau und hält sich daran, seinen Namen. Er kann wohl späßeln und schöppeln. mit diesen Männnern, ober sich brüsten vor ihnen oder sich sonst gemein machen, mag er nicht.
„Das ist mein Ding!" wehrt er freundlich ab. „Meine Dinge sind anders als eure!" Und spricht von dem leeren Storchennest am weißen Turm, und daß dreiste Burschen einen Kürbis hineingelegt haben. So rasch will indes der Schönfärber den Abschlag nicht hinnehmen. „Der Kürbis ist recht," sagt er beiläufig, „da kommen vielleicht nächstes Jahr jung« Plattköpfe aus, weil die alten in Biberach rar werden!" Er meint den Knecht, der einen weihen Glatzkopf hat, und sieht mit listigen Augen rundum, ob die anderen seine Bosheit verstehen und lachen. Die aber schweigen im Qualm ihrer Pfeifen; nur der flinke Wirt, der nach ihrer Sitte dabeisitzt, will nun auch die große Denkmünze sehen, davon seine 6mu durch die ganze Stadt spräche.
Cs ist aber die Frau des Musikers Justin Heinrich Knecht anders als er; wie sie seins gebeugt« Gestalt überragt, wenn sie zusammen über die Marktstätte schreiten, trägt sie auch sonst den Kopf steif, wo er ihn demütig neigt. Darum, als sie nichts gegen den lächelnden Alten net> mögen, gehen der Wirt und der Schönfärber unbeachtet hinaus, durch eine List zu erreichen, was ihrer Neugier, wie sie meinen, der alte Knecht vur aus Bescheidenheit hartnäckig verwehrt. Indessen er ahnungslos von dem Storchennest spricht, und daß man den Burschen das Fell geroen muffe, weil sie die Störche vertrieben, laufen die beiden Schälke im Dunkeln die Gasse hinauf und klopfen der Frau an die Tür. Die hat
bei ihren Katzen gesessen, weil sie kinderlos ist und fragt erst lange durchs Fenster, ehe sie mit einer Kerze die Treppe herabkommt, sich selber schön zu beleuchten, indem sie die Hand gegen den Wind vor das Licht hält.
„Euer Mann schickt uns, die große Denkmünze zu holen!", beginnt der Wirt, und der Schönfärber setzt listig hinzu, als sie zögernd die Tür zur unteren Stufe aufmacht: „Da doch die ganze Stadt davon spricht!" Weil die Frau die beiden als ehrliche Bürger kennt, auch über die neue Ausbreitung ihrer Berühmtheit nicht unerfreut ist, schließt sie den Sekretär auf und nimmt die Denkmünze heraus, die wie ein goldenes Tellerchen groß ist, legt auch die andere noch auf den Tisch, die von Schweden, und was sie sonst hat an kleinen Münzen.
Als die beiden Schälke mit Ah und Oh genug gestaunt haben, will die Frau Katherina nicht, daß sie die Münzen etwa in ihren Taschen forttragen, ober gar mit feuchten Händen anfassen. Sie wickelt eine jede in Seidenpapier und holt ihr Potpourri her, darin sie Lavendel und Rosmarin hat, und senkt die Münzen hinein.
„Laßt mir den Topf nur nicht fallen!" sagt sie noch, als sie die Schälks entläßt, von denen der Schönfärber das Porzellangefäß trägt und der Wirt höflich die Haustür zumacht.
Unterdessen die beiden in die Wirtsstube zum „Strauß" zurückkommen, ist der alte Knecht gerade beiseitegegangen. So sieht er die Hinterlist erst, als der Schönfärber den Deckel schon abgehoben hat und die Münzen auswickeln will. Er hat den Unrat draußen gewittert; wie seine Augen die Dreistigkeit sehen, werden sie starr gleich Glas. Erst will er an den Tisch springen, ihnen zu entreißen, was sein gehütetes Eigentum war; da ist die große Denkmünze schon in den Händen der Männer, die staunend ihr Gold befühlen: die Bitterkeit macht ihn so schwach, daß er still die Tür öffnet und, den andern wie eine Erscheinung, wieder hinaus- geht.
Erst haben sie den Alten am Tisch mit Hallo begrüßen und sich der Ueberlistung rühmen wollen; als sie sein blasses Gesicht sehen und den Schreckensblick seiner Augen, bleiben sie still; und wie er so wortlos hinausgegangen ist, hält der Färber wohl noch dis bayrische Denkmünze gegen das Kerzenlicht, aber nicht einer mehr sieht sie noch ungestört an. Als wären sie Diebe und hätten gestohlenes Gut auf dem Tisch, lassen sie ab von den Münzen und hören nicht mehr auf den Schmerbauch, der fein verlorenes Spiel noch mit Spott retten will, bis er das goldene Ding hart auf den Tisch wirft. „Hängt mich doch gleich an den Galgen!" sagt er zornig, läßt den Porzellantopf auf dem Tisch stehen, rafft seine Kappe vom Nagel und stapft mißmutig ab.
„Wir müssen ihm gleich das Ding roieberbringen!" mahnt der Wirt, den der mißlungene Streich am meisten verdrießt, weil der alte Knecht sein täglicher Gast ist. Die andern indessen rauchen nur ihre Pfeifen, lassen ihn die Münzen «inwickeln und in den Topf tun, mit dem er zuletzt wie gescholten abgeht.
Draußen ist dunkle Nässe, aber im trüben Licht der Wirtshauslaterne erkennt er den alten Knecht, der ohne Hut und Mantel dasteht und wartet. Sein weißer Glatzkopf sieht wirklich wie ein Kürbis aus; und als der Wirt auf ihn zugeht, weicht er zuerst erschrocken zurück und hebt die wehrenden Handflächen auf, als wolle er das feine nicht wiederhaben. Denn während den Männern von Biberach drinnen am Tisch die Beschämung geschah, hat der Musiker Justin Heinrich Knecht draußen im Regen den Beschluß feines Schicksals erfahren. Daß die Denkmünzen nur das goldene Siegel auf feine Erfolglosigkeit sind, weiß er lange. Seitdem sie feine Oper in Stuttgart begruben und ihn nach Biberach zurllck- kehren hießen wie einen entlassenen Diener, find feine Träume begraben. Um kärglichen Lohn hier im Oberland den Musikmeister spielen und für den Haushalt feiner großartigen Frau Stunden geben, ist das Los seines Alters, dem keine Hoffnung mehr blüht. Nicht ihn zu ehren, nur Dienste, wie das Gefangbuch, zu bezahlen, kamen die Denkmünzen in fein Haus; er aber hat sie empfangen, als wäre damit feine Kunst anerkannt; er hat sie heimlich gehalten für feinen Stolz, die Demütigung zu ertragen: nun gesteht er sich selber, daß es die letzte Selbsttäuschung war.
Als wäre das Bittersalz seiner Erkenntnis darin, nimmt er das blinkende Porzellan mit beiden Händen vom Wirt entgegen, der es ihm auch so überreicht; und es sieht aus wie eine feierliche Handlung. Aber der Wirt ist froh, das Aergernis so rasch loszuwerden; er findet keines feiner gewohnten Worte für den Augenblick passend und geht hastig hinein. So bleibt der alte Knecht in der dunklen Nässe zurück, und die Wirtshauslaterne beleuchtet den Topf in feinen Händen, den er nun wieder nach Haufe tragen soll.
Er fühlt gleich, daß er dies nicht vermag, steht noch eine trübe Verlassenheit da, und als seine Füße von selber beginnen, führt der Weg, den sie schreiten, aus der Enge der Häuser hinaus vor ein Gittertor. Der alte Knecht weiß nicht, was er da sucht bei den Toten; und wie er die Grabsteine aus der Nacht schimmern sieht, hängt sich das Grauen an seine Schritte. Er will fort aus dem Geben, das ihn so grausam gede- mütigt hat; und wenn er eine Pistole in den Händen trüge, wüßte er


