!« die Hand — offenbar mit der schwierigen Frage beschäftigt, was eigentlich los ist. —
Schon im Laufe des 15. Jahrhunderts, und erst recht cm der Wend« des 15. zum 16., fand das alles mit Altdorfer, Dürer, Grünewa ld niehr oder weniger ein Ende. Die Darstellungen der Shristgeburt werden kultivierter, wenn man will: „künstlerischer". Aber die primitive Kunst, die Anfänge bildnerischen Gestaltens eines Volkes, werden immer die Quellen und Wurzeln bleiben, die irgendwie noch alles später Keimende und Reifende befruchten — oder überhaupt erst ermöglichen.
Nußknacker und Mausekönig.
Ein Märchen von E. T. A. H o f f m a n n.
lFortietzung.»
Das war ihr denn aber wohl klar, daß sie, um den Nußknacker zu retten, Zuckererbsen und Marzipan hergeben müsse. Soviel sie davon besah, legte sie daher den andern Abend hin vor die Leiste des Schranks. — Am Morgen sagte die Medizinalrätin: „Ich weiß nicht, woher die Mäuse mit einemmal in unser Wohnzimmer kommen: sieh nur, arme Marie, sie haben dir all dein Zuckerwerk aufgefressen." Wirklich war es so. Den gefüllten Marzipan hatte der gefräßige Mausekönig nicht nach seinem Geschmack gefunden, aber mit scharfen Zähnen benagt, so daß er weggeworfen werden mußte. Marie machte sich gar nichts mehr aus dem Zuckerwerk, sondern war vielmehr im Innersten erfreut, da sie ihren Nußknacker gerettet glaubte. Doch wie ward ihr, als in der folgenden Nacht es dicht an ihren Ohren pfiff und quiekte! Ach, der Mausekönig war wieder da, und noch abscheulicher wie in der vorigen Nacht funkelten seine Augen, und noch widriger pfiff er zwischen den Zähnen: „Mußt mir deine Zucker- — deine Tragantpuppen geben — klein Ding, sonst zerbeiß' ich deinen Nußknacker!" Und damit sprang der grauliche Mausekonig wieder fort.
Marie war sehr betrübt. Sie ging den andern Morgen an den Schrank und sah mit den wehmütigsten Blicken ihre Zucker- und Tragantpüppchen an. Aber ihr Schmerz war auch gerecht: denn nicht glauben magst du's, meine aufmerksame Zuhörerin Marie, was für ganz allerliebste Figürchen aus Zucker oder Tragant geformt die kleine Marie Stahlbaum befaß. Mchstdem, daß ein sehr hübscher Schäfer mit seiner Schäferin eine ganze Zierde milchweißer Schäflein weidete und dabei sein munteres Hündchen herumsprang, so traten auch zwei Briefträger mit Briefen in der Hand einher, und vier sehr hübsche Paare, sauber gekleidete Jünglinge mit überaus herrlich geputzten Mädchen, schaukelten sich in einer russischen Schaukel. Hinter einigen Tänzern stand noch der Pachter Feldkümmel mit der Jungfrau von Orleans, aus denen sich Marie nicht viel machte; aber ganz im Winkelchen stand ein rotbäckiges Kindlein, Mariens Liebling. Die Tränen stürzten der kleinen Marie aus den Augen. „Ach," rief sie, sich zu dem Nußknacker wendend, „lieber Herr Drosselmeier, was will ich nicht alles tun, um Sie zu retten; aber es ist doch sehr hart!" — Nußknacker sah indessen so weinerlich aus, daß Marie, da es überdem ihr war, als sähe sie Mausekönigs sieben Rachen geöffnet, den unglücklichen Jüngling zu verschlingen, alles aufzuopfern beschloß. Alle Zuckerpüppchen setzte sie daher abends, wie zuvor das Zuckerwert, an die Leiste des Schranks. Sie küßte den Schäfer, die Schäferin, die Lämmerchen, und holte auch zuletzt ihren Liebling, das kleine rotbäckige Kindlein von Tragant, aus dem Winkel, welches sie jedoch ganz hinterwärts stellte. Pachter Feldkümmel und die Jungfrau von Orleans mußten in die erste Reihe.
„Nein, das ist zu arg", rief die Medizinalrätin am andern Morgen. „Es muß durchaus eine große garstige Maus in dem Glasfchrank hausen; denn alle schönen Zuckerpüppchen der armen Marie sind zernagt und zerbissen." Marie konnte sich zwar der Tränen nicht enthalten; sie lächelte aber doch bald wieder; denn sie dachte: „Was tut's, ist doch Nußknacker gerettet!"
Der Medizinalrat sagte am Abend, als die Mutter dem Obergerichtsrat von dem Unfug erzählte, den eine Maus im Glasschrank der Kinder treibe: „Es ist doch aber abscheulich, daß wir die fatale Maus nicht vertilgen können, die im Glasschrank so ihr Wesen treibt und der armen Marie alles Zuckerwerk wegfrißt!" — „Ei", fiel Fritz ganz luftig ein, „der Bäcker unten hat einen ganz vortrefflichen Legationsrat; den will ich heraufholen. Er wird dem Dinge bald ein Ende machen und der Maus den Kopf abbeißen, ist sie auch die Frau Mauserinks selbst ober ihr Sohn, der Mausekönig." — „Und", fuhr die Medizinalrätin lachend fort, „auf Stühlen und Tischen herumsprinqen und Gläser und Tassen herabwerfen und taufend andern Schaden anrichten." — „Ach, nein doch!" erwiderte Fritz. „Bäckers Legationsrat ist ein geschickter Mann; ich möchte nur so zierlich auf dem spitzen Dach gehen können wie er!" „Nur keinen Kater zur Nachtzeit!" bat Luise, die keine Katzen leiden konnte. „Eigentlich", sprach der Medizinalrat, „hat Fritz recht; indessen können wir ja auch eine Falle aufstellen; haben wir benn keine?" — „Die kann uns Pate Drosselmeier am besten machen, der Hai sie ja erfunden!" rief Fritz. Alle lachten, und auf die Versicherung der Medizinalrätin, daß keine Falle im Hause sei, verkündete der Obergerichtsrat, daß er mehrere dergleichen besitze, und ließ wirklich zur Stunde eine ganz vortreffliche Mausefalle vom Hause herbeiholen.
Dem Fritz und der Marie ging nun des Paten Märchen von der harten Nuß ganz lebendig auf. Als die Köchin den Speck röstete, zitterte und bebte Marie und sprach, ganz erfüllt von dem Märchen und den Wunderdingen darin, zur wohlbekannten Dore: „Ach, Frau Königin, hüten Sie sich doch nur vor der Frau Mauserinks und ihrer Familie!" Fritz hatte aber feinen Säbel gezogen und sprach: „Ja, die sollten nur kommen, denen wollt' ich eins auswischen." Es blieb aber alles unter und auf dem Herde ruhig. Als nun der Obergerichtsrat den Speck an ein feines Fädchen band und leise, leise die Falle an den Glasschrank fetzte, da rief Fritz: „Nimm dich in acht, Pate Uhrmacher, daß dir Mausekönig keinen Possen spielt!"
Ach, wie ging es der armen Marie kn der folgenden Nacht! Eiskalt tupfte es auf ihrem Arm hin und her und rauh und ekelhaft legte es sich an ihre Wange und piepte und quiekte ihr ins Ohr. Der abscheuliche Mauskönig saß auf ihrer Schulter, und blutrot geiferte er aus den sieben geöffneten Rachen, und mit den Zähnen knatternd und knirschend, zischte er der vor Grauen und Schreck erstarrten Marie ins Ohr: „Zisch aus — Zisch aus! — geh nicht ins Haus — geh nicht zum Schmaus — werd' nicht gefangen! — Zisch aus! — gib heraus, gib heraus — deine Bilderbücher all, dein Kleidchen dazu — sonst hast keine Ruh'. — Magst's nur wissen — Nußknackerlein wirft sonst missen — der wird zerbissen — hi hi — pi pi — quiek quiek!" — Nun war Marie voll Jammer und Betrübnis; sie sah ganz blaß und verstört aus, als die Mutter am andern Morgen sagte: „Die böse Maus hat sich noch nicht gefangen", so daß die Mutter in dem Glauben, daß Marie um ihr Zuckerwerk traure und sich überdem vor der Maus fürchte, hinzufügte: „Aber fei nur ruhig, liebes Kind; die böse Maus wollen wir schon vertreiben. Helfen die Fallen nichts, so soll Fritz seinen grauen Legationsrat herbeibringen."
Kaum befand sich Marie im Wohnzimmer allein, als sie vor den Glasfchrank trat und schluchzend also zum Nußknacker sprach: „Ach, mein lieber guter Herr Drosselmeier, was kann ich armes unglückliches Mädchen für Sie tun? — Gab' ich nun auch alle meine Bilderbücher, ja selbst mein schönes neues Kleidchen, das mir der heilige Christ einbeschert hat, dem abscheulichen Mausekönig zum Zerbeißen her, wird er denn nicht doch noch immer mehr verlangen, fo daß ich zuletzt nichts mehr haben werde, und er gar mich selbst statt Ihrer zerbeißen wollen wird? O ich armes Kind, was soll ich denn nun tun?"
Als die kleine Marie so jammerte und klagte, bemerkte sie, daß dem Nußknacker von jener Nacht her ein großer Blutfleck am Halse sitzen geblieben war. Seit der Zeit, daß Marie wußte, wie ihr Nußknacker eigentlich der junge Drosselmeier, des Obergerichtsrats Neffe, fei, trug sie ihn nicht mehr auf dem Arm und herzte und küßte ihn nicht mehr; ja sie mochte ihn aus einer gewissen Scheu gar nicht einmal viel anrühren. Jetzt nahm sie ihn aber behutsam aus dem Fach und fing an, den Blutfleck am Halse mit ihrem Schnupftuch abzureiben. Aber wie ward ihr, als sie plötzlich fühlte, daß Nußknackerlein in ihrer Hand erwärmte und sich zu regen begann. Schnell setzte sie ihn wieder ins Fach; da wackelte bas Münbchen hin unb her, und mühsam lispelte Nußknackerlein: „Ach, werteste Demoiselle Stahlbaum — vortreffliche Freundin — was verdanke ich Ihnen alles! — Nein, kein Bilderbuch, kein Chriftkleidchen sollen Sie für "mich opfern — schaffen Sie nur ein Schwert — ein Schwert! — für bas übrige will ich sorgen, mag er ..." Hier ging dem Nußknacker die Sprache aus, unb seine erst zum Ausbruck ber innigsten Wehmut beseelten Augen würben wieder starr unb leblos.
Marie empfand gar kein Granen, vielmehr hüpfte sie vor Freuden, da sie nun ein Mittel wußte, den Nußknacker ohne weitere schmerzhafte Aufopferungen zu retten. Aber wo nun ein Schwert für den Kleinen hernehmen?— Marie beschloß, Fritzen zu Rate zu ziehen und erzählte ihm abends, als sie, da die Eltern ausgegangen, einsam in der Wohnstube am Glasschrank saßen, alles, was ihr mit dein Nußknacker und dein Maufe- könig widerfahren, unb worauf es nun ankomme, den Nußknacker zu retten, lieber nichts wurde Fritz nachdenklicher als darüber, baß sich nach Mariens Bericht seine Husaren in ber Schlacht so schlecht benommen haben sollten. Er fragte noch einmal sehr ernst, ob es sich wirklich so verhalle, und nachbem es Marie auf ihr Wort versichert, so ging Fritz schnell nach bem Glasschrank, hielt seinen Husaren eine pathetische Rede unb schnitt bann zur Strafe ihrer Selbstsucht unb Feigheit einem nach bem anbern bas Felbzeichen von ber Mütze und untersagte ihnen auch, binnen einem Jahr de» Gardehusarenmarsch zu blasen. Nachbem er fein Strafamt vollendet, wandte er sich wieder zu Marien, sprechend: „Was den Säbel betrifft, so kann ich dem Nußknacker helfen, da ich einen alten Oberst von den Kürassiers gestern mit Pension in Ruhestand versetzt hübe, ber folglich seinen schönen scharfen Säbel nicht mehr braucht." Besagter Oberst verzehrte die ihm von Fritzen angewiesene Pension in der hintersten Ecke des dritten Faches. Dort wurde er hervorgeholt, ihm der in ber Tat schmucke silberne Säbel abgenommen unb dem Nußknacker umgehängt.
Vor bangem Grauen konnte Marie in der folgenden Nacht nicht einschlafen; es war ihr um Mitternacht so, als höre sie im Wohnzimmer ein seltsames Rumoren, Klirren und Rauschen. — Mit eineinmal ging es: Ouiek! — „Der Mausekönig! Der Mausekönig!" rief Marie und sprang voll Entsetzen aus dem Veite. Alles blieb still; aber bald klopfte es leise, leise an die Tür unb ein feines Sümmchen ließ sich vernehmen: „Allerbeste Demoiselle Stahlbaum — machen Sie nur getrost auf! — gute fröhliche Botschaft!" Marie erkannte die Stimme des jungen Drosselmeier, warf ihr Röckchen über unb öffnete flugs bic Tür. Nußknackerlein stand draußen, das blutige Schwert in ber rechten, ein Wachslichtchen in ber linken Hanb. Sowie er Marien erblickte, ließ er sich auf ein Knie nleber unb sprach also: „Ihr, o Same, seid es allein, bie mich mit Ritiermut stählte unb meinem Arme Kraft gab, den Uebermütigen zu bekämpfen, ber es wagte, Euch zu höhnen. Ueberrounben liegt ber verräterische Mausekönig unb wälzt sich in seinem Blute. Wollet, o Same, bie Zeichen des Sieges aus der Hand Eures Euch bis in den Tob ergebenen Ritters anzunehmen nicht verschmähen!" Somit streifte Nußknackerchen bie sieben goldenen Kronen des Mausekönigs, bie er auf den Unten Arm heraufgestreift hatte, sehr geschickt herunter unb überreichte sie Marien, welche sie voller Freude annahm. Nußknacker stand auf unb fuhr also fort: „Ach, meine allerbeste Demoiselle Stahlbaum! was könnte ich in diesem Augenblicke, da ich meinen Feind überwunden. Sie für herrliche Dinge schauen lassen, wenn Sie bie Gewogenheit hätten, mir nur ein paar Schrittchen zu folgen! — O tun Sie es — tun Sie es, beste Demoiselle!"
(Fortsetzung folgt.)
Verantwortlich: Dr. Hans Thhrivt. — Druck und Verlag: Vrühl'sche Aniversitäts-Büch»- und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.


