„Eidechsenschuhe und Männerstiefel", dachte er, Benn er fjuriie ft<5 immerhin zur Froschperspektive verurteilt, »das eine ist natürlich Marias und den Herrn werde ich auch noch herausfinden." Aber er merkte sehr schnell, daß es Brodersen war.
„Wie seltsam," sagte alsbald das junge Mädchen, »ich glaubte doch, Timm sei hier!"
„Lassen wir den Jungen einmal frei herumspazmren," antwortete eine tiefe, etwas rauhe Stimme. „Muh denn Timm immer dabei sein? Timm ist vorzüglich, aber er nimmt Menschen und Göttern die Unbefangenheit."
„Gr stellt etwas an," murmelte Maria, „ich kenne ihn. ohnenift es natürlich gleichgültig, wenn er sich plötzlich vom Ofen herabläht und mich zu Tode erschreckt."
„Aber Maria!" rief jetzt der Besucher. „Wann wäre mir je Ihre Person gleichgültig gewesen! Und Sie können beruhigt sein — er befindet sich anderswo — auf dem Ofen ist nur — Staub!"
„So — ich weiß wirklich nicht, wie das gemeint ist...“ Die Stimme des jungen Mädchens klang eigentümlich dünn, und Herr Brodersen fragte sich, ob ihre Hausfrauenehre gekränkt sei, oder weil er so ohne weiteres Maria gesagt hatte. Natürlich lag aus dem Ofen Staub — was sollte sonst dort liegen? Immerhin — er glaubte, daß hier etwas gntzimiachen sei, und bemerkte, vom Dämon verführt:
„Bei uns zuhause fanden wir einmal auf dem Ofen tote junge 'Mäuse — sieben Stück."
Jetzt schien die Gesprächspartnerin wirklich verstimmt zu sein: der Besuch sah es mit Schrecken.
„Ich weih nicht, Herr Drodersen, was Sie unter einem Weihnachtsgespräch verstehen: tote Mäuse sollten überhaupt nicht erwähnt werden, kaum lebendige. Aber wir können uns ja setzen, vielleicht tut uns das beiden wohl. Sie waren gestern verreist, ja? Unverheiratete junge Herren verreisen wohl gerne in den Weihnachtstagen?"
Herr Brodersen war nicht verreist gewesen. Er hatte zuhause gehockt, wie er erklärte, und dies gab ihm den Anlah, sein Heim zu beschreiben. Es war eine Schilderung, die gänzlich jene heitere Auffassung vermissen ließ, mit der er sonst sein möbliertes Zimmer zu betrachten pflegte. Maria erhielt den Eindruck, daß er in einer Art leerer Sardinenbüchse nächtige. Er betonte die seelische Oede, die verruchte Unpersönlichkeit dieses Gelasses und äußerte sich lieblos über die Verwandtenbilder seiner Wirtin an den Wänden. Auch gestern habe er — kurz, er sei gegen neun Uhr noch ausgegangen und sozusagen umhergeirrt. Wohin — nun, überall hin. Auch durch die Straße, wo Marias Papa wohne, sei er zufällig gekommen; man streife eben durch viele Straßen in solchem Zustande — äußerst gleichgültige, aber auch sympathische, mit denen irgendwie angenehme Erinnerungen verbunden seien.
„Ja," sagte Maria und lächelte, „angenehme Erinnerungen tun viel. Ich denke auch zuweilen noch an den Kohlenplatz, auf dem ich Schlittschuhlaufen lernte. Und wo man einen anderen Menschen, den man liebt, zum erstenmal getroffen hat, das vergißt sich nicht."
„Dies ist ein ganz verbautes Zimmer," bemerkte Herr Drodersen etwas unvermittelt, „und doch — wie reizend sitzt es sich hier! Sch sage verbaut, weil ich Architekt bin. Habe ich in diesem Raume nicht meinen Antrittsbesuch gemacht?"
Maria antwortete nicht, sondern sah in die Weihnachtstanne, ldie dastand wie ein Wald und mit ollen Westen prangte, als sei fie der Himmelsbaum, an dem Planeten als Lichter flammten. Eine groye und modernde Stille entstand: jetzt mußte etwas geschehen oder der häuserbauende Brodersen konnte seinen Hut aufsetzen und in die Sphäre der unmöglichen Menschen entweichen. Wußte er es nicht selber? Er sah so aus und ahnte, daß alle seine männlichen Eigenschaften ihm nichts helfen würden, wenn er in dieser Stunde nicht die unbegreifliche Furcht überwände, die ihn stets vor Maria ver- stummen ließ. Er dachte: „So irrt man durch die Wildnis und ist ein großer Esel, der sich in den Dornen verstrickt hat. Und den einen Weg, der einen herausführte, wagt man nicht zu gehen, aus Angst, daß dann alles verloren ist. Ach Maria..." ,
Aber Maria beobachtete jetzt ein wahrhaft teuflisches Schweigen. Sie hatte ihnt, wie sie meinte, die Wege hinreichend geebnet, und so gut sie ihn verstand, so wenig wußte sie von der Art gerade emes tüchtigen Mannes: sich vor der geliebten Frau unwert zu fühlen. Sie lächelte und schien dem Weinen nahe.
Dies war der Augenblick, wo die Stimme eines Unsichtbaren die Zeit gekommen fühlte, Schicksal zu spielen. Zum Entsetzen der beiden Wanderer auf Liebespfaden erklang es aus der Dunkelheit des
Baumes:
muß sich Ihrer erbarmen!" , , . „
Timm kroch hervor und erblickte ein Paar, das keineswegs über ihn erfreut zu sein schien. Jetzt rief Herr Drodersen:
„Ich glaube, er bringt ims unsere Herzen! — denn der Knabe hielt in der einen Hand etwas, das einem jener weihnachtlichen Kunstgebilde ähnlich sah, wenigstens in der Form.
Allein Timm antwortete mit ernster Stimme: „Euere Herzen siird nur noch eins!", wobei er flüchtig seinen Magen berührte, hoffend, daß damit alles gesagt sei. Und es war auch alles gesagt! DE nun schrie Herr Drodersen: „Dies ist das erlösende Wort! und^uni armte Maria. Sie hatte nichts dagegen, als er sie küßte, und -imm erst recht nicht, denn warum sollten sie es nicht tun? Er hatte sich schon immer gewundert, daß sie es unterließen. Hierauf allerdings wurden sie ganz unsinnig und umarmten auch ihn, ohne auf seine patriarchalische Würde die geringste Rücksicht zu nehmen. Er war froh, daß sie dann beide das Zimmer verließen, vermutlich um in anderen Bezirken des Hauses gleichen ateniraubenden Unfug zu
„Sie haben sich verirrt. Sie hungern. Der würdige Einsiedler erbarmen!" . . . „
^Worauf er sich in den Stuhl setzte, den seine Schwester soeben verlassen hatte, ebenfalls in den Weihnachtsbaum starrte und mit
einem unbegreiflich guten Gewissen das zweite Marzipanherz aufatz. Er wußte nicht genau, ob es von Maria oder Herrn Drodersen stammte, aber darauf kam es ja nun gar nicht mehr an!
Frühe dsrüfche Weihriachisbikder.
Don Walther A p p e l t, Plauen.
Die ältesten deutschen Darstellungen der Christusgeburt sind vo einer oftmals rührenden Primitivität. Aber vielleicht ist gerade das die Voraussetzung für die herzlich frische und gesunde Naivität, mit der Vorgänge und Wiedergabe erfaßt und angefaßt sind. Und so abhängig sie im allermeisten, erklärlicherweise, von italienischen Vorbildern sind, hauptsächlich von Beit frühgotischen Reliefs — so „deutsch" sind sie doch, was ungekünstelte, bisweilen drastische Derbheit des Ausdrucks anbelangt. Dabei soll hier nicht einmal von den Miniaturen und Einblattholzschnitten die Rede sein, die ebenso reich sind an köstlichen Kindlichkeiten wie humorigen Nuancen, die auch auf Frömmere als wir es sind, nicht profan wirken können, weil fie im Rahmen des Ganzen einfach selbstverständlich sind. .
Auch auf den Gemälden, die teilweise stark beschädigt und vielleicht, deshalb kaum allgemein bekannt sind, führt das im Alltag wurzelnde gedankliche Nacherleben zu Einzelheiten, die von den Vorbildern abweichen — und doch eigentlich bas Richtige treffen. Erwähnt sei z. D. die als liegend oder doch ruhend angedeutete Stellung der Mutter, die viel logischer ist als jede andere: Meister Bertram (Anfang des 14. Jahrhunderts), Rheinische Meister. Ein Tiroler Bild, Drixener Schule, gibt sogar inmitten allen Kronen- und sonstigen Zierats ein hübsch buntkariertes Kopfkissen. Daß Maria das Kind in eine Krippe legte, paßte den deutschen Malern jener Zeit offenbar nicht in das Bild, das sie sich von der Szene machten. Allenfalls lassen sie das Kind in einem Korbe liegen, während d;e Krippe den Tieren als Futterbehälter überlassen bleibt. (Lustig ein rheinischer Meister um 1320: Die Krippe, schön rechteckig gemauert — aber perspektivisch falsch gemalt! — hängt aus Raummangel so hoch an der Wand, daß Ochs und Esel auf keine natürliche Weise zum Hinaufreichen gebracht werden könnten. Der Künstler weih sich zu helfen, indem er, seltsam aus der Wand herauswachsend, einfach nur die Köpfe der beiden, dennoch mit sichtlichem Behagen fressenden Tiere hinmalt.) Am Claren-Altar im Kölner Dom liegt das Kind woh, in der Krippe, und zwar in einer phantastisch vornehmen Krippe, die auf edlen Säulen ruht und somit wiederum nichts mit der Krippe der Evangelien zu tun hat — aber die Tiere lassen sich dadurch nicht aus der gewohnten Ordnung bringen. Die räumliche Umgebung des Geschehens, die also zwischen einem tempelhaft idealisierten und dem früh-italienischen „Stall" schwankt, der eigentlich nur ein windgeschütteltes Wetterdach ist, weist im übrigen wenig hervorstechens Eigenes auf. Hierin sind die Vorbilder doch mehr oder weniger kopiert — man tat im Wiedergeben des Raumes noch nicht den forschen Schritt, den man in' der Kennzeichnung der Personen so unbekümmert und vernünftig längst gegangen war: geradezu Menschen aus dem Leben zu malen, und zwar «aus dem deutschen Leben, das den Maler wie den Bildbetrachter umgab und davon sie selber Tei-e waren. Das muh bedeutend dazu Beigetragen haben, den breiten Massen das Evangelium nahezubringen und ihm sein Verstehen wenigstens einigermaßen zu ermöglichen.
Diese innige Maria, die mit runden Wangen und großen Augen mehr fragend und wissend (dies auch auf das Religiöse bezogen), mehr flehend als verheißend auf das Wunder ihres Kindes, ins Geben oder auch aus dem Bilde herausschaut, ist ganz der sanfte Typ der deutsch-mittelalterlichen, sentimentalen und noch recht sehr lebensfremden Jungfrau. Auf Bildern, da Engel, zuweilen noch dazu Heilige auftreten (die meisten bei Bartholomäus Bruyn Ende des 15. Jahrhunderts —, der schon viel umfaffender als vie Dorgänger von italienischem Einflüsse beherrscht ist), scheint sie über diese, in ihrem Zweck und Sinn ihr unerklärlichen Gäste noch viel erstaunter als über alles andere. —
Ein Kapitel für sich ist, wie allerdings auch auf den Christgeburt bildern anderer, bei den frühen Deutschen Josef. Schon oft ist zutreffend die nicht sehr glückliche Rolle erörtert worden, die dieser Vater und auch nicht Vater auf den.Weihnachtsbildern spielt und spielen muß. Aber die deutschen Künstler des 14. und 15. Jahrhunderts, von denen hier die Rede ist, erfüllen das gewisse älnbeteiligtscin Josefs an den Vorgängen der Christnacht mit einem gefunden Humor. Schon in der Charakteristik treiben sie den — „urkundlich" kaum zu rechtfertigenden — großen Altersunterschied zwischen der nndhaften Maria und dem durchaus großväterlichen Josef so weit, daß die ihn nicht nur vollbärtig, sondern noch dazu glatzköpfig ergraut und offen - sichtlich altersmüde malen. Einige lassen ihn die Vorgänge so toenig angehen, daß er die Mutter allein sich um ihr Neugeborenes bemühen läßt und dies durch einen festen Schlaf noch besonders sichtbar mach.. (Hans Multscher: Altar in Sterzing — Strecknitzfahrer-Altar im Lübecker Dom.) Auf dem schon erwähnten Bild des Meisters Bertram (in der Kunsthalle Hamburg) tut er mit Behagen einen guten Schluck aus der riesigen Pilgerflasche: merkwürdiger und luftiger Gegensatz zu den Engeln, die auf dem Dach des „Stalles sitzen oder durch Luken feiner Holzwand langen und andächtig — Weihrauch- süsser schwingen, älnd noch, wo Josef sozusagen für voll genommen wird, wo er neben oder — hinter Maria das Kind betrachten darf, bekommt er meist eine nützliche und notwendige Funktion im improvisierten Haushalt übertragen: entweder muß er zur Aufhellung des Raumes eine Kerze halten (Michel Wohlgemuth in der Zwickauer Marienkirche, Meister der Verherrlichung Mariae) oder, mit und ohne Blasebalg, das Feuer schüren: Wildunger Altar des Conrad von Soest 1404, Lüneburger Goldene Tafel um 1410. Auf vielen Bildern, so dem „Ortenberger Altar", Anfang 15. Jahrhunderts, jetzt im Museum Darmstadt, stützt er sorgenvoll den Kopf


