Ausgabe 
23.12.1929
 
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Jesus, Bittet Rachel ganz demütig, hab "ich dir Weh getan? Mer .er antwortet nicht. Seine Blicke liegen auf der Erde, er geht. Sie schleicht hinter ihm: Jesus, es brannte mich so. dir Weh zu tun und Dein Geheimnis zu wissen. Darf ich deine Hand fassen? Mer er geht, er sieht nicht um, auf keines ihrer Worte antwortet er. Wie ein Schatten ist sie bittend hinter ihm. Da fängt er an zu laufen. Sie weih nicht, warum er das tut und läuft auch. Er läuft, weil ihm die Tränen kommen, und er sich dessen schämt... So entweicht er ihr durch die Heckenpforte ins Haus. Sie steht noch einen Augenblick, dann entbricht es ihr: heulend rennt sie heim zur Mutter, der sie dennoch nicht zu sagen vermag: um was es ist. Daß es um einen großen Verrat ist.

Spät schläft sie ein. Wer sie ist verwandelt von der Stunde an. ^Nachdenklich, verschlossen die vordem helle, singende Rachel: sie fängt an zu blassen nach Tagen. Die Mutter fragt: Bist du krank? Sie schüttelt Len Kopf und kann es nicht offenbaren. Wie sie vordem Jesu gesucht hat, meidet sie ihn jetzt. Ein Schmerz am Herzen möchte sie schreien machen, aber sie frißt es in sich und schweigt. Abermals nach Tagen liegt sie, fällt sie in ein Fieber, in dem das Schmerzen aus ihr bricht. In Worten, die die Mutter gleichwohl nicht versteht. Aber da der Rame Jesus ein paarmal darin wiederkehrt, besinnt sie sich der Gestalt der Maria.

Maria ist die Sonne in Razareth; wo sie hinkommt, werden die Mienen und Augen hell. Frauen tragen ihre Röte und Schmerzen um die Männer, um die Kinder zu ihr. Maria schenkt. Trost an die Frauen und Mädchen, Blumen und Früchte an die Kinder. Die Un- geschickten lehrt sie, Menschen zu behandeln, Blumen zu pflegen, still zu sein und zu schweigen, leise zu singen und in das Flüstern der Frühlings- und Sommerabende zu lauschen. Zu Maria also kommt Der Rachel Mutter, ihr zu klagen: aber da Jesus mit in der Stube ist, winkt sie Maria heimlich hinaus. Als die beiden Frauen draußen sind, starrt Jesus mit großem 2kug auf die Tür dann geht es groß auf vor seinem inneren Blick, und es weiß alles: Rachel ist krank, liegt im Fieber und nennt manchmal seinen Ramen. Er tritt an die Tür und hört: Maria solle hinkommen und mit dem Kinde reden, in einer Stunde, da es außer dem Fieber ist. Ein Funke ist in sein Herz gefallen. Er denkt: an den zwei Frauen vorbeistürmen, Das geht nicht, aber still aus dem Fenster springen, das geht...

Als er nach eiligem Lauf in die Hütte der Rachel kommt, hört er, wie das Kind um Wasser bittet: er findet den Krug und gibt ihm zu trinken, Labei sieht er, sie hat die Augen geschlossen. Er sagt nichts, legt aber die Hand auf die Stirn, streicht darüber, wischt den Schweiß ab, legt die andere Hand auf. Ah, sagt das Kind und macht nach einer Weile die Augen auf... Soll sie lächeln? Aber die Mienen werden groß, fast angstvoll; da ist wieder das Schmerzliche, bis Jesus sagt: Rachel!

Du bist es also wirklich? fragt das Kind, und Jesus nickt. Dann ist's gut, sagt das Kind und schließt wieder die Augen. Der Knabe Jesus steht still am Lager, dann sagt er: Du wolltest etwas fragen, Rachel, Rein, antwortet das Kind: nach einer Weile sagt sie: Doch, Das wollt ich fragen, warum du mich nicht mehr ansahst, als ich Dich bat, als mir das leid war, daß ich dein Geheimnis verraten hatte.

Verzeih, sagt Jesus, es schmerzte so. Mfo, was das Geheimnis lanbetrifft. Jetzt hat das Kind Die Augen wieder auf: Ja! fragt sie.

Also höre: Die Taube sah auf meiner Schulter, der Sperling in meinem Haar; der Fink auf dem Zweig sprach zu mir, die Falter tanzten in der Sonne: leiser Wind ging, und der Himmel Überwölbte uns; hab ich gesprochen mit den Seelen der Lierlein? Ich weih es nicht. Es ist nur: wo der grohe Einklang ist, da ist das möglich. Dein lautes Fragen zerbrach die Stille des Einklangs; aber sag, was du noch sragen willst?

Richts, sagt das Kind, es ist ja nichts zu sragen! Es ist schön, Daß Du gekommen bist. Dann legt sie die Hände auf die Decke und schließt wieder die Augen; nach drei, vier Atemzügen hört Jesus, sie schläft... Leise geht er durch die Hintertüre, denn er hört die Mutter auf der Strahe kommen. Geht auf kleinem Umweg, aber eilend, heim.

Vor der Dämmerung sagt Maria zu ihrem Sohn: Rachel ist krank, ich soll auf den Abend hinkommen und eine Stunde beim Kinde sitzen. Jesus blickt in das Abendlicht und sagt: Ja, geh nur; aber ich glaube, Das Kind wird bald wieder auf sein. Maria sagt nichts auf die Worte und geht.

Ms Maria hinkommt, steht Die Mutter an der Türe, legt den Finger auf den Mund und flüstert: Ich weih nicht, was es ist; aber sie schläft, und das Fieber ist geschwunden. Komm und sieh!

Ms Maria in die Kammer tritt, liegt das Kind mit geschlossenen Augen, aber der Mund lächelt. Leise sagt die Stimme: Warum tut ihr so heimlich? Wenn du wach bist, sagt die Mutter ganz glücklich, Dann kannst dar ja die Augen auftun und schaun, wer gekommen ist.

Jetzt lächelt das Kind und sagt: Rein, das will ich nicht; aber wer da gekommen ist, soll die Hand auf mein Gesicht legen.

Fran Maria legt die Hand auf das Gesicht des Kindes und sieht Die Mutter an. Es ist Frau Maria, sagt das Kind, ich kann mir auch denken, warum sie gekommen ist. Aber es ist nicht mehr nötig.

Jetzt macht sie die Augen auf und sagt: Man darf nicht sragen; ich will es nicht tun, aber ihr sollt es auch nicht, und käm>r er, Du weißt schon, Frau Maria, mit Der Taube auf der Schulter und Den Schmetterlingen auf seiner Hand herein. Richt fragen. Rur schauen. Langsam hebt sie sich ein wenig auf, Maria die Hand reichend und das Gesicht glücklich ihr entgegenneigend. Maria sagt: Dann ist ja alles gut, und deine Mutter ist getröstet.

Die Mutter, glüMchen Auges, sagt: Wie geht denn das zu? So überraschend ist die Wendung.

Eigentlich nicht fragen, sagt das Kind, aber hier ist es etwas anderes. Maria kann dir's vielleicht sagen. Sie weih ja alles, was ihn angeht.

Zwei sind eins!

Eine Weihnachlsgeschichle.

Don H.Wolfgang Seidel.

Die schauderhafte Erfindung des Katzenklaviers war, wie die Familie behauptete, Durch Timm neu bewerkstelligt und den Bedürf­nissen Des Zeitalters angepatzt worden. Da es nicht der Würde BeS Säkulums entsprach, armseligen Mäusefängern in die Schwänze zu kneifen, bis sie ihre gequälten Stimmen erhoben, so benutzte Timm Menschen und erzielte auf dem zarten Instrument ihrer Aerven beträchtliche Klangfolgen. Daß er seine Musik am Morgen des ersten Weihnachtstages hervorbrachte, war nicht feine Schuld, denn er mutzte seine Wihbegterde, sein Unterhaltungsbedürfnis und seine Gabe für humoristische Beobachtung austoben; den Kalender aber hatte er nicht geschaffen. Jedenfalls erhielt er den Befehl, vorzeitig Die Frühstückstafel zu verlassen und sich in des Zimmer, wo der Tannenbaum stand, zu begeben. Er tat es mit tiefer Dankbarkeit es gab auch dort Rahrungsmittel.

Timm, blond, männlich und von schweifenden Phantasien erfüllt, erlebte sein achtes Weihnachisfest. Er erlebte es unter erfreulichen Umständen: seine Schwester Maria halte ihm lederne Hosen angezogen, was er für ehrenvoll hielt, und außerdem waren Ferien die kannte man nicht in jenen paradiesischen Tagen der frühesten Kindheit. Im übrigen stand er so heftig in der Gegenwart, daß er für irgendeine Rückschau nicht zu haben war. Mit milder Rachsicht pflegte er die Schilderung seines ersten Weihnachtsfestes hinzunehmen: wie er Damals im langen Säuglingskleid auf dem Arm der Mutter gesessen und sofort beim Anblick Des Lichterbaums geblinzelt hätte, damit einen Beweis unheimlicher und fast bedenklicher Intelligenz liefernd. Inzwischen hatte sich Die Familie über seine geistigen Fähigkeiten beruhigt und erklärte nur noch, daß dies Verhalten irgendwierüh­rend" gewesen sei. Timm gönnte ihr diese psychologische Reliquie, legte selber keinen Wert darauf.

Indem er den blauen Saal durchschritt, der abwechselnd als Zim­mer der Dame, Musikraum und abendliche Leseskube behandelt wurde, gab er sich flüchtig über die Gemütszustände seiner Angehörigen Rechenschaft. Sie erschienen ihm ungleich und seltsam: Maria und Die Mutter waren sichtlich gespannten Geistes, und der Papa suchte vergeblich jene Seelenruhe, die er als patriarchalischer König schätzte in seinem wohlgeordneten Haushalt. Tante Betty aber glich einem unseligen Geiste, der plötzlich die Formel für das Eindringen in ver­schlossene Räume vergessen hat.Um mich kümmert sich feiner, pflegte sie vor sich hinzusagen, denn sie wünschte Beachtung mit dem Rechte der alten Leute, die schon jedermann im Umkreise ihres Wandels auf dem Schoße getragen haben.

Simm, ausgestattet mit jener Einfühlungsgabe, die die Erwachsenen meist verloren haben, war überzeugt, daß im Mittelpunkte dieses Retzes halbangesponnener Gefühle, sich kreuzenden Wsichten Herr Drodersen sitze. Richt, daß er ihn mit einer Spinne verglich, denn er schätzte ihn. Drodersen hatte ihm beispielsweise gestern abend ein Marzipanherz zukommen lassen, so daß er jetzt mit dem, das Maria ihm gab, zwei besaß. Aber gerade dieser Akt einer edlen Männer­freundschaft schien die anderen verstimmt zu haben. Wollten sie auch Brodersensche Herzen? Wohl möglich, aber Damr hätte sich beispiels­weise Maria etwas weniger kratzbürstig benehmen müssen, sooft der genannte Herr erschien. Timm fühlte sich durch dieses Herz anerkannt und beschloß, Dem Geber häufiger einen Einblick in das eigne geheim­nisreiche Dasein zu gewähren.

Indes verzichtete er auf weiteres Rachdenken, sobald er das Weihnachtszimmer Betrat. Der Christbaum stand jetzt in lebendiger Frühsonne, flammenlos, aber blitzend von tausend Lichtfunken, die mit den silbernen Kugeln, Den gläsernen Eiszapfen, den taubenblauen Perlengehängen spielten, im Lametta verrieselten und aus dem satten Rot der Aepfel widerstrahlten. Irgendwie schien hier das Wunder mit dem Wirklichen zu verschmelzen, der Baum des Lebens trat aus der Märchendämmerung der stillen Rächt in die Tagesklarheit und behauptete sich, unbegreiflicherweise nun, Da er die Sonne ertrug. Timm fand ihn noch schöner als gestern, er war jetzt ein Stück grüner Wald und stellte gleichzeitig Sommer und Winter dar; er duftete wie die Kiefernheide duftet, und dennoch überwehte ihn der Hauch ferner Zonen und unwirklicher Traumgärten.

In diesem 2lugenblick gebar Timm den Plan, sich als Einsiedler in jene Höhle zurückzuziehen, die durch den Christbaum und den sanft rumorenden Kachelofen gebildet wurde. Ein Scheine! ward zurMoos- bank" befördert, ein Teller mit weihnachtlichen Erfrischungen durfte nicht fehlen; er setzte ihn vorsichtig an die Erde und warf gleichzeitig einen seligen Blick in die Doppeltanne, wo drei Schokoladenk^änze und eine Quittenwurst unruhig hin- und herschwankten, als wüßten sie, datz Einsiedler sich mit Vorliebe von den Früchten der Wald- bäume ernährten. Um sich herum stellte er dann seine zahmen Tiere auf: Hirsche und Rehe aus Papiermache, samtartig anzufühlen und irgendwie nach Leim duftend eine Zwergrasse, die hier von ab­gefallenen Radeln und der Zärtlichkeit ihres Beschützers leben mußte. Darnach lehnte er sich behaglich an die Kacheln und begann, mit Dem Zeigenfinger unter den Zeilen entlang kriechend,Das Schloß in der Höhle" zu lesen.

Höhleneinsiedler im Urwald pflegen an merkwürdigem Umgang keinen Mangel zu haben, und so überraschte es auch Timm keineswegs, alsbald Den Zauberer Mattetai, den türkischen Knaben Lameth und eine auserlesene Schar von Luftgeistern kennenzulernen. Gedankenvoll verzehrte er das herzförmige Markusbrot, das ihm Maria verehrt, ward entrückt über der schweren, doch betörenden Arbeit des Lesens und überhörte es gänzlich, daß in einem fernen Teil des Hauses Die Glocke anschlug, Gespräch kam und ging, Schritte sich regten und sich alsbald näherten. Wer daß plötzlich zwei Menschen in das Weihnachtszimmer eintraten, mutzte ihm doch auffallen.