GietzenerKimilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger
Jahrgang <929 Montag, den 23. Dezember Nummer |0()
Legende vom Christkind.
Volksweise.
Als Gott der Herr geboren war. Das war es kalt.
Was sieht Maria am Wege stehn?
Ein Feigenbaum.
Maria laß du die Feigen noch stehn. Wir haben noch dreißig Meilen zu gehn. Es wird uns spät.
Und als Maria ins Städtlein kam
Vor eine Tür,
Da sprach sie zu dem Bäuerlein:
Behalt uns hier,
Wohl um das kleine Kindelein, Es macht dich wahrlich sonst gereun, Die Nacht ist kalt.
Der Bauer sprach von Herzen ja, Geht in den Stall!
Als nun die halbe Mitternacht kam, Stand auf der Mann;
Wo seid ihr dann, ihr armen Leut? Daß ihr noch nicht erfroren seid, Das wundert mich.
Der Bauer ging da wieder ins Haus, Wohl aus der Scheuer.
Steh auf, mein Weib, mein liebes Weib, Und mach ein Feuer, Und mach ein gutes Feuerlein, Daß diese armen Leutelein
Erwärmen sich.
Und als Maria ins Haus hin kam, Da war sie froh.
Joseph, der war ein frommer Mann, Sein Säcklein holt;
Er nimmt heraus ein Kesselein,
Das Kind töt ein bißchen Schnee hinein, Und das sei Mehl.
Es tat ein wenig Eis hinein.
Und das sei Zucker,
Es tat ein wenig Wasser drein.
Und das sei Milch;
Sie hingen den Kessel übern Herd, An einen Haken, ohne Beschwerd Das Miislein kocht.
Ein Löffel schnitzt der fromme Manu
Von einem Span,
Der ward von lauter Helfenbein
Und Diamant,
Maria gab dem Kind den Brei, Da sah'man, daß es Jesus sei Unter seinen Augen.
Das Kind Jesus.
Legende von Karl Röttger.
Es wird erzählt, daß ein Kind, ein Mädchen, eines Tages den Knaben Jesus nahe dem Hause Josefs dabet überraschte, wie er mtt den Vögeln sprach und mit den Schmetterlingen spielte und so eines Geheimnisses des Weltenkindes teilhaft ward, das sie nicht verstand und das sie im Tlnverstand verriet an die ungeschickten Hände und Herzen derer, die vorerst noch nicht das beschwingte und leichte Herz 3efu- zu fassen vermochten...
Das aber geschah so: Rachel, einer Witwe Tochter, ging des Morgens, im Frühling, ans Razareth und kam am Garten des Josef vorbei; da hörte sie Stimmen durch die dichtbewachsene Hecke und blieb stehen. Es waren Stimmen, die sie hörte, nicht eigentlich Worte. Indem sie lauschte, fragte sie in ihrem Sinn, was das sei. Einer Taube Gurren, eines Sperlings Ruf, eines Finken Triller — das und anderes war es, was sie hörte. Dazwischen etwas, wie eine Menschenstimme, aber nicht eigentlich Worte. Ein Kichern, ein Pfiff, ein Äh, ein Du, ein Pst, ein Lockruf.
Es hielt sie fest auf dem Platz, da sie stand, fast wie eine Unruhe. Eine Reugier trieb sie, nahe an die Hecke zu treten; sie versuchte, durchzuschauen, aber es ging nicht. Dann kniete sie, kroch an der
Hecke entlang, suchte einen Durchblick, fand eine Stelle, an der die Zweige locker und weit standen, bog sie zur Seite, schob leise den Kopf und die Brust hindurch und sah: Jesus, der Knabe, sah, mit dem Rücken gegen die Hauswand, hatte die Beine, gekreuzt, die Ärme erhoben, lächelnd, mit klarstem Blick. Eine Taube sah ihm auf der Schulter, ein Sperling im Haar, ein Fink nahe vor seinem Gesicht aus wippendem Zweig. Drei Falter aber, einer gelb, einer rotschwarz, einer blauweiß, schwebten auf und nieder in der Luft, wie um einen Reigen zu tanzen zu Ehren der Herrlichkeit des Kindes.
Dein Mädchen Rachel dünkte es so seltsam, dah sie rufen wollte. Aber sie konnte nicht. Schaute nur. Da war es wieder: ein So cf ruf aus Jesu Munde und der Fink schwang sich zu der ausgestreckten Hand, neigte sein Köpflein hinein, als nehme er etwas daraus, schwang sich wieder zurück auf den Zweig. Der Kopf des Knaben wandte sich ein wenig zur Seite: die Taube gurrte und bewegte den Hals. Du. flüsterte der Knabe, und ein zweiter Sperling schoß schräg herab und sah an der Erde vor den Fähen Jesu. Pst. hörte nun das Mädchen Rachel, und eine Weile sind alle, Jesus und die Tierlein, wie lauschend. Äls wäre in diesem Augenblick ein Bann von dem Mädchen genommen, zwängt es sich ganz durch die Hec^, steht und ruft: Jesus! Jesus! Was ist das? Was machst du da?
Vielleicht ist es nur der Ausdruck des namenlosen Staunens des Kindes, daß es so ruft. Es hat vielleicht gar nichts Böses damit anrichten wollen. Aber die Wirkung ist furchtbar... Auf einen Schlag mit Hauch und Husch sind die Vögel verschwunden, die Falter sind fort, hinter grünen Blättern. Und Jesus steht auf einmal, ohne Lächeln, leblos der Blick, mit hängenden Armen... Sein Mund ist ein wenig geöffnet, als wolle er etwas sagen. Sagt er etwas? Dem Kind deucht es hernach, er habe etwas gesagt: Rachel, warum das?
Aber dann ist er schon fort, aus ihren Augen sortgenommen. Wär sie jetzt fortgegangen, leise und heimlich wie sie gekommen, so wäre es vielleicht gut gewesen. Aber sie schreit: Warum antwortest du nicht? Wenn du solche Dinge machst, soll niemand wissen dürfen, was es bedeutet? — Als sie merkt, daß sie ins Leere geschrien hat, wird sie zornig und schreit es noch einmal. Wartet noch aber es kommt niemand, ihr zu antworten. Da, eben als sie fortgehen will, öffnet sich die Türe, Maria steht da und schaut sie fragend an: Run? Rachel? Und zornig?
Aber jetzt kann sie nicht mehr, sie wird ganz klein, als kröche sie in die Erde, verschwindet durch die Hecke; steht wieder auf der Straße, streicht übers Haar, über die Augen, als müsse sie sich besinnen ob denn das alles nur ein Traum war. Sie hat ganz vergessen. warum sie von Haus« fortgegangen ist, kommt heim, fitzt vorm Hause ihrer Mutter auf dem Treppenstein, legt den Kopf in die Hand und ist sehr mißmutig. Gr muß es mir sagen, flüstert sie vor sich hin. Er muß es mir sagen!
Jesus aber sagt es ihr nicht. Sie hat ihm ein paarmal aufgelauert, ihn am Rock gezupft: sag es mir! 2kber er ist wettergegangen und hat sie nicht angesehen. Davon wird sie böse und sinnt, wie sie ihm das Geheimnis dennoch entreiße. Er ergibt sich, dah sie eines Abends in der Dämmerung dazu kommt, als Jesus einem Trupp Knaben begegnet; sie halten ihn an, befehlen: Geh mit uns! — Jesus fragt: Warum? — Sie sagen: Darum! Genügt es nicht, wenn wir befehlen? Auch fehlt uns ein Junge beim Spiel...
Es wird spät, sagt Jesus, und ich habe meiner Mutter versprochen, hinter der Dämmerung heim zu sein. — Ausrede! sagt der größte der Knaben, komm mit! Jesus hat einen sehr treuherzigen Blick, aber seine Hände zittern ein wenig, als er sagt: Ich versteh schon, es ist Sommer, ihr wollt noch ein wenig schwärmen im Feld, Feigen naschen am Weg; aber seht, was liegt euch daran, einen Knaben wie mich dabei zu haben?
Jetzt ersieht Rachel ihren Augenblick, sie tritt hinzu und sagt: Laßt den! — Warum? sagt der Große. — Weil er ein Besonderer ist; einer, der euch entweicht aus den Händen, und ihr seht ihn nicht mehr... Hört nur...
-Jesus sagt leise und vorwurfsvoll: Rachel! Willst du das tun?
Aber Rachel ist trotzig und sie sagt: Ja! Ich erzähl es! Llnd sie erzählt, was sie neulich gesehen hat. — Die Jungen stehen lächelnd, dann lachend: So ein Änsinn! Mädchen, glaubst du denn das selber?
Ich habe es gesehen, sagt Rachel. Aber der große Junge entscheidet: Wan sieht ja, was für einer er ist: Feigling, ein Mutterkind. Sollte froh sein, wenn wir uns seiner annehmen. Also gehst du mtt? Lerne bei uns. Werde ein Junge, noch bist du keiner, komm! Aber Jesus sagt: Rein! — Änd als der Junge den Arm hebt, sagt er leise: Was hab' ich für eine Wehr gegen dich! Run also. Mitgehen kann ich nicht. Wolltest du schlagen? — Es ist eine Pause.» Dann zischt der Knabe und ein zweiter und ein dritter: Feigling! — Und sie ziehen hinweg. Jesus und Rachel stehen auf der Straße allein.


