wohl das Ende. Ader es Ist ein Potpourri mit seinen Denkmünzen darin, und er kann es nur an das Grab seiner ersten Frau bringen, der es einmal gehört hat.
Und so gelingt es dem alten Knecht, der nur zu schöppeln gedachte, in dieser Nacht einen Rückweg zu finden, den er kaum noch gesucht hat. Denn wie er mit seinem Topf tiefer in den Kirchhof hineingeht, bleibt wohl das Grauen der Toten über den Gräbern, aber es nimmt feine Bitterkeit auf, wie es die Dunkelheit allein nicht vermöchte, weil es ihn ganz aus der Alltäglichkeit scheidet, darin er längst nur ein Bürger von Biberach war. Es ist ein anderer Schluß als der mit der Pistole, ein lebendiger Tod, der ihn mit jedem Schritt tiefer hinein ins Grauen und dennoch in eine tiefe Befriedigung führt, für die das Grab seiner ersten Frau nur das Ziel der Füße, für die das Grauen der Lebensgrund seiner aufgejagten Natur ist.
Denn einmal ging er nicht schöppeln und späßeln, einmal war er im Glück, nicht nur im heimlichen Trost seiner Dinge: als er in Ulm den Topf zu ihrem Geburtstag kaufte und selig war in ihrer Freude; als er die neue Orgel in Biberach baute und seiner Braut zuerst allein darauf spielte; als er noch wie ein Baum zu blühen und Frucht zu tragen im Saft seiner Hoffnungen stand; als er im brausenden Wind seinen Bruder und in den eilenden Wolken die Fahrzeuge seiner Musik fühlte; als das Glück noch um ihn war wie jetzt das Grauen und ihm aus der Tiefe des Lebens verwandt wie Geschwister.
Das wirft sich über seine Verbitterung hin wie eine wilde Befreiung, die keine Selbsttäuschung mehr braucht. Als er das Potpourri erst auf das Grab seiner Frau gestellt hat, da weih der alte Knecht, was er da will auf dem Kirchhof. Er kennt den Verschlag, wo der Totengräber sein Grabzeug hat, und leise schleicht er sich hin, längst heimisch in seinem Grauen, holt eine Schippe und fängt mit Sorgsamkeit an, ein Loch auszuheben, groß genug für den Topf. „Wie böse verrost ist doch der Hügel!" denkt er strafend, und schämt sich vor ihren Augen, als ob sie irgendwoher auf ihn sähen, und streichelt den Topf und küßt seine blanke Kälte, ehe er ihn mit zärtlichen Händen versenkt und danach das kleine Grab zuzuschaufeln beginnt, bis der Rasen über dem Hügel wieder geschlossen ist.
„Ich habe mich selber begraben!" sagt eine Stimme in ihm; aber sie kommt aus der Tiefe, wo das Glück und das Grauen eins find. Und es ist keine Selbsttäuschung mehr, wie der alte Knecht in der Nacht an dem Hügel steht, auf die Schippe gestützt, und horcht dem Gebrause der Jugend in sich, das mit Hörnern bläst und Geigen und Flöten hat in einem starken Gemenge; und weiß von keiner Demütigung mehr, weil er außer der Alltäglichkeit ist.
Bis er die Nässe fühlt von dem dünn aus der Nacht rieselnden Regen, die Schippe in den Verschlag des Totengräbers zurückbringt und aus dem ewigen Reich der Toten wieder eingeht in den Alltag der Menschen, darin fein Leib noch in einer ihm fremden Verbundenheit steht.
Elisabeth.
Von Theodor Storm.
Meine Mutter hat's gewollt, den andern ich nehmen sollt'; was ich zuvor besessen, mein Herz sollt' cs vergessen; das hat es nicht gewollt.
Meine Mutter klag' ich an, sie hat nicht wohlgetan;
Was sonst in Ehren stünde, nun ist es worden Sünde. Was fang' ich an!
Für all mein' Stolz und Freud' gewonnen hab' ich Leid.
Ach, wär' das nicht geschehen, ach, könnt' ich betteln gehen über die braune Heid'!
Wiener Gestalten und Betrachtungen.
Von Eduard Herr.iot.
H e r r i o t, der ehemalige französische Ministerpräsident, läßt in diesen Tagen ein Buch über Beethoven erscheinen. Das Werk, das fast 450 Druckseiten umfaßt, trägt den Titel „La Vie de Beethoven“ und bildet den 30. Band der Sammlung „Vies des Hommes Illustres“ des Pariser Verlages Gallimard. Die nachfolgenden Betrachtungen, die uns der Verfasser zum Vorabdruck in deutscher Sprache zur Verfügung stellt, sind dem einleitenden Kapitel des Buches entnommen.
In den letzten Märztagen des Jahres 1927 feierten Oesterreich und Wien in würdigster Weife die hundertste Wiederkehr des Tages, an dem Ludwig van Beethoven gestorben war. In dichter Folge drängten sich ergreifende Festlichkeiten. Am Ballplatz, d. h. in dem berühmten Füns- türensaale des alten Auswärtigen Amtes, in dem sich einstmals der Kongreß versammelt hatte, vereinigten Präsident und Kanzler der jungen Republik zu brüderlichem Frühstück die Vertreter der Staaten, die sich vor kurzem noch so heiß bekriegten. Ein solches Haus durchwandert man nicht, ohne auf Schattenbilder zu stoßen; Erinnerungen wachen auf; Wien bewahrt noch heute das Gedächtnis an die Arbeiten, die Feste und zahlreichen Zwischenfälle, die das Merkmal des Konferenzbeginnes bildeten. Während sich die Monarchen draußen vergnügen, verstehen sich ihre Minister zu gut, um sich zu einigen. „Der Kongreß hütet fein Geheimnis, weil er keines besitzt", murmelt mißtrauisch das Volk. Die Verhandlungen treiben lange Zeit ins Uferlose. Um so prunkvoller sind die Empfänge, die sie umrahmen. Dom Glanze der Jugend umstrahlt, er
zählt dort Nesselrode aus seinen Pariser Erinnerungen, wo er als einfacher Botschaftsrat die Rüstungen Napoleons überwacht hatte. Wilhelm von Humboldt prägt bohrende Witzworte über Herrn von Metternich, der in seiner Eitelkeit von Weltherrschaft träumt, um zehn Uhr aufsteht, und seine Tage bei der Sag an verseufzt. Verliert man aber eigentlich seine Zeit, wenn man sich bei einer geistvollen Frau zu lange verweilt? Die Sagan ist jedoch der Renten müde, die sie ihren einstigen Gatten zahlen muh, und erklärt, sie habe sich an ihren Männern ruiniert und würde auf weitere derartige Abenteuer nicht mehr herein- fallen. Ein jeglicher Tag bringt Neuigkeiten, neue Klatschgeschichten. Der König von Preußen leidet an Rheumatismus und wahnsinniger Liebe zu Julia Zichy; außer Sachsen ist nichts ihm teurer auf der Welt. Der entfesselte Zar Alexander hat eine Gräfin zu erobern gesucht. „Sie scheinen mich mit einer Provinz zu verwechseln", ist ihm zur Antwort geworden. Wer war auf der letzten Redoute die reizende Maske im schwarzen Federhut? Aus Paris ist eine Tänzerin eingetroffen; sie heißt „Petite Aimee“. Dalberg läßt seine Akten liegen, die eine wohlgeschulte Polizei für ihn verfaßt.
Mehr als die anderen beschäftigt und beunruhigt Herr von Talley - r a n d den Kongreß. Er erscheint mir so, wie wir ihn in einem Saale des Quai d’Orsay verewigt finden, auf dem Stich, nach dem Oelbild von Jean- Baptiste I s a b c y, das im Schlosse zu Windsor hängt, so wie ihn auch die Sepiastudie im Louvre darstellt. Er sitzt zur Rechten des Bildes, dessen Zentrum Eastlereagh innehat, während im Hintergründe Baron Humboldt lächelt und der Russe Stack)elberg eine Ansprache hält. Ein schlauer Fuchs, dieser Stachelberg! Wie sein versteht er, das angemessene Gesicht aufzusetzen, die ruhige Würde eines Mannes zu markieren, der nur zur Verteidigung des allgemeinen Rechtes hergekommen ist! Seht diese wachsamen Augen; es sind dieselben, die gestern die Kaiserin entlarvten und dort, wo andere Natürlichkeit sahen, die Spuren unzulässiger Koketterie entdeckten; diese Augen verstehen zwischen den Zeilen zu lesen, keine Nuancec einer Einladung entgeht ihnen und stets erkennen sie im Fluge den freien und geeigneten Platz, auf den man sich lässig niedersetzen muh, um seinen unbeugsamen Willen kundzugeben; es sind die Augen, die auf dem Antlitz eines Metternich mit tätlicher Sicherheit die Wirkung einer improvisiert scheinenden, doch klug berechneten Antwort abzulesen wissen. Die Einfalt erscheint diesem Diplomaten als ras- finierteste Form seiner Gerissenheit; er verlangt sie von seinen Agenten wie von sich selbst. Ich sehe immer wieder dieses zarte Gesicht, das'lange Locken umwallen und das durch die Steifung des gestickten Kragens gestützt scheint: immer wieder sehe ich aber vor allem diese unvergeßlichen Augen, die gleich denen eines Jägers, unter halbgeschlossenen Augenlidern in die Höhe und die Weite schauen. Unter all diesen uniform- und stickereibeladenen Persönlichkeiten lächelt der Fürst, doch ist dieses Lächeln kaum zu bemerken. Man fühlt, daß er an die Aufrichtigkeit des menschlichen Wortes allen Glauben verloren hat, daß alle seine Interventionen, daß selbst der Ton feiner Steuerungen ihm durch nacktes Interesse, durch Menschenverachtung und Pessimismus diktiert werden, die ja die Grundlage aller traditionellen Politik und Diplomatie gebildet haben.
Ein echt gesellschaftlicher Ton herrscht im Kongreßsaal. Man kolportiert ein Wort des französischen Botschafters. Der Prince de Eigne hatte auf die Frage „Leugnen Sie, daß Sie ein Heuchler sind?" von Talley- rand die schlagfertige Antwort bekommen: „Das kann ich Ihnen gerne zugeben, da Sie mich ja doch für einen Leugner halten." Ordengeschmückt hinkt der Vertreter Frankreichs zum Whisttisch, und seine lahmen Bewegungen gestatten ihm, dabei dem bayrischen Gesandten ganz unauffällig ein Geheimrendezvous zu geben. Unsichtbar herrscht der Geist Napoleons über der Versammlung. Hat Marie-Louise tatsächlich gemeint, als sie sein Bild wieder sah? Wird der Papst sich nicht zur Auflösung ihrer Ehe entschließen? Wird man den Stürzer von Königstronen der Küste Europas so nahe dulden können? Herr von Talleyrand läßt diese Sorgen wie alles andere spielen, was seinem geprüften Lande Vorteil bringen könnte. Noch heute meint man im Fünftürensaale die Worte weiser Ergriffenheit zu hören, mit denen er Moral und Recht zu beschwören pflegte, wenn es politische Absichten zu verhüllen galt.
Zu jener Zeit stellt der russische Botschafter, Fürst Rasuinosky in seinem herrlichen Palais am Kanal den Geladenen einen Musiker vor, der mehr Befremden als Bewunderung erregt. Der hohe Herr hat gegen Ende des vorigen Jahrhunderts die Schwester der Prinzessin Kack Lichnowsky geheiratet und empfängt feit jener Zeit gelegentlich Besuch von „Dilettanten". Er unterhält ein berühmtes Quartett, in dem er selbst die zweite Geige spielt; Schuppanzigh, Weiß und Linke heißen seine Partner. Er spricht nicht ohne Stolz von den Werken, die ihm Beethoven gewidmet hat.
Wie be[d)eiben wirkt unsere Versammlung in diesem Rahmen, der soviel Weltgeschichte umschlossen hat! Wieviel sammlungsvoller ist sie aber auch, die bescheidene Erinnerung die uns hier vereint! Ich denke nn einen Satz aus dem Heiligenstädter Testament „Gottheit, die Du den Grimo meines Herzens siehst, Du weiht, daß Menschenliebe und Wille zum Guten darin wohnen." Ich höre mit meinem geistigen Ohr das Schluchzen der Eavatine des dreizehnten Quartetts, dieses schmerzliche Flehen, dos unter Tränen entsteht, als der Meister am Ende seines Lebens noch einmal versucht, das Ideal, dem seine Leidenschast gatt, zu erreichen. Gey eine Morgenröte auf, die Beechoven nicht hatte ahnen können? könnte zum Beweise an seinen hundertsten Geburtstag erinnern, der im Augenblick von Frankreichs tiefen Niederlagen begangen worden tft; 3“ dieser Zeit lieh Richard Wagner das Schwergewicht feiner BrutaUM auf das gemarterte Frankreich niedersausen. Ich will mit dieser Erinnerung nicht Mißbrauch treiben. Männer, die ihr Vaterland haben teioei sehen, sind zu den Wiener Feiern dem Ruf eines Volkes gefolgt, das pm durch Heldenmut im Kampfe gegen feine Prüfungen, der Unabhängig- feit, des Friedens gezeigt hat. Ein lang geschmähter Name knupp zwischen ihnen das Band gemeinsamer frommer Verehrung: ein WnW geadelter Genius hat sie aus feiner verzweifelten Einsamkeit zu Menicy- heitspflicht und Brüderlichkeit aufgeriisen. Zu seinem Gedächtnis Hoven


