Balla sah ärgerlich den zerknirschten Righi an. „Ueberhoupt, was sollen wir tun?“ fragte er schließlich, „es ist schon bald zu Ende?“
Gelli betrat als erster das Schlafzimmer, die andern folgten ihm.
II.
Die Sterbende hatte die Augen geöffnet, deren mattes Blau unsagbar traurig aus den dunkeln eingesunkenen Augenhöhlen schimmerte. Als sie ihren Gatten erblickte, versuchte sic bestürzt, sich im Bette auszurichten.
Silvio Gelli beugte sich über sie: „Fulvia, siehst Du? Da bin ich — Du hast mich rufen lassen, nicht wahr? Ich bin gekommen und ich will Dir sagen, daß ich es nicht bereue.“
„Danke,“ hauchte sie und Tränen quollen aus ihren geschlossenen Lidern. Er begriff, daß in diesen Tränen, auf ihren Lippen ein Name bebte, der keinen Ausdruck sand.
„Livia?... Aber genug jetzt... Rege Dich nicht auf... Später...“ „Die Tochter" erklärte Righi leise dem Arzt.
Dieser nickte; und da er dem Blicke Gellis begegnete, fragte er: „Fangen wir jetzt an?“
Righi ging. Doktor Balla näherte sich dem Bett um die Liegende aufzudecken. Aber wie geängstet hielt diese die Decke fest, sah ihren Gatten dabei unverwandt an und fragte: „Du?"
„Du willst nicht?“ fragte Gellt und beugte sich wieder über sie. „Es ist ja wahr, ich bin gar nicht als Arzt hierhergekommen, vielleicht..."
Er richtete sich auf, sah den Arzt an und setzte hinzu: „Ich würde ja eine furchtbare Verantwortung übernehmen..."
„Es ist jetzt drei Tage und zwei Nächte her" sagt« Balla, der die Unschlüssigkeit des andern auf seine Weise auslegte. „Und es ist offenbar, daß der Entzündungsprozeß sehr weit fortgeschritten ist... Sie möchten jetzt noch versuchen? Ja, es ist eine furchtbare Verantwortung, aber andererseits ..."
„Aber andererseits käme es ja auf den Versuch an“ schlug Gelli vor.
„Also Geduld, nicht wahr, gnädige Frau?" sagte Balla und zog behutsam die Decke ab. Sie schloß die Augen wieder und runzelte schmerzlich die Stirn.
Balla nahm den Verband ab und sagte: „Sehen Sie!"
Silvio Gelli betrachtete die Wunde lange und aufmerksam. Vielleicht, wenn man rechtzeitig eine Laparotomie vorgenommen hätte, wäre sie noch zu retten gewesen. Aber jetzt nach drei Tagen... Er richtete sich auf, und sah Balla scharf an. Dieser zuckte die Achseln.
Als Fulvia wieder verbunden und zugedeckt war, öffnet« sie die Augen, sah den Gatten an und fragte mit dünner Stimme: „Muh ich sterben?"
„Nein," entgegnete er und legte ihr die Hand auf die Stirn. „Sei nur ruhig. Also morgen, Doktor. Bereiten Sie alles vor!"
Ballah sah ihn unschlüssig an, er bemühte sich, zu erraten, ob der Befehl ernst gemeint oder nur eine fromme Lüge war; er begriff nicht, er blieb noch ein Weilchen, zuckte dann nervös die Achseln und ging.
Silvio Gelli saß neben dem Bette. Die Sterbende wandte ihm den Kopf zu. Aber als sie sich umdrehte, fielen ihr die Haare ins Gesicht. Er strich sie zurück und gerührt über sich selbst, seufzte er: „Arme Fulvia!“
Sie versuchte eine Hand unter der Decke hervorzuziehen und wiederholte, mehr mit den Augen als den Lippen: „Danke!"
Er nahm die Hand und hielt sie fest in seiner. Dann sagte er: „Ja, Fulvia, für all das, was Du damals durch mich gelitten und seither gelitten hast... Ich..."
Er unterbrach sich. Er wandte den Kopf der Türe zu, die Balla offen gelassen hatte. Vielleicht hörte dort jemand zu. Vielleicht stand dort der Verrückte, dessen Reden er eben fast wörtlich wiederholte...
„2Barte..
Er ließ ihre Hand los und erhob sich, um die Tür zu schließen.
Fulvia, auch ich habe sehr gelitten. Wie ichs nie für möglich gehalten hätte. Gleich vom ersten Tage an. Ich begriff alles und doch nichts. So war es. Ich stieß Dich an den Rand des Abgrunds und dort verließ ich Dich. Und Du, in Deiner Verzweiflung und Deinem gekränkten Stolz, stürztest Dich hinab. Wie leer ward es um mich! Ich blieb allein mit der verlassenen Kleinen und suchte mich mit der Sorge um sie, mit meiner Arbeit über die Leere in mir und um mich hin- wegzutäuschen — aber vergebens. Zuletzt habe ich das Leiden aufgesucht, um mich in dieser Leere zu behaupten... Ich bin hierhcr- gekommen, ich habe mir gesagt: sie stirbt, sie will in Frieden dahingehen; schnell eile zu ihr! Und mein Gefühl wird an der Wirklichkeit zuschanden, die ich mir nicht so hatte denken können... Ich habe nichts zu vergeben, ich muß mir vergeben lassen... Vergibst Du mir?"
Er hatte mehr wie zu sich selbst gesprochen; er wandte sich dem Bette zu: sie war eingeschlummert. Er betrachtete sie eine Weile. Und einen Augenblick lang fand er in diesem Antlitz jenes wieder, das er seit so vielen Jahren im Gedächtnis bewahrte. Sie war immer noch schön. Nichts hatte den Adel der Züge zerstören können. Oder war es vielleicht schon der Tod...?
Er erhob sich geräuschlos, um sie nicht zu wecken und ging auf den Fußspitzen ins Nebenzimmer, wo die Zwergin allein zurückgeblieben war.
„Sie schläft" sagte er halblaut.
Sie lächelte und sagte: „Ich gehe zu ihr."
III.
Gelli setzt« sich auf denselben Stuhl nieder, von dem er vorher auf- gestanden war, neben dem Tisch auf dem die Kerze brannte. Aber nach kurzer Zeit fuhr «r zusammen. Die Türe, die nach dem Gange führte, öffnete sich leise in der Totenstille.
Marco Mauri steckte den Kopf herein, einen Finger an den Lippen und sagte leise: „Ich habe mich draußen auf dem finstern Korridor versteckt. Pst Jetzt wo wir beide allein sind, werde ich hierbleiben. Sie können es mir ja erlauben, es sieht's ja niemand, nicht wahr?"
Gelli sah 'ihn sinster und überrascht an, aber er zuckte die Achseln
und deutete auf das Kanapee neben sich, Mauri setzte sich nieder. Sie blieben lange Zeit in Schweigen versunken. Dann sagte Mauri: „Wollen Sie sich nicht eine Weile hinlegen? Wirklich nicht? Ich auch nicht. Ich habe jetzt vier Nächte nicht geschlafen, aber ich bin nicht schläfrig."
Er schwieg in Gedanken versunken; dann fragte er und starrt« in die Kerzenflamme: „Wie nannten doch die Alten jenen Fluß? Lethe — od) ja — Lethe, den Fluß des Vergessens. Heute fließt er in den Tavernen, dieser Fluß. Wer ich trinke nicht. Zwei versluchte Grillen sitzen in meinen Ohren. Sie zirpen und zirpen und treiben mich zum Wahnsinn. Ich rede und rede — verzeihen Sie — aber ich kann nicht
aufhören. Mir fitzt die Tobsucht im Magen. Ich werde anfangen zu
schreien."
Er warf sich auf das Sopha, das Kinn auf die Arme gestützt. Gelli
beobachtete ihn und von jäher Angst gepackt stand er auf und ging an
die Tür des Schlafzimmers; dort auf der Schwelle blieb er stehen. Mauri setzte sich auf und fragte angstvoll: „Schläft sie?"
Gelli nickte.
„Und ist wirklich keine Hoffnung, keine? Wenn sie doch schtäst? Lassen Sie mich sie ansehen! Von dort aus wo Sie stehen, ja?"
Er sprang auf, stellte sich neben den andern und spähte ins Nebenzimmer.
Die Zwergin, die neben dem Bette sah, erblickte nebeneinander die Köpfe der beiden Männer. Ihre Ueberrafdjung übertrug sich auf Gelli, der Mauri mit einer Hand zurückschob. „Setzen Sie sich! Setzen Sie sich wieder!"
„Ja, Herr“, sagte dieser, „aber sie stirbt, sie stirbt, sie stirbt..."
Seine Augen röteten sich, und reichliche Tränen flössen ihm wieder über die Wangen, während er sich bemühte, das Schluchzen zu unterdrücken; er biß es sich in den Handrücken, blinzelte mit den Augen und schluckte gewaltsam die Tränen herunter.
Gelli beobachtete ihn eine Weile und fragte dann mit düstrer Stimme: „Wo haben Sie sie kennen gelernt?"
„In Perugia" erwiderte Mauri und raffte sich zusammen, „knapp einen Monat, nachdem ich als Untersuchungsrichter dorthin versetzt war." „War sie verhaftet?"
„Nein, mein Herr. Sie war als Zeugin geladen. Si« war auch erft feit etwa einem Monat dort."
„Allein?"
„In schlechter Gesellschaft. Mit einem — warten Sie — einem gewissen Samba, der sich für einen Maker ausgab. Aber er war nur ein elender Mosaikardeitex. Ein Lump, der sich tagtäglich betrank und sie schlug. Eines Nachts fand man ihn mit eingeschlagenem Schädel aus der Straße."
Gelli bedeckte das Gesicht mit den Händen.
„Gräßlich, nicht?" fuhr Mauri auf, „seien Sie so gut und lassen Sie bas!" Also so tief war sie gesunken! nicht wahr? „Lächerliches Zeug! Wissen Sie, daß Fulvia niemals schlecht von Ihnen gesprochen hat? Auch von keinem andern. Ms ich vor einigen Tagen wieder mit ihr zusammentraf, hat sie sogar mich verteidigen wollen und sich beschuldigt, ,ihren schlechten Instinkts wie sie das Bedürfnis nannte, das jede Frau hat, jedem zu gefallen und wäre es der Mann der eignen Schwester..."
Er fuhr fort zu reden. Gelli hatten die Arme auf den Tisch gelegt und verbarg bas Gesicht barin. War er eingeschlafen? Plötzlich erschien bie Zwergin Margherita auf der Schwelle. Mauri machte ihr ein Zeichen zu schweigen.
„Ist sie tot?" fragte er tonlos.
Sie nickte, und Mauri. eilte auf den Fußspitzen ins Schlafzimmer; aber als er bie entseelte Frau erblickte, brach er in heftiges Schluchzen aus und warf sich verzweifelt über sie.
Di« Zwergin näherte sich dem Schlafenden um ihn aufzurütteln; aber Silvio Gelli erhob den Kopf von den Armen und sagte dumpf, mit geschlossenen Augen:
„Ich schlafe nicht. Aber lassen Sie ihn jetzt nur meinen... lassen Sie ihn ..."
Uebersetzt von M. Wolf-Ferrari.
Hintergrundgeffatten der Weltgeschichte.
Joseph Fauche, der Diplomat
Von Stefan Zweig.
Die Reche seiner meisterhaften psychologischen Charakter- ftubien setzt Stefan Zweig in seinem im Insel-Verlag zu Leipzig erschienenen Buch „Joseph Fouchö, Bildnis eines politischen Menschen" fort, dessen Vorwort bie typische Bedeutung dieses unheimlichen Mannes scharf hervorhebt.
Joseph Fouchö, einer der mächtigsten Männer seiner Zeit, einer der merkwürdigsten aller Zeiten, hat wenig Liebe gefunden bei seiner Mitwelt und noch weniger Gerechtigkeit bei der Nachwelt. Napoleon auf St. Helena, Robespierre bei den Jakobinern, Carnot, Barras, Talleyrand in ihren Memoiren, allen französischen Geschichtsschreibern, ob royalistisch, republikanisch ober bonapartifttsch läuft sofort @aUe in bie Feber, sobald sie nur seinen Namen hin schreiben. Geborener Verräter, armseliger Intrigant, glatte Reptiliennatur, gewerbsmäßiger Uebertäufer, niedrige Polizeiseele, erbärmlicher Jmmo- ralist — kein verächtliches Schimpfwort wird an ihm gespart, und weder Lamartine noch Michel et noch Louis Blanc versuchen ernstlich, seinem Charakter oder vielmehr seiner bewundernswert beharrlichen Charakterlosigkeit nachzuspüren.
Ein einziger hat diese einzigartige Figur groß gesehen aus feiner eigenen Größe, und zwar nicht der Geringste: Bal zacc. Dieser hohe und gleichzeitig durchdringende Geist, der nicht nur auf die Schaufläche der Zeit, sondern immer auch hinter die Kulissen blickte, hat rückhaltlos Fouchä als den psychologisch interef(anteften Charakter seines Jahrhunderts erkannt. Gewöhnt, alle Leidenschaften, bie' sogenannten heroi-


