sehen hatte.
5. April.
Das beispiellose Abenteuer des Hans pfaall.
Von Edgar Allan Poe.
(Fortsetzung.)
4. April.
Guten Mutes aufgewacht und erstaunt über die merkwürdige Veränderung, die das Aussehen des Meeres erfahren hatte. Es hatte in hohem Maße die bisherige tiefblaue Farbe verloren und war jetzt grau» weiß mit einem blendenden Glanze. Die Konvexität des Ozeans war so klar geworden, daß die ganze Masse des fernen Wassers sich ungestüm in den Abgrund des Horizonts zu stürzen schien, und ich lauschte gespannt auf den Widerhall dieses mächtigen Wasserfalles. Die Inseln waren nicht mehr sichtbar; ob sie dem Horizont entlang nach Sudwest entschwunden waren oder ob ich sie bei meinem raschen Aufstiege außer Sicht gelassen hatte, war unmöglich zu sagen. Ich neigte aber zu letzterer Annahme Die Eisküste im Norden wurde immer deutlicher. Die Kalte war durchaus nicht besonders stark. Nichts Wichtiges ereignete sich. Verbrachte meinen Tag mit Lesen, da ich mich genügend mit Büchern ver-
iwen ebenso wie die sogenannten niedrigen, in seiner Chemie der Gefühle als vollkommen gleichwertige Elemente zu betrachten, einen vollendeten Verbrecher, einen Vautrin, ebenso zu bewundern wie em moralisches Genie, einen Louis Lambert, niemals unterscheidend »wischen sittlich und unsittlich, sondern immer nur den Willenswert eines Menschen messend und die Intensität seiner Leidenschaft, hat Balzac sich gerade diesen einen verachtesten, geschmähtesten Menschen der Revolution und der Kaiserzeit aus seiner beabsichtigten Verschattung aeholt. „Den einzigen Minister, den Napoleon jemals besessen nennt er dieses „singulier genie", dann wieder „ta plus forte tete que je connaisse", und andern Ortes „eine derjenigen Gestalten, die so viel Tiefe unter jeder Oberfläche haben, daß sie im Augenblick ihres Handelns undurchdringlich bleiben und erst nachher verstanden werden kon- nen." — Das klingt bedeutend anders als jene moralistischen Verächtlichkeiten! Und mitten in seinem Roman „Une t&iebreuse affaire" widmet er diesem „düstern, tiefen und ungewöhnlichen Geist, ber^ ewig bekannt ist", ein besonderes Blatt: „Sein eigenartiges Genie, schreibt er, „das Napoleon eine Art von Furcht einjagte, offenbarte sich nicht auf einmal. Dieses unbekannte Konventmitglied, einer der auherordent- lichsten und zugleich der am falschesten beurteilten Männer seiner Zeit, wurde erst in den Krisen zu dem, was er nachher war. Er erhob sich unter dem Direktorium zu jener Höhe, von der aus tiefe Manner die Zukunft zu erkennen wissen, indem sie die Vergangenheit richtig beurteilen; dann gab er plötzlich, wie manche mittelmäßige Schauspieler, durch eine plötzliche Erleuchtung aufgeklärt, ausgezeichnete Darsteller werden, während des Staatsstreiches am IS.Brumaire Bewerfe ferner Geschicklichkeit. Dieser Mann mit dem blassen Gesicht, unter klösterlicher Zucht ausgewachsen, welcher alle Geheimnisse der Bergpartei kannte, der er anfangs angehörte, und ebenso di« der Royalisten, zu denen er schließlich überging, dieser Mann hatte die Menschen, die Dinge und die Praktiken des politischen Schauplatzes langsam und schweigsam studiert; er durchschaiite Bonapartes Geheimnisse, gab ihm nützlich« Ratschläge und kostbare Auskünfte; ... weder seine neuen noch seine ehemaligen Kollegen ahnten in diesem Augenblick den Umfang seines Genies, das im Wesentlichen ein Regierungsgenie war: treffend in allen seinen Prophezeiungen und von unglaublichem Scharfblick. So Balzac. Seine Huldigung hatte mich zuerst auf Fauche aufmerksam gemacht, und seit Jahren blickte ich nun gelegentlich dem Manne nach dem ein Balzac nachrühmte, er habe „mehr Macht über Menschen besessen als selbst Napoleon". Aber Fouchö hat es, wie zeitlebens auch in der Geschichte gut verstanden, eine Hintergrundfigur zu bleiben: er läßt sich nicht gerne ins Gesicht und in die Karten sehen. Fast immer steckt er innerhalb der Ereignisse, innerhalb der Parteien hinter der anonymen Hülle seines Amtes so unsichtbar tätig verborgen wie das Uhrwerk in der Uhr, und nur ganz selten gelingt es im Tumult der Gelchehniss«, an den schärfsten Kiirven seiner Bahn, fein wegsluchtendes Prosit zu erhaschen. Und noch sonderbarer! Seins dieser fliehend gefaßten Profile Fouches stimmt auf den ersten Blick zum andern. Es kostet einige Anstrengung, sich vorzustellen, daß der gleich« Mensch, mit gleicher Haut und gleichen Haaren 1790 Priesterlehrer unb 1792 schon Kirchenvlünderer, 1793 Kommunist und fünf Jahre spater schon mehrfacher Millionär und abermals zehn Jahre später Herzog von Otranto war Aber je verwegener in seinen Verwandlungen, um so interestanter trat mir der Charakter oder vielmehr Nichtcharakter dieses vollkommensten Mnchiavellisten der Neuzeit entgegen, immer anreizender wrirde mir fein ganz in Hintergründe und Heimlichkeit gehülltes politisches Leben, immer eigenartiger, ja dämonischer seine Figur So kam ich ganz unvermutet, aus rein seelenwissenschafklicher Freude dazu, die Geschichte Joseph Fouchös zu schreiben als einen Beitrag zu einer noch ausständigen und sehr notwendigen Biologie des Diplomaten, dieser noch nicht ganz erforschten, allergefährlichsten geistigen Rasse unserer Lebenswelt.
Solche Lebensbeschreibung einer durchaus amoralischen Natur, selbst einer so einzigartigen und bedeutungsvollen wie Joseph Fouck)es sie ist ich weiß es, gegen den unverkennbaren Wunsch der Zett. Unsere Zeit will und liebt heute heroische Biographien, denn aus der eigenen Armut an politisch schöpferischen Führergestalten sucht sie sich höheres Beispiel ans den Vergangenheiten. Ich verkenne nun durchaus nicht die seeben- ausweitende, die krastfteigernde, die geistig erhebende Macht der heroischen Biographien. Sie sind seit den Tagen P lut a r ch s notig für edes steigende Geschlecht und jede neue Jugend Aber gerade im Politischen bergen sich die Gefahr einer GeschichtssGschung, nämlich als ob Minnis und immer die wahrhaft führenden Naturen auch dasW^Aickl bestimmt hätten. Zweifellos beherrscht eine heroische Natur.durch> ihr bloßes Dasein noch für Jahrzehnte und Jahrhunderte das geistige Leben, aber nur das geistige. Im realen, im wirklichen Leben, in derMch - sphäre der Politik entscheiden selten — und dies muß zur Warnung vor aller politischer Gläubigkeit betont werden die überlegenen Gestalten, die Menschen der reinen Ideen, sondern eine viel geringer wertige, aber geschicktere Gattung: die Hintergrundgestalten..1914 wie 1918 haben wir mitangesehen, wie die welthistorischen Entscheidungen de Krieges und des Friedens nicht von der Vernunft und der Verantwortlichkeit aus getroffen wurden, sondern von rückwärts verborgenen Menschen anzweiselbarsten Charakters und unzulänglichen Verstandes Und täglich erleben wir es neuerdings, daß in dem fragwürdigen und oft frevlerifchen Spiel der Politik, dem die Völker noch immer treuglatwig ihre Kinder und ihre Zukunft anvertrauen, nicht die Manner des sittlichen Weitblicks, der unerschütterlichen Ueberzeugungen durchdringen, lonoern daß sie immer wieder überspielt werden von jenen professionellen ^)asar- deuren, die wir Diplomaten nennen, diesen Künstlern der flinken Hande, der leeren Worte und kalten Nerven. Wenn also wirklich, wie Napoleon schon vor hundert Jahren sagt«, die Politik „la fatahte moderne geworden ist, das neu« Fatum, so wollen wir zu unserer Gegenwehr versuchen, die Menschen hinter diesen Mächten zu erkennen, und Mimt das gefährliche Geheimnis ihrer Macht. Ein solcher Beitrag zur Topologie des politischen Menschen sei diese Lebensgeschichte Joseph Fouches.
Habe die sonderbare Erscheinung beobachtet, daß die Sonne aufgeht, während fast die ganze sichtbare Erdoberfläche in Dunkelheit gehüllt bleibt. Mit der Zeit breitete sich das Licht überall aus, und ich sah wieder die Eislinie im Norden. Sie war nun sehr deutlich und schien von sehr viel dunklerer Farbe als das Wasser des Ozeans. Ich näherte mich ihr offenbar mit großer Schnelligkeit. Ich bildete mir ein, wieder einen Streifen Land zu sehen, im Osten sowohl wie im Westen, war aber nicht ganz sicher. Wetter mäßig. Nichts Wichtiges den ganzen Tag zu sehen. Ging früh zu Bett. ß
War überrascht, den Eisrand in sehr geringer Entfernung zu sehen und ein riesiges Feld von gleicher Art, das sich im Norden nach dem Horizont hin erstreckte. Es war klar, daß der Ballon, wenn er fernen jetzigen Kurs einhielt, bald über dem Eismeer ankommen mußte, und ich bezweifelte kaum mehr, daß ich schließlich den Pol sehen werde. Den ganzen Tag über näherte ich mich weiter dem Eise. Gegen Abend erweiterten sich plötzlich deutlich die Grenzen meines Horizonts, was zweifellos daher kam, daß die Erde ein abgeplattetes Sphäroid ist und ich über den abgeflachten Gegenden in nächster Nähe des arktischen Kreises angekommen war. Als mich schließlich die Dunkelheit überraschte, ging ich in großer Besorgnis zu Bett, da ich fürchtete, daß ich den (Segern stand meiner großen Neugier gerade bann überfliegen könnte, wenn ich keine Möglichkeit hätte, ihn zu beobachten. ?
Stand früh auf und erblickte zu meiner großen Freude — den Nordpol selbst Es konnte nichts anderes sein! Er war es ohne Zweifel — genau zu meinen Füßen, aber ach! ich war nun in eine solche Hohe gelangt, daß ich nichts genau unterscheiden konnte. Wenn ich tn Der Tat nach dem Zunehmen der Zahlen urteilte, die meine jeweilige Hohe zu den verschiedenen Tageszeiten zwischen 6 Uhr nachmittags und 9 Uhr abends am 2. April angeben (wo das Barometer abgelaufen war), so mußte ich folgern, daß der Ballon jetzt, am 7. April um 4 Uhr morgens eine Höhe von 7254 Meilen über dem Meeresspiegel erreicht habe. Diese Höhe mag ungeheuer erscheinen ,und doch blieb die Schätzung, auf der sie beruhte, wahrscheinlich weit hinter der Wirklichkeit zurück. Zweifellos überblickte ich den ganzen größten Durchmesser der Erde; die ganze nördliche Halbkugel lag wie eine senkrecht projizierte Karte vor mir, und der große Kreis des Aequators selbst bildete die Grenzlinie meines Horizonts. Ew Exz. mögen sich trotzdem leicht vorstellen, daß die bisher noch nicht erforschten Gegenden innerhalb der arktischen Zone, obgleich unter mir gelegen, also ohne Verkürzung sichtbar, doch verhältnismäßig zu klein unb zu weit von meinem Gesichtspunkte entfernt waren, um eine genaue Untersuchung zu gestatten. Was ich aber sehen konnte, war trotzdem von sonderbarer und aufregender Natur. Nördlich von dem erwähnten ungeheueren Rande, den man mit einer kleinen Einschränkung die Grenze der von Menschen entdeckten Gegenden nennen kann, dehnte sich eine nahezu ununterbrochene Eisfläche aus. In den ersten Graben ihrer Ausdehnung ist ihre Oberfläche merklich abgeflacht, später in eine Ebene zusammengedrückt, um schließlich „nicht wenig konkav am Pol selbst in einem scharf abgegrenzten kreisförmigen Mittelpunkt zu endigen, dessen scheinbarer Durchmesser in einem Winkel von etwa 65 Sekunden zu dem Ballon lag und dessen schwärzliche Farbe, in Schattierungen wechselnd, immer dunkler war als irgendein anderer Fleck auf der sichtbaren Halbkugel und gelegentlich sich zu völligem Schwarz vertiefte. Aber sonst konnte ich wenig feststellen. Um 12 Uhr hatte der kreisförmige Mittelpunkt an Umfang wesentlich abgenommen unb um 7 Uhr nachmittags entschwand er völlig meinen Blicken, da der Ballyn über den westlichen Eisrand rasch in der Dichtung nach dem Aequator flog. $
Stellte eine erhebliche Verminderung im scheinbaren Durchmesser der Erde fest, außerdem eine wesentliche Veränderung in ihrer allgemeinen Farbe unb ihrem Aussehen. Die ganze sichtbare Flache hatte in verschiedenen Abstufungen eine blaßgelbliche Färbung angenommen und an manchen Stellen einen Glanz erhalten, der sogar den Augen schmerzlich war. Der Blick abwärts war auch erheblich behindert durch die mit Wolken überhäufte dichte Luft in der Nähe der Oberfläche, durch deren Wolkenmassen ich nur hie und da einen Blick von der Erde selbst erhaschen konnte. Diese Erschwerung des direkten Sehens hatte mich schon seit den letzten 48 Stunden mehr ober weniger gestört; aber weine augenblickliche ungeheure Höhe brachte gleichsam die trechenden Dunstkorper dichter zusammen, und die Störung wurde natürlich im Verhältnis zu meinem Aufstiege mehr und mehr fühlbar. Trotzdem konnte irf) let^t merken, daß der Ballon jetzt über der Gruppe großer Seen m Korb- amcrifa schwebte und einen Kurs genau nach Süden nahm, der mich balo nach den Tropen bringen mußte. Dieser Umstand gewahrte nur die aufrichtigste Befriedigung, und ich begrüßte ihn als em glückliches Vor-


