hatten, stahlen sie Kleinigkeiten. Das konnte mich aber nicht abstoßen — ich sah, daß das ganze Leben voll von Diebstahl war. Dafür konnten diese Leute mit unerhörtem Aufschwung arbeiten, bei Feuersbrünsten, im Hafen, beim Eisgang. Sie lebten überhaupt feierlicher als andere Leute." Zur gleichen Zeit lernte Gorki, der zukünftige Verfasser ergreifender Bllhnenwerke, zum erstenmal das Theater kennen. „Der Straßensänger Klestschoff gab mir den Gedanken, als Statist auf die Bühne zu gehen. Auf halbdunkler Bühne jagte uns, eine Schar von Jungen, ein kleines dickes Männchen mit seinem Stock hin und her. Wir hielten Probe zum Ausstattungsstück „Christoph Columbus". Ich sollte einen Indianer und dann einen Teufel verkörpern. „Krokodile, Totenköpfe, ihr bringt mich um", brüllte der Regisseur. „Sind das Indianer? Sind das Teufel? Bären seid ihr und keine Teufel!" In den Kulissen erschien der Kopf einer beleibten Dame. Mit tiefer Baßstimme fragte sie: „Weißt du denn, wie ein Teufel aussieht?" „Natürlich, mein Schatz, wie Ziegenböcke sehen sie aus. Das geht dich übrigens gar nichts an." Ich dachte, da ich viele Wildwestroman« gelesen hatte, daß ich eine richtige Vorstellung von den Indianers hätte. Trotzdem schrie der Regisseur mich mit wütender Stimme an. An einem Feiertag wurden zwei Vorstellungen gegeben. Die müden Schauspieler waren betrunken, sie waren lustig, spielten für sich, und das Publikum brüllte vor Vergnügen. In der Pause lud^ der total betrunkene Darsteller alle ein, mit ihm zu soupieren. Die Heldin war gleichfalls betrunken. Die Leute heulten wie wilde Tiere. Mich ekelte das ganze an, ich entschloß mich, das Theater sofort zu verlassen. Nur einmal war ich damals als Zuschauer dort, und das genügte mir, um die furchtbare Kraft des Theaters zu fühlen. Ich wollte mich auf die Bühne stürzen, um den Bösewicht umzubringen. Nach der Vorstellung wanderte ich die ganze Nacht im Felde umher. Ein Betrunkener versetzte mir einen Schlag auf den Kopf — ich war gar nicht beleidigt.
Im Herbst 1885 siedelte Gorki nach Kasan über in der Hoffnung, dort studieren zu können. Aber auch dort muhte er schwer arbeiten, die Mittel zum Studium konnte er nicht aufbringen und mußte weiter als Gelegenheitsarbeiter und später als Bäckergeselle ein kümmerliches Dasein fristen...
Der Spieler.
Von F. M. Dostojewskij.
Diese interessante Schilderung aus dem Leben eines leidenschaftlichen Spielers entnehmen wir der Meisternovelle des großen Aussen F. M. Dostojewskij, „Der Spieler", die in formvollendeter Aebertragung aus dem Russischen durch 21. D. Braun in der bekannten Novellen- bücherei fürs deutsche Haus im Verlag von Quelle & Weher erschienen ist. 175 Seiten. In Liebhaberband 2 Mk.
Es war ein Viertel nach zehn Ahr; ich betrat den Spielsaal in einer so felsenfesten Hoffnung und zu gleicher Zeit in einer Aufregung, wie ich sie noch nie zuvor empfunden hatte. In den Sälen befanden sich noch recht viele Menschen, wenngleich weniger als am Morgen.
Don elf Ahr ab bleiben nur noch die eigentlichen, die wahrhaft leidenschaftlichen Spieler bei den Spieltischen sitzen, diejenigen, für die in den Kurorten einzig und allein nur das Roulette existiert, für das allein sie auch nur her gereist kamen, die nur oberflächlich auf alles achtgeben, was um sie her geschieht, sich für nichts während der ganzen Saison interessieren, sondern nur spielen, vom Morgen bis spät in die Rächt hinein, und die gerne die ganze Rächt hindurch bis zum Morgenanbruch spielen würden, wenn's erlaubt wäre. Und wenn der erste Croupier vor dem Schluß, kurz vor zwölf Uhr ausruft: „Les trois derniers coups, messieurs!" so sind sie oftmals bereit, bei diesen drei letzten Schlägen alles aufs Spiel zu setzen, was sie in der Tasche haben, und hier wird dann wirklich auch am meisten verspielt. Ich ging an denselben Tisch, an welchem vorhin die Großmutter gesessen hatte. Das Gedränge war nicht sehr groß, so daß ich mir sehr bald einen Stehplatz verschaffen konnte. Auf dem grünen Tuch, gerade vor mir, stand das Wort „Passe“. „Passe“ ist die Bezeichnung für eine Zahlengruppe von neunzehn bis sechsunddreihig einschließlich. Die erste Gruppe — von eins bis achtzehn — heißt „Manque"; aber was ging das mich an? Ich berechnete gar nicht, ja hörte nicht einmal, auf welche Zahl der letzte Gewinn gefallen war: ich erkundigte mich auch nicht danach, als ich mit Bem Spiel begann, wie jeder nur einigermaßen kombinierende Spieler es getan hätte. Ich nahm meine ganzen zwanzig Friedrichsdor aus der Brieftasche warf und sie auf das vor mir stehende „passe“.
„Vingt-deux!“ rief der Croupier.
Ich hatte gewonnen und setzte wieder alles, was ich hatte: das eigene Geld, wie den Gewinn.
„Trente et un!“ rief der Croupier. Abermals ein Gewinn. Run besah ich schon achtzig Friedrichsdor; da rückte ich das ganze Geld auf die zwölf Zahlen der mittleren Gruppe (ein dreifacher Gewinn, doch zwei Chancen gegen mich), das Rad drehte sich, die Kugel fiel auf vierundzwanzig. Man schob mir drei Rollen, zu je 50 Friedrichsdor, hin und zehn Goldstücke; alles in allem hatte ich nun zweihundert Friedrichsdor.
2ch war wie im Fieber, rückte den ganzen Haufen Geld auf Rot — und kam plötzlich zu mir! And nur dies eine Mal während des ganzen Llbends überlief mich die Angst eisigkalt und rief in Händen und Füßen ein Frösteln hervor. Mit Entsetzen fühlte und verstand ich einen Augenblick, was es für mich bedeuten würde, wenn ich jetzt verlöre! Mein ganzes Leben hing ja an diesem Einsatz!
„Rouge!“ rief der Croupier, und ich atmete erleichtert auf; feurige Ameisen liefen mir über den Rücken. Wan zahlte mir den Gewinn in
Banknoten aus; ich war also in den Besitz von viertausend Gulden und achtzig Friedrichsdor gelangt. Damals konnte ich noch einigermaßen die Rechnung überblicken.
Dann, wie ich mich entsinne, setzte ich zweitausend Gulden wieder auf die mittlere Zahlengruppe und verlor, setzte zum zweiten Wale mein Gold, die achtzig Friedrichsdor, und verlor wieder. Rasende Wut packte mich: ich ergriff die letzten übrig gebliebenen zweitausend Gulden und setzte sie auf die zwölf ersten Zahlen; so — aufs Geratewohl, ohne jede Aeberlegung! Das Gefühl übrigens, welches ich einen Moment lang während der Erwartung hatte, muh wohl demjenigen ähnlich gewesen sein, das Madame Dlanchard empfand, als sie in Paris von ihrem Luftballon auf die Erde hinabstürzte.
„Quatre!“ erscholl die Stimme des Croupiers. Zusammen mit dem Einsatz waren es wieder sechstausend Gulden. 3d) schaute schon drein wie ein Sieger, fürchtete schon nichts mehr und warf viertausend Gulden auf Schwarz. Diele Spieler, wohl zehn an der Zahl, beeilten sich, gleich mir auf Schwarz zu setzen. Die Croupiers wechselten miteinander die Blicke und berieten sich. Der Gewinn fiel auf Schwarz.
Von nun ab erinnere ich mich schon keiner meiner Kombinationen mehr, auch nicht der Reihenfolge meiner Einsätze. 3ch weih nur noch wie halb im Traum, daß ich schon nahezu sechzehntausend Gulden gewonnen hatte, als ich plötzlich durch drei unglückliche Schläge zwölftausend davon verlor. Nachdem schob ich die letzten viertausend aus passe (ich empfand dabei eigentlich gar nichts mehr, ich wartete nur, ganz mechanisch und ohne Gedanken) und gewann wieder und darauf gewann ich noch viermal hintereinander. Ich weiß auch, daß ich das Geld zu Tausenden einheimste, und dah die Gewinne meistens auf die Zahlen der mittleren Gruppe fielen, denen ich dann eine Zeitlang auch treu blieb. Sie tauchten ganz regelmäßig auf, unbedingt drei- bis viermal hintereinander, blieben dann wohl zweimal aus und kehrten darauf drei- bis viermal von neuem wieder. Diese erstaunliche Regelmäßigkeit tritt mitunter strichweise auf, und das ist es auch, was diejenigen Spieler, die da glauben, die Chancen mit dem DlÄ- stift in der Hand berechnen zu können, so verwirrt. And was für eine grausame 3ronie des Schicksals erlebt man hier häufig!
Ich glaube, seit meiner Ankunft war nicht mehr als eine halbe Stunde verflossen. Plötzlich teilte mir der Croupier mit, ich hätte dreihigtausend Gulden gewonnen, und da die Dank für mehr als diese Summe die Verantwortung nicht übernehme, so müsse man das Roulette bis morgen schließen. Ich ergriff all mein Gold, schüttete es mir in die Taschen, steckte auch die Banknoten zu mir und ging an einen anderen Spieltisch im Rebensaal, wo sich ein zweites Roulette befand. Die ganze Menschenmenge wogte hinter mir drein. Dort machte man mir sogleich einen Platz frei, und ich begann wieder zu sehen, ohne zu rechnen, ohne nachzudenken. Was mich gerettet hat, weih ich nicht! . .
Hin und wieder kam es übrigens vor, dah in meinem Kopfe irgendein System aufdämmerte. Ich hielt dann an manchen Zahlen und Chancen fest, gab sie aber bald wieder auf und setzte von neuem wie in halber Bewuhtlosigkeit. 3ch muh Wohl sehr zerstreut gewesen sein, denn ich entsinne mich, dah die Croupiers mehrere Male mein Spiel korrigierten. 3ch machte grobe Fehler. Meine Schläfen waren mit Sch weih bedeckt, die Hände zitterten mir. Auch die Polen kamen wieder dienstbereit hinzugeeilt, ich aber hörte auf niemanden. Das Glück blieb mir ununterbrochen treu. Plötzlich vernahm ich rings um mich her laute Gespräche und Gelächter. „Bravo, bravo!“ riefen alle, einige klatschten sogar in die Hände. 3ch hatte auch hier mit einem Gewinn von dreihigtausend Gulden die Dank gesprengt, und sie muhte bis zum nächsten Morgen geschlossen werden.
Ich erwachte plötzlich. Wie? Hunderttausend Gulden hatte ich an diesem Abend schon gewonnen? Mehr brauchte ich ja gar nicht. Ich ergriff die Banknoten, stopfte sie mir, ohne zu zählen, in die Taschen, raffte alles, was an Gold und Geldrollen vor mir auf dem Tische lag, zusammen und lief davon. Als ich durch die Säle ging, lachten alle ringsum über meine abstehenden Taschen, über meinen durch die Schwere Goldes unsicheren Gang. 3ch glaube, es war mehr als ein halbes Pud, das ich trug. Mehrere Hände streckten sich mir entgegen; ich gab allen, soviel meine Hand fassen konnte. Zwei Juden hielten mich beim Ausgange an:
„Sie haben Mut! Viel Mut!“ sagten sie zu mir. „Aber reisen Sie durchaus morgen früh ab, so früh wie möglich, Sie verlieren sonst wieder alles! ..."
Ich hörte gar nicht auf sie. 3n der Allee war es so dunkel, da» man die Hand vor den Augen nicht sehen konnte, und bis zum Hotel war es fast eine halbe Werst. Ich habe nie — auch nicht als ich klein war — Furcht vor Dieben und Räubern gekannt, auch jetzt dachte ich nicht daran. Was mir wegsüber durch den Sinn flog, weih ich übrigens nicht mehr, Gedanken hatte ich jedenfalls keine. Ich hatte nur Die Empfindung einer maßlosen Wonne über den Erfolg, den Sieg oder die Macht, ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll. Auch das Bild Paulinens tauchte sekundenlang vor mir auf, ich war mir. bewußt, daß ich zu ihr gehe, gleich mit ihr zusammentreffen und ihr alles zeigen werbe ... Aber die Erinnerung daran, was sie mir jüngst gesagt hatte und weshalb ich gegangen war, und all das, was ich vor nur anderthalb Stunden empfunden hatte, erschien mir jetzt als etwas längst Vergangenes, als etwas, das bereits abgetan und veraltet war, auf das wir schon nicht mehr zurückkommen würden, denn von nun an mußte ja etwas ganz Reues beginnen. Kurz aber, bevor die 2u!ee zu Ende war, überfiel mich plötzlich die Furcht. Wie, wenn man mich hier jetzt totschlüge und beraubte! Mit jedem Schritt verdoppelte sich diese Furcht in mir. Ich lief fast. Da — am Ende der Allee — strahlend im vollen Glanze seiner unzähligen Lichter, erhob sich vor mir unser HoteL Gott sei gedankt! Ich war zu Hause!
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Universitäts-Buch» und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


